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		<title>DadAWeb - Benutzerbeiträge [de]</title>
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		<title>Neoanarchismus</title>
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				<updated>2021-06-24T10:56:46Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um [[Uwe_Timm_-_Gedenkseite|Uwe Timm]] in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von Alt und Jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei [DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.: Jochen Knoblauch [Berlin] und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: [[Wespe|W.E.S.P.E]] in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Neoanarchismus</title>
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				<updated>2021-06-24T10:49:47Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um [[Uwe_Timm_-_Gedenkseite|Uwe Timm]] in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von Alt und Jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei [DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.: Jochen Knoblauch [Berlin] und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Neoanarchismus&amp;diff=17949</id>
		<title>Neoanarchismus</title>
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				<updated>2021-06-24T10:48:02Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um [[Uwe_Timm_-_Gedenkseite|Uwe Timm]] in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von Alt und Jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei [DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.: Jochen Knoblauch [Berlin] und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. Horst Stowasser merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Neoanarchismus&amp;diff=17948</id>
		<title>Neoanarchismus</title>
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				<updated>2021-06-24T10:46:10Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Entwicklungsgeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um [[Uwe_Timm_-_Gedenkseite|Uwe Timm]] in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von Alt und Jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei [DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.:Jochen Knoblauch [Berlin]und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. Horst Stowasser merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Neoanarchismus&amp;diff=17947</id>
		<title>Neoanarchismus</title>
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				<updated>2021-06-24T10:44:38Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Entwicklungsgeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um [[Uwe_Timm_-_Gedenkseite|Uwe Timm]] in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von alt und jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei [DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.:Jochen Knoblauch [Berlin]und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. Horst Stowasser merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Neoanarchismus&amp;diff=17946</id>
		<title>Neoanarchismus</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Neoanarchismus&amp;diff=17946"/>
				<updated>2021-06-24T10:43:34Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Entwicklungsgeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um Uwe Timm in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von alt und jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei [DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands [SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.:Jochen Knoblauch [Berlin]und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. Horst Stowasser merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Neoanarchismus&amp;diff=17945</id>
		<title>Neoanarchismus</title>
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				<updated>2021-06-24T10:41:51Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Entwicklungsgeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[bild:AAB-Berlin_Mitglieder.jpg|thumb|right|300px|Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.]]&lt;br /&gt;
Der Begriff '''Neoanarchismus''' (auch: ''Neo-Anarchismus'' und ''Neuer Anarchismus'') beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Entwicklungsgeschichte ==&lt;br /&gt;
Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik &amp;quot;ausgestorben&amp;quot; zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. &lt;br /&gt;
&amp;quot;Außerparlamentarischen Opposition&amp;quot; (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West) jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot;. Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der &amp;quot;Altanarchismus&amp;quot; war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einzelne Initiativen wie der &amp;quot;Arbeitskreis der Freunde [[Landauer, Gustav|Gustav Landauers]]&amp;quot; um Uwe Timm in Hamburg sowie die &amp;quot;Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft&amp;quot; um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von alt und jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, &amp;quot;[[Freie Liebe|Freie Sexualität]]&amp;quot;, Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs auch einem kritischen Marxismus verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem &amp;quot;real existierenden Sozialismus&amp;quot; in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der &amp;quot;Sozialistische Deutsche Studentenbund&amp;quot; (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem &amp;quot;Dissidententum&amp;quot; und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem  antiautoritären Flügel kam.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die &amp;quot;legitime&amp;quot; historische Tradition des Anarchismus an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten.&lt;br /&gt;
Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei[DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands[SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch &amp;quot;neue&amp;quot; autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der &amp;quot;K-Gruppen&amp;quot; (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die &amp;quot;Neue Linke&amp;quot; in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem &amp;quot;Sozialistischen Büro&amp;quot;, einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und &amp;quot;blinder&amp;quot; bzw. &amp;quot;reiner&amp;quot; Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer &amp;quot;politischen&amp;quot; anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972&lt;br /&gt;
zum Ausdruck kommt: &amp;quot;Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis.&amp;quot; (in: Bartsch 1973)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.&lt;br /&gt;
Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das &amp;quot;Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus&amp;quot; in Berlin (West) die &amp;quot;Geschichte der Machnobewegung&amp;quot;  neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. &lt;br /&gt;
Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/[[Bakunin, Michail Aleksandrovič|Bakunin]] in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und [[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch|Kropotkins]] wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Agit883_Nr11_Cover.gif|thumb|left|300px|Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt &amp;quot;Agit 883&amp;quot;.&amp;lt;br&amp;gt; Cover der Nr. 11 (24.04.1969)]]&lt;br /&gt;
Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die &amp;quot;Untergrundzeitung&amp;quot;. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000652.HTM Linkeck]&amp;quot; und 1969 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000921.HTM Agit 883]&amp;quot;. 1971 erschienen dann &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000594.HTM Fizz]&amp;quot;, 1972 &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000235.HTM Berliner Anzünder]&amp;quot;, &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000822.HTM Hundert Blumen]&amp;quot; und &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000813.HTM Bambule]&amp;quot;. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den &amp;quot;Mitgliederzahlen&amp;quot; der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. &amp;quot;Linkeck&amp;quot; eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, &amp;quot;Agit 883&amp;quot; eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972  den &amp;quot;Kaderstamm&amp;quot; der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es &amp;quot;ad-hoc-Gruppen&amp;quot; für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000915.HTM Anarcho-Info]&amp;quot; erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte &amp;quot;Koordinationsbüro&amp;quot; eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem &amp;quot;Konzept Stadtguerilla&amp;quot; folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen===&lt;br /&gt;
Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot;, die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die &amp;quot;[[Mackay, John Henry|Mackay-Gesellschaft]]&amp;quot;, die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000779.HTM Zur Sache]&amp;quot; mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; bis zur Auflösung des Verlages.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine neue Anlaufstelle für den [[individualistischer Anarchismus|Individualanarchismus]] bildet seit 1994 die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0001069.HTM espero]&amp;quot; (Herausgeber: &amp;quot;Mackay-Gesellschaft&amp;quot; - V.i.S.d.P.:Jochen Knoblauch [Berlin]und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische &amp;quot;Freie Arbeiter Union&amp;quot; (FAU), mit ihrer Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000934.HTM Direkte Aktion]&amp;quot;, die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. Horst Stowasser merkt kritisch an:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der gewaltfreie Anarchismus===&lt;br /&gt;
Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift &amp;quot;[http://projekte.free.de/dada/dada-p/P0000947.HTM Graswurzelrevolution]&amp;quot;, in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur &amp;quot;Diffusion&amp;quot; im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. &lt;br /&gt;
Dazu Stowasser: &amp;quot;Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
Die Hauptaktivitäten der &amp;quot;Graswurzler&amp;quot;, die seit 1980 eine lose &amp;quot;[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]&amp;quot; bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus ([[Anti-Militarismus]])und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere &amp;quot;Totalverweigerung&amp;quot;), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine &amp;quot;Aktionseinheit&amp;quot; ohne &amp;quot;Ideelle Einheit&amp;quot; verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die &amp;quot;Autonomen&amp;quot;===&lt;br /&gt;
Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf.  Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: &amp;quot;Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert.&amp;quot;  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die &amp;quot;Autonomen&amp;quot; oft pauschal als &amp;quot;anarchistisch&amp;quot; etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen &amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot; zu vergleichen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der &amp;quot;Autonomen&amp;quot; zählten beispielsweise &amp;quot;Häuserkampf&amp;quot;, Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als &amp;quot;Aktionsgemeinschaften&amp;quot; um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt.&lt;br /&gt;
Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;:===&lt;br /&gt;
Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: &amp;quot;Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der &amp;quot;Projektanarchismus&amp;quot;.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein Beispiel dafür stellt das &amp;quot;Projekt A&amp;quot; dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des &amp;quot;Wurzelwerks&amp;quot; versteht und auch an historische Parallelen erinnert: ''&amp;quot;Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...).&amp;quot;'' (H. Stowasser) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten &amp;quot;Projekt-A-Netzwerkes&amp;quot; versteht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von &amp;quot;bolos&amp;quot; basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum &amp;quot;Projekt A&amp;quot; eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt.  &amp;quot;bolo'bolo&amp;quot; ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Fazit==&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, ''&amp;quot;(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit [[Marxismus]] verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase&amp;quot;.''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden &amp;quot;undogmatischen Linken&amp;quot; schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der &amp;quot;Neuen Sozialen Bewegungen&amp;quot; (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi &amp;quot;durch die Hintertür&amp;quot;, der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung &amp;quot;eigentlicher Alternativen&amp;quot; – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen.&amp;quot;'' &lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
Gerade der Punkt &amp;quot;Solidarität&amp;quot; könnte auch für Libertäre eine Herausforderung  darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich &amp;quot;nur&amp;quot; umformuliert zu werden:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''&amp;quot;Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern.&amp;quot;''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
*Bartsch, Günter: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973&lt;br /&gt;
*Bock, Hans Manfred: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973&lt;br /&gt;
*Cantzen, Rolf: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987&lt;br /&gt;
*Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991&lt;br /&gt;
*Degen, Hans Jürgen; Knoblauch, Jochen: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006&lt;br /&gt;
*Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990&lt;br /&gt;
*Drücke, Bernd: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, [http://www.mecopo.de/clients/oppo/3-926880-13-9.htm ISBN: 3-926880-13-9]&lt;br /&gt;
*Henning, Markus/Raasch, Rolf: Neoanarchismus in Deutschland. Geschichte, Bilanz und Perspektiven der antiautoritären Linken. Stuttgart 2016&lt;br /&gt;
*Holzapfel, Gert: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984&lt;br /&gt;
*Jenrich, Holger: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988&lt;br /&gt;
*Kramer, Bernd (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen &amp;amp; Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004&lt;br /&gt;
*Kurz, Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979&lt;br /&gt;
*Raasch, Rolf: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994&lt;br /&gt;
*Schmück, Jochen/Hoerig, Günter: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987&lt;br /&gt;
*Schwendter, Rolf: Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988&lt;br /&gt;
*Stowasser, Horst: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986&lt;br /&gt;
*Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990&lt;br /&gt;
*Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995&lt;br /&gt;
*Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Rolf_R|Rolf Raasch]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Endredaktion am 09.02.2021&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17944</id>
		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-06-22T16:02:03Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Was bleibt? */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-3.jpg|thumb|right|270px|Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße]] Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-2.jpg|thumb|left|270px|Besuch einiger WESPE-Mitglieder bei der Kommune Lutter]]&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe 1.jpeg|thumb|right|270px|Projekt A in Neustadt an der Weinstraße]] Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17943</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17943"/>
				<updated>2021-06-22T16:01:27Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Was bleibt? */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-3.jpg|thumb|right|270px|Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße]] Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-2.jpg|thumb|left|270px|Besuch einiger WESPE-Mitglieder bei der Kommune Lutter]]&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe 1.jpg|thumb|right|270px|Projekt A in Neustadt an der Weinstraße]] Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17942</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17942"/>
				<updated>2021-06-22T16:00:51Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Was bleibt? */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-3.jpg|thumb|right|270px|Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße]] Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-2.jpg|thumb|left|270px|Besuch einiger WESPE-Mitglieder bei der Kommune Lutter]]&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe_1.jpg|thumb|right|270px|Projekt A in Neustadt an der Weinstraße]] Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17941</id>
		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-06-22T15:59:06Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Vernetzung: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-3.jpg|thumb|right|270px|Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße]] Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-2.jpg|thumb|left|270px|Besuch einiger WESPE-Mitglieder bei der Kommune Lutter]]&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17940</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17940"/>
				<updated>2021-06-22T15:57:24Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-3.jpg|thumb|right|270px|Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße]] Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17939</id>
		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-06-22T15:56:28Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Wespe-3.jpeg|thumb|right|270px|Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße]] Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße. Foto: Elisabeth Voß&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt; Wandbild am Abraxas-Naturwarenladen in Neustadt an der Weinstraße. Foto: Elisabeth Voß&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: esuch einiger WESPE-Mitglieder bei der Kommune Lutter. Foto: Michael Werner&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;esuch einiger WESPE-Mitglieder bei der Kommune Lutter. Foto: Michael Werner&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: Projekt A in Neustadt an der Weinstraße. Foto: Michael Werner&lt;/p&gt;
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&lt;div&gt;Projekt A in Neustadt an der Weinstraße. Foto: Michael Werner&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
'''Pierre-Joseph Proudhon''', geboren am 15. Januar 1809, Besancon; gestorben am 19. Januar 1865, Passy bei Paris.&lt;br /&gt;
[[Bild:Proudhon-children.jpg|thumb|400px|right|''Pierre Joseph Proudhon et ses enfants'' (Übersetzt: Pierre Joseph Proudhon und seine Kinder), Gemälde von Gustave Courbet, 1865]]&lt;br /&gt;
==Äußere Daten und geistige sowie politische Entwicklung==&lt;br /&gt;
Proudhon ist das älteste von fünf Kindern der Köchin Catherine, geb. Simonin, und des Brauereigesellen Claude-Francois Proudhon, entstammt also der „arbeitenden Klasse&amp;quot; („classe ouvriere&amp;quot;), in deren Dienst er seine geistige Arbeit zu stellen verspricht &amp;lt;ref&amp;gt;Lettre de candidature ä la Pension Suard, 31. Mai 1837, Correspondance de P.-J. Proudhon, Geneve 1971,1.1, p. 32.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer durch materiellen Mangel gekennzeichneten Kindheit und Jugend und nach einer Gymnasialzeit im College Royal zu Besancon von 1820 - 1827, die er aus finanziellen Gründen abbrechen musste, durchläuft er eine Druckerausbildung, die ihm eine Anstellung als Korrektor in der Druckerei Gauthier u. Cie. in Besancon ermöglicht, wo er bis 1830 arbeitet.&lt;br /&gt;
An eine Zeit der Wanderschaft als Drucker durch Frankreich und die Schweiz, 1830 - 1834, und an den fehlgeschlagenen Versuch, mit einem Freund eine eigene Druckerei zu betreiben, schließt sich 1837 die erfolgreiche Bewerbung um ein dreijähriges Stipendium mit 1.500 Francs pro Jahr bei der Akademie von Besancon an, die Pension Suard, um deretwillen er - mit nun 28 Jahren - das Bakkalaureatsexamen nachholen muss, bevor er zum Studium nach Paris gehen kann (Anfang November 1838 - Anfang Februar 1842).&lt;br /&gt;
Proudhons Verhältnis zur Akademie von Besancon wird zunehmend belastet nach Veröffentlichung seiner Schrift „Qu'est-ce que la propriété?&amp;quot; („Was ist das Eigentum?&amp;quot;, 1840), deren von der Akademie geforderten Widerruf Proudhon verweigert und über die [[Karl Marx]] 1845 urteilt, dass dieses Werk „für die moderne, politische Ökonomie die gleiche Bedeutung&amp;quot; habe, „wie dasjenige von Sieyes: Qu' est-ce que le Tiers Etat? (Was ist der Dritte Stand?) für die moderne Politik&amp;quot; &amp;lt;ref&amp;gt;K. Marx /F. Engels: Die Heilige Familie, Werke, Berlin 1980, S. 33.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Proudhon kritisiert hier die herrschende Eigentumsordnung, die den Eigentümern von Produktionsmitteln in Gestalt einer „aubaine&amp;quot;, eines unverdienten Vorteils, - die Vorwegnahme des Marx'schen Mehrwerts - die Möglichkeit gebe, den Arbeitern als den wirklichen Produzenten wirtschaftlicher Werte den vollständigen Ertrag ihrer Arbeit zu entziehen, und damit wirtschaftliche sowie soziale Ungleichheit verschärfe. Nachdem er in „Avertissement aux Proprietaires&amp;quot; („Warnung an die Eigentümer&amp;quot;, 1842) in Erwiderung auf eine anonyme Kritik eines Fourier-Anhängers drohend von der Möglichkeit revolutionärer Angriffe gegen diese Ordnung gesprochen hat, entzieht ihm die Akademie sein Stipendium. Wegen Angriffs auf die geltende Eigentumsordnung, Missachtung der katholischen [[Religion]] und Aufstachelung zum Aufstand vor dem Schwurgericht des Bezirks Doubs angeklagt, verteidigt Proudhon sich neben einem Rechtsanwalt auch selbst und wird freigesprochen (1842).&lt;br /&gt;
Von 1843 -1847 arbeitet er als Vertreter des Binnenschifffahrtsunternehmens Gebr. Gauthier in Lyon, tritt mit dem in Paris lebenden Etienne Cabet, dem führenden Kopf der „communistes&amp;quot;, und dessen Anhängern in Verbindung und schreibt in seiner freien Zeit „De la Creation de l'Ordre dans l'Humanite ou Principes d'Organisation politique&amp;quot; („Über die Schaffung einer Ordnung in der Menschheit oder Grundsätze politischer Organisation&amp;quot;, 1843). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In diesem Werk entwickelt Proudhon, noch stark unter dem Einfluss Saint-Simons und [[Fourier, Charles| Charles Fouriers]] stehend, im wesentlichen seine Theorie der Entwicklung menschlicher Gesellschaften auf dem Wege über eine religiöse, philosophische und wissenschaftliche Phase.&lt;br /&gt;
In ihnen bringen sich seiner Meinung nach drei „moments&amp;quot; des menschlichen Erkenntnisvermögens zum Ausdruck und verkörpern insgesamt den Prozess des gesellschaftlichen Fortschritts. Bisher sei der Mensch nur in der Lage gewesen, auf Beharrung angelegte autoritär-hierarchische Gesellschaften zu errichten; in der ersten, der religiösen, Phase aufgrund seines Offenbarungsglaubens und, daraus folgend, in Analogie zu einer entsprechend vorgestellten göttlichen Ordnung, in der zweiten, philosophischen, Phase, orientiert an spekulativem deduktivem Kausalitätsdenken, mit dem in der Wirklichkeit erfahrbare, stets variable dynamische Beziehungen prozessualer Wechselwirkung nicht zureichend zu erfassen seien.&lt;br /&gt;
Dies werde den Menschen erst in der dritten, der wissenschaftlichen, Phase möglich mit Hilfe eines Denkens, das Proudhon, angelehnt an C. Fouriers Konzept der „serie&amp;quot;, mit dem von ihm allerdings nicht klar definierten Begriff „serielle Dialektik&amp;quot; („dialectique serielle&amp;quot;) bezeichnet und das auf der Erkenntnis beruhe, dass die Wirklichkeit durch zahllose ineinander verwobene Ursache-Wirkung-Reihen gekennzeichnet sei, deren einziges „Gesetz&amp;quot; („loi&amp;quot;) eben in diesem vielfältigen zieloffenen Reihungsvorgang als solchem zu suchen sei. Und erst geleitet von einem solchen Denken würden die Menschen in die Lage versetzt, entsprechend den technisch-naturwissenschaftlich-industriellen Entwicklungen und den wirtschaftlich-sozial-kulturellen Bedürfnissen und Interessen des 19. Jahrhunderts eine nach Gesichtspunkten koordinierend-kooperativer Funktionalität aufgebaute gesellschaftliche Ordnung zu errichten, in deren Rahmen sie auf der Grundlage von Arbeit in Gruppen ihre „Gruppenkraft&amp;quot; („force collective&amp;quot;) produktiv entfalten können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1844 und 1845 trifft Proudhon in Paris mit dort im Exil lebenden deutschen Sozialisten zusammen, vor allem mit K. Marx, der ihn zur Mitarbeit an einem internationalen Korrespondenzorgan gewinnen will. Dieser Versuch scheitert, da Proudhon in einem Brief an K. Marx vom 17. Mai 1846 eine auf konfliktuellem Dialog aufbauende Arbeiterbildung fordert, eine gleichheitlich-freiheitliche Reform der Gesellschaft auf dem Wege über eine grundlegende Veränderung der bestehenden Wirtschaftsordnung im Sinne vergesellschafteter - nicht verstaatlichter - Eigentumsverhältnisse, und all dies ohne Propagierung einer Strategie gewaltsamer Revolution.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1846 veröffentlicht Proudhon sein Buch „Systeme des Contradictions Economiques ou Philosophie de la Misere&amp;quot; („System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des Elends&amp;quot;), eine Theorie der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung, auf die K. Marx mit einer Kritik in seinem Buch „Misere de la Philosophie, reponse à la Philosophie de la Misere de M. Proudhon&amp;quot; („Das Elend der Philosophie. Antwort auf ,Die Philosophie des Elends' des Herrn Proudhon&amp;quot;, 1847) reagiert. In seinem umfangreichen Werk versucht Proudhon insbesondere, die Wesensmerkmale der Entwicklung Waren produzierender und austauschender Gesellschaften mit Hilfe einer Reihe von Kategorien herauszuarbeiten, in denen insgesamt der widersprüchliche und eine ungleiche Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Reichtums zu Lasten der großen Mehrheit der Menschen bewirkende Charakter dieser Entwicklung zum Ausdruck kommt.&lt;br /&gt;
So z. B. die ''Arbeitsteilung'', die einerseits die technische Entwicklung und höhere Qualifikation einer vergleichsweise geringen Zahl arbeitender Menschen vorantreibe, andererseits aber bei diesen unter den Bedingungen der beginnenden Industrialisierung auch seelische und geistige Verarmung durch zunehmend partielle Spezialisierung aufgrund einer sich ständig wiederholenden Tätigkeit und insgesamt die Verbilligung der weniger qualifizierten Arbeitskraft und damit sinkende Einkommen für den größeren Teil der arbeitenden Bevölkerung zur Folge habe; so z.B. - eine Folge der Arbeitsteilung - das ''Maschinenwesen'', das einerseits die Arbeiter von repetitiver parzellärer Arbeit befreie, sie andererseits jedoch eben dadurch aus dem Produktionsprozess ausschließe und, wiederum daraus folgend, ein Überangebot von Arbeitskraft mit entsprechender Senkung des Lohnniveaus, ein Überangebot von Gütern mit entsprechendem Preisverfall u. ä. bewirke; so. z. B. die ''Konkurrenz'' mit der aus ihr hervorgehenden und ihr entgegengesetzten Tendenz zur Bildung von ''Monopolen''; so z. B. der internationale ''Freihandel'' zwecks Absatzes der im Inland nicht mehr absetzbaren Güter im Ausland, der jedoch seinerseits in dem Maße in Widerspruch zu sich selbst gerät, in dem international agierende Großfirmen und Geldinstitute ihn ihren jeweiligen Sonderinteressen entsprechend regulieren, letztere als Hauptakteure des sich im Zuge der zunehmenden Entwicklung Waren produzierender und austauschender Industriegesellschaften entfaltenden ''Kreditwesens'', das aufgrund von Zins und Tilgung dem Kreditnehmer mehr nehme als gebe, ihn damit in steigendem Maße in ökonomische, soziale und letztlich politische Abhängigkeit führe und sich somit tendenziell seiner eigenen Grundlagen beraube. Allen eben skizzierten Widersprüchen liegt für Proudhon der Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Tauschwert zugrunde, „die Antinomie im Wert, - das sich selbst widersprechende Wesen desselben&amp;quot; &amp;lt;ref&amp;gt;K. Diehl: Pierre-Joseph Proudhon, Aalen 1968, Neudr., S. 115.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der 1848er Revolution steht er gefühlsmäßig unsicher und intellektuell skeptisch gegenüber, da er befürchtet und schnell bestätigt findet, dass durch sie im Grunde genommen, entgegen den Erwartungen der Revolutionäre, lediglich das politische Führungspersonal ausgewechselt wird, die staatlichen Strukturen sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse jedoch im wesentlichen dieselben bleiben, unabhängig vom Wechsel von der bourgeoisiefreundlichen Monarchie seit dem Juli 1830 hin zur unitarisch-zentralistischen bürgerlichen Republik. Vom April 1848 an arbeitet er als Mitglied der Redaktion mit an der Zeitung „Repräsentant du Peuple&amp;quot; („Vertreter des Volkes&amp;quot;) und propagiert darin seine Vorstellungen über den Vorrang einer wirtschaftlich-gesellschaftlichen, von der Mehrheit der Bevölkerung getragenen  [[Revolution]] vor einer staatlich-politischen Umwälzung, die der ersteren mehr oder weniger automatisch folgen werde. Proudhon lässt sich für die Nachwahlen vom 4. Juni 1848 als Kandidat aufstellen und wird zusammen mit Louis-Napoleon Bonaparte, dem späteren Kaiser Napoleon III, und mit Adolphe Thiers, dem späteren ersten Präsidenten der Dritten Republik, in die Nationalversammlung gewählt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Um der von ihm propagierten wirtschaftlich-gesellschaftlichen Revolution auf einer egalitär-mutualistischen Basis funktional organisierter sozio-ökonomischer Strukturen erste praktische Impulse zu geben, betreibt er seit 1848 entsprechend den in „Organisation du credit&amp;quot; entwickelten Vorstellungen die Gründung einer „Volksbank“ („Banque du Peuple'*) genannten Kombination aus Wechsel-, Wertpapier-, Noten-, Geschäfts-, Kredit- und Hypothekenbank: durch von bereits geleisteten sowie noch zu leistenden Diensten materiell gesicherte „Umlauf-Gutscheine“ („bons de circulation&amp;quot;) sowie durch Niedrigstzins-Kredite (2 % bis minimal 1,4 %) sollte Menschen ohne oder mit nur geringem Eigenkapital wirtschaftliche Tätigkeit, unabhängig von mächtigen Kapitalgebern ermöglicht werden. Kurz nach ihrer Gründung muss er 1849 dieses Projekt aufgeben, weil er das gesetzlich vorgeschriebene Mindestkapital von 50.000 Francs in Form von Anteilscheinen nicht zusammen bekommt und weil er eine dreijährige Gefängnisstrafe antreten muss, die ihm eine weitere Verfolgung dieses Vorhabens unmöglich macht. Denn nach zwei scharfen persönlichen Angriffen auf den Präsidenten der Republik, Louis Napoleon, in der Zeitung „Le Peuple&amp;quot; („Das Volk“), in denen er sarkastisch dessen Streben nach Errichtung einer Monarchie offenlegt, wird er am 28. März 1849 nach Aufhebung seiner Abgeordnetenimmunität zu der eben erwähnten Gefängnisstrafe sowie zu einer Geldstrafe von 3.000 Francs verurteilt, entzieht sich dem Zugriff der Polizei zunächst durch die Flucht nach Belgien, kommt inkognito nach Paris zurück, wo er u. a. die Auflösung der „Volksbank“ betreibt, wird am 5. Juni verhaftet und ins Gefängnis Sainte Pélagie gebracht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im November 1849 veröffentlicht er seine autobiographischen „Confessions d'un Révolutionnaire&amp;quot; („Bekenntnisse eines Revolutionärs“) mit den zentralen Aussagen, dass die Revolution von 1848 vor allem deshalb gescheitert sei, weil sie sich auf die Veränderung staatlicher Institutionen beschränkt habe - die Ablösung der Juli-Monarchie von 1830 durch eine jakobinische einheitsstaatlich-zentralistische Republik -, ohne eine Entmachtung der in Handel, Industrie und Bankwesen engagierten Großbourgeoisie und deren administrativen und militärischen Herrschaftsapparates zu bewerkstelligen. Dabei räumt er allerdings auch ein, dass ein breites gesellschaftliches Bewusstsein von der Notwendigkeit einer vor allem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Revolution 1848 gefehlt hat, sodass eine entsprechende Revolution von vorneherein unmöglich gewesen sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 31. Dezember 1849 heiratet er die 27jährige Bandnäherin Louise-Euphrasie Piegard nach zweijähriger Verlobungszeit, mit der er vier Töchter hat, von denen zwei im Kindesalter sterben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1851 veröffentlicht P. eine „Auswahl von Studien“ unter dem Titel „Idee générale de la Révolution au XIXe siecle&amp;quot; („Ideen zur Revolution im 19. Jahrhundert&amp;quot;), in der er vor allem eine Theorie der Assoziation und des Gesellschaftsvertrages vorlegt. Als deren Wesensmerkmale arbeitet er insbesondere rechtliche und tatsächliche Gleichgewichtigkeit der sich zusammenschließenden Einzelnen und Gruppen heraus, die Gegenseitigkeit ihrer vertraglich festgelegten jeweiligen Rechte und Pflichten bzw. Ansprüche und Leistungen und die auf die Lösung konkret zu definierender gemeinsamer Probleme inhaltlich und zeitlich begrenzte Abgabe minimaler Kompetenzen an gemeinsame Organe bei gleichzeitigem Verbleib maximaler Kompetenzen bei den jeweiligen individuellen bzw. gruppalen Vertragspartnern - es handelt sich also letztlich um eine egalitär-mutualistische Vertragstheorie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Trotz anhaltender körperlicher Geschwächtheit nach Überwindung einer Choleraerkrankung und ihn seelisch belastender Ohnmachtsgefühle angesichts des sich im Zuge des Krimkrieges 1854 -1856 außen-, aber auch innenpolitisch konsolidierenden Kaiserreiches Napoleons III. arbeitet er an dem 1858 in drei Bänden erscheinenden großen Werk „De la Justice dans la Révolution et dans l'Eglise&amp;quot; („Über Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche&amp;quot;), das er in gezielter Provokation dem Erzbischof von Besancon, Kardinal Matthieu, widmet. Auf der Grundlage seines Konzepts „Justice&amp;quot; als eines den gesamten Kosmos zusammenhaltenden Regulativs einer aufgeklärten, gegenseitige Verantwortlichkeit übenden, sich unter Berufung auf ihre „kollektive Vernunft&amp;quot; („raison collective&amp;quot;) die Regeln ihres Zusammenlebens und ihrer Entwicklung selbst gebenden Gesellschaft entwickelt Proudhon in einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem auf religiös-transzendentaler Hierarchisierung beruhenden Dominanzprinzip der katholischen Kirche in zwölf „Etudes&amp;quot; eine im weitesten Sinne des Wortes politische Philosophie säkularer Immanenz, die insbesondere den Menschen als autonome, aber eben diese Autonomie auch im Anderen achtende und insofern seine eigenen Rechte begrenzende Person definiert; die dementsprechend Recht als Funktion von auf strikter Gegenseitigkeit beruhenden, vertraglich vereinbarten konkreten Rechten und Pflichten zwischen rechtlich und tatsächlich gleichzustellenden Individuen und Gruppen auffasst; für einen -» Staat plädiert, dessen System sich im wesentlichen aus einer Gesamtheit von ihre Aktivitäten und gegenseitigen Beziehungen selbst regelnden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppen entwickelt; die für eine Erziehung eintritt, die den im Menschen angelegten Kräften zur Entwicklung autonomer Individualität und verantwortungsbewusst sich engagierender Sozialität zu voller Entfaltung verhilft; die aufgrund seiner Vorstellung von einem auf wechselseitiger Einwirkung aufeinander beruhenden Verhältnis zwischen Ideen und Handlungen eine „Polytechnie der Ausbildung&amp;quot; („Polytechnie de l'apprentissage&amp;quot;) propagiert, in der den jungen Menschen berufliche Kenntnisse einerseits und eine - auch klassische antike Inhalte - umfassende Allgemeinbildung andererseits vermittelt werden, die ihnen Einblicke in erkenntnistheoretische Grundlagen ihrer beruflichen Tätigkeit eröffnen und sie so gleichsam zu arbeitenden Denkern bzw. denkenden Arbeitern werden lassen; die schließlich Fortschritt als eine im wesentlichen geistig-moralische Entwicklung der Menschen hin zu ihrer Befähigung zur Ausübung der „Justice&amp;quot; im oben angedeuteten Sinne des Wortes versteht - eine immer prekäre, weil ständig durch den Einfluss eines religiösen Transzendentalismus bedrohte Entwicklung. Sechs Tage nach dem Erscheinen dieses mit größtem Interesse in Paris erwarteten Werkes wird es am 28. April 1858 von der Polizei beschlagnahmt - 6.000 Exemplare waren jedoch bereits verkauft. Proudhon wird wegen „Verhöhnung der politischen und religiösen Moral&amp;quot; angeklagt und am 2. Juni 1858 zu drei Jahren Gefängnis sowie zu einer Geldstrafe von 4.000 Francs verurteilt. Er entzieht sich der Verhaftung durch Flucht nach Belgien, wohin seine Familie ihm am 1. Dez. 1858 folgt und wo er bis 1862 bleiben muss. &lt;br /&gt;
In den „Etudes&amp;quot; X und XI legt P. als stark von der durch Männer beherrschten Familientradition der heimatlichen Franche Comté beeinflusster Moralist seine Auffassungen zu Liebe und Ehe dar, die im Zusammenhang mit der zu derselben Zeit, 1856/57, stattfindenden und diese beiden „Etudes&amp;quot; sogar erst provozierenden Auseinandersetzung mit Jenny d'Hericourt zu verstehen sind. Gegen deren Kampf für die Emanzipation der Frau setzt er einen strikten Patriarchalismus, der der Frau die überkommene Rolle der dem Manne untergeordneten Ehefrau und Mutter zuweist sowie eine seiner Meinung nach nur in diesem Rahmen zu erfüllende Aufgabe der Zivilisierung des menschlichen Zusammenlebens zwischen Eltern und Kindern, die ihr allerdings insofern eine ganz eigenständige und vom Manne uneingeschränkt zu achtende komplementäre Position einräumt. Hier kommt eine Grundhaltung zum Ausdruck, die sich bei ihm im Zuge seiner Beschäftigung mit den Gedanken weiterer Vertreterinnen der Frauenemanzipation, insbesondere von George Sand, zu unduldsamer Rigidität verfestigt und ihn in ihrem Gegensatz zu seinem freiheitlichen und gleichheitlichen Denken im politischen Bereich - bis heute - emanzipationsorientierten Frauen und Männern entfremdet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1861 gelingt ihm nach vielen Schwierigkeiten die Veröffentlichung des Werkes „La Guerre et la Paix&amp;quot; („Krieg und Frieden&amp;quot;) in Paris. In ihm legt Proudhon im Rahmen einer geschichts- und politisch-philosophisch entwickelten Konflikttheorie die Dialektik zwischen gesellschaftsbildender und -zerstörender Funktion des Krieges dar und vertritt die handlungsanleitende These, dass die ontologisch gegebene Konflikthaftigkeit gesellschaftlicher Strukturen von zunehmend zerstörerischer kriegerischer Gewalt, wie sie sich ihm etwa im Krimkrieg zeigte, sowohl innerhalb einzelner Gesellschaften wie auch zwischen ihnen in wirtschaftlichen Wettbewerb zu überfuhren sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1863 erscheint - geschrieben krankhaften Erschöpfungszuständen zum Trotz - „Du Principe fédératif et de la Nécessité de reconstituer le Parti de la Révolution&amp;quot; („Über das föderative Prinzip und die Notwendigkeit, die revolutionäre Partei wieder aufzubauen&amp;quot;). Grundmotiv des ersten und wichtigsten, weil bis heute aktuellsten Teils dieses bedeutenden Werkes ist die Ablehnung zentralistischer nationaler Einheitsstaaten in Europa, da diese nach innen die Autonomie der vielfältigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gruppen zugunsten der Übermacht zentraler politischer Instanzen vernichten und nach außen Konflikte untereinander in zunehmend zerstörerischer Weise gewaltsam zu lösen neigen und damit der Bildung noch viel unterdrückerischer und aggressiver großer „Reiche&amp;quot; Vorschub leisten. Stattdessen sollten auf Basis autonomer Kommunen sowie autonomer Kommunalverbände in regionalem Maßstab und sich selbst verwaltender landwirtschaftlicher und industrieller Betriebe mit einer regional und überregional zu organisierenden „Landwirtschaftlich-Industriellen Föderation&amp;quot; („Fédération agricole-industrielle&amp;quot;) dezentralisierte Staaten großregionale Konföderationen bilden, die sich ihrerseits in einer europäischen Konföderation aus Konföderationen zusammenschließen sollten. Ähnlich, wie bereits in seiner „Théorie de l'impôt&amp;quot; („Theorie der Steuer&amp;quot;, 1861), wird auch hier Organen staatlicher Natur das Recht zur Regelung des wirtschaftlichen und ge-sellschaftlichen Lebens zugesprochen, wobei sie sich jedoch auf initiierende Impulse zu beschränken haben und die Fortführung derartiger staatlicher Initiativen den jeweils hierfür am besten geeigneten autonomen Gruppen der Gesellschaft überlassen sollen. Der Grundgedanke des „Principe fédératif“ lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass der ewige Konflikt zwischen „Freiheit“ und „Autorität“ mit Hilfe eines Typs von Vertrag auszubalancieren sei, bei dessen Abschluss die jeweiligen Parteien mehr Kompetenzen und Ressourcen behalten als sie gemeinsamen Organen übertragen, sodass Instanzen auf jeweils höheren Ebenen immer nur gerade so viel Macht erhalten, wie sie zur Lösung gemeinsamer Probleme benötigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im März 1864 beginnt Proudhon in Erwiderung auf ein kurz zuvor veröffentlichtes „Manifeste des Soixante“ („Manifest der Sechzig&amp;quot; [Arbeiter]) sein letztes großes Werk zu schreiben: „De la Capacité politique des classes ouvrières&amp;quot; („Über die Fähigkeit der arbeitenden Klassen zur Politik“), an dem er, zunehmend durch Krankheit geschwächt, buchstäblich bis zu seinen letzten Lebenstagen arbeitet, und das, aufgrund seiner Notizen von engen Freunden zu Ende geschrieben, 1865 posthum veröffentlicht wird - sein „gesellschaftspolitisches Testament“ („Testament social&amp;quot;), wie es sein großer Biograph Pierre Haubtmann genannt hat &amp;lt;ref&amp;gt;Pierre-Joseph Proudhon, t. II, Paris 1988, p. 382.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Die wesentlichen Gedanken dieser Schrift lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Nachdem er in einem kurzen ersten Teil ein Plädoyer für aktiven Wahlprotest gegen das herrschende Regime in Form der Abgabe leerer Stimmzettel gehalten hat, stellt er die These auf, dass erst ein vertieftes Verständnis von der „Idée ouvriére&amp;quot;, dem Arbeiterbewusstsein, die Voraussetzungen für eine Überwindung der gegenwärtigen Klassengesellschaft schaffen könne. Im umfangreicheren zweiten Teil der „Capacité&amp;quot; entwickelt er seine Deutung dieser „Idee&amp;quot;, dass nämlich die „arbeitenden Klassen&amp;quot; sich ihrer wirtschaftlich-sozialen Interessenlage gegenüber dem sie aufgrund seiner industriellen und finanziellen Macht beherrschenden Großbürgertum zunehmend bewusst werden; dass sie im Zuge dieser Bewusstwerdung ihre spezifischen Interessen immer deutlicher zu artikulieren und folglich politisch durchzusetzen fähig werden; dass sie bei der Entwicklung einer entsprechenden Strategie sowohl die Bauern als auch das mittlere und kleine Bürgertum einbinden müssen, da auch diese „classes&amp;quot; seiner Prognose zufolge in wachsende Abhängigkeit von der die Industrie, die Banken, die staatlichen Institutionen einschließlich der Bürokratie und der Armee beherrschenden Großbourgeoisie geraten werden. Auf diese Weise müsse einerseits das herrschende und im Hinblick auf seine Funktionsmechanismen zu analysierende privatkapitalistische System überwunden, andererseits aber eine kommunistische, staatskapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verhindert werden. Die Arbeiter müssten eine auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit („mutualité&amp;quot;) ruhende, von autonomen, sich auf der Grundlage vergesellschafteter - nicht verstaatlichter - Produktionsmittel selbst verwaltenden landwirtschaftlichen, industriellen und Dienstleistungsbetrieben, nicht zuletzt im sozialen und kulturellen Bereich, getragene Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufbauen. Diese Betriebe müssten ihre Beziehungen untereinander auf der Grundlage von Verträgen regeln und ihre jeweils gemeinsamen Interessen im Rahmen von entsprechenden Zusammenschlüssen nach außen vertreten.&lt;br /&gt;
Im abschließenden dritten Teil der „Capacité&amp;quot; plädiert Proudhon dafür, dass „die arbeitenden Klassen&amp;quot;, unter denen er alle von der Bourgeoisie immer abhängiger werdenden Bevölkerungsgruppen in Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gewerbe, Kultur und Bildung sowie beruflicher Ausbildung zusammenfasst, geführt von der Arbeiterschaft, den Schritt einer grundsätzlichen Trennung vom gegebenen System tun, um einen eigenen Standpunkt zu gewinnen und von hier aus, in einem zwar evolutionär, aber grundlegend zu verändernden Rahmen der Legalität, gewaltlos eine neue, klassenlose, jedoch funktional höchst ausdifferenzierte, Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu errichten unter Anwendung einer Taktik im Rahmen der eben erwähnten spezifischen, alle wirtschafts-, sozial-, kultur- und staatlich-politischen Bereiche umfassenden Strategie. Letztlich hat Proudhon eine freiheitlich-gleichheitliche Gruppengesellschaft im Auge, in der seiner Meinung nach die Freiheit des Individuums noch am besten gegen unberechtigte wirtschaftlich-finanzielle und staatlich-bürokratisch-polizeilich-militärische Macht zu verteidigen ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Stellenwert Proudhons innerhalb der libertären Spektrums ==&lt;br /&gt;
[[Bild:Proudhonpropietat.JPG|thumb|left|250px|''Qu'est ce que la propriété?''; 1841]]&lt;br /&gt;
Proudhons geistige und politische Entwicklung ist nur unzureichend zu verstehen, wenn man sich nicht vor Augen hält, dass er sich in einer historischen Zone bewegt, innerhalb derer sich in Frankreich die Phase einer von einer sehr heterogenen manufakturiellen Arbeiterschaft getragenen Revolution mit der bereits im Übergang zu konservativer Etabliertheit befindlichen Phase bürgerlicher Revolution zu verzahnen beginnt. Die Juli-Revolution von 1830 und die Februar-Revolution von 1848 beleuchten mit der zwar zunehmend gewichtigeren, aber eben noch immer beschränkten, weil vom Bürgertum für die eigenen Ziele ausgenutzten Hilfstruppen-Stellung der Arbeiterinnen schlaglichtartig diese historische Doppelphasen-Situation. Erst als sich 1864 der mit den meisten der großen Schriften Proudhonss vertraute Ziseleur Henri-Louis Tolain (1828 -1897), einer der Mitbegründer der [[IAA | Ersten Internationale ]] (1864 -1876), ausdrücklich als ''Kandidat der Arbeiter'', unabhängig von der bürgerlichen Opposition, für Ergänzungswahlen zur Nationalversammlung aufstellen lässt, hierbei durch das „Manifest der Sechzig&amp;quot; unterstützt, deutet sich an, dass die Arbeiterschaft zur Hauptträgerin der Revolutionsbewegung in Frankreich zu werden beginnt. Aufgrund dieser eben angedeuteten wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtlichen Übergangssituation sah sich Proudhon in Frankreich in die Anfangsphase einer Arbeiterbewegung gestellt, die von der Auseinandersetzung zwischen Protagonisten unterschiedlicher Varianten des Grundmodells eines zentralistischen Sozialismus (z. B. Saint-Simon, Etienne Cabet, Auguste Blanqui, Louis Blanc, K. Marx, F. Engels) untereinander und mit solchen eines föderativ-kleingruppalen Sozialismus (z. B. C. Fourier und seine damals einflussreiche Anhängerschaft) charakterisiert war. Im Zuge dieser lebhaften, oft auch polemischen Debatten erarbeitete Proudhon gegen die verschiedenen Denkschulen und auch auf die Gefahr von Verständnislosigkeit bzw. Missverständnissen auf seiten von ihm geistig Nahestehenden hin sein eigenständiges Konzept eines ''libertärsozialistischen Föderalismus'', das letztlich auf dem Grundgedanken beruht, im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, aber auch staatlichen Bereich die im weitesten Sinne des Wortes institutionellen - folglich nicht zuletzt auch bildungs- und ausbildungsmässigen - Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich ihren Anlagen entsprechend zu autonomen Individuen, aber sich auch gesellschaftlich verantwortungsbewusst engagierenden Persönlichkeiten entwickeln können. Zwar ist dieser Wirtschaft, Gesellschaft, aber auch staatliche Institutionen umfassende [[Föderalismus]] von patriarchalisch-paternalistischen Wesensmerkmalen geprägt. Dennoch ist in ihm aufgrund der ihm innewohnenden politisch-emanzipatorischen Elemente prinzipiell auch die Möglichkeit seiner Erweiterung auf ein viel breiteres Spektrum von Befreiungsbewegungen hin angelegt (z. B. Frauenemanzipation, autonomistischer Regionalismus, Selbsthilfegruppen).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Proudhons ideo-realistische, d. h. insbesondere: Ideen als handlungsanleitende, aber von Handlungsfolgen gegebenenfalls auch immer neu zu korrigierende Vorstellungen begreifende und damit im Grundsatz gegen Ideologisierung immunisierende Erkenntnis- und Handlungstheorie, sein antinomisches, evolutionäres, Einsichten und Erkenntnisse immer wieder infrage stellendes analytisches Denken und seine nie endgültig zu etablierende, sondern immer situationsangemessen weiter zu entwickelnde Institutionen im weitesten Sinne des Wortes konzipierende politische Phantasie haben vielfältige Einflüsse auf die frühe Arbeiterbewegung insbesondere in Frankreich und Deutschland ausgeübt, auf viele Kämpfer/Innen der [[Pariser_Kommune | Pariser Commune]] von 1871, über [[Bakunin,_Michail_Aleksandrovič | Michail Bakunin]] und über nicht zuletzt auch von diesem beeinflusste französische, schweizerische, spanische und italienische Anhänger der [[IAA | Ersten Internationale ]], auf den in dieser Zeit entstehenden und sich verbreitenden europäischen Anarchismus, auf die sich in Europa entwickelnde Gewerkschaftsbewegung, auf das sich besonders im deutschsprachigen Raum ausbreitende Genossenschaftswesen und auch noch auf die sich nach dem zweiten Weltkrieg von Frankreich her entwickelnde Denkschule des Integralen Föderalismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abschließend lässt sich eine Trias von eng miteinander verwobenen Wesensmerkmalen von Proudhons Leben und Werk benennen:&lt;br /&gt;
Die in der Kindheit an sich selbst und in der Familie als unverschuldet erfahrene wirtschaftliche und gesellschaftliche Benachteiligung hat in ihm einen Gerechtigkeitssinn geweckt und geschärft, unter dessen ständigem Appell er, vor allem in empörter Auseinandersetzung mit der sich auf bloße mittelalterlich geprägte Karitativität beschränkenden katholischen Kirche seiner Zeit, wirtschafts- und sozialpolitische Verantwortung von Selbsthilfe-Einrichtungen der jeweils Betroffenen einforderte, deren Wahrnehmung für ihn gegen Ende seines Lebens durchaus in Zusammenarbeit mit lediglich entsprechende Initiativen ergreifenden staatlichen Instanzen vorstellbar war. Insofern kann Proudon als maßgeblicher Initiator einer Sozialpflichtigen politischen Moderne angesehen werden. Verbunden mit dieser ethisch-normativen Dimension seines Lebens und Werkes ist als zweites Wesensmerkmal Proudhons realistischer Pragmatismus zu nennen, als dessen Ursache wohl seine praxisverbundene Ausbildung zum Drucker sowie der fast sein ganzes Leben begleitende Zwang zu Arbeit für seinen und seiner Familie Lebensunterhalt angesehen werden kann - angefangen vom sommerlichen Hüten von Kühen als Kind auf den Wiesen der Pfarrgemeinde Burgille bei Besancon über seine Arbeit als Angestellter der Firma Gebr. Gauthier bis hin zum Abfassen von Auftragsschriften, wie dem „Handbuch des Börsenspekulanten&amp;quot; („Manuel du speculateur ä la bourse&amp;quot;, 1853). Mit den zwei eben erwähnten ist schließlich als drittes Wesensmerkmal verknüpft eine aufgrund seines funktional-pluralistischen Denkens durchaus „modern&amp;quot; zu nennende Herangehensweise an die Analyse wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme sowie an das Konzipieren von Möglichkeiten zu deren Lösung. Als beispielhaft hierfür kann der weiter oben skizzierte erste Teil seiner Schrift „Du Principé fedératif&amp;quot; angesehen werden, in der Proudhon nach einer historisch-genetisch und systematisch angelegten Theorie der staatlich-politisch organisierten Gesellschaft das Modell einer Gesellschaft aus vielfältigen autonomen, über vertragliche Beziehungen miteinander Güter und Dienstleistungen austauschenden Gruppen entwirft, in der staatlichen Instanzen neben Koordinations- und Informationsaufgaben höchstens eine initiierende wirtschafts- und sozialpolitische Innovationsfunktion zugewiesen wird, während die jeweils situationsangemessene Umsetzung bzw. Weiterentwicklung solcher Anstöße Aufgabe der föderalistischen Gruppengesellschaft sein soll.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur und Quellen ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Einen Überblick bis 1987 über die im hier vorgegebenen Rahmen nur auswahlweise zu skizzierenden Werke Proudhons und über Proudhon geben: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* J. Hilmer/L. Roemheld (Hg.): Proudhon-Bibliographie, Frankfurt/M.-Bern-New York-Paris 1989 (Europäische Hochschulschriften, Reihe XXXI: Politikwissenschaft, Bd. 131).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der von dieser Bibliographie nicht mehr erfassten Primärliteratur sind, in chronologischer Reihenfolge, hervorzuheben: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P.-J. Proudhon: De la Justice dans la Révolution et dans l'Eglise (1860), s. 1., t.I - IV, 1988-1990 (Corpus des oeuvres de philosophie en langue francaise), texte revu par R. Férenczi, G. Navet, P. Vermeren, B. Voyenne.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P.-J. Proudhon: Von den Grundlagen und der sozialen Bestimmung der Kunst, ins dt. übertr., eingel. u. erl. v. K. Herding, Berlin 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P.-J. Proudhon: Il Principio federativo (Parte prima), traduzione a cura di Ferruccio Palatella, Frankfurt/M.-Bern-New York-Paris 1988 (Democrazia, Ecologia, Federalismo t. 5).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P.-J. Proudhon: Über das föderative Prinzip und die Notwendigkeit, die Partei der Revolution wieder aufzubauen, Teil 1, übers. v. L. Roemheld, Frankfurt/M.-Bern-New York-Paris 1989 (Demokratie, Ökologie, Föderalismus Bd. 6); Teil 2: Einheitspolitik, übers. v. H. Bolt, ebd. 1992 (Demokratie, Ökologie, Föderalismus Bd. 9). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P.-J. Proudhon: What is Property?, edited and translated by Donald R. Kelley and Bonnie G. Smith, Cambridge University Press 1993 (Cambridge Texts in the History of Political Thought).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus der von der Proudhon-Bibliographie nicht erfassten Sekundärliteratur sind in chronologischer Reihenfolge hervorzuheben: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* B. Voyenne: Histoire de l‘idée fédéraliste, t. III: Les lignées proudhoniennes, Paris - Nice 1981.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P. Haubtmann: Pierre-Joseph Proudhon, sa vie et sa pensée 1849 - 1865, Paris, 2 vols. 1988.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Mil neuf cent - Revue d'histoire intellectuelle (Cahiers Georges Sorel), no. 10, 1992 (Schwerpunktthema: Proudhon, l'éternel retour).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P. Ansart: Die Soziologie Pierre-Joseph Proudhons, übers, v. L. Roemheld, Frankfurt/M.-Berlin-Bern-New York-Paris-Wien 1994 (Demokratie, Ökologie, Föderalismus Bd. 10).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Last, but not least seien erwähnt als Publikationen einer hoch spezialisierten Proudhon-Forschung: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (E.H.E.S.S.): Les Travaux de l'Atelier Proudhon, Paris, fasc. 1 ss, 1986 ss; E.H.E.S.S.: Les Cahiers de la Société Proudhon, Paris, vol. 1 ss, 1993 ss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Lutz Roemheld]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}{{Nota Morem}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=F%C3%B6deralismus&amp;diff=17924</id>
		<title>Föderalismus</title>
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				<updated>2021-06-15T07:17:08Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Föderalismus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Hilfe einer Ableitung von dem lateinischen Wort „foedus&amp;quot;, genitiv: „foederis&amp;quot; = Vereinbarung, Bündnis, ist „Föderalismus&amp;quot; idealtypisch als ein Oberbegriff zu bezeichnen, dessen Bedeutungsfeld folgende, i. w. S. d. W. politische Sachverhalte umfasst:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1. Zwei oder mehr Menschen, die sich in Form von kleinsten bis zu im Extremfall globalen Gruppen zusammenschließen (sozusagen: föderieren), um gemeinsam, entweder unmittelbar selbst oder vermittelt durch Beauftragte, zur Sicherung bzw. Verbesserung ihrer Existenz ihren jeweiligen Bedürfnissen und Interessen entsprechend im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Bereich Entscheidungen zu treffen und Maßnahmen zu planen sowie durchzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2. Institutionen, die solche Gruppen einrichten, um zu gewährleisten, dass sie ihre jeweiligen Bedürfnisse und Interessen sowie die&lt;br /&gt;
Mittel zu deren Befriedigung entweder durch die jeweils Betroffenen selbst oder durch von diesen beauftragte und zur Verantwortung zu ziehende MandatsträgerInnen bestimmen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3. Als allgemein handlungsanleitender Bezugspunkt eine Vorstellung vom Menschen, in deren Verfolg sich die Entwicklung hin&lt;br /&gt;
zum autonomen Individuum mit derjenigen hin zum sich verantwortungsbewusst engagierenden Gesellschaftswesen verbindet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
So verstanden weist Föderalismus eine objektive und eine subjektive Dimension auf:&lt;br /&gt;
Zum einen bezeichnet dieser Begriff eine nie endgültig vervollständigbare, sondern unter möglichst weitgehender Berücksichtigung jeweils vorgefundener natürlicher bzw. von Menschen geschaffener Gegebenheiten ständig fortzuentwickelnde Sozialordnung, deren gesellschaftliche, wirtschaftliche und staatliche Institutionen den Menschen die eben erwähnte individual-soziale Entwicklung ermöglichen sollen.&lt;br /&gt;
Zum anderen bezeichnet Föderalismus eine nach Meinung maßgeblicher Verfechter, wie [[Pierre-Joseph Proudhon]] (1809-1865),[[Michail Aleksandrovič Bakunin| Michael Bakunin]] (1814-1876), Denis de Rougemont (1906 - 1985), Alexandre Marc (1904), dem Menschen wesensimmanente, auf eine solche Sozialordnung hin angelegte und zu einer entsprechenden Grundhaltung zu aktualisierende triadische, körperlich-seelisch-geistige Struktur, die die Voraussetzung für ein auf das Ziel einer föderalistischen Ordnung gerichtetes Wollen, Denken und Handeln bildet. Verbunden werden diese beiden Dimensionen durch die theorie- und praxisorientierte Vorstellung von einem dem Begriff Föderalismus innewohnenden emanzipatorischen Entwicklungspotential, das in einem Prozess wechselseitiger Einwirkung zwischen der zu entwickelnden föderalistischen Ordnung einerseits und dem eben auf sie hin angelegten Wollen, Denken und Handeln der Menschen andererseits in politische Wirklichkeit i. w. S. d. W. umzusetzen ist.&lt;br /&gt;
Im Zusammenhang hiermit ist darauf hinzuweisen, dass das Bedeutungsfeld des Begriffes Föderalismus unter formal-strukturellem Gesichtspunkt betrachtet ein von Anfang an gegebenes Spannungsfeld zwischen einer horizontal-egalitär-mutualistischen und einer vertikal-hierarchisch-subsidiär/dominatorischen Dimension umfasst.&lt;br /&gt;
Dieser grundlegende Tatbestand wird z. B. ebenso sichtbar an zentralistischen Unitarisierungstendenzen in einem Bundesstaat, wie die Bundesrepublik Deutschland&amp;lt;ref&amp;gt; Vgl. den Fachbegriff „Unitarisierung des Bundesstaates&amp;quot;, K. Hesse 1993, Rdnr. 221.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
wie an der schier unüberschaubaren Vielfalt von Selbsthilfegruppen allein in Deutschland mit ihrer letztlich auf basisdemokratischer Autonomie und wechselseitiger Vernetzung beruhenden, gesellschaftlich-parastaatlichen Handlungskraft.&amp;lt;ref&amp;gt; Vgl. F. Vilmar/ B. Runge 1986.&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die aus diesem Spannungsfeld resultierende strukturelle Ambivalenz föderaler Organisationsformen ist möglicherweise als eine der Hauptursachen für deren Gefährdung einerseits durch separatistische Fragmentarisierung bzw. andererseits durch zentralistische Unitarisierung zu betrachten. Die hier vorgetragene idealtypische Definition des Begriffes Föderalismus ermöglicht die Aufstellung von Beurteilungsmaßstäben, anhand derer die „föderale Substanz&amp;quot; politischer Systeme - insbesondere ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Institutionen, ihrer ethisch-normativen Wertorientierungen sowie ihrer interessengebundenen und machtgestützten Willensbildungs- bzw. Entscheidungsprozesse - genauer zu bestimmen ist, unabhängig davon, ob diese sich als föderal, föderativ, föderalistisch u. ä. bezeichnen bzw. als solche verstehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als Kriterien zur Beurteilung des Maßes, in dem Föderalismus das Wesen eines politischen Systems ausmacht, sind anzusehen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1. Die Ausgestaltung seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Institutionen, deren politisch-weltanschauliche&lt;br /&gt;
Ausrichtung und die mittels dieser Institutionen zu organisierenden Willensbildungs- bzw. Entscheidungsprozesse auf das ständig anzustrebende Ziel hin, den in ihm lebenden Menschen die Entwicklung zu autonomen Individuen und zu sich gesellschaftlich engagierenden Sozialwesen in immer höherem Grade zu ermöglichen - d. h. ihre Entwicklung hin zu „Personen&amp;quot;, um eine&lt;br /&gt;
zentrale Kategorie der Integralföderalisten einzuführen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2. Die institutionelle Organisation von Gruppen im gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Bereich sowie ihres Zusammenwirkens über Bedürfnisbefriedigung und Interessenwahrnehmung hinaus letztlich zum Zwecke der „Personalisierung&amp;quot; der Menschen auf der Grundlage der folgenden Strukturprinzipien, die dabei nicht als starre Grundsätze, sondern vielmehr als jeweils situationsangemessen flexibel zu handhabende Richtlinien verstanden werden sollten:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- Autonomie im Sinne sowohl nach innen als auch nach außen gerichteter [[Selbstverwaltung| Selbstbestimmung]] einer Gruppe mit der Maßgabe,&lt;br /&gt;
das Recht aller anderen Gruppen auf Autonomie zu respektieren, sofern auch diese dieses Prinzip praktizieren;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- problemorientierte Kompetenzen- und Ressourcenverteilung zum Zwecke der Organisierung horizontaler bzw. vertikaler&lt;br /&gt;
Kooperation zwischen verschiedenen Gruppen zur Lösung öffentlicher Aufgaben, die ihrem Wesen bzw. ihrem Umfang nach die&lt;br /&gt;
hierzu erforderliche Fähigkeit dieser Gruppen überschreiten;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
- Partizipation im Sinne der Beteiligung an Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen zur Lösung gemeinsamer Probleme, sei&lt;br /&gt;
es unmittelbar durch die jeweils Betroffenen selbst, sei es mittelbar durch Vertreterinnen, die den sie Delegierenden verantwortlich sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3.Die gemäß den o. e. Strukturprinzipien zu institutionalisierende „Lernfähigkeit&amp;quot; politischer Systeme, um immer neuen, sei es von&lt;br /&gt;
innen, sei es von außen auf sie zukommenden Anforderungen an ihre jeweils eigene Existenz unter Wahrung der beiden vorher genannten Kriterien gerecht zu werden.&lt;br /&gt;
Abschließend sei ergänzend zur bisherigen Definition des Begriffes Föderalismus in Form des folgenden Schemas auf unterschiedliche Facetten seines Bedeutungsfeldes hingewiesen, die von ihm abgeleitete Wörter bezeichnen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
a) (immer umfassendere) Integration bzw. Integriertheit	politischer Systeme bzw. ihrer Subsysteme.	    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
b) föderativ, föderieren, Föderation&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
c) föderal (vermittelnd), konföderieren&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
d) föderalistisch, föderalisieren bzw. partielle Konföderation&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
e) strukturelle Ausdifferenzierung, Integration politischer Systeme bzw. ihrer Subsysteme&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Historisch-politische Entwicklung==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu Beginn des folgenden, im hier gesetzten lexikalischen Rahmen notwendigerweise nur kurzen Überblicks über die „Geschichte der föderalistischen Idee&amp;quot; &amp;lt;ref&amp;gt; vgl. B.Voyenne &amp;lt;/ref&amp;gt; sei darauf hingewiesen, dass diese Skizze sich im wesentlichen auf Europa konzentriert, von Europa kulturell-zivilisatorisch und i. w. S. d. W. politisch beeinflusste Gebiete, wie etwa den amerikanischen Doppelkontinent oder die von Russland durchdrungene eurasische Landmasse, nur am Rande berührt und andere außereuropäische Gebiete unberücksichtigt lässt.&lt;br /&gt;
Ohne hierauf näher eingehen zu können, ist zunächst an evolutions-geschichtliche Wurzeln gleichsam präföderaler Verhaltensweisen in tierischen Populationen zu erinnern, auf die bereits [[Pjotr Alexejewitsch Kropotkin| Peter Kropotkin]] in seinem 1902 erstmals erschienenen Werk „Mutual Aid, A Factor of Evolution&amp;quot; aufmerksam gemacht hat und die es menschlichen Gruppen ermöglicht haben, sich zu gemeinsamer Sicherung ihres Überlebens jeweils angemessene, im Laufe von etwa einer Million Jahren immer bewusster zweckrational entwickelte Verhaltensrepertoires teils egalitärer, teils hierarchischer und schon früh in vorgeschichtlicher Zeit zu beobachtender arbeitsteiliger Kooperation anzueignen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Tief hinunter in die Geschichte der Menschheit reicht demnach die Grundlage, auf der sich im Altertum im Nahen Osten, im Mittelmeerraum und in Europa nördlich der Alpen und der Pyrenäen das breite und so vielfältige Spektrum religiöser und politischer Verbände lokaler, regionaler und schließlich sogar teilkontinentaler Reichweite entwickelt hat: gentil verfasste tribale Zusammenschlüsse als religiös fundierte Rechtsräume schaffende, ökonomische Interessen politisch und militärisch wahrnehmende, hierarchisch organisierte kollektive Handlungseinheiten seit dem 3. Jahrtausend v. Chr.; aristokratische bzw. oligarchische kommunale Organisationsformen mit mehr oder weniger mühsam erkämpften und begrenzten Varianten von ansatzweise demokratischer bzw. berufsständischer Partizipation an innen- und außenpolitischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert (griechische poleis, italische Stadtstaaten); Städtebünde, die z.T. „Prototypen&amp;quot; hegemonial&lt;br /&gt;
strukturierender Staatenbünde bildeten - z. B. im 4. Jahrhundert v. Chr. die vom Königreich Makedonien dominierte griechische Symmachie des Korinthischen Bundes oder die auf der italischen Halbinsel seit dem 6. vorchristlichen Jahrhundert vor allem kriegerisch, nicht ohne katastrophale Rückschläge entwickelte und von dort aus schubweise auf den gesamten Mittelmeerraum, auf Teile des Nahen und Mittleren Ostens, Nordafrikas sowie Europas nördlich von Alpen und Pyrenäen ausgedehnte Kombination zwischen einem hochkomplexen, in der Regel bilateralen und von der römischen Stadtrepublik dominierten Bündnissystem einerseits und andererseits einem von Rom aufgebauten, nach modernen verwaltungsrechtlichen Begriffen als in hohem Maße dekonzentriert zu bezeichnenden System provinzialer Administration — eine das gesamte spätere kontinentaleuropäische Recht maßgeblich prägende Kombination, deren hochkomplexes politisches System etwa seit der Zeitenwende allmählich in das danach noch Jahrhunderte lang existierende Imperium Romanum überführt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angelehnt an das eben erwähnte altrömische System dekonzentrierter Provinzialverwaltung entwickelte die römisch-katholische Kirche ihre Diözesanadministration, die, ungeachtet zahlreicher institutioneller Veränderungen im Verlauf von nun bald zwei Jahrtausenden weltweiter Ausdehnung, in ihrer Grundstruktur bis heute existiert und damit - übrigens im 4. Jahrhundert unter wiederholter direkter Einflussnahme römischer Kaiser - den alten politisch-administrativen Föderalismus Roms bis heute in der Form eines erstaunlich stabilen und zugleich anpassungsfähigen amtskirchlichen Föderalismus fortsetzt, der seinerseits seit dem Schisma Ende des 5. Jahrhunderts bzw. seit der Reformation im 16. Jahrhundert die Organisation der verschiedenen nichtkatholischen christlichen Kirchen beeinflusst hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf Grundlage einer agrarischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bei Vorrang lokaler und kleinregionaler Natural-Tauschwirtschaft vor großregionaler geldvermittelter Gütererzeugung und -verteilung wurde zur Erfüllung rechtlich-administrativer und militärisch-sicherheitspolitischer Aufgaben in Gestalt des Feudalismus seit dem frühen Mittelalter in Europa ein den weltlichen und geistlichen Adel umfassendes hochkomplexes, pyramidal strukturiertes System sog. personenverbandsstaatlicher, auf der mutualistisch lehensrechtlichen Grundbeziehung zwischen Existenzsicherungs- und Gefolgschaftsverpflichtung zwischen Lehnsherr und Lehnsmann beruhender Einheiten von der örtlichen über die regionale bis hin zur Ebene späterer Nationalstaaten als eine damaligen wirtschaftlich-technisch-verkehrlichen Gegebenheiten angepasste Erscheinungsform des „Föderativen Prinzips&amp;quot; (Principe federatif - [[Pierre-Joeseph Proudhon| P.-J. Proudhon]]) entwickelt - eine Entwicklung, die, beginnend im 13. Jahrhundert, vor allem in England, Frankreich, Spanien und Russland aus sehr unterschiedlichen, hier aus Raumgründen nicht behandelbaren Gründen zu mehr oder weniger ausgeprägter einheitsstaatlicher Zentralisierung geführt hat, hingegen zu eher regional-fürstenstaatlicher Dezentralisierung vor allem im deutschsprachigen Raum, in Italien und in Polen sowie zu aristokratischen und bürgerlich-oligarchischen staaten-bündischen Systemen, wie in den Niederlanden und in der Schweiz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach der Erfahrung machtstaatlicher Durchsetzungskraft uni-tarisch-zentralistisch organisierter politischer Systeme in Verbindung mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) - Schweden, Frankreich - und mit der Hegemonie des napoleonischen Frankreich zu Beginn des 19. Jahrhunderts und angesichts ökonomischer Entwicklungsvorteile großer Flächenstaaten im Zeitalter der Industrialisierung wurde 1870 und 1871 die nationalstaatliche Einigung Italiens bzw. Deutschlands durchgesetzt. Dabei mündete im letzteren Fall vor allem unter dem Einfluss der mehrhundertjährigen Tradition politischer Dezentralisierung die Entwicklung in einen, allerdings von Preußen dominierten Bundesstaat - eine Entwicklung, die sich als Teil eines bereits Ende des 18. Jahrhunderts von den ehemaligen englischen Kolonien in Nordamerika eingeleiteten und im 19. und 20. Jahrhundert teilweise Lateinamerika und Asien erfassenden welthistorischen Prozesses mit vielfältigen Varianten eines Präsidialsystems (z. B. [[USA]]), oft allerdings auch eines zeitweise mehr oder weniger defizitären staatlichen Föderalismus autoritärer oder gar diktatorischer Struktur, etwa des lateinamerikanischen Caudillo-Typs (Argentinien, Brasilien) oder des staatssozialistischen Typs der Einparteiherrschaft (KPdSU in der UdSSR) vollzog.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nicht unerwähnt bleiben soll der seit dem Mittelalter oft in Form von Personalunionen verwirklichte Typ des Staatenbundes (England - Schottland, Kastilien - Aragon, Österreich - Ungarn), der in der Neuzeit im Rahmen des Kolonialismus und in verfassungsrechtlicher Anpassung an den Nationalstaat des 19. Jahrhunderts auf internationaler Ebene zu staatenbündisch strukturierten Systemen weiterentwickelt werden konnte, die z. T. bis heute bestehen, wie das britische Commonwealth of Nations und die französische Communaute. &lt;br /&gt;
Lediglich angedeutet werden kann hier die große Vielfalt von Organisationen föderaler Art im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich, die - im Grunde genommen im Verlauf der gesamten Geschichte der Menschheit überall zu beobachten - sich in ihrem industriegesellschaftlichen Typus in der Neuzeit von Europa aus über die ganze Welt hin ausgebreitet hat - z. B. berufsständische Zusammenschlüsse (Genossenschaften), moderne Interessenorganisationen (Unternehmensverbände, Gewerkschaften), politische Parteien - mit höchst unterschiedlich großem Einfluss auf staatliche Institutionen, intern in der Regel mehr oder weniger hierarchisch-zentralistisch organisiert und insofern ganz verschiedenartige Instrumente einer sich im Zuge der Entwicklung moderner und zunehmend enger miteinander verflochtener Industriegesellschaften immer weiter ausdifferenzierenden politischen Macht bildend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Angesichts der staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Organisationen menschlichen Zusammenlebens im Prinzip gleichermaßen prägenden hegemonialen Beziehung zwischen führenden Minderheiten und geführten Mehrheiten, im Hinblick auf in der Regel nach dem Repräsentationsprinzip institutionalisierte und folglich bei zunehmender Größe einer Organisation abnehmende Partizipation der Menschen an sie betreffenden Entscheidungsprozessen und angesichts von sich insbesondere im Rahmen moderner Industriegesellschaften in Europa und darüber hinaus entwickelnden Großorganisationen im staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich mit dem vorrangigen Ziel der Verwirklichung einer maßgeblich von ihren jeweiligen Eliten inhaltlich und formal definierten materiellen und zunehmend auch geistig-seelischen oder vielleicht genauer mental-psychologischen Vor- und Fürsorge muss unter Zugrundelegung der o. e. Definition von Föderalismus dessen vor allem seit Beginn des 20. Jahrhunderts zu beobachtender i. w. S. d. W. politischer Bedeutungsverlust festgestellt werden, nachdem er sich im jahrtausendelangen Verlauf vorindustrieller Menschheitsgeschichte - bei aller Berücksichtigung wirtschaftlicher und sozialer Unzulänglichkeiten sowie politischer und militärischer Katastrophen — immer wieder als ein gesellschaftsbildendes Prinzip erwiesen hat, das einen, wenn auch immer prekären kulturellen und zivilisatorischen Fortschritt bewirken konnte. Ein solches Urteil soll nicht als Plädoyer für einen - unmöglichen - Rückschritt in vorindustrielle Existenzweisen menschlicher Gesellschaften missverstanden werden, wohl aber als Hinweis auf die Notwendigkeit, wirtschaftliche, gesellschaftliche und staatliche Strukturen zu entwickeln, die der im Begriff „Föderalismus&amp;quot; enthaltenen, auf die Personalisierung des Menschen hin orientierten ethisch-normativen Dimension Rechnung tragen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Ideengeschichtliche Entwicklung==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der bisherigen Ausführungen lässt sich sagen, dass das föderative Prinzip  jahrtausendelang in der Menschheitsgeschichte wirksam gewesen ist, ohne dass es Gegenstand bewusster Reflexion in philosophischer oder i. w. S. d. W. politischer Absicht gewesen wäre. Zwar wurde in dieser langen Zeit eine Vielzahl von Begriffen entwickelt, um föderal strukturierte Institutionen im staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich zu bezeichnen; so z. B. das altgriechische Wort „symmachia&amp;quot; zur Bezeichnung eines Städtebundes, das lateinische Wort „foedus&amp;quot; zur Bezeichnung eines Bündnisses zwischen Rom einerseits und anderen Stadtstaaten oder stammesmäßig organisierten Völkern andererseits, oder schließlich das deutsche Wort „Bund&amp;quot; zur Bezeichnung eines geradezu unübersehbar breiten Spektrums föderal strukturierter Institutionen im staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich. Aber ein Nachdenken über Föderalismus als politisch-gesellschaftliches Strukturprinzip hat in Europa erst im Zusammenhang mit der dramatischen, maßgeblich von Reformation und Gegenreformation sowie von kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten Umbruchsperiode vom mittelalterlichen Personenverbandsstaat zum neuzeitlichen fürstlichen Territorialstaat im 16. und 17. Jahrhundert unter dem richtungweisenden Einfluss der Föderal-Theologie begonnen, die „foedus&amp;quot; zum Hauptbegriff für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch und für die Erklärung der heilsgeschichtlichen Entwicklung dieses existentiellen Verhältnisses entwickelt hat; verwiesen sei im Zusammenhang hiermit nur auf die Schrift des Zwingli-Schülers Heinrich Bullinger: De foedere et testamento Dei unico et aeterno, 1534 (Über das einzige und ewige Bündnis und Testament Gottes).&lt;br /&gt;
Anfänglich umfasste diese Föderalismus-Reflexion staatliche und gesellschaftliche Verhältnisse, wie etwa in dem umfangreichen Buch von Johannes Althusius: Politica methodice digesta ..., 1603 (Politik methodisch dargelegt ...). Im 18. und 19. Jahrhundert fand jedoch vor dem Hintergrund der Entwicklung staatlicher Institutionen zu den das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben der europäischen Gesellschaften im Rahmen moderner Nationalstaaten hauptsächlich prägenden Faktoren unter maßgeblichem Einfluss der in der Entstehungszeit der Vereinigten Staaten von Amerika Ende des 18. Jahrhunderts laufenden Diskussion über die Schaffung eines Bundesstaates &amp;lt;ref&amp;gt; Alexander Hamilton, James Madison, John Jay: 1787 - 1788 &amp;lt;/ref&amp;gt; eine Verlagerung des Schwerpunktes der Reflexion über föderale politische Strukturen auf die staatsrechtliche bzw. verfassungspolitische Ebene statt; verwiesen sei hier nur auf die besonders umfängliche und reichhaltige deutschsprachige juristische Literatur, der - wie auch in der entsprechenden Literatur anderer europäischer Länder - ein Denken in Kategorien „policey&amp;quot;-staatlicher und zentral-hierarchischer Einheitlichkeit eigentümlich ist (z. B. Charles de Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau, Alexis de Tocqueville in Frankreich; Philip Kerr (Lord Lothian), Lionel Curtis, Lionel Robbins in England; Friedrich Frhr. v. Gagern, Paul A. Pfizer, Carl Theodor Welcker, Carl v. Rotteck, Johann Caspar Bluntschli, Robert v. Mohl, Georg Jellinek in Deutschland).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Eine schwerwiegende Folge dieser Verengung föderalen Denkens bei gleichzeitiger Beschränkung auf die Grenzen des jeweiligen Nationalstaates im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die in eben dieser Zeitspanne erfolgende und bis heute zu beklagende Marginalisierung der Reflexion über Föderalismus als ein eher parastaatliches egalitär-mutualistisches, vor allem gesellschafts- und wirtschaftspolitisches Strukturprinzip, wie es noch bei — oft auch politisch aktiven - Denkern zum Ausdruck kommt, wie etwa [[Pierre-Joseph Proudhon| P.-J. Proudhon]], [[Michail Aleksandrovič Bakunin| M. Bakunin]], Konstantin Frantz, dem Erforscher des Genossenschaftswesens Otto v. Giercke, dem Katalanen Pi y Margall, dem französischen Völkerrechtler Georges Scelles, A. Marc und D. d. Rougemont mit der von ihnen maßgebend geprägten französischen Denkschule der Integralen Föderalisten und dem vor dem Nationalsozialismus nach Schweden emigrierten Helmut Rüdiger.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Außer Acht gelassen werden darf dabei allerdings weder der schwer abschätzbare Einfluss handlungsanleitenden kirchlichen Nachdenkens über Föderalismus, wie etwa der Katholischen Soziallehre seit dem 19. Jahrhundert besonders mit ihrem in der 1931 von Papst Pius XI verkündeten Enzyklika „Quadragesimo anno&amp;quot; („Im vierzigsten Jahr&amp;quot;) formulierten Subsidiaritätsprinzip, noch der Einfluss jüngster, durch wachsenden Lösungsdruck innen- und internationalpolitischer Probleme motivierter Gedankenschulen, wie des US-amerikanischen New Federalism seit den sechziger Jahren und des nicht zuletzt unter seinem Einfluss Ende der achtziger Jahre entstandenen Kommunitarismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unter Zugrundelegung weltanschaulich-philosophischer bzw. strukturell-institutioneller Kriterien lassen sich in der hier betrachteten Zeitspanne vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart zwei grundlegende Typen von Föderalismus bzw. vorgestellter und verwirklichter föderaler Organisationsformen unterscheiden: Zum einen ein letztlich auf religiösem Denken beruhender transzendental orientierter Föderalismus bzw. hierarchisch strukturierte föderale Organisationsformen mit Zentralisierungstendenzen, „top-down Federalism&amp;quot;, wie Samuel H. Beer (To Make A Nation, 1993) sagt, z. B. in der Föderal-Theologie des 16. und 17. Jahrhunderts, bei J. Althusius, K. Frantz, die katholische Soziallehre, bzw. z. B. in Bundesstaaten mit Unitarisierungstendenzen - Deutschland, Österreich; zum anderen ein letztlich auf den Rationalismus und die Aufklärung des 18. Jahrhunderts zurückführbarer immanenter Föderalismus bzw. eher egalitär-mutualistisch nach dem Prinzip residualer, d. h. von unten nach oben abnehmender (Rest-)Macht strukturierte föderale Organisationsformen, „down-top Federalism&amp;quot; (S. H. Beer 1993), z. B. bei [[Pierre-Joseph Proudhon| P.-J. Proudhon]],[[Michail Aleksandrovič Bakunin| M. Bakunin]], Pi y Margall, den Integralföderalisten, H. Rüdiger; bzw. Systeme anarchischen Typs (anarchistischer Föderalismus), z. B. Kronstadt und die ukrainische Machno-Bewegung nach der Oktoberrevolution von 1917, Selbsthilfegruppen mit ihren vernetzten Kooperationsbeziehungen, eine wachsende Zahl politischer Bewegungen und Parteien, die in ihrer sehr unterschiedlichen Opposition gegen zentralistisch organisierte Nationalstaaten unter dem Begriff des autonomistischen Regionalismus zusammenzufassen sind, oft allerdings in nationalistisch-chauvinistisch-xenophob-rassistischen Separatismus verfallen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Beide Varianten föderaler Reflexion und politischer föderaler Organisation verschränken sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zunehmend miteinander, wobei sie in mehr oder weniger spannungsreiche Beziehungen zueinander treten: als exemplarisch hierfür kann das durchaus widerspruchsvolle Konvergenz-Verhältnis zwischen den sich vor allem von [[Pierre-Joseph Proudhon| P.-J. Proudhon]] herleitenden, insbesondere in Frankreich aktiven Integralföderalisten und den schwerpunktmäßig von Italien aus agierenden sog. Hamilton-Föderalisten (Altiero Spinelli,1907 - 1986) angesehen werden, welch letztere sich in ihrem politischen Denken und Handeln hauptsächlich am US-amerikanischen Föderalismus-Modell orientieren, aber auch staatsföderale, auf das Ziel einer politischen Einigung Europas hin ausgerichtete Konzepte aus dem deutschsprachigen Raum in ihre Reflexion mit einbeziehen (Graf Couden-hove-Kalergi; Paneuropa, 1923) und andere, eine bundesstaatliche europäische Integration anvisierende Organisationen beeinflussen, wie die schweizerische und die deutsche Europa Union.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Abzuwarten bleibt, ob sich letztlich bzw. wie weit sich Föderalismus als ein im Grunde genommen universales i. w. S. d. W. politisches Strukturprinzip angesichts der sich weiter stabilisierenden bzw. entwickelnden ökonomisch-finanziellen und technisch-militärischen Dominanz nordglobaler Industrie- und Hochtechnologie-Länder über die übrige Welt mit ihrer Tendenz zu weltweiter kulturell-zivilisatorischer und - nicht zuletzt - bewusstseinsmäßiger Assimilierung im Sinne des US-amerikanischen „One World&amp;quot; -Konzepts wird behaupten können zugunsten möglichst selbstbestimmter Artikulierung und partizipatorisch organisierter Befriedigung von Bedürfnissen und Interessen der Menschen von der lokalen über verschiedenste regionale Ebenen bis hin zum globalen Maßstab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literatur u. Quellen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die folgenden Titel sind nur eine äußerst knappe, allein auf den vorangehenden Text bezogene Auswahl aus der unübersehbar umfangreichen Primär- und Sekundärliteratur. Hinsichtlich der Quellen und Literatur zum Integralen Föderalismus sei auf die Angaben in L. Roemheld: Integraler Föderalismus bzw. Integral Federalism, s. u. verwiesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* J. Althusius: Politica methodice digesta ..., Faksimiledruck der 3. Aufl. Herborn 1614, Aalen 1961. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* H. Brugmans: Skizze eines europäischen Zusammenlebens, Frankfurt M. 1953.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* W. Ferber: Der Foederalismus - historisch-politische Betrachtungen, 2. Aufl. Augsburg 1947.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* K. Frantz: Der Föderalismus als das leitende Prinzip für die soziale, staatliche und internationale Organisation ..., Neudr. d. Ausg. v. 1879, Aalen 1962.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Hamilton/J. Madison/J. Jay: Die Federalist Papers, Darmstadt 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Ch. de Montesquieu: De l'Esprit des Lois (editio princeps Geneve 1748), Paris, 2 Bde. 1961.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* R. Rocker: Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus, Frankfurt/M. 1979 (Nachdr. d. Erstausg. im Verlag „Der Syndikalist&amp;quot;, Berlin 1923).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* E. Rossi/A. Spinelli: II Manifesto di Ventotene (1941) pubblicato acura del Centro Italianodi Formazione Europea, Quaderni Federalisti, N. 26, Roma, marzo 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Spinelli: Manifest der Europäischen Föderalisten, Frankfurt/ M. 1958.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allgemein zu föderalen Konzepten in west- und osteuropäischen Ländern während und nach dem Zweiten Weltkrieg siehe:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* H. Brugmans: La pensöe politique du federalisme, Leyde 1969.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* L. Dierickx: Eine Keimzelle europäischer, föderalistischer und supranationaler Demokratie, hg. von der Europäischen Föderalistischen Bewegung — Mouvement Federaliste Europ6en, Bruxelles o. J. (1971).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* P. Duclos: L'Etre federaliste, Paris 1968; G. Heraud: Les principes du Federalisme et la Föderation europ6enne, Paris 1968 (dt: Die Prinzipien des Föderalismus und die Europäische Föderation, Wien 1979).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* L. Lederman: Föderation Internationale - Idées d'hier, Possibiliteés de demain, Neuchätel 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* W. Lipgens (Hg.): Europa-Föderationspläne der Widerstandsbewegungen 1940-1945, München 1968. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* W. Lipgens: Die Anfänge der Europäischen Einigungspolitik 1945 - 1950, Erster Teil: 1945 - 1947, Stuttgart 1977. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Marc: Revolution americaine - Revolution europeenne: Message du federalisme, Lausanne 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu bundesdeutschen Überlegungen über Ausgestaltung bzw. Weiterentwicklung des staatlichen Föderalismus siehe:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* K. Assmann/T. Goppel (Hg.): Föderalismus — Bauprinzip einer freiheitlichen Grundordnung in Europa, München/New York/London/Paris 1978.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Süsterhenn (Hg.): Föderalistische Ordnung, o. O. (Koblenz), o. J. (1961). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* B. Vogel/G. H. Oettinger (Hg.): Föderalismus in der Bewährung - die deutschen Länder vor der Herausforde-rung fortschreitender EG-Integration, Berlin/Dresden ... 1992.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu vergleichbaren schweizerischen Überlegungen siehe:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* L. Neidhart: Föderalismus in der Schweiz — Zusammenfassender Bericht über die Föderalismus-Hearings der Stiftung für eidgenössische Zusammenarbeit in Solothurn, Zürich/Köln 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachschlagewerke:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. Saint-Ouen (ed.): Dictionnaire international du Federalisme, Bruxelles 1994. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* W. H. Stewart: Concepts of Federalism, Lanham/New York/London 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Allgemeine Gesamtdarstellungen: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* M. Albertini: II Federalismo - Antologia e definizione, Bologna 1979. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* E. Deuerlein: Föderalismus - die histori¬schen und philosophischen Grundlagen des föderativen Prinzips, München 1972.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* C. Diaz-Carrera (ed.): El federalismo global, Madrid 1989.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Jallon: Le federalisme, Paris 1971. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* L. Roemheld: Integraler Föderalismus - Modell für Europa - ein Weg zur personalen Gruppengesellschaft, München, Bd. 1,1977;&lt;br /&gt;
Bd. 2,1978; englisch: Integral Federalism—Model for Europe—a Way towards a Personal Group Society, Frankfurt/M./Bern/New York/Paris 1990.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Geschichtliche Überblicksdarstellungen: &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* M. Albertini/A. Chiti-BatelW/ G. Petrilli: Storia del federalismo europeo, Torino 1973. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* L. Marinello: Lineamenti di una storia politica deir Europa contemporänea - dal Liberalismo al Federalismo, Parma 1963. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* H. Rüdiger: Föderalismus. Beitrag zur Geschichte der Freiheit, Berlin 1979.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* B. Voyenne: Histoire de I'id6e fe&amp;quot;d6raliste, Paris/Nice, t. 1: Les sources, 1976; t. 2: Le federalisme de P.-J. Proudhon, 1973; t.&lt;br /&gt;
3: Les ligne&amp;quot;es proudhoniennes, 1981; Bd. 2 deutsch: Der Föderalismus Pierre-Joseph Proudhons, Frankfurt/M. 1982.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Spezielle Aspekte des Föderalismus:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Alen: Der Föderalstaat Belgien - Nationalismus,  Föderalismus, Demokratie, Baden-Baden 1995 (mit dem Text der neuen belgischen Verfassung).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* H. Beer: To Make a Nation - the Rediscovery of American Federalism, Cambridge, Mass./London, England 1993.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. Cardis: Fed6ralisme et int6gration europeenne, Universite de Lausanne 1964.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* T. Chopard(Hg.): Der Föderalismus vor der Zukunft, Schwerpunktheft des Jahrbuches der Neuen Helvetischen Gesellschaft, 36, 1965, Bern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* M. Croisat: Le föderalisme dans les démocraties contemporaines, Paris 1992. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Danese: II Federalismo, cenni storici e implicazioni politiche, Roma 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* D. J. Elazar (ed.): Federalism and Political Integration, Lanham/New York/ London 1984.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. Esterbauer: Kriterien föderativer und konföderativer Systeme unter besonderer Berücksichtigung Österreichs und der Europäischen Gemeinschaften, Wien 1976.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. Esterbauer/G. Heraud/P. Pernthaler (Hg.): Föderalismus als Mittel permanenter Konfliktregelung, Wien 1977. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. Esterbauer/E. Thöni: Föderalismus und Regionalismus in Theorie und Praxis - grundlegende Erwägungen zur österreichischen Föderalismusdiskussion aus politik- und finanzwissenschaftlicher Sicht, Wien 1981. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* T. Evers (Hg.): Chancen des Föderalismus in Deutschland und Europa, Baden-Baden 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* M. Frenkel: Föderalismus und Bundesstaat, Bern..., Bd. 1,1984; Bd. 2,1986. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* A. Greilsammer: Les Mouvements fédéralistes en France de 1945 ä 1974, Paris/Nice 1975.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* S. Huber/P. Pernthaler (Hg.): Föderalismus und Regionalismus in europäischer Perspektive, Wien 1988. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* H. R. Klecatsky u. a.: Der Föderalismus und die Zukunft der Menschenrechte, Wien/Köln/Graz 1982. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. Knipping (Ed.): Federal Conceptions in EU Member States, Baden-Baden 1994.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* K. Lang: Die Philosophie des Föderalismus - Versuch einer ethisch fundierten Staatsphilosophie der Verantwortung, Zürich 1971. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* H. Laufer-Pilz (Hg.): Föderalismus — Studientexte zur bundesstaatlichen Ordnung, München 1973. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* G. Miglio: Modello di Costituzione Federale, in Domani Europa, numero speciale, Gennaio 1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* R. Serbyn (ed.): Fäderalisme et Nations, Montreal 1971.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* R. Sparwasser: Zentralismus, Dezentralisation, Regionalismus und Föderalismus in Frankreich, Berlin 1986. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* F. W. Scharpf: Optionen des Föderalismus in Deutschland und Europa, Frankfurt/M./New York 1994. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* J. Theiler: Föderalismus - Voraussetzung oder Ergebnis rationaler Politik? - Zur ökonomisch optimalen Struktur kollektiver Entscheidungsverfahren, Bern/ Frankfurt/M./Las Vegas 1977.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Lutz Roemhold]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}{{Nota Morem}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Wilde, Oscar</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Werke mit libertären Bezügen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[Bild:Oscar_Wilde_Portrait_1882.jpg|thumb|right|320px|Oscar Wilde (1854-1900)]]&lt;br /&gt;
'''Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde''' (* 16.10.1854 in Dublin; + 30.11.1900 in Paris) war ein irischer Autor (&amp;quot;Das Bildnis des Dorian Gray&amp;quot;) und Dandy.  [Der vorliegende Beitrag fokussiert die libertären Bezugspunkte im Werk Oscar Wildes. Bezüglich der generellen Biographie Oscar Wildes empfiehlt es sich , die Seite [http://www.besuche-oscar-wilde.de Besuche Oscar Wilde] zu frequentieren.]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
__TOC__&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wildes Werk  ist durch einen ausgeprägten Freiheitsdurst gekennzeichnet. Zudem vertrat einen ästhetischen Individualismus - vor allem in seinem Aufsatz &amp;quot;Der Sozialismus und die Seele des Menschen&amp;quot; -, der libertäre Anknüpfungspunkte bietet. Er setzte sich auch für die Verurteilten anarchsten vom [[Haymarket]] ein. Des Weiteren stand er in Briefkontakt mit [[Morris, William| William Morris]], dessen Werk &amp;quot;News from Nowhere&amp;quot; ihm seit seiner Jugend sehr imponierte. Mit seiner Erwähnung durch [[Nettlau, Max|Max Nettlau]] in seiner &amp;quot;Geschichte der Anarchie&amp;quot; (1925) sowie dem Text  &amp;quot;The paradox of Oscar Wilde&amp;quot; von [[George Woodcock]] (1950) hielt Oscar Wilde endgültig Einzug in den anarchistischen Diskurs. Daneben war Oscar Wilde auch mit Lord Alfred Douglas liiert, der den Begriff &amp;quot;namenlose Liebe&amp;quot; geprägt hat. Wilde nutzte eine Zeile aus einem seiner Gedichte in seiner Verteidigungsrede vor Gericht. Er wurde wahrscheinlich deshlab auch zu einem zentralen Begriff für [[Mackay, John Henry|John Henry Mackay]] (&amp;quot;Bücher der namenlosen Liebe&amp;quot;), der unter dem Pseyudonym Sagitta &amp;quot;Die Bücher der namenlosen Liebe&amp;quot; verfasste. Hierzu schreibt Mackays Biograph Hubert Kennedy: &amp;quot;Alle medizinischen, juristischen und moralistischen Begriffe seiner Zeit lehnte er [Mackay] ab und sprach immer nur von der “namenlosen Liebe”, wahrscheinlich beeinflußt von der 'Liebe, die ihren Namen nicht zu sagen wagt', eine berühmte Äußerung von Oscar Wilde bei seinem Prozeß im Jahre 1895.&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Werke mit libertären Bezügen==&lt;br /&gt;
Die erste Selbstbezeichnung als Anarchist fand sich 1873 in einem Zeitschriftenbeitrag, in dem er sich selbst als &amp;quot;Künstler und Anarchist&amp;quot; bezeichnete. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er veröffentlichte 1891 in The Fortnightly Review den Aufsatz &amp;quot;'''The Soul of Man under Socialism'''&amp;quot;, in dem er einzelne Aspekte seines Essays &amp;quot;'''The Critic as Artist'''&amp;quot; vertiefte. Der Text ist deutlich beeinflußt vom Denken Bernard Shaws. Wilde propagierten einen freiheitlichen Sozialismus, den er explizit vom autoritären Sozialismus abgrenzt, als Grundlage für einen wahren Individualismus. Dieser Individualismus unterscheidet sich von jenem der bürgerlichen Gesellschaft darin, dass er ein uneigennütziger, d.h. kein egoistischer, ist. Sein Ideal von Individualismus entspringt seinem Verständnis von Kunst. Im Künstler erblickt er die nächste Ausprägung des Individualismus. Er spricht weiterhin u.a. von &amp;quot;freiwilligen Assoziationen&amp;quot; als gesellschaftlicher Grundlage zur Verwirklichung jenes Individualismus, und verwirft die Regierung als schädlich.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Landauer, Gustav| Gustav Landauer]] und seine Partnerin Hedwig Lachmann veröffentlichten 1900 in deutscher Sprache den Text. Im Vorwort zur Übersetzung stellt Landauer eine Verbindung zu Nietzsche her. Max Nettlau schrieb über jenen Aufsatz: &amp;quot;Oscar Wildes Arbeit ist ein ernster und eindrucksvoller Versuch nachzuweisen, dass eine freie menschliche Entwicklung (&amp;quot;Individualismus&amp;quot;) nur auf sozial freier Grundlage sich verallgemeinernd kann und dass einzelne derartige Entwicklungen mit Hilfe von Vorrechten, Isolierung oder im Falle besonderen Talents eben unzureichende Ausnahmen bleiben. Die freieste menschliche Entfaltung wurde selten zwingender mit dem Sozialismus verbunden und dieser selbst an diese große Aufgabe erinnert.&amp;quot; Georges Woodcock vermeinte eine Verbindung zwischen Wildes Vorstellungen und dem Spätwerk von [[Tolstoi, Leo Nikolajewitsch|Tolstoi]] zu finden; J. D. Thomas (1965) sah in jenem Text eine Rezeption von [[Godwin, William|William Godwin]]; Aaron Noland (2003) stellte zudem eine Verbindung zwischen den Ansätzen von Wilde und [[Proudhon, Pierre-Joseph|Pierre-Joseph Proudhon]] her.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:oscarwilde1.jpeg|thumb|left|320px|Hôtel d'Alsace]]&lt;br /&gt;
Nettlau nennt als weitere libertäre Referenz von Wilde seine '''Gefängnisbriefe''' (publiziert im &amp;quot;Daily Chronicle&amp;quot;) und erwähnt darüber hinaus das Gedicht &amp;quot;'''Ballad of Reading Goal'''&amp;quot; (1898), in dem Wilde seine Inhaftierung reflektiert. Er kritisiert darin die Unmenschlichkeit und zeigt ein hohes Maß an Freiheitsbewußtsein. Es war der letzte, von ihm zu Lebzeiten publizierte Text. Eine Strophe des Gedichts findet sich auf dem Grabstein Wildes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Eine Würdigung des Wilde'schen Gedichts findet sich zeitgenössisch in [[Tucker, Benjamin R.|Benjamin R. Tuckers]] &amp;quot;Liberty&amp;quot;. Am Hôtel d'Alsace (Paris), wo er die letzten Jahre seines Lebens unter einem Pseudonym lebte, hängt heute noch eine Erinnerungstafel für ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein dritter literarischer Text von Wilde der Referenzen aufzeigt, wenn auch nur indirekt, ist das subversive Stück &amp;quot;'''Vera, and the Nihilists'''&amp;quot; (1880), welches 1883 seine Uraufführung erlebte. Es ist inspiriert vom Leben von Vera Zasulich, einer russischen Sozialrevolutionärin. Eine Referenz, die er dabei verwendet haben soll, ist der [[Bakunin]] zugeschriebene &amp;quot;Katechismus eines Revolutionärs&amp;quot;. Von seinen Rezipienten wird dieses Stück vorrangig im Kontext des irischen Freiheitskampfes rezipiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Ein Essay, Deutsch von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann, Diogenes Verlag Zürich 1982.&lt;br /&gt;
Originaltext: [https://www.marxists.org/reference/archive/wilde-oscar/soul-man/ Soul of Man under Socialism]&lt;br /&gt;
* Daily Chronicle ([http://www.nationalarchives.gov.uk/education/prisoner4099/historical-background/transcript-letter.htm Gefängnisbriefe])&lt;br /&gt;
* Ballade vom Zuchthaus zu Reading, Insel Verlag Leipzig 1926.&lt;br /&gt;
Originaltext: [https://www.poetryfoundation.org/poems/45495/the-ballad-of-reading-gaol Ballad of Reading Goal]&lt;br /&gt;
* Vera und die Nihilisten, in: der.: Werke in fünf Bänden, Band 3, Deutsche Bibliothek Berlin 1922.&lt;br /&gt;
Originaltext: [http://www.online-literature.com/wilde/vera-or-the-nihilists/1/ Vera, and the Nihilists]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
Bibliographien:&lt;br /&gt;
* Stuart Mason [= Christopher Millard]: Bibliography of Oscar Wilde, Bertram Rota London 1967. (Nachdruck der Ausgabe von 1914).&lt;br /&gt;
* Thomas A. Mikolyzk: Oscar Wilde. An Annotated Bibliography, Greenwood Press Westport, Connecticut / London 1993.&lt;br /&gt;
Werkausgaben:&lt;br /&gt;
*Werke in fünf Bänden, Haffmans Verlag Zürich 2000.&lt;br /&gt;
*Sämtliche Werke in sieben Bänden, Insel Verlag Frankfurt a. M. 2000.&lt;br /&gt;
*: s.a.: [https://www.graswurzel.net/gwr/2004/10/happy-birthday-mr-wilde/ Rezension in der GWR]&lt;br /&gt;
Biographien:&lt;br /&gt;
*Barbara Belford: Oscar Wilde. Eine Biographie, Diogenes Verlag Zürich 2004.&lt;br /&gt;
*Jörg W. Rademacher: Oscar Wilde, dtv München 2000.&lt;br /&gt;
Sekundärliteratur:&lt;br /&gt;
* David Goodway: Anarchist Seeds beneath the Snow. Left-Libertarian Thought and Britisch Writers from William Morris to Colin Ward, Liverpool University Press Liverpool 2006, S. 62-92.&lt;br /&gt;
* R. Hellmann: Oscar Wilde, Alfred A. Knopf New York 1988.&lt;br /&gt;
* Hubert Kenndy: John Henry Mackay - Anarchist der Liebe, Männerschwarm Verlag Hamburg 2007.&lt;br /&gt;
* M. Nettlau: Die erste Blütezeit der Anarchie: 1886-1894, Auvermann Glashütten im Taunus  1981, S. 403-405.&lt;br /&gt;
*KennyMcEwan: Oscar Wilde und der Sozialismus, in: SoZ vom 8. November 2005. [https://www.linksnet.de/artikel/19536 Online]&lt;br /&gt;
* Brian Nicholas: Two nineteenth-century utopias: The influence of Renan's 'L'avenir de la Science' on Wilde's 'The soul of man under socialism', in: modern Language Review (1964), LIX, 361-370.&lt;br /&gt;
* A. Noland: Oscar Wilde and Victorian Socialism, in: Robert N. Keane (Hrsg.): Oscar Wilde. The Man, His Writings, and His World, AMS Press New York 2003, S. 101-112.&lt;br /&gt;
* Jeff Shanty: Specters of anarchy. Literature and the anarchist Imagination, Agora New York 2015, S. 21-48.&lt;br /&gt;
* J. D. Thomas: &amp;quot;The Soul of Man under Socialism&amp;quot;: An essay in context, in: Rice University Studies, Vol. 51, Nr. 1, Winter 1965, S. 83-96.&lt;br /&gt;
* George Woodcock: The paradox of Oscar Wilde, Macmillan Company New York 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Gesellschaft==&lt;br /&gt;
* [http://oscarwildesociety.co.uk Oscar Wilde Society]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt bearbeitet: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wilde,_Oscar&amp;diff=17922</id>
		<title>Wilde, Oscar</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Werke mit libertären Bezügen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[Bild:Oscar_Wilde_Portrait_1882.jpg|thumb|right|320px|Oscar Wilde (1854-1900)]]&lt;br /&gt;
'''Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde''' (* 16.10.1854 in Dublin; + 30.11.1900 in Paris) war ein irischer Autor (&amp;quot;Das Bildnis des Dorian Gray&amp;quot;) und Dandy.  [Der vorliegende Beitrag fokussiert die libertären Bezugspunkte im Werk Oscar Wildes. Bezüglich der generellen Biographie Oscar Wildes empfiehlt es sich , die Seite [http://www.besuche-oscar-wilde.de Besuche Oscar Wilde] zu frequentieren.]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
__TOC__&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wildes Werk  ist durch einen ausgeprägten Freiheitsdurst gekennzeichnet. Zudem vertrat einen ästhetischen Individualismus - vor allem in seinem Aufsatz &amp;quot;Der Sozialismus und die Seele des Menschen&amp;quot; -, der libertäre Anknüpfungspunkte bietet. Er setzte sich auch für die Verurteilten anarchsten vom [[Haymarket]] ein. Des Weiteren stand er in Briefkontakt mit [[Morris, William| William Morris]], dessen Werk &amp;quot;News from Nowhere&amp;quot; ihm seit seiner Jugend sehr imponierte. Mit seiner Erwähnung durch [[Nettlau, Max|Max Nettlau]] in seiner &amp;quot;Geschichte der Anarchie&amp;quot; (1925) sowie dem Text  &amp;quot;The paradox of Oscar Wilde&amp;quot; von [[George Woodcock]] (1950) hielt Oscar Wilde endgültig Einzug in den anarchistischen Diskurs. Daneben war Oscar Wilde auch mit Lord Alfred Douglas liiert, der den Begriff &amp;quot;namenlose Liebe&amp;quot; geprägt hat. Wilde nutzte eine Zeile aus einem seiner Gedichte in seiner Verteidigungsrede vor Gericht. Er wurde wahrscheinlich deshlab auch zu einem zentralen Begriff für [[Mackay, John Henry|John Henry Mackay]] (&amp;quot;Bücher der namenlosen Liebe&amp;quot;), der unter dem Pseyudonym Sagitta &amp;quot;Die Bücher der namenlosen Liebe&amp;quot; verfasste. Hierzu schreibt Mackays Biograph Hubert Kennedy: &amp;quot;Alle medizinischen, juristischen und moralistischen Begriffe seiner Zeit lehnte er [Mackay] ab und sprach immer nur von der “namenlosen Liebe”, wahrscheinlich beeinflußt von der 'Liebe, die ihren Namen nicht zu sagen wagt', eine berühmte Äußerung von Oscar Wilde bei seinem Prozeß im Jahre 1895.&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Werke mit libertären Bezügen==&lt;br /&gt;
Die erste Selbstbezeichnung als Anarchist fand sich 1873 in einem Zeitschriftenbeitrag, in dem er sich selbst als &amp;quot;Künstler und Anarchist&amp;quot; bezeichnete. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er veröffentlichte 1891 in The Fortnightly Review den Aufsatz &amp;quot;'''The Soul of Man under Socialism'''&amp;quot;, in dem er einzelne Aspekte seines Essays &amp;quot;'''The Critic as Artist'''&amp;quot; vertiefte. Der Text ist deutlich beeinflußt vom Denken Bernard Shaws. Wilde propagierten einen freiheitlichen Sozialismus, den er explizit vom autoritären Sozialismus abgrenzt, als Grundlage für einen wahren Individualismus. Dieser Individualismus unterscheidet sich von jenem der bürgerlichen Gesellschaft darin, dass er ein uneigennütziger, d.h. kein egoistischer, ist. Sein Ideal von Individualismus entspringt seinem Verständnis von Kunst. Im Künstler erblickt er die nächste Ausprägung des Individualismus. Er spricht weiterhin u.a. von &amp;quot;freiwilligen Assoziationen&amp;quot; als gesellschaftlicher Grundlage zur Verwirklichung jenes Individualismus, und verwirft die Regierung als schädlich.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Landauer, Gustav| Gustav Landauer]] und seine Partnerin Hedwig Lachmann veröffentlichten 1900 in deutscher Sprache den Text. Im Vorwort zur Übersetzung stellt Landauer eine Verbindung zu Nietzsche her. Max Nettlau schrieb über jenen Aufsatz: &amp;quot;Oscar Wildes Arbeit ist ein ernster und eindrucksvoller Versuch nachzuweisen, dass eine freie menschliche Entwicklung (&amp;quot;Individualismus&amp;quot;) nur auf sozial freier Grundlage sich verallgemeinernd kann und dass einzelne derartige Entwicklungen mit Hilfe von Vorrechten, Isolierung oder im Falle besonderen Talents eben unzureichende Ausnahmen bleiben. Die freieste menschliche Entfaltung wurde selten zwingender mit dem Sozialismus verbunden und dieser selbst an diese große Aufgabe erinnert.&amp;quot; Georges Woodcock vermeinte eine Verbindung zwischen Wildes Vorstellungen und dem Spätwerk von [[Tolstoi, Leo Nikolajewitsch|Tolstoi]] zu finden; J. D. Thomas (1965) sah in jenem Text eine Rezeption von [[Godwin, William|William Godwin]]; Aaron Noland (2003) stellte zudem eine Verbindung zwischen den Ansätzen von Wilde und [[Proudhon, Pierre-Joseph|Pierre-Joseph Proudhon]] her.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:oscarwilde1.jpeg|thumb|left|320px|Hôtel d'Alsace]]&lt;br /&gt;
Nettlau nennt als weitere libertäre Referenz von Wilde seine '''Gefängnisbriefe''' (publiziert im &amp;quot;Daily Chronicle&amp;quot;) und erwähnt darüber hinaus das Gedicht &amp;quot;'''Ballad of Reading Goal'''&amp;quot; (1898), in dem Wilde seine Inhaftierung reflektiert. Er kritisiert darin die Unmenschlichkeit und zeigt ein hohes Maß an Freiheitsbewußtsein. Es war der letzte, von ihm zu Lebzeiten publizierte Text. Eine Strophe des Gedichts findet sich auf dem Grabstein Wildes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Eine Würdigung des Wilde'schen Gedichts findet sich zeitgenössisch in [[Tucker, Benjamin|Benjamin R. Tuckers]] &amp;quot;Liberty&amp;quot;. Am Hôtel d'Alsace (Paris), wo er die letzten Jahre seines Lebens unter einem Pseudonym lebte, hängt heute noch eine Erinnerungstafel für ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein dritter literarischer Text von Wilde der Referenzen aufzeigt, wenn auch nur indirekt, ist das subversive Stück &amp;quot;'''Vera, and the Nihilists'''&amp;quot; (1880), welches 1883 seine Uraufführung erlebte. Es ist inspiriert vom Leben von Vera Zasulich, einer russischen Sozialrevolutionärin. Eine Referenz, die er dabei verwendet haben soll, ist der [[Bakunin]] zugeschriebene &amp;quot;Katechismus eines Revolutionärs&amp;quot;. Von seinen Rezipienten wird dieses Stück vorrangig im Kontext des irischen Freiheitskampfes rezipiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Ein Essay, Deutsch von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann, Diogenes Verlag Zürich 1982.&lt;br /&gt;
Originaltext: [https://www.marxists.org/reference/archive/wilde-oscar/soul-man/ Soul of Man under Socialism]&lt;br /&gt;
* Daily Chronicle ([http://www.nationalarchives.gov.uk/education/prisoner4099/historical-background/transcript-letter.htm Gefängnisbriefe])&lt;br /&gt;
* Ballade vom Zuchthaus zu Reading, Insel Verlag Leipzig 1926.&lt;br /&gt;
Originaltext: [https://www.poetryfoundation.org/poems/45495/the-ballad-of-reading-gaol Ballad of Reading Goal]&lt;br /&gt;
* Vera und die Nihilisten, in: der.: Werke in fünf Bänden, Band 3, Deutsche Bibliothek Berlin 1922.&lt;br /&gt;
Originaltext: [http://www.online-literature.com/wilde/vera-or-the-nihilists/1/ Vera, and the Nihilists]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
Bibliographien:&lt;br /&gt;
* Stuart Mason [= Christopher Millard]: Bibliography of Oscar Wilde, Bertram Rota London 1967. (Nachdruck der Ausgabe von 1914).&lt;br /&gt;
* Thomas A. Mikolyzk: Oscar Wilde. An Annotated Bibliography, Greenwood Press Westport, Connecticut / London 1993.&lt;br /&gt;
Werkausgaben:&lt;br /&gt;
*Werke in fünf Bänden, Haffmans Verlag Zürich 2000.&lt;br /&gt;
*Sämtliche Werke in sieben Bänden, Insel Verlag Frankfurt a. M. 2000.&lt;br /&gt;
*: s.a.: [https://www.graswurzel.net/gwr/2004/10/happy-birthday-mr-wilde/ Rezension in der GWR]&lt;br /&gt;
Biographien:&lt;br /&gt;
*Barbara Belford: Oscar Wilde. Eine Biographie, Diogenes Verlag Zürich 2004.&lt;br /&gt;
*Jörg W. Rademacher: Oscar Wilde, dtv München 2000.&lt;br /&gt;
Sekundärliteratur:&lt;br /&gt;
* David Goodway: Anarchist Seeds beneath the Snow. Left-Libertarian Thought and Britisch Writers from William Morris to Colin Ward, Liverpool University Press Liverpool 2006, S. 62-92.&lt;br /&gt;
* R. Hellmann: Oscar Wilde, Alfred A. Knopf New York 1988.&lt;br /&gt;
* Hubert Kenndy: John Henry Mackay - Anarchist der Liebe, Männerschwarm Verlag Hamburg 2007.&lt;br /&gt;
* M. Nettlau: Die erste Blütezeit der Anarchie: 1886-1894, Auvermann Glashütten im Taunus  1981, S. 403-405.&lt;br /&gt;
*KennyMcEwan: Oscar Wilde und der Sozialismus, in: SoZ vom 8. November 2005. [https://www.linksnet.de/artikel/19536 Online]&lt;br /&gt;
* Brian Nicholas: Two nineteenth-century utopias: The influence of Renan's 'L'avenir de la Science' on Wilde's 'The soul of man under socialism', in: modern Language Review (1964), LIX, 361-370.&lt;br /&gt;
* A. Noland: Oscar Wilde and Victorian Socialism, in: Robert N. Keane (Hrsg.): Oscar Wilde. The Man, His Writings, and His World, AMS Press New York 2003, S. 101-112.&lt;br /&gt;
* Jeff Shanty: Specters of anarchy. Literature and the anarchist Imagination, Agora New York 2015, S. 21-48.&lt;br /&gt;
* J. D. Thomas: &amp;quot;The Soul of Man under Socialism&amp;quot;: An essay in context, in: Rice University Studies, Vol. 51, Nr. 1, Winter 1965, S. 83-96.&lt;br /&gt;
* George Woodcock: The paradox of Oscar Wilde, Macmillan Company New York 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Gesellschaft==&lt;br /&gt;
* [http://oscarwildesociety.co.uk Oscar Wilde Society]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt bearbeitet: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade&amp;diff=17921</id>
		<title>Donatien Alphonse François de Sade</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Literatur: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[Bild:Marquis_de_Sade_zeitg_Illustr_1760.jpeg|thumb|right|270px|Donatien Alphonse François de Sade (1740-1814)]]&lt;br /&gt;
'''Donatien Alphonse François de Sade '''(Marquis de Sade), geb. am 2. Juni 1740 in Paris, gest.: 2. Dezember 1814 in Paris. Er ist ein umstrittener Autor fiktionaler Literatur, politischer Pamphlete und diverser patriotischer Theaterstücke sowie Akteur in der französischen Revolution.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Äußere Daten==&lt;br /&gt;
Donatien Alphonse François de Sade – besser bekannt als Marquis de Sade -  wurde in ein alt-eingesessenes, französisches Altersgeschlecht hineingeboren. Er wächst z.T. bei seinem Onkel, dem Abbé de Sade auf, bei dem er mit aufklärerischen Gedankengut von Voltaire, Jean-Jacques Rousseau und den Enzyklopädisten in Kontakt kommt. Jenes Denken verinnerlicht er früh und radikalisiert es in seinen späteren Werken. Es folgt eine vierjährige Schulausbildung am Jesuitenkolleg, die sicherlich auch prägend für seinen Antitheismus war, und eine für Adlige obligatorische Zeit beim Militär, die ihn auch nach Deutschland führt. Gegen seinen Willen wurde er  von den Eltern mit Renée-Pelagie, Tochter einer Familie des Geldadels, verheiratet. Bereits 1763 erfolgte die erste Inhaftierung Sades aufgrund von Blasphemie. Eine Prostituierte sagt aus, daß er sie aufgefordert habe gotteslästerische Flüche von sich zu geben und auf ein Kruzifix zu urinieren. Weitere Skandale, die sich um seine sexuellen Ausschweifungen drehen, folgten diesem in den kommenden Jahren (1768, 1773, 1775) und begründen die Mystifizierung des Marquis de Sade als „sexuelles Monster“. Insgesamt verbrachte er über 30 Jahre in Gefängnissen und Nervenheilanstalten – die meiste  Zeit davon ohne gerichtliche Verurteilung. Des Weiteren wurde er zweimal zum Tode verurteilt.&lt;br /&gt;
 &lt;br /&gt;
[[bild:De_Sade-Denkmal_farbopt_ausschnitt_800pxl.jpeg|thumb|left|240px|Sade-Denkmal in LaCoste]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Zuge der französischen Revolution wurde er zeitweilig aus dem Gefängnis befreit und brachte sich  als Sekretär  und Richter in der Sektion der Piquets,  jener Sektion, der auch Robespierre angehörte, aktiv ein. Er war u.a. für den Ausbau des Gesundheitswesens in Frankreich verantwortlich und an der Umbenennung diverser Straßen beteiligt. Allerdings weigerte er sich in der Funktion als Richter Todesurteile zu verhängen, was ihn suspekt für die herrschenden Machthaber machte und zu seiner zweiten Verurteilung zum Tode führte, dessen Ausführung er durch einen glücklichen Zufall entkam. Während der französischen Revolution schwankte er in seiner politischen Haltung und geriet somit zwischen die Fronten. Seine Auseinandersetzung mit der französischen Revolution findet sich in seinem zweibändigen Briefroman „Aline und Valcour“ (1793 / 1795) und in dem Exkurs „Franzosen, eine Anstrengung mehr, wenn ihr Republikaner sein wollt“, der in die „Philosophie im Boudoir“ (1795) integriert ist. In diesen Texten äußert er sich im erstgenannten Text in literarischer Inszenierung, im zweiten Text in Form eines politischen Aufrufs über die Möglichkeiten einer Fortführung der französischen Revolution hin zu einer absoluten Befreiung des Individuums umriss. Er entwarf damit bereits die Theorie einer &amp;quot;permanenten Revolution&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Jahr 1801 wurde er ein letztes Mal inhaftiert und bis zu seinem Tod am 2. 12. 1814 in der Nervenheilanstalt Charenton inhaftiert, in der er weiterhin mit den Insassen – sogenannten Geisteskranken und einer Reihe von politisch unliebsamen Personen – Theaterstücke aufführte, die sich in der französischen Oberschicht großer Beliebtheit erfreuten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die schon zu Lebzeiten begonnene Mystifizierung seiner Person setzte sich auch nach seinem Tod fort. Von seinem Namen wurde der Begriff des „Sadismus“ abgeleitet und sein Werk fand eine, bis heute ungebrochen breite Rezeption in der Kunst (u.a. im Surrealismus), Literatur (George Bataille, Charles Baudelaire, Pauline Réage), Sexualwissenschaft (Richard Freiherr von Krafft-Ebing, Albert Eulenburg) bis hin zur Philosophie (Simone de Beauvoir, Theodor W. Adorno, Michel Foucault).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Das literarische und Philosophie Werk von Sade==&lt;br /&gt;
Sades Werk umfaßt eine Reihe von Texten unterschiedlicher Couleur. Es reicht von den libertinen Romanen „Die 120 Tage von Sodom“, „Justine“, „Juliette“ und „Philosophie im Boudoir“ – über eine Reihe patriotischer Theaterstücke, politische Staatsutopien, Kurzgeschichten, tagespolitischen Texten, Erziehungsdialogen, Märchen bis hin zu einer eigenständigen Romantheorie. Der rote Faden, der sich durch dieses Werk zieht, läßt sich mit folgenden Begriffen fassen:&lt;br /&gt;
* integraler Atheismus&lt;br /&gt;
* konsequenter Materialismus&lt;br /&gt;
* unbedingte Betonung der Freiheit des Individuums&lt;br /&gt;
* ins Parodistische übersteigerte Sexualität&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Sex und die Erotik sind dabei nur ein Vehikel für den philosophischen Diskurs. Die Orgie wird bei Sade zum Symposion. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine philosophischen Grundlagen sind vor allem die Denker der Aufklärung (Jean-Jacques Rousseau, Voltaire, Julien Offray de Mettrie, Baron d'Holbach) sowie der griechischen und römischen Antike. Er diskutiert sie immer wieder in längeren Exkursen und manche seiner Protagonist*innen tauchen als Repräsentant*innen jener auf. Dies gilt besonders für Jean-Jacques Rousseau, zu dem er ein sehr ambivalentes Verhältnis hat und dessen Adept Sophie/Justine ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sehr prägnante Inhaltsangaben seiner Werke bieten die Biographien von Geoffrey Gorer und Gilbert Lely, die auch die politische Ebene Sade thematisieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Stellenwert innerhalb des libertären Spektrums==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[bild:Sade-unique2.jpg|thumb|right|240px|Titelblatt einer Beilage der Zeitschrift L'Unique]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Einordnung des Marquis de Sade in ein libertäres Spektrum ist sicherlich vor dem Hintergrund seiner Biographie und einzelner Aspekte seiner Philosophie sehr problematisch. Er benutzt in seinem Werk - vor allem während der Revolutionsepoche - zwar wiederholt den Begriff &amp;quot;Anarchie&amp;quot;, aber dies passiert im damals üblichen, nicht spezifizierten Sinne.  Eine direkte Rezeption zu Beginn und Mitte des 19. Jahrhundert ist allerdings bei [[Fourier, Charles|Charles Fourier]], der sich bei seinen Überlegungen zur freien Lieben auf Sade berief, und bei Pierre-Joseph Proudhon finden. Letzterer erwähnt ihn - ohne direkt seinen Namen zu erwähnen - in seinen Tagebüchern. Es gibt eine Reihe von vergleichenden Studien, die Übereinstimmungen zwischen seinem Denken und dem von [[Godwin, William|William Godwin]], [[Proudhon, Pierre-Joseph|Pierre-Joseph Proudhon]]  (Drach, Habert), [[Bakunin|Michael A. Bakunin]]  (Carter) und [[Stirner, Max|Max Stirner]]  (vgl.: u.a.: Schuhmann 2007) nachgewiesen haben. Die Übereinstimmungen beruhen u.a. auf einer Kritik der Verteilung des Privateigentums und der daraus resultierenden Ungerechtigkeit, einer Betonung des Individuums bei gleichzeitiger Anerkennung des Ideals der Gleichheit sowie der Gewichtung des Konzepts der Revolte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert wird in der Wissenschaft vor allem eine Verbindung zwischen Sade und Max Stirner gezogen - bis hin zu der Überlegung, dass Stirner mutmaßlich Sade gelesen habe. Beispielhaft hierfür stehen u.a. der Sexualwissenschaftler Eugen Dühren (= Iwan Bloch) und Albert Eulenburg. Diese Verbindungslinie wurde auch später bei [[Roel van Duyn]], dem Spiritus rector der Provo-Bewegung, wieder aufgegriffen. Selbst bei Peter Weiss findet sich im Theaterstück &amp;quot;Marat/Sade&amp;quot; eine sehr stark von Stirner beeinflußte Darstellung von Sade.    &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im amerikanischen Diskurs wurde Sade von [[Bookchin, Murray|Murray Bookchin]] im Rahmen von der &amp;quot;Ökologie der Freiheit&amp;quot; ein Stück weit rehabilitiert - ohne die generelle Kritik an ihm über Bord zu werfen. Er tituliert ihn als einen missverstandenen Utopisten. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Unabhängig davon gab es eine breite Rezeption Sade im französischsprachigen Individualanarchismus. Federführend war hierfür die von E. Armand herausgebende Zeitschrift L'Unique, in de reine Reihe von Beiträgen über Sade sowie eine eigene Beilage für ihn erschienen. Der Bezugspunkt war vorrangig der Aspekt der freien Sexualität. Ebenso findet sich eine breite Rezeption im z.T. libertäre-geprägten Kreis des französischen Surrealismus eine Rezeption seines Werkes, was sich an Namen wie André Breton, [[Luis Buñuel]] und dem frühen [[Léo Malet]] zeigt. Ebenso wird im existenzialistischen Spektrum Sade diskutiert. [[Camus, Albert|Albert Camus]] widmete ihm in &amp;quot;Der Mensch in der Revolte&amp;quot; ein eigenes Kapitel. Aus einer libertären Sicht betrachtet auch der Philosoph [[Michel Onfray]] das Werk Sades im Rahmen seiner &amp;quot;Contra-Histoire de la Philosophie&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im französischen Sprachraum finden sich auch heute noch seine Werke in libertären Buchhandlungen und Bibliotheken. Vereinzelt werden seine Texte auch in libertären Verlagen nachgedruckt.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im deutschsprachigen Raum konnte bislang nur bei dem Individualanarchisten Ch. Waldecke (= Ewald Tscheck), [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] und Maurice Schuhmann eine direkte Bezugnahme auf Sade nachgewiesen werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anknüpfungspunkte für den Anarchismus im Werke de Sade sind u.a.:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* der Atheismus / Antitheismus und die Religionskritik (in diversen Texten)&lt;br /&gt;
* die Befreiung der Frau und der Sexualität (in: &amp;quot;Juliette&amp;quot;) &lt;br /&gt;
* seine Kritik des Adels und partiell auch des Staates (in: &amp;quot;Die 120 Tage von Sodom&amp;quot; und &amp;quot;Philosophie im Boudoir&amp;quot;)&lt;br /&gt;
* die Betonung der Individualität und der Rechte des Individuums (in: &amp;quot;Juliette&amp;quot;)&lt;br /&gt;
* seine Diskussion von frühsozialistischen Utopien (in: &amp;quot;Aline et Valcour&amp;quot;)&lt;br /&gt;
* seine Kritik des Eigentums (in: &amp;quot;Justine&amp;quot;)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Gleichzeitig wird er aber auch wegen seiner Darstellung von Frauen als misogyn tituliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Werke und Biographien:==&lt;br /&gt;
*de Sade, Marquis: Œuvres Complètes du Marquis de Sade, herausgegeben von Annie Le Brun und Jean-Jacques Pauvert, 16 Bände, Paris 1986-1991.&lt;br /&gt;
*de Sade, Marquis: Ausgewählte Werke, Merlin Verlag Gifkendorf 1993ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Bloch, Iwan (= Eugen Dühren): Der Marquis de Sade und seine Zeit. Ein Beitrag zur Kultur-und Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts, Karl Schustek Hanau / M. 1970.&lt;br /&gt;
* Gorer, Geoffrey: Marquis de Sade. Schicksal und Gedanke, Limes Verlag Wiesbaden 1959.&lt;br /&gt;
* Lely, Gilbert: Leben und Werk des Marquis de Sade, Albatros Verlag Düsseldorf 2001.&lt;br /&gt;
*Pauvert, Jean-Jacques: Der göttliche Marquis, List München 1991.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Ansart, Guillaume: Réflexion utopique et pratique romanesque au siècle des lumières. Prévost, Rousseau, Sade, Minar Paris / Caen 1999.&lt;br /&gt;
* Armand, E.: Libertinage et prostitution, Orleans / Paris 1931.&lt;br /&gt;
* Bookchin, Murray: Ökologie der Freiheit, Beltz Verlag Weinheim / Basel 1985.&lt;br /&gt;
* Ders.: Verlangen und Bedürfnis, in: Ders.: Die Formen der Freiheit, Büchse der Pandora Wetzlar 1977, S. 100-111.&lt;br /&gt;
* Buñuel, Luis: Mein letzter Seufzer. Erinnerungen, Athenäum Königstein / T. 1983.&lt;br /&gt;
* Camus, Albert: Der Mensch in der Revolte, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 1997.&lt;br /&gt;
* Carter, Angela: Sexualität ist Macht: Die Frau bei de Sade, Rowohlt Verlag Reinbek bei Hamburg 1981.&lt;br /&gt;
* Drach, Albert: In Sachen de Sade. Nach dessen urschriftlichen Texten und denen seiner Kontaktpersonen, Claasen Verlag Düsseldorf 1974.&lt;br /&gt;
* Duyn, Roel van: De Sade und Max Stirner, in: Der Einzige, 6. Jg., Nr. 4, Leipzig 2004, S. 10-15.&lt;br /&gt;
* Eulenburg, Albert: Sadismus und Masochismus, Wiesbaden 1902.&lt;br /&gt;
* Fourier, Charles: Le nouveau monde amoureux, Stock Paris 1999.&lt;br /&gt;
* Habert, Gabriel: Le marquis de Sade, auteur politique, in: Revue internationale d'histoire politique et constitutionnelle (NF)), N. 27/28, Juillet-Décembre 1957, S. 147-213 (insu.: 189f).&lt;br /&gt;
* Hassan, Hab: The Dismemberment of Orpheus. Toward a postmodern literture, Oxford University Press New York / Oxford 1971.&lt;br /&gt;
* Lever, Maurice: Portrait d'un thé politique, in: Marquis de Sade. Ecrits politiques, hgg. von Maurice Lever, Omina Paris 2009, S. 7-28.&lt;br /&gt;
* Malet, Léo: 120, Rue de la Gare, Elster Verlag Bühl-Moos 1989.&lt;br /&gt;
* Ders.: Die Sonne scheint nicht für uns, Edition Nautilus Hamburg 2016.&lt;br /&gt;
* Marshall, Peter: Demanding the impossible, HarperCollins London 1992.&lt;br /&gt;
* Onfray, Michel: Les ultras des Lumière, Grasset Paris 2007.&lt;br /&gt;
* Perraudeau, Michel: L'individualisme libertaire, Les Editionslibertaires Toulouse 2011, S. 114.&lt;br /&gt;
* Proudhon, Pierre-Joseph: Carnets, Rivière Paris 1960.&lt;br /&gt;
* Schuhmann, Maurice: Die Lust und die Freiheit. Marquis de Sade und Max Stirner – Ihr Freiheitsbegriff im Vergleich, Karin Kramer Verlag Berlin 2007.&lt;br /&gt;
* Ders.: Vive la Révolution! Anarchist Perspectives on the French Revolution, in: Klaus Mathis / Luca Langensand (Hrsg.): Dignity, Diversity, Anarchy, Franz Steiner Verlag Stuttgart 2021, y S. 99-116.&lt;br /&gt;
* Ders.: Radikale Individualität, Transcript Verlag Bielefeld 2011. &lt;br /&gt;
* Ders.: Tamoé - Anarchie in der Südsee, in: Espero (NF) 1 / 2020, [http://dadaweb.de/wiki/Espero_-_Libertäre_Zeitschrift;_Nr._1_(Juni_2020) Espero (NF) 1/2020]&lt;br /&gt;
* Stowasser, Horst: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie. Geschichte und Zukunft. Eichborn Verlag Frankfurt am Main 1995.&lt;br /&gt;
* Waldeck, St. Ch. (= Ewald Tscheck): Marquis de Sade, in: Der freie Arbeiter. Wissen und wollen. Publikation der Föderation der Anarchisten, 26. Jg., Nr. 8, 25. Februar 1933, S. 2.&lt;br /&gt;
* Waibl, Elmar: Die Kritik des Kontraktualismus in Marquis de Sade rotomanischen Anarchismus, in: Wiener Jahrbuch für Philosophie, Band XV/1983, S 241-258.&lt;br /&gt;
* Weiss, Peter: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charleston unter Anleitung des Herrn de Sade (Marat/Sade), Suhrkamp Verlag Frankfurt / M.1995.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt geändert: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Benutzer:Maurice_S&amp;diff=17920</id>
		<title>Benutzer:Maurice S</title>
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				<updated>2021-06-07T05:33:11Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Bild:maurice.jpg|right|thumb|260px|Maurice Schuhmann]]&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann, geb. 1978, ist studierter und promovierter Politikwissenschaftler mit philosophischer Ausprägung. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Frankreich lebt er wieder in Berlin und arbeitet in der Erwachsenenbildung (Berufsschulen, Volkshochschulen) sowie als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und Fachhochschulen. Er forscht seit mehreren Jahren zum klassischen Anarchismus – vorrangig zu Max Stirner, Pierre-Joseph Proudhon, Alternativpädagogik und Individualanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Oktober 2018 hat er die Herausgeberschaft vom Lexikon der Anarchie übernommen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
Veröffentlichungen (Auswahl)&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
* Anarchismus als Kulturbewegung. Versuch einer Annäherung an eine anarchistische Kulturtheorie, in: Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch (Hrsg.): Anarchismus 2.0. Bestandsaufnahmen. Perspektiven, Schmetterling Verlag Stuttgart 2009, S. 235-246.&lt;br /&gt;
* (als Mitherausgeber:) Freiheitliche Pädagogik. Bildung und Erziehung in frühsozialistischen, libertären und reformpädagogischen Kontexten, Verlag Klemm und Oelschläger Ulm / Münster 2013.&lt;br /&gt;
* Individualanarchismus - Staatskritik und alternative Gesellschaftsorganisation, in: Peter Seyferth (Hrsg.): Den Staat zerschlagen!, Nomos Verlag Baden-Baden 2015, S. 65-84.&lt;br /&gt;
* Die Lust und die Freiheit. Marquis de Sade und Max Stirner – Ihre Freiheitsbegriffe im Vergleich, Karin-Kramer-Verlag Berlin Oktober 2007 (ISBN: 3-87956-308-X).&lt;br /&gt;
* Max Stirners Goethe-Rezeption, in: Oliver Agard und Françoise Lartillot (Hrsg.): Max Stirner L’Unique et sa propriété. Lectures critiques, L’Harmattan Paris 2017, S. 125-138. &lt;br /&gt;
* Proudhon in Deutschland, in: Forum Vormärzforschung, Band 22: Anarchismus im Vormärz, herausgegeben von Detlev Kopp und Sandra Markewitz, Aisthetis Verlag Bielefeld 2017, S. 15-39.&lt;br /&gt;
* Radikale Individualität. Zur Aktualität der Konzepte von Marquis de Sade, Max Stirner und Friedrich Nietzsche. Transcript Verlag; Bielefeld: (November) 2011 (= Edition Moderne Postmoderne), Broschur, 392 Seiten. ISBN: 978-3837617191.&lt;br /&gt;
* Sparringspartner Proudhon. Karl Marx’ Entwicklung von 1842 bis 1847, in: Berliner Debatte Initial 2/2018, S. 20-29.&lt;br /&gt;
* Vive la Révolution! Anarchist Perspectives on the French Revolution, in: Klaus Mathis / Luca Langensand (Hrsg.): Dignity, Diversity, Anarchy, Franz Steiner Verlag Stuttgart 2021, S. 99-116.&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
Publikationen bei alibro: [https://www.alibro.de/Autorinnen-Autoren/Schuhmann-Maurice:::354_440.html Verzeichnis]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kontakt: [mailto:maurice.schuhmann@dadaweb.de maurice.schuhmann@dadaweb.de]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letzte Bearbeitung: 28. Januar 2020&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Benutzer:Maurice S</title>
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				<updated>2021-06-07T05:32:53Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Bild:maurice.jpg|right|thumb|260px|Maurice Schuhmann]]&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann, geb. 1978, ist studierter und promovierter Politikwissenschaftler mit philosophischer Ausprägung. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Frankreich lebt er wieder in Berlin und arbeitet in der Erwachsenenbildung (Berufsschulen, Volkshochschulen) sowie als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und Fachhochschulen. Er forscht seit mehreren Jahren zum klassischen Anarchismus – vorrangig zu Max Stirner, Pierre-Joseph Proudhon, Alternativpädagogik und Individualanarchismus.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Oktober 2018 hat er die Herausgeberschaft vom Lexikon der Anarchie übernommen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
Veröffentlichungen (Auswahl)&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
* Anarchismus als Kulturbewegung. Versuch einer Annäherung an eine anarchistische Kulturtheorie, in: Hans Jürgen Degen und Jochen Knoblauch (Hrsg.): Anarchismus 2.0. Bestandsaufnahmen. Perspektiven, Schmetterling Verlag Stuttgart 2009, S. 235-246.&lt;br /&gt;
* (als Mitherausgeber:) Freiheitliche Pädagogik. Bildung und Erziehung in frühsozialistischen, libertären und reformpädagogischen Kontexten, Verlag Klemm und Oelschläger Ulm / Münster 2013.&lt;br /&gt;
* Individualanarchismus - Staatskritik und alternative Gesellschaftsorganisation, in: Peter Seyferth (Hrsg.): Den Staat zerschlagen!, Nomos Verlag Baden-Baden 2015, S. 65-84.&lt;br /&gt;
* Die Lust und die Freiheit. Marquis de Sade und Max Stirner – Ihre Freiheitsbegriffe im Vergleich, Karin-Kramer-Verlag Berlin Oktober 2007 (ISBN: 3-87956-308-X).&lt;br /&gt;
* Max Stirners Goethe-Rezeption, in: Oliver Agard und Françoise Lartillot (Hrsg.): Max Stirner L’Unique et sa propriété. Lectures critiques, L’Harmattan Paris 2017, S. 125-138. &lt;br /&gt;
* Proudhon in Deutschland, in: Forum Vormärzforschung, Band 22: Anarchismus im Vormärz, herausgegeben von Detlev Kopp und Sandra Markewitz, Aisthetis Verlag Bielefeld 2017, S. 15-39.&lt;br /&gt;
* Radikale Individualität. Zur Aktualität der Konzepte von Marquis de Sade, Max Stirner und Friedrich Nietzsche. Transcript Verlag; Bielefeld: (November) 2011 (= Edition Moderne Postmoderne), Broschur, 392 Seiten. ISBN: 978-3837617191.&lt;br /&gt;
* Sparringspartner Proudhon. Karl Marx’ Entwicklung von 1842 bis 1847, in: Berliner Debatte Initial 2/2018, S. 20-29.&lt;br /&gt;
Vive la Révolution! Anarchist Perspectives on the French Revolution, in: Klaus Mathis / Luca Langensand (Hrsg.): Dignity, Diversity, Anarchy, Franz Steiner Verlag Stuttgart 2021, S. 99-116.&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
Publikationen bei alibro: [https://www.alibro.de/Autorinnen-Autoren/Schuhmann-Maurice:::354_440.html Verzeichnis]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kontakt: [mailto:maurice.schuhmann@dadaweb.de maurice.schuhmann@dadaweb.de]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Letzte Bearbeitung: 28. Januar 2020&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;br /&amp;gt;&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wilde,_Oscar&amp;diff=17918</id>
		<title>Wilde, Oscar</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Werke mit libertären Bezügen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
[[Bild:Oscar_Wilde_Portrait_1882.jpg|thumb|right|320px|Oscar Wilde (1854-1900)]]&lt;br /&gt;
'''Oscar Fingal O’Flahertie Wills Wilde''' (* 16.10.1854 in Dublin; + 30.11.1900 in Paris) war ein irischer Autor (&amp;quot;Das Bildnis des Dorian Gray&amp;quot;) und Dandy.  [Der vorliegende Beitrag fokussiert die libertären Bezugspunkte im Werk Oscar Wildes. Bezüglich der generellen Biographie Oscar Wildes empfiehlt es sich , die Seite [http://www.besuche-oscar-wilde.de Besuche Oscar Wilde] zu frequentieren.]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
__TOC__&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wildes Werk  ist durch einen ausgeprägten Freiheitsdurst gekennzeichnet. Zudem vertrat einen ästhetischen Individualismus - vor allem in seinem Aufsatz &amp;quot;Der Sozialismus und die Seele des Menschen&amp;quot; -, der libertäre Anknüpfungspunkte bietet. Er setzte sich auch für die Verurteilten anarchsten vom [[Haymarket]] ein. Des Weiteren stand er in Briefkontakt mit [[Morris, William| William Morris]], dessen Werk &amp;quot;News from Nowhere&amp;quot; ihm seit seiner Jugend sehr imponierte. Mit seiner Erwähnung durch [[Nettlau, Max|Max Nettlau]] in seiner &amp;quot;Geschichte der Anarchie&amp;quot; (1925) sowie dem Text  &amp;quot;The paradox of Oscar Wilde&amp;quot; von [[George Woodcock]] (1950) hielt Oscar Wilde endgültig Einzug in den anarchistischen Diskurs. Daneben war Oscar Wilde auch mit Lord Alfred Douglas liiert, der den Begriff &amp;quot;namenlose Liebe&amp;quot; geprägt hat. Wilde nutzte eine Zeile aus einem seiner Gedichte in seiner Verteidigungsrede vor Gericht. Er wurde wahrscheinlich deshlab auch zu einem zentralen Begriff für [[Mackay, John Henry|John Henry Mackay]] (&amp;quot;Bücher der namenlosen Liebe&amp;quot;), der unter dem Pseyudonym Sagitta &amp;quot;Die Bücher der namenlosen Liebe&amp;quot; verfasste. Hierzu schreibt Mackays Biograph Hubert Kennedy: &amp;quot;Alle medizinischen, juristischen und moralistischen Begriffe seiner Zeit lehnte er [Mackay] ab und sprach immer nur von der “namenlosen Liebe”, wahrscheinlich beeinflußt von der 'Liebe, die ihren Namen nicht zu sagen wagt', eine berühmte Äußerung von Oscar Wilde bei seinem Prozeß im Jahre 1895.&amp;quot;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Werke mit libertären Bezügen==&lt;br /&gt;
Die erste Selbstbezeichnung als Anarchist fand sich 1873 in einem Zeitschriftenbeitrag, in dem er sich selbst als &amp;quot;Künstler und Anarchist&amp;quot; bezeichnete. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er veröffentlichte 1891 in The Fortnightly Review den Aufsatz &amp;quot;'''The Soul of Man under Socialism'''&amp;quot;, in dem er einzelne Aspekte seines Essays &amp;quot;'''The Critic as Artist'''&amp;quot; vertiefte. Der Text ist deutlich beeinflußt vom Denken Bernard Shaws. Wilde propagierten einen freiheitlichen Sozialismus, den er explizit vom autoritären Sozialismus abgrenzt, als Grundlage für einen wahren Individualismus. Dieser Individualismus unterscheidet sich von jenem der bürgerlichen Gesellschaft darin, dass er ein uneigennütziger, d.h. kein egoistischer, ist. Sein Ideal von Individualismus entspringt seinem Verständnis von Kunst. Im Künstler erblickt er die nächste Ausprägung des Individualismus. Er spricht weiterhin u.a. von &amp;quot;freiwilligen Assoziationen&amp;quot; als gesellschaftlicher Grundlage zur Verwirklichung jenes Individualismus, und verwirft die Regierung als schädlich.  &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Landauer, Gustav| Gustav Landauer]] und seine Partnerin Hedwig Lachmann veröffentlichten 1900 in deutscher Sprache den Text. Im Vorwort zur Übersetzung stellt Landauer eine Verbindung zu Nietzsche her. Max Nettlau schrieb über jenen Aufsatz: &amp;quot;Oscar Wildes Arbeit ist ein ernster und eindrucksvoller Versuch nachzuweisen, dass eine freie menschliche Entwicklung (&amp;quot;Individualismus&amp;quot;) nur auf sozial freier Grundlage sich verallgemeinernd kann und dass einzelne derartige Entwicklungen mit Hilfe von Vorrechten, Isolierung oder im Falle besonderen Talents eben unzureichende Ausnahmen bleiben. Die freieste menschliche Entfaltung wurde selten zwingender mit dem Sozialismus verbunden und dieser selbst an diese große Aufgabe erinnert.&amp;quot; Georges Woodcock vermeinte eine Verbindung zwischen Wildes Vorstellungen und dem Spätwerk von [[Tolstoi, Leo Nikolajewitsch|Tolstoi]] zu finden; J. D. Thomas (1965) sah in jenem Text eine Rezeption von [[Godwin, William|William Godwin]]; Aaron Noland (2003) stellte zudem eine Verbindung zwischen den Ansätzen von Wilde und [[Proudhon, Pierre-Joseph|Pierre-Joseph Proudhon]] her.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:oscarwilde1.jpeg|thumb|left|320px|Hôtel d'Alsace]]&lt;br /&gt;
Nettlau nennt als weitere libertäre Referenz von Wilde seine '''Gefängnisbriefe''' (publiziert im &amp;quot;Daily Chronicle&amp;quot;) und erwähnt darüber hinaus das Gedicht &amp;quot;'''Ballad of Reading Goal'''&amp;quot; (1898), in dem Wilde seine Inhaftierung reflektiert. Er kritisiert darin die Unmenschlichkeit und zeigt ein hohes Maß an freiheitsbewußtsein. Es war der letzte, von ihm zu Lebzeiten publizierte Text. Eine Strophe des Gedichts findet sich auf dem Grabstein Wildes auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Am Hôtel d'Alsace (Paris), wo er die letzten Jahre seines Lebens unter einem Pseudonym lebte, hängt heute noch eine Erinnerungstafel für ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein dritter literarischer Text von Wilde der Referenzen aufzeigt, wenn auch nur indirekt, ist das subversive Stück &amp;quot;'''Vera, and the Nihilists'''&amp;quot; (1880), welches 1883 seine Uraufführung erlebte. Es ist inspiriert vom Leben von Vera Zasulich, einer russischen Sozialrevolutionärin. Eine Referenz, die er dabei verwendet haben soll, ist der [[Bakunin]] zugeschriebene &amp;quot;Katechismus eines Revolutionärs&amp;quot;. Von seinen Rezipienten wird dieses Stück vorrangig im Kontext des irischen Freiheitskampfes rezipiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Der Sozialismus und die Seele des Menschen. Ein Essay, Deutsch von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann, Diogenes Verlag Zürich 1982.&lt;br /&gt;
Originaltext: [https://www.marxists.org/reference/archive/wilde-oscar/soul-man/ Soul of Man under Socialism]&lt;br /&gt;
* Daily Chronicle ([http://www.nationalarchives.gov.uk/education/prisoner4099/historical-background/transcript-letter.htm Gefängnisbriefe])&lt;br /&gt;
* Ballade vom Zuchthaus zu Reading, Insel Verlag Leipzig 1926.&lt;br /&gt;
Originaltext: [https://www.poetryfoundation.org/poems/45495/the-ballad-of-reading-gaol Ballad of Reading Goal]&lt;br /&gt;
* Vera und die Nihilisten, in: der.: Werke in fünf Bänden, Band 3, Deutsche Bibliothek Berlin 1922.&lt;br /&gt;
Originaltext: [http://www.online-literature.com/wilde/vera-or-the-nihilists/1/ Vera, and the Nihilists]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
Bibliographien:&lt;br /&gt;
* Stuart Mason [= Christopher Millard]: Bibliography of Oscar Wilde, Bertram Rota London 1967. (Nachdruck der Ausgabe von 1914).&lt;br /&gt;
* Thomas A. Mikolyzk: Oscar Wilde. An Annotated Bibliography, Greenwood Press Westport, Connecticut / London 1993.&lt;br /&gt;
Werkausgaben:&lt;br /&gt;
*Werke in fünf Bänden, Haffmans Verlag Zürich 2000.&lt;br /&gt;
*Sämtliche Werke in sieben Bänden, Insel Verlag Frankfurt a. M. 2000.&lt;br /&gt;
*: s.a.: [https://www.graswurzel.net/gwr/2004/10/happy-birthday-mr-wilde/ Rezension in der GWR]&lt;br /&gt;
Biographien:&lt;br /&gt;
*Barbara Belford: Oscar Wilde. Eine Biographie, Diogenes Verlag Zürich 2004.&lt;br /&gt;
*Jörg W. Rademacher: Oscar Wilde, dtv München 2000.&lt;br /&gt;
Sekundärliteratur:&lt;br /&gt;
* David Goodway: Anarchist Seeds beneath the Snow. Left-Libertarian Thought and Britisch Writers from William Morris to Colin Ward, Liverpool University Press Liverpool 2006, S. 62-92.&lt;br /&gt;
* R. Hellmann: Oscar Wilde, Alfred A. Knopf New York 1988.&lt;br /&gt;
* Hubert Kenndy: John Henry Mackay - Anarchist der Liebe, Männerschwarm Verlag Hamburg 2007.&lt;br /&gt;
* M. Nettlau: Die erste Blütezeit der Anarchie: 1886-1894, Auvermann Glashütten im Taunus  1981, S. 403-405.&lt;br /&gt;
*KennyMcEwan: Oscar Wilde und der Sozialismus, in: SoZ vom 8. November 2005. [https://www.linksnet.de/artikel/19536 Online]&lt;br /&gt;
* Brian Nicholas: Two nineteenth-century utopias: The influence of Renan's 'L'avenir de la Science' on Wilde's 'The soul of man under socialism', in: modern Language Review (1964), LIX, 361-370.&lt;br /&gt;
* A. Noland: Oscar Wilde and Victorian Socialism, in: Robert N. Keane (Hrsg.): Oscar Wilde. The Man, His Writings, and His World, AMS Press New York 2003, S. 101-112.&lt;br /&gt;
* Jeff Shanty: Specters of anarchy. Literature and the anarchist Imagination, Agora New York 2015, S. 21-48.&lt;br /&gt;
* J. D. Thomas: &amp;quot;The Soul of Man under Socialism&amp;quot;: An essay in context, in: Rice University Studies, Vol. 51, Nr. 1, Winter 1965, S. 83-96.&lt;br /&gt;
* George Woodcock: The paradox of Oscar Wilde, Macmillan Company New York 1950.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Gesellschaft==&lt;br /&gt;
* [http://oscarwildesociety.co.uk Oscar Wilde Society]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt bearbeitet: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Freie Liebe</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Ideengeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
[[Bild: Seeloewen.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
== Definition==&lt;br /&gt;
Die Wortzusammenstellung &amp;quot;Freie Liebe&amp;quot; wurde im 19. Jahrhundert geprägt als Bezeichnung für Sexualität, sexuelle Beziehungen sowie Formen des Zusammenlebens mit einer (mutmaßlichen) sexuellen Komponente, die sich jenseits von hegemonialen Moral-Vorstellungen, wie z.B. dem bürgerlichen Eheideal oder dem damaligen viktorianischen Puritanismus in Sexualfragen, bewegten. Dabei war in der Bezeichnung Freie Liebe je nach politischem, religiösem und moralischem Standort des Benutzers immer ein Werturteil mit enthalten, das von dem Verdikt der Zügellosigkeit, Dekadenz und moralischen Entartung bis zur Rückkehr nach vermeintlich &amp;quot;natürlichen&amp;quot; Verhältnissen und der Etablierung einer selbst bestimmten Sexualität, frei von äußeren Eingriffen und rückständigen, überholten, irrationalen Normierungen reichte. Wurde in konservativen Kreisen Freie Liebe gerade in Verbindung mit &amp;quot;Anarchismus&amp;quot; als &amp;quot;sexuelle Anarchie&amp;quot; verstanden, die unter anderem in der konservativen Presse dem männlichen Leser mit der Mär vermeintlicher Frauenkollektivisierung als Programmpunkt linksradikaler revolutionärer Bestrebungen schmackhaft gemacht wurde, so knüpfte die anarchistische Verwendung des Terminus Freie Liebe am anderen Ende der Wertskala an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der pejorativen Verwendung der Bezeichnung Freie Liebe, (und sich gegen konservative Kritik immer wieder verteidigend) wurde Freie Liebe im anarchistischen Diskurs um die letzte Jahrhundertwende zum festen Begriff für alternative, libertäre Theorien und Praktiken von Liebe und Sexualität sowie von - überwiegend auf heterosexuellen Beziehungen basierenden - Formen des Zusammenlebens. Anarchistische Freie Liebe in erster Linie zwischen Männern und Frauen gedacht, sollte sich frei von Einschränkungen einer als autoritär kritisierten, weil von [[Staat]] und Kirche regulierten. Sexual- und Ehemoral gestalten. Außerdem dürften wirtschaftliche Überlegungen, die Liebe und Sexualität in der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur &amp;quot;Prostitution&amp;quot; machen würden, bei der Freie Liebe, verstanden als freie, natürliche Entfaltung von Liebe und Sexualität, keine Rolle spielen.&lt;br /&gt;
Realisieren sollte sich die Freie Liebe zum einen unter den vorhandenen Verhältnissen als direkte Aktionsform, als privat verwirklichter Anarchismus im Kleinen, zum anderen wäre Freie Liebe als neues Regulativ auf breiter gesellschaftlicher Ebene erst nach der bzw. im Rahmen einer anarchistischen Revolutionierung sozialer Strukturen und durch Beendigung staatlicher und kirchlicher Einflussnahme möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Ideengeschichte==&lt;br /&gt;
Die anarchistischen Auffassungen von Freier Liebe greifen im großen und ganzen auf Vorstellungen über eine paradies-ähnliche Neuordnung des Liebeslebens, der Sexualität und der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern zurück, so wie diese von utopistischen Theoretikern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, insbesondere von [[Charles Fourier]] in seiner Konzeption einer &amp;quot;Neuen Liebeswelt&amp;quot; (vgl. Charles Fourier 1977), die nicht nur die anarchistische Debatte über Liebe und Sexualität in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern nachhaltig prägte. So wurden [[Charles Fouriers]] Ideen der deutschen Arbeiterbewegung - und damit auch dem anarchistischen Spektrum - von August Bebel in seinem Bestseller &amp;quot;Die Frau und der Sozialismus&amp;quot; (1883) und [[Charles Fourier]]: &amp;quot;Sein Leben und seine Theorien&amp;quot; (l887) vermittelt, während sie z. B. in den Vereinigten Staaten im Rahmen utopistischer Siedlungsunternehmen Aufnahme erfuhren (und über diese, von deutschsprachigen anarchistischen Emigranten in den [[USA]] aufgegriffen, noch über einen anderen Weg in die deutsche anarchistische Debatte über Freie Liebe eingebracht wurden).&lt;br /&gt;
Anarchistische Freie Liebe war indessen weniger Element oder Grundzug einer ganzheitlichen [[Utopie]] - wie im Fourierismus - sondern stellte vielmehr, als sie im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zunehmend in der anarchistischen Presse erörtert wurde, eine Reaktion auf die sogenannte &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot;, auf Forderungen der damaligen [[Frauenbewegung]] nach politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Gleichberechtigung dar, da die meisten Anarchisten aufgrund ihres [[Antiparlamentarismus]] die Forderung nach Frauenwahlrecht, auf die sich die Bestrebungen damaliger Feministen um politische Gleichberechtigung konzentrierte, als grundsätzlich falsch zurückwiesen und ebenfalls Forderungen nach wirtschaftlicher und sozialer Gleichstellung ablehnten, weil solchen Forderungen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung eine fehlende Radikalität oder falsche Prämissen zu bescheinigen wäre. Diese fehlende Radikalität, von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]] als &amp;quot;das Tragische an der Emanzipation der Frau&amp;quot; bezeichnet (vgl. Emma Goldman 1977, S. 9 -18), wurde darin gesehen, dass sozialökonomische Gleichberechtigungsforderungen zum einen letztendlich nur Forderungen nach derselben Ausbeutung und Unterdrückung wären, die, insofern sie bereits Männer betrafen, gerade Gegenstand anarchistischer Kritik waren. Zum anderen würden diese Forderungen die Unterdrückung von Frauen im Privatleben, insbesondere im Bereich der Sexualität, negieren (teils sogar durch einen vermeintlichen feministischen Puritanismus in Sexualfragen verstärken). Damit blieb ein wesentlicher Aspekt der in anarchistischen Revolutionstheorien gerade apostrophierten Notwendigkeit der [[Freiheit]] und Autonomie des Individuums außen vor. Solche Kritik (u.a. von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]) überlagerte sich mit einer prinzipiell ablehnenden Haltung vieler männlicher Anarchisten der sozialökonomischen Gleichstellung von Frauen gegenüber, z. B. in Beiträgen von [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] über &amp;quot;Frauenrecht&amp;quot; (vgl. [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] 1979, S. 68-72).[[Bild: Hochzeitstisch.jpg|thumb|left|240px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]Biologischen Deutungsmustern der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verhaftet, war man(n) der Meinung, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer &amp;quot;Natur&amp;quot;, ihrer körperlichen Konstitution, grundsätzlich für unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen determiniert waren - Männer zur Erledigung von produktiver Lohnarbeit, Frauen zur Verrichtung von reproduktiver Hausarbeit. Das &amp;quot;natürliche Wesen&amp;quot; des &amp;quot;freien Weibes&amp;quot; (K.K. 1901) sollte sich folglich auf Mutterschaft, Kindererziehung und Haushalt beschränken. Als Konsequenz dieses biologischen Determinismus sowie der Annahme, Forderungen nach sozialökonomischer wie politischer Gleichberechtigung in der vorhandenen Gesellschaft würden nicht grundsätzlich die Emanzipation herbeiführen, galt es, die &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; nicht im Bereich der Öffentlichkeit, sondern in der Privatsphäre zu lösen. Dabei wurde Freie Liebe als &amp;quot;Revolutionierung der Familie&amp;quot; (Diogenes 1913), als alternative, libertäre Neuformulierung der Sexual- und Ehemoral sowie als Neuorganisierung der unmittelbaren, privaten Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht nur als anarchistische Ethik verstanden. Gleichermaßen galt Freie Liebe als anarchistische Form von Frauenemanzipation, da Freie Liebe die freie Entscheidung von Frauen in Sexual- und Liebesfragen beinhalten würde. Freie Liebe wäre somit zum einen - insofern man die Privatsphäre als &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sphäre von Frauen verstand und ihre soziale Betätigung darauf beschränken wollte - die einzig &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; weibliche Freiheit in ihrem &amp;quot;eigentlichen&amp;quot; Lebensbereich. Zum anderen galt Freie Liebe - insofern die Freiheit und - Selbstbestimmung des Individuums als Bedingung einer anarchistischen Gesellschaft betrachtet wurde - als (sexuelle) Selbstbestimmung des Individuums in der Privatsphäre als Voraussetzung der souveränen Beteiligung von Frauen an einer Revolutionierung der Gesellschaft in anarchistischem Sinne.&lt;br /&gt;
In der Art und Weise, wie Freie Liebe gedacht wurde, lassen sich in Deutschland wie in anderen Ländern zwei Hauptströmungen unterscheiden, sieht man von jenen Anarchisten ab, die aus unterschiedlichen Gründen, die traditionelle Ehe(-moral) beibehalten wollten und Freie Liebe deshalb ablehnten, sei es, weil sie - wie der Misogyn [[Pierre-Joseph Proudhon]] - an (die Minderwertigkeit von Frauen glaubten, die folglich der männlichen Obhut bedürften, sei es, weil sie - wie [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] - die traditionelle Ehe als eine der letzten erhaltenen Formen jener &amp;quot;Gemeinschaft&amp;quot; verstanden, die sie als Grundlage einer neuen anarchistischen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft verstanden wissen wollten (Gustav Landauer 1921).&lt;br /&gt;
Unter den Befürwortern von Freier Liebe lässt sich zunächst eine Richtung unterscheiden, die im Prinzip in ihrer Vorstellung von Freier Liebe der traditionellen Ehe gar nicht weit entfernt ist. Freie Liebe sei, so der belgische Anarchist [[Jacques Mesnil]], das hohe Liebesideal &amp;quot;immer mehr einer streng monogamischen Form der Ehe&amp;quot; zustrebender &amp;quot;Kulturmenschen&amp;quot; (Jacques Mesnil 1904, S. 36). Als Alternative zur bürgerlichen Ehe, die als Prostitution charakterisiert wurde, weil sie mit wirtschaftlichen Überlegungen verbunden wäre, war eine sogenannte „freie Ehe&amp;quot; vorgesehen, die auf Freiwilligkeit und nur auf gegenseitiger Liebe beruhen sollte, &amp;quot;unbekümmert um die Konzession von Papa Staat und um den Segen der gestrengen Mama Kirche und sonst einer Moraltante&amp;quot; (F. Oerter 1912).&lt;br /&gt;
Neben dieser Richtung, für die Freie Liebe praktisch nur Ehe ohne Trauschein war, gab es eine radikalere Richtung, die Freie Liebe als polygame, in der Regel aber auch heterosexuelle Liebe und Sexualität verstand, die nur ausnahmsweise in eine Ehe münden würde und die sie als unzulässige Bändigung der menschlichen Natur verstand, da der Mensch &amp;quot;naturgemäß&amp;quot; polygam wäre und &amp;quot;dauernde exklusive Liebe (..,) nur durch äußeren Zwang (Sitte und Gesetz) oder inneren Zwang (Religion, Moral, praktische Erwägungen) herbeigeführt werden&amp;quot; könnte (E. Ruedebusch 1904, S. 198). Praktische Erwägungen führten dazu, dass manche Autoren die - von der ersten Richtung gerade als Paradebeispiel der sittlichen Degeneration und Prostitutionsähnlichkeit der bürgerlichen Ehe verurteilten - &amp;quot;Konvenienzehe&amp;quot; befürworteten, die unabhängig von jeder Zuneigung in der existierenden. Eheschließungen manchmal erfordernden Gesellschaft ausschließlich einwirtschaftliches Zweckbündnis sein sollte und der Freien Liebe keine Hindernisse auferlegen sollte (vgl. P. Vandree 1897. Prinzipiell wurde die (Liebes-)Ehe als eine das Sexual- und Liebesleben einschränkende Institution indessen abgelehnt; so wurde auch die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; als &amp;quot;lächerliche Parodie auf die christliche Ehe&amp;quot; verworfen (E. Ruedebusch 1904, S. 197). Stattdessen ging man davon aus, dass es immer wechselnde Beziehungen in unterschiedlichen Zusammenstellungen geben würde, wobei man zur Lösung des Problems der sozialökonomischen Absicherung von Frauen, die sich der &amp;quot;freien Mutterschaft&amp;quot; widmen sollten, und Kindern, die nicht mehr in einem ehelichen Rahmen geboren und erzogen werden würden, Kollektivmaßnahmen für die künftig alleinerziehenden Mütter, z. B. in Form einer Art Sozialversicherung (vgl. P. Rarous 1907), treffen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Historiographie sind namentlich von [[Ulrich Linse]] und [[Jean Maitron]] Versuche unternommen worden, die Vertreter der beiden Richtungen in der anarchistischen Bewegung zu positionieren. Nach [[Ulrich Linse]] (1969) wurde die purifizierte bürgerliche Ehe - nach sozialer Herkunft - überwiegend von proletarischen Anarchisten (z. B. in Deutschland- [[Fritz Oerter]]), die auf Promiskuität beruhende Freie Liebe von intellektuellen Anarchisten, insbesondere von Zugehörigen der Boheme (z. B. [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] oder [[Otto Gross]]) vertreten wurde. J. Maitron (1975) zufolge, besaßen die Vertreter der ersten Richtung - ideologisch betrachtet - eher einen kollektivistisch, kommunistisch anarchistischen Hintergrund, so waren die Vertreter der zweiten Richtung überwiegend individualistische Anarchisten (das gilt z. B. Für E. Ruedebusch, [[Emile Armand]], [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]). Diese Einteilungen mögen als allgemeine Orientierung einem gewissen Sinn und einer gewissen Richtigkeit nicht entbehren. Dennoch lassen sich gleichzeitig viele Ausnahmen ausmachen: als anarchistischer Intellektueller lehnte [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] Freie Liebe ab. Anarchistische Arbeiter, wie [[Paul Vandree]] und E. Ruedebusch, sowie kommunistische Anarchisten, wie die Französin [[Madeleine Vemet]], der Niederländer [[Henk Eikeboom]] und der Österreicher [[Pierre Rannia]], befürworteten Freie Liebe in ihrer radikalen Form, während der individualanarchistische J. Mesnil gerade für die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; plädierte. Die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Richtung dürfte folglich auch durch andere, außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Theorie und Bewegung liegende Hintergründe bedingt sein, wie z. B. Diskussionen über Sexualität und Sexualreform, die seit der Jahrhundertwende in einem breiteren Rahmen stattfanden (vgl. M. Hirschfeld 1930).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Relevanz der Freien Liebe==&lt;br /&gt;
Die Relevanz der beiden Vorstellungen von Freier Liebe lag zunächst darin, dass sie Ausdruck und Legitimation anderer Formen des Zusammenlebens und eines freieren Sexuallebens waren. Während die radikalere, auf Promiskuität gegründete Freie Liebe vor allem zur weiteren ideologischen Rechtfertigung einer freizügigeren Sexualität in alternativen [[Subkulturen]], wie die Boheme (etwa im Fall Erich Mühsams) diente, mag die gemäßigte, mit der Vorstellung einer &amp;quot;freien Ehe&amp;quot; verbundenen Form der Freien Liebe dem heutigen Betrachter unspektakulär und eher konventionell vorkommen - trotzdem darf nicht Übersehen werden, dass das Leben in &amp;quot;wilden Ehen&amp;quot; in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts einen entscheidenden Bruch mit den herrschenden Sitten bedeutete und z.B. die Einführung &amp;quot;revolutionärer Ehen&amp;quot; und unkomplizierter Scheidungsverfahren - wie sie in Spanien 1936 von &lt;br /&gt;
[[Bild: Krabben.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
Anarchisten durchgesetzt wurden - im Verhältnis zum bis dahin geltenden Recht - eine wesentliche Liberalisierung implizierte (vgl. C. Semprun-Maura 1983). Ferner trugen die beiden Konzeptionen von Freier Liebe dazu bei, dass Anarchisten um 1900 z. B. in Deutschland eine nicht unbedeutende Rolle in der manchmal als &amp;quot;erste sexuelle Revolution&amp;quot; bezeichneten &amp;quot;erotischen Aufklärungsbewegung&amp;quot; (M. Hirschfeld 1930, S. 5) sowie in der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Zeit spielten. So waren Anarchisten, wie [[Erich Mühsam]], [[Senna Hoy]] und [[John Henry Mackay]] an Bestrebungen zur Dekriminalisierung der Homosexualität beteiligt und ist die von dem Sexologen Felix Theilhaber in den 20er Jahren im anarcho-syndikalistischen Verlag &amp;quot;[[Der Syndikalist]]&amp;quot; herausgegebenen Reihe &amp;quot;Beiträge zum Sexualproblem&amp;quot; im Rahmen der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Republik nicht zu unterschätzen. Auch für andere Länder gilt, daß Anarchisten sich außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Bewegung an Bestrebungen zur Sexualaufklärung, der damit verbundenen Propaganda für Verhütungsmethoden und Liberalisierung von Sexual- und Ehemoral wesentlich beteiligten (das gilt u. a. für [[Emma Goldman]] und [[Fritz Brupbacher]], aber auch für niederländische Anarchisten, die sich zunächst im &amp;quot;Neumalthusianischen Bund&amp;quot;. später in der Nachfolgeorganisation &amp;quot;Nederlandse Vereniging voor Sexuele Hervorming&amp;quot; engagierten) - Engagement, das ohne eine der Sexualität aufgeschlossen gegenüberstehende Position, die in der Debatte um Freie Liebe um die Jahrhundertwende entwickelt wurde, undenkbar gewesen wäre.&lt;br /&gt;
Mag die anarchistische Freie Liebe hintergründig auch in der sogenannten &amp;quot;sexuellen Revolution&amp;quot; der 60er Jahre hintergründig eine Rolle gespielt haben (jedoch wohl überwiegend in Form eines Gerüchts von &amp;quot;sexueller Anarchie&amp;quot;), so ist ihre Bedeutung, in erster Linie über das Leben und Werk [[Emma Goldmans]], für die Entwicklung des [[Anarchafeminismus]] in den 70er Jahren unübersehbar, wobei [[Emma Goldman]] durch ihr Insistieren auf Freie Liebe, auf individuelle Entscheidungsgewalt in persönlichen, insbesondere sexuellen Angelegenheiten als Voraussetzung für wirkliche Frauenemanzipation zur historischen Leitfigur von Ansätzen wurde. die im Gegenzug zur Verbindung von [[Feminismus]] mit [[Sozialismus]] marxistischer Provenienz einen libertären Feminismus zu entwickeln suchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zusammenfassung==&lt;br /&gt;
Obwohl Freie Liebe, nie zu den Hauptthemen des historischen Anarchismus zählte, ist die Bedeutung von Freier Liebe gerade durch ihre Relevanz außerhalb des anarchistischen Spektrums und des Zeitrahmens, in dem sie in anarchistischen Kreisen zur Diskussion stand - der Zeit um 1900 -, nicht zu unterschätzen. Während auch der freiheitliche Gehalt von Freier Liebe nicht übersehen werden darf, der vor allem darin enthalten war, dass Individuen, ob Mann oder Frau grundsätzlich souverän - ohne äußeren Druck - darüber entscheiden sollten, welche sexuelle und/oder Liebesbeziehungen sie mit anderen Personen eingehen wollten, welche Form des Zusammenlebens sie für sich am geeignetsten hielten, ist zugleich auf zwei wesentliche Probleme bei den anarchistischen Konzeptionen von Freier Liebe hinzuweisen: Erstens widersetzen sich diese Vorstellungen zwar einerseits vorhandener Regulative, wie der hegemonialen Sexual- und Ehemoral sowie den damit verbundenen staatlichen und kirchlichen Vorschriften, andererseits konstituieren sich sowohl die gemäßigte als auch radikale Formen der Freien Liebe als neue Regulative. Das gilt sowohl, wenn Vertreter der einen Richtung ewig währende heterosexuelle Monogamie als die eigentlich &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sexualbeziehung bezeichnen (wie J. Mesnil), als auch wenn die Vertreter der anderen Richtung Promiskuität nicht nur als denkbare Möglichkeit, sondern als ebenso vermeintlich &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; Norm festlegen (wie [[Erich Mühsam]]). Zweitens ist darauf hinzuweisen, dass Freie Liebe als anarchistische Lösung der &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; mit einer ablehnenden Haltung gegenüber damaligen feministischen Ansprüchen auf sozialökonomische Gleichstellung verbunden war, die von einigen vielleicht in einer anarchistischen Gesellschaftsordnung wohl vorgesehen war, generell aber grundsätzlich abgelehnt wurde. Indem man der Meinung war, dass eine solche Gleichstellung &amp;quot;unnatürlich&amp;quot; war und Frauen auch in einer neuen Gesellschaft für ihr Einkommen bzw. für ihr (wirtschaftliches) Überleben von Männern abhängig sein sollten (vgl. Diogenes), wäre jedenfalls für Frauen wirkliche Freie Liebe in einer anarchistischen Gesellschaft somit zumindest potentiell gefährdet, wenn nicht - hinsichtlich der Existenz patriarchaler Verhältnisse seit mehreren Jahrtausenden - letztendlich bloß zur Narrenfreiheit geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Quellen==&lt;br /&gt;
In deutscher Sprache sind die unterschiedlichen Positionen in der Debatte über Freie Liebe in folgenden Büchern, Broschüren und Artikeln zu finden, von denen die Artikel und (Texte der) Broschüren oft in verschiedenen Zeitschriften und an verschiedenen Orten größtenteils mehrfach publiziert wurden:&lt;br /&gt;
*E. Armand: Das Problem der sexuellen Beziehungen und der individualistische Gesichtspunkt, Hamburg 1978; &lt;br /&gt;
*F. Brupbacher: Kindersegen - und kein Ende? Ein Wort an denkende Arbeiter, München 1904; &lt;br /&gt;
*F. Brupacher: Liebe, Geschlechtsbeziehungen und Geschlechtspolitik, Berlin 1930; &lt;br /&gt;
*Diogenes: Die Frau und der Syndikalismus, in: Der Pionier 3 (50) 1913; &lt;br /&gt;
*C. Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*E. Goldman: Frauen in der Revolution, Bd. 2, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*K.K: Die Frau, in: Neues Leben 5 (9) 1901; &lt;br /&gt;
*G. Landauer: Von der Ehe, in: Idem: Der werdende Mensch, Potsdam 1921, S. 56-67, &lt;br /&gt;
*J. Mesnil: Die freie Ehe, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Frauenrecht, in. Idem: Fanal: Aufsätze und Gedichte 1905-1932, Berlin 1979, S. 58-60; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Kultur und Frauenbewegung, in: Idem: Trotz allem Mensch sein. Gedichte und Aufsätze, Stuttgart 1984, S. 116 -124; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe, in: Der freie Arbeiter, 9. 1912, 34; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe. Berlin 1920. &lt;br /&gt;
*P. Ramus: Mutterschutz und Liebesfreiheit Berlin/Antwerpen 1907;&lt;br /&gt;
*E. Ruedebusch: Die Eigenen. Tendenzroman für freie Geister, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*P. Vandree: Freie Liebe, in: NeuesLeben 1 (28) l897;&lt;br /&gt;
*M. Vernet: Die freie Liebe, Wien 1920; &lt;br /&gt;
*V. Yarros/ S. E. Holmes: Die Frauenfrage. Eine Diskussion, Berlin 1914.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literatur zur anarchistischen Diskussion und Praxis von Freier Liebe==&lt;br /&gt;
*H. van den Berg: &amp;quot;Frauen, besonders Frauenrechtlerinnen, haben keinen Zutritt!“ Misogynie und Antifeminismus bei Erich Mühsam, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 28, 1992, S. 479 - 510; &lt;br /&gt;
*R. Cleminson: Male Inverts and Homosexuals, in: Sexual Cultures in Europe. Papers Group B, Amsterdam 1992, S. 11 - 18;&lt;br /&gt;
*W. Fähnders: Anarchism and Homosexuality in Wilhelmine Germany: Senna Hoy, Erich Mühsam, John Henry Mackay, in: Homosexuality and the Left, hg. v. G. Hekma/H.Ousterhuis/J. D. Steakley, New York 1995; &lt;br /&gt;
*B. Haaland: Emma Goldman. Sexuality and the Impurity of the State, Montreal/New York/London 1993; &lt;br /&gt;
*M. Hirschfeld: Sittengeschichte des Weltkrieges, Leipzig/Wien 1930; &lt;br /&gt;
*J. Hutton: Camile Pissarros´s &amp;quot;Turpitudes Sociales&amp;quot; and Late Nineteenth Century French Anarchist Anti-Feminism, in: History Workshop, 24,1987, S. 32 - 61;&lt;br /&gt;
*S. Jeffreys: The Spinster and her Enemies. Feminism and Sexuality, 1880- 1930. London/New York 1985; &lt;br /&gt;
*U. Klan/P. Nelles: „Es lebt noch eine Flamme&amp;quot;. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau-Döffingen 1986, S. 292 - 320, &lt;br /&gt;
*U. Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen. Kaiserreich von 1871, Berlin 1969;&lt;br /&gt;
*R. Linsert: Marxismus und freie Liebe; &lt;br /&gt;
*J. Maitron Le mouvement anarchiste en France, Paris 1983;&lt;br /&gt;
*H. Ramaer: De piramide der tirannie. Anarchisten in Nederland, Amsterdam 1977; &lt;br /&gt;
*C. Regin: Hausfrau und Revolution. Die Frauenpolitik der Anarchosyndikalisten in der Weimarer Republik, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 25, 1989. S. 379 - 397; &lt;br /&gt;
*H. Sears: The Sex Radicals, Free Love in High Victorian America, Lawrence (Kans.) 1977; &lt;br /&gt;
*C. Semprun-Maura: Revolution und Konterrevolution in Katalonien, Hamburg 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer: Hubert_B|Hubert van den Berg]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Freie Liebe</title>
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				<updated>2021-06-04T08:49:38Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Ideengeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
[[Bild: Seeloewen.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
== Definition==&lt;br /&gt;
Die Wortzusammenstellung &amp;quot;Freie Liebe&amp;quot; wurde im 19. Jahrhundert geprägt als Bezeichnung für Sexualität, sexuelle Beziehungen sowie Formen des Zusammenlebens mit einer (mutmaßlichen) sexuellen Komponente, die sich jenseits von hegemonialen Moral-Vorstellungen, wie z.B. dem bürgerlichen Eheideal oder dem damaligen viktorianischen Puritanismus in Sexualfragen, bewegten. Dabei war in der Bezeichnung Freie Liebe je nach politischem, religiösem und moralischem Standort des Benutzers immer ein Werturteil mit enthalten, das von dem Verdikt der Zügellosigkeit, Dekadenz und moralischen Entartung bis zur Rückkehr nach vermeintlich &amp;quot;natürlichen&amp;quot; Verhältnissen und der Etablierung einer selbst bestimmten Sexualität, frei von äußeren Eingriffen und rückständigen, überholten, irrationalen Normierungen reichte. Wurde in konservativen Kreisen Freie Liebe gerade in Verbindung mit &amp;quot;Anarchismus&amp;quot; als &amp;quot;sexuelle Anarchie&amp;quot; verstanden, die unter anderem in der konservativen Presse dem männlichen Leser mit der Mär vermeintlicher Frauenkollektivisierung als Programmpunkt linksradikaler revolutionärer Bestrebungen schmackhaft gemacht wurde, so knüpfte die anarchistische Verwendung des Terminus Freie Liebe am anderen Ende der Wertskala an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der pejorativen Verwendung der Bezeichnung Freie Liebe, (und sich gegen konservative Kritik immer wieder verteidigend) wurde Freie Liebe im anarchistischen Diskurs um die letzte Jahrhundertwende zum festen Begriff für alternative, libertäre Theorien und Praktiken von Liebe und Sexualität sowie von - überwiegend auf heterosexuellen Beziehungen basierenden - Formen des Zusammenlebens. Anarchistische Freie Liebe in erster Linie zwischen Männern und Frauen gedacht, sollte sich frei von Einschränkungen einer als autoritär kritisierten, weil von [[Staat]] und Kirche regulierten. Sexual- und Ehemoral gestalten. Außerdem dürften wirtschaftliche Überlegungen, die Liebe und Sexualität in der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur &amp;quot;Prostitution&amp;quot; machen würden, bei der Freie Liebe, verstanden als freie, natürliche Entfaltung von Liebe und Sexualität, keine Rolle spielen.&lt;br /&gt;
Realisieren sollte sich die Freie Liebe zum einen unter den vorhandenen Verhältnissen als direkte Aktionsform, als privat verwirklichter Anarchismus im Kleinen, zum anderen wäre Freie Liebe als neues Regulativ auf breiter gesellschaftlicher Ebene erst nach der bzw. im Rahmen einer anarchistischen Revolutionierung sozialer Strukturen und durch Beendigung staatlicher und kirchlicher Einflussnahme möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Ideengeschichte==&lt;br /&gt;
Die anarchistischen Auffassungen von Freier Liebe greifen im großen und ganzen auf Vorstellungen über eine paradies-ähnliche Neuordnung des Liebeslebens, der Sexualität und der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern zurück, so wie diese von utopistischen Theoretikern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, insbesondere von [[Charles Fourier]] in seiner Konzeption einer &amp;quot;Neuen Liebeswelt&amp;quot; (vgl. Charles Fourier 1977), die nicht nur die anarchistische Debatte über Liebe und Sexualität in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern nachhaltig prägte. So wurden [[Charles Fouriers]] Ideen der deutschen Arbeiterbewegung - und damit auch dem anarchistischen Spektrum - von August Bebel in seinem Bestseller &amp;quot;Die Frau und der Sozialismus&amp;quot; (1883) und [[Charles Fourier]]: &amp;quot;Sein Leben und seine Theorien&amp;quot; (l887) vermittelt, während sie z. B. in den Vereinigten Staaten im Rahmen utopistischer Siedlungsunternehmen Aufnahme erfuhren (und über diese, von deutschsprachigen anarchistischen Emigranten in den [[USA]] aufgegriffen, noch über einen anderen Weg in die deutsche anarchistische Debatte über Freie Liebe eingebracht wurden).&lt;br /&gt;
Anarchistische Freie Liebe war indessen weniger Element oder Grundzug einer ganzheitlichen [[Utopie]] - wie im Fourierismus - sondern stellte vielmehr, als sie im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zunehmend in der anarchistischen Presse erörtert wurde, eine Reaktion auf die sogenannte &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot;, auf Forderungen der damaligen [[Frauenbewegung]] nach politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Gleichberechtigung dar, da die meisten Anarchisten aufgrund ihres [[Antiparlamentarismus]] die Forderung nach Frauenwahlrecht, auf die sich die Bestrebungen damaliger Feministen um politische Gleichberechtigung konzentrierte, als grundsätzlich falsch zurückwiesen und ebenfalls Forderungen nach wirtschaftlicher und sozialer Gleichstellung ablehnten, weil solchen Forderungen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung eine fehlende Radikalität oder falsche Prämissen zu bescheinigen wäre. Diese fehlende Radikalität, von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]] als &amp;quot;das Tragische an der Emanzipation der Frau&amp;quot; bezeichnet (vgl. Emma Goldman 1977, S. 9 -18), wurde darin gesehen, dass sozialökonomische Gleichberechtigungsforderungen zum einen letztendlich nur Forderungen nach derselben Ausbeutung und Unterdrückung wären, die, insofern sie bereits Männer betrafen, gerade Gegenstand anarchistischer Kritik waren. Zum anderen würden diese Forderungen die Unterdrückung von Frauen im Privatleben, insbesondere im Bereich der Sexualität, negieren (teils sogar durch einen vermeintlichen feministischen Puritanismus in Sexualfragen verstärken). Damit blieb ein wesentlicher Aspekt der in anarchistischen Revolutionstheorien gerade apostrophierten Notwendigkeit der [[Freiheit]] und Autonomie des Individuums außen vor. Solche Kritik (u.a. von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]) überlagerte sich mit einer prinzipiell ablehnenden Haltung vieler männlicher Anarchisten der sozialökonomischen Gleichstellung von Frauen gegenüber, z. B. in Beiträgen von [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] über &amp;quot;Frauenrecht&amp;quot; (vgl. [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] 1979, S. 68-72).[[Bild: Hochzeitstisch.jpg|thumb|left|240px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]Biologischen Deutungsmustern der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verhaftet, war man(n) der Meinung, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer &amp;quot;Natur&amp;quot;, ihrer körperlichen Konstitution, grundsätzlich für unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen determiniert waren - Männer zur Erledigung von produktiver Lohnarbeit, Frauen zur Verrichtung von reproduktiver Hausarbeit. Das &amp;quot;natürliche Wesen&amp;quot; des &amp;quot;freien Weibes&amp;quot; (K.K. 1901) sollte sich folglich auf Mutterschaft, Kindererziehung und Haushalt beschränken. Als Konsequenz dieses biologischen Determinismus sowie der Annahme, Forderungen nach sozialökonomischer wie politischer Gleichberechtigung in der vorhandenen Gesellschaft würden nicht grundsätzlich die Emanzipation herbeiführen, galt es, die &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; nicht im Bereich der Öffentlichkeit, sondern in der Privatsphäre zu lösen. Dabei wurde Freie Liebe als &amp;quot;Revolutionierung der Familie&amp;quot; (Diogenes 1913), als alternative, libertäre Neuformulierung der Sexual- und Ehemoral sowie als Neuorganisierung der unmittelbaren, privaten Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht nur als anarchistische Ethik verstanden. Gleichermaßen galt Freie Liebe als anarchistische Form von Frauenemanzipation, da Freie Liebe die freie Entscheidung von Frauen in Sexual- und Liebesfragen beinhalten würde. Freie Liebe wäre somit zum einen - insofern man die Privatsphäre als &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sphäre von Frauen verstand und ihre soziale Betätigung darauf beschränken wollte - die einzig &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; weibliche Freiheit in ihrem &amp;quot;eigentlichen&amp;quot; Lebensbereich. Zum anderen galt Freie Liebe - insofern die Freiheit und - Selbstbestimmung des Individuums als Bedingung einer anarchistischen Gesellschaft betrachtet wurde - als (sexuelle) Selbstbestimmung des Individuums in der Privatsphäre als Voraussetzung der souveränen Beteiligung von Frauen an einer Revolutionierung der Gesellschaft in anarchistischem Sinne.&lt;br /&gt;
In der Art und Weise, wie Freie Liebe gedacht wurde, lassen sich in Deutschland wie in anderen Ländern zwei Hauptströmungen unterscheiden, sieht man von jenen Anarchisten ab, die aus unterschiedlichen Gründen, die traditionelle Ehe(-moral) beibehalten wollten und Freie Liebe deshalb ablehnten, sei es, weil sie - wie der Misogyn [[Pierre-Joseph Proudhon]] - an (die Minderwertigkeit von Frauen glaubten, die folglich der männlichen Obhut bedürften, sei es, weil sie - wie [[Gustav Landauer]] - die traditionelle Ehe als eine der letzten erhaltenen Formen jener &amp;quot;Gemeinschaft&amp;quot; verstanden, die sie als Grundlage einer neuen anarchistischen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft verstanden wissen wollten (Gustav Landauer 1921).&lt;br /&gt;
Unter den Befürwortern von Freier Liebe lässt sich zunächst eine Richtung unterscheiden, die im Prinzip in ihrer Vorstellung von Freier Liebe der traditionellen Ehe gar nicht weit entfernt ist. Freie Liebe sei, so der belgische Anarchist [[Jacques Mesnil]], das hohe Liebesideal &amp;quot;immer mehr einer streng monogamischen Form der Ehe&amp;quot; zustrebender &amp;quot;Kulturmenschen&amp;quot; (Jacques Mesnil 1904, S. 36). Als Alternative zur bürgerlichen Ehe, die als Prostitution charakterisiert wurde, weil sie mit wirtschaftlichen Überlegungen verbunden wäre, war eine sogenannte „freie Ehe&amp;quot; vorgesehen, die auf Freiwilligkeit und nur auf gegenseitiger Liebe beruhen sollte, &amp;quot;unbekümmert um die Konzession von Papa Staat und um den Segen der gestrengen Mama Kirche und sonst einer Moraltante&amp;quot; (F. Oerter 1912).&lt;br /&gt;
Neben dieser Richtung, für die Freie Liebe praktisch nur Ehe ohne Trauschein war, gab es eine radikalere Richtung, die Freie Liebe als polygame, in der Regel aber auch heterosexuelle Liebe und Sexualität verstand, die nur ausnahmsweise in eine Ehe münden würde und die sie als unzulässige Bändigung der menschlichen Natur verstand, da der Mensch &amp;quot;naturgemäß&amp;quot; polygam wäre und &amp;quot;dauernde exklusive Liebe (..,) nur durch äußeren Zwang (Sitte und Gesetz) oder inneren Zwang (Religion, Moral, praktische Erwägungen) herbeigeführt werden&amp;quot; könnte (E. Ruedebusch 1904, S. 198). Praktische Erwägungen führten dazu, dass manche Autoren die - von der ersten Richtung gerade als Paradebeispiel der sittlichen Degeneration und Prostitutionsähnlichkeit der bürgerlichen Ehe verurteilten - &amp;quot;Konvenienzehe&amp;quot; befürworteten, die unabhängig von jeder Zuneigung in der existierenden. Eheschließungen manchmal erfordernden Gesellschaft ausschließlich einwirtschaftliches Zweckbündnis sein sollte und der Freien Liebe keine Hindernisse auferlegen sollte (vgl. P. Vandree 1897. Prinzipiell wurde die (Liebes-)Ehe als eine das Sexual- und Liebesleben einschränkende Institution indessen abgelehnt; so wurde auch die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; als &amp;quot;lächerliche Parodie auf die christliche Ehe&amp;quot; verworfen (E. Ruedebusch 1904, S. 197). Stattdessen ging man davon aus, dass es immer wechselnde Beziehungen in unterschiedlichen Zusammenstellungen geben würde, wobei man zur Lösung des Problems der sozialökonomischen Absicherung von Frauen, die sich der &amp;quot;freien Mutterschaft&amp;quot; widmen sollten, und Kindern, die nicht mehr in einem ehelichen Rahmen geboren und erzogen werden würden, Kollektivmaßnahmen für die künftig alleinerziehenden Mütter, z. B. in Form einer Art Sozialversicherung (vgl. P. Rarous 1907), treffen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Historiographie sind namentlich von [[Ulrich Linse]] und [[Jean Maitron]] Versuche unternommen worden, die Vertreter der beiden Richtungen in der anarchistischen Bewegung zu positionieren. Nach [[Ulrich Linse]] (1969) wurde die purifizierte bürgerliche Ehe - nach sozialer Herkunft - überwiegend von proletarischen Anarchisten (z. B. in Deutschland- [[Fritz Oerter]]), die auf Promiskuität beruhende Freie Liebe von intellektuellen Anarchisten, insbesondere von Zugehörigen der Boheme (z. B. [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] oder [[Otto Gross]]) vertreten wurde. J. Maitron (1975) zufolge, besaßen die Vertreter der ersten Richtung - ideologisch betrachtet - eher einen kollektivistisch, kommunistisch anarchistischen Hintergrund, so waren die Vertreter der zweiten Richtung überwiegend individualistische Anarchisten (das gilt z. B. Für E. Ruedebusch, [[Emile Armand]], [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]). Diese Einteilungen mögen als allgemeine Orientierung einem gewissen Sinn und einer gewissen Richtigkeit nicht entbehren. Dennoch lassen sich gleichzeitig viele Ausnahmen ausmachen: als anarchistischer Intellektueller lehnte [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] Freie Liebe ab. Anarchistische Arbeiter, wie [[Paul Vandree]] und E. Ruedebusch, sowie kommunistische Anarchisten, wie die Französin [[Madeleine Vemet]], der Niederländer [[Henk Eikeboom]] und der Österreicher [[Pierre Rannia]], befürworteten Freie Liebe in ihrer radikalen Form, während der individualanarchistische J. Mesnil gerade für die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; plädierte. Die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Richtung dürfte folglich auch durch andere, außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Theorie und Bewegung liegende Hintergründe bedingt sein, wie z. B. Diskussionen über Sexualität und Sexualreform, die seit der Jahrhundertwende in einem breiteren Rahmen stattfanden (vgl. M. Hirschfeld 1930).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Relevanz der Freien Liebe==&lt;br /&gt;
Die Relevanz der beiden Vorstellungen von Freier Liebe lag zunächst darin, dass sie Ausdruck und Legitimation anderer Formen des Zusammenlebens und eines freieren Sexuallebens waren. Während die radikalere, auf Promiskuität gegründete Freie Liebe vor allem zur weiteren ideologischen Rechtfertigung einer freizügigeren Sexualität in alternativen [[Subkulturen]], wie die Boheme (etwa im Fall Erich Mühsams) diente, mag die gemäßigte, mit der Vorstellung einer &amp;quot;freien Ehe&amp;quot; verbundenen Form der Freien Liebe dem heutigen Betrachter unspektakulär und eher konventionell vorkommen - trotzdem darf nicht Übersehen werden, dass das Leben in &amp;quot;wilden Ehen&amp;quot; in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts einen entscheidenden Bruch mit den herrschenden Sitten bedeutete und z.B. die Einführung &amp;quot;revolutionärer Ehen&amp;quot; und unkomplizierter Scheidungsverfahren - wie sie in Spanien 1936 von &lt;br /&gt;
[[Bild: Krabben.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
Anarchisten durchgesetzt wurden - im Verhältnis zum bis dahin geltenden Recht - eine wesentliche Liberalisierung implizierte (vgl. C. Semprun-Maura 1983). Ferner trugen die beiden Konzeptionen von Freier Liebe dazu bei, dass Anarchisten um 1900 z. B. in Deutschland eine nicht unbedeutende Rolle in der manchmal als &amp;quot;erste sexuelle Revolution&amp;quot; bezeichneten &amp;quot;erotischen Aufklärungsbewegung&amp;quot; (M. Hirschfeld 1930, S. 5) sowie in der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Zeit spielten. So waren Anarchisten, wie [[Erich Mühsam]], [[Senna Hoy]] und [[John Henry Mackay]] an Bestrebungen zur Dekriminalisierung der Homosexualität beteiligt und ist die von dem Sexologen Felix Theilhaber in den 20er Jahren im anarcho-syndikalistischen Verlag &amp;quot;[[Der Syndikalist]]&amp;quot; herausgegebenen Reihe &amp;quot;Beiträge zum Sexualproblem&amp;quot; im Rahmen der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Republik nicht zu unterschätzen. Auch für andere Länder gilt, daß Anarchisten sich außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Bewegung an Bestrebungen zur Sexualaufklärung, der damit verbundenen Propaganda für Verhütungsmethoden und Liberalisierung von Sexual- und Ehemoral wesentlich beteiligten (das gilt u. a. für [[Emma Goldman]] und [[Fritz Brupbacher]], aber auch für niederländische Anarchisten, die sich zunächst im &amp;quot;Neumalthusianischen Bund&amp;quot;. später in der Nachfolgeorganisation &amp;quot;Nederlandse Vereniging voor Sexuele Hervorming&amp;quot; engagierten) - Engagement, das ohne eine der Sexualität aufgeschlossen gegenüberstehende Position, die in der Debatte um Freie Liebe um die Jahrhundertwende entwickelt wurde, undenkbar gewesen wäre.&lt;br /&gt;
Mag die anarchistische Freie Liebe hintergründig auch in der sogenannten &amp;quot;sexuellen Revolution&amp;quot; der 60er Jahre hintergründig eine Rolle gespielt haben (jedoch wohl überwiegend in Form eines Gerüchts von &amp;quot;sexueller Anarchie&amp;quot;), so ist ihre Bedeutung, in erster Linie über das Leben und Werk [[Emma Goldmans]], für die Entwicklung des [[Anarchafeminismus]] in den 70er Jahren unübersehbar, wobei [[Emma Goldman]] durch ihr Insistieren auf Freie Liebe, auf individuelle Entscheidungsgewalt in persönlichen, insbesondere sexuellen Angelegenheiten als Voraussetzung für wirkliche Frauenemanzipation zur historischen Leitfigur von Ansätzen wurde. die im Gegenzug zur Verbindung von [[Feminismus]] mit [[Sozialismus]] marxistischer Provenienz einen libertären Feminismus zu entwickeln suchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zusammenfassung==&lt;br /&gt;
Obwohl Freie Liebe, nie zu den Hauptthemen des historischen Anarchismus zählte, ist die Bedeutung von Freier Liebe gerade durch ihre Relevanz außerhalb des anarchistischen Spektrums und des Zeitrahmens, in dem sie in anarchistischen Kreisen zur Diskussion stand - der Zeit um 1900 -, nicht zu unterschätzen. Während auch der freiheitliche Gehalt von Freier Liebe nicht übersehen werden darf, der vor allem darin enthalten war, dass Individuen, ob Mann oder Frau grundsätzlich souverän - ohne äußeren Druck - darüber entscheiden sollten, welche sexuelle und/oder Liebesbeziehungen sie mit anderen Personen eingehen wollten, welche Form des Zusammenlebens sie für sich am geeignetsten hielten, ist zugleich auf zwei wesentliche Probleme bei den anarchistischen Konzeptionen von Freier Liebe hinzuweisen: Erstens widersetzen sich diese Vorstellungen zwar einerseits vorhandener Regulative, wie der hegemonialen Sexual- und Ehemoral sowie den damit verbundenen staatlichen und kirchlichen Vorschriften, andererseits konstituieren sich sowohl die gemäßigte als auch radikale Formen der Freien Liebe als neue Regulative. Das gilt sowohl, wenn Vertreter der einen Richtung ewig währende heterosexuelle Monogamie als die eigentlich &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sexualbeziehung bezeichnen (wie J. Mesnil), als auch wenn die Vertreter der anderen Richtung Promiskuität nicht nur als denkbare Möglichkeit, sondern als ebenso vermeintlich &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; Norm festlegen (wie [[Erich Mühsam]]). Zweitens ist darauf hinzuweisen, dass Freie Liebe als anarchistische Lösung der &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; mit einer ablehnenden Haltung gegenüber damaligen feministischen Ansprüchen auf sozialökonomische Gleichstellung verbunden war, die von einigen vielleicht in einer anarchistischen Gesellschaftsordnung wohl vorgesehen war, generell aber grundsätzlich abgelehnt wurde. Indem man der Meinung war, dass eine solche Gleichstellung &amp;quot;unnatürlich&amp;quot; war und Frauen auch in einer neuen Gesellschaft für ihr Einkommen bzw. für ihr (wirtschaftliches) Überleben von Männern abhängig sein sollten (vgl. Diogenes), wäre jedenfalls für Frauen wirkliche Freie Liebe in einer anarchistischen Gesellschaft somit zumindest potentiell gefährdet, wenn nicht - hinsichtlich der Existenz patriarchaler Verhältnisse seit mehreren Jahrtausenden - letztendlich bloß zur Narrenfreiheit geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Quellen==&lt;br /&gt;
In deutscher Sprache sind die unterschiedlichen Positionen in der Debatte über Freie Liebe in folgenden Büchern, Broschüren und Artikeln zu finden, von denen die Artikel und (Texte der) Broschüren oft in verschiedenen Zeitschriften und an verschiedenen Orten größtenteils mehrfach publiziert wurden:&lt;br /&gt;
*E. Armand: Das Problem der sexuellen Beziehungen und der individualistische Gesichtspunkt, Hamburg 1978; &lt;br /&gt;
*F. Brupbacher: Kindersegen - und kein Ende? Ein Wort an denkende Arbeiter, München 1904; &lt;br /&gt;
*F. Brupacher: Liebe, Geschlechtsbeziehungen und Geschlechtspolitik, Berlin 1930; &lt;br /&gt;
*Diogenes: Die Frau und der Syndikalismus, in: Der Pionier 3 (50) 1913; &lt;br /&gt;
*C. Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*E. Goldman: Frauen in der Revolution, Bd. 2, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*K.K: Die Frau, in: Neues Leben 5 (9) 1901; &lt;br /&gt;
*G. Landauer: Von der Ehe, in: Idem: Der werdende Mensch, Potsdam 1921, S. 56-67, &lt;br /&gt;
*J. Mesnil: Die freie Ehe, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Frauenrecht, in. Idem: Fanal: Aufsätze und Gedichte 1905-1932, Berlin 1979, S. 58-60; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Kultur und Frauenbewegung, in: Idem: Trotz allem Mensch sein. Gedichte und Aufsätze, Stuttgart 1984, S. 116 -124; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe, in: Der freie Arbeiter, 9. 1912, 34; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe. Berlin 1920. &lt;br /&gt;
*P. Ramus: Mutterschutz und Liebesfreiheit Berlin/Antwerpen 1907;&lt;br /&gt;
*E. Ruedebusch: Die Eigenen. Tendenzroman für freie Geister, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*P. Vandree: Freie Liebe, in: NeuesLeben 1 (28) l897;&lt;br /&gt;
*M. Vernet: Die freie Liebe, Wien 1920; &lt;br /&gt;
*V. Yarros/ S. E. Holmes: Die Frauenfrage. Eine Diskussion, Berlin 1914.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literatur zur anarchistischen Diskussion und Praxis von Freier Liebe==&lt;br /&gt;
*H. van den Berg: &amp;quot;Frauen, besonders Frauenrechtlerinnen, haben keinen Zutritt!“ Misogynie und Antifeminismus bei Erich Mühsam, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 28, 1992, S. 479 - 510; &lt;br /&gt;
*R. Cleminson: Male Inverts and Homosexuals, in: Sexual Cultures in Europe. Papers Group B, Amsterdam 1992, S. 11 - 18;&lt;br /&gt;
*W. Fähnders: Anarchism and Homosexuality in Wilhelmine Germany: Senna Hoy, Erich Mühsam, John Henry Mackay, in: Homosexuality and the Left, hg. v. G. Hekma/H.Ousterhuis/J. D. Steakley, New York 1995; &lt;br /&gt;
*B. Haaland: Emma Goldman. Sexuality and the Impurity of the State, Montreal/New York/London 1993; &lt;br /&gt;
*M. Hirschfeld: Sittengeschichte des Weltkrieges, Leipzig/Wien 1930; &lt;br /&gt;
*J. Hutton: Camile Pissarros´s &amp;quot;Turpitudes Sociales&amp;quot; and Late Nineteenth Century French Anarchist Anti-Feminism, in: History Workshop, 24,1987, S. 32 - 61;&lt;br /&gt;
*S. Jeffreys: The Spinster and her Enemies. Feminism and Sexuality, 1880- 1930. London/New York 1985; &lt;br /&gt;
*U. Klan/P. Nelles: „Es lebt noch eine Flamme&amp;quot;. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau-Döffingen 1986, S. 292 - 320, &lt;br /&gt;
*U. Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen. Kaiserreich von 1871, Berlin 1969;&lt;br /&gt;
*R. Linsert: Marxismus und freie Liebe; &lt;br /&gt;
*J. Maitron Le mouvement anarchiste en France, Paris 1983;&lt;br /&gt;
*H. Ramaer: De piramide der tirannie. Anarchisten in Nederland, Amsterdam 1977; &lt;br /&gt;
*C. Regin: Hausfrau und Revolution. Die Frauenpolitik der Anarchosyndikalisten in der Weimarer Republik, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 25, 1989. S. 379 - 397; &lt;br /&gt;
*H. Sears: The Sex Radicals, Free Love in High Victorian America, Lawrence (Kans.) 1977; &lt;br /&gt;
*C. Semprun-Maura: Revolution und Konterrevolution in Katalonien, Hamburg 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer: Hubert_B|Hubert van den Berg]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<title>Freie Liebe</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Ideengeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
[[Bild: Seeloewen.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
== Definition==&lt;br /&gt;
Die Wortzusammenstellung &amp;quot;Freie Liebe&amp;quot; wurde im 19. Jahrhundert geprägt als Bezeichnung für Sexualität, sexuelle Beziehungen sowie Formen des Zusammenlebens mit einer (mutmaßlichen) sexuellen Komponente, die sich jenseits von hegemonialen Moral-Vorstellungen, wie z.B. dem bürgerlichen Eheideal oder dem damaligen viktorianischen Puritanismus in Sexualfragen, bewegten. Dabei war in der Bezeichnung Freie Liebe je nach politischem, religiösem und moralischem Standort des Benutzers immer ein Werturteil mit enthalten, das von dem Verdikt der Zügellosigkeit, Dekadenz und moralischen Entartung bis zur Rückkehr nach vermeintlich &amp;quot;natürlichen&amp;quot; Verhältnissen und der Etablierung einer selbst bestimmten Sexualität, frei von äußeren Eingriffen und rückständigen, überholten, irrationalen Normierungen reichte. Wurde in konservativen Kreisen Freie Liebe gerade in Verbindung mit &amp;quot;Anarchismus&amp;quot; als &amp;quot;sexuelle Anarchie&amp;quot; verstanden, die unter anderem in der konservativen Presse dem männlichen Leser mit der Mär vermeintlicher Frauenkollektivisierung als Programmpunkt linksradikaler revolutionärer Bestrebungen schmackhaft gemacht wurde, so knüpfte die anarchistische Verwendung des Terminus Freie Liebe am anderen Ende der Wertskala an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der pejorativen Verwendung der Bezeichnung Freie Liebe, (und sich gegen konservative Kritik immer wieder verteidigend) wurde Freie Liebe im anarchistischen Diskurs um die letzte Jahrhundertwende zum festen Begriff für alternative, libertäre Theorien und Praktiken von Liebe und Sexualität sowie von - überwiegend auf heterosexuellen Beziehungen basierenden - Formen des Zusammenlebens. Anarchistische Freie Liebe in erster Linie zwischen Männern und Frauen gedacht, sollte sich frei von Einschränkungen einer als autoritär kritisierten, weil von [[Staat]] und Kirche regulierten. Sexual- und Ehemoral gestalten. Außerdem dürften wirtschaftliche Überlegungen, die Liebe und Sexualität in der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur &amp;quot;Prostitution&amp;quot; machen würden, bei der Freie Liebe, verstanden als freie, natürliche Entfaltung von Liebe und Sexualität, keine Rolle spielen.&lt;br /&gt;
Realisieren sollte sich die Freie Liebe zum einen unter den vorhandenen Verhältnissen als direkte Aktionsform, als privat verwirklichter Anarchismus im Kleinen, zum anderen wäre Freie Liebe als neues Regulativ auf breiter gesellschaftlicher Ebene erst nach der bzw. im Rahmen einer anarchistischen Revolutionierung sozialer Strukturen und durch Beendigung staatlicher und kirchlicher Einflussnahme möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Ideengeschichte==&lt;br /&gt;
Die anarchistischen Auffassungen von Freier Liebe greifen im großen und ganzen auf Vorstellungen über eine paradies-ähnliche Neuordnung des Liebeslebens, der Sexualität und der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern zurück, so wie diese von utopistischen Theoretikern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, insbesondere von [[Charles Fourier]] in seiner Konzeption einer &amp;quot;Neuen Liebeswelt&amp;quot; (vgl. Charles Fourier 1977), die nicht nur die anarchistische Debatte über Liebe und Sexualität in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern nachhaltig prägte. So wurden [[Charles Fouriers]] Ideen der deutschen Arbeiterbewegung - und damit auch dem anarchistischen Spektrum - von August Bebel in seinem Bestseller &amp;quot;Die Frau und der Sozialismus&amp;quot; (1883) und [[Charles Fourier]]: &amp;quot;Sein Leben und seine Theorien&amp;quot; (l887) vermittelt, während sie z. B. in den Vereinigten Staaten im Rahmen utopistischer Siedlungsunternehmen Aufnahme erfuhren (und über diese, von deutschsprachigen anarchistischen Emigranten in den [[USA]] aufgegriffen, noch über einen anderen Weg in die deutsche anarchistische Debatte über Freie Liebe eingebracht wurden).&lt;br /&gt;
Anarchistische Freie Liebe war indessen weniger Element oder Grundzug einer ganzheitlichen [[Utopie]] - wie im Fourierismus - sondern stellte vielmehr, als sie im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zunehmend in der anarchistischen Presse erörtert wurde, eine Reaktion auf die sogenannte &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot;, auf Forderungen der damaligen [[Frauenbewegung]] nach politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Gleichberechtigung dar, da die meisten Anarchisten aufgrund ihres [[Antiparlamentarismus]] die Forderung nach Frauenwahlrecht, auf die sich die Bestrebungen damaliger Feministen um politische Gleichberechtigung konzentrierte, als grundsätzlich falsch zurückwiesen und ebenfalls Forderungen nach wirtschaftlicher und sozialer Gleichstellung ablehnten, weil solchen Forderungen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung eine fehlende Radikalität oder falsche Prämissen zu bescheinigen wäre. Diese fehlende Radikalität, von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]] als &amp;quot;das Tragische an der Emanzipation der Frau&amp;quot; bezeichnet (vgl. Emma Goldman 1977, S. 9 -18), wurde darin gesehen, dass sozialökonomische Gleichberechtigungsforderungen zum einen letztendlich nur Forderungen nach derselben Ausbeutung und Unterdrückung wären, die, insofern sie bereits Männer betrafen, gerade Gegenstand anarchistischer Kritik waren. Zum anderen würden diese Forderungen die Unterdrückung von Frauen im Privatleben, insbesondere im Bereich der Sexualität, negieren (teils sogar durch einen vermeintlichen feministischen Puritanismus in Sexualfragen verstärken). Damit blieb ein wesentlicher Aspekt der in anarchistischen Revolutionstheorien gerade apostrophierten Notwendigkeit der [[Freiheit]] und Autonomie des Individuums außen vor. Solche Kritik (u.a. von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]) überlagerte sich mit einer prinzipiell ablehnenden Haltung vieler männlicher Anarchisten der sozialökonomischen Gleichstellung von Frauen gegenüber, z. B. in Beiträgen von [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] über &amp;quot;Frauenrecht&amp;quot; (vgl. [[Mühsam, Erich|Erich Mühsam]] 1979, S. 68-72).[[Bild: Hochzeitstisch.jpg|thumb|left|240px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]Biologischen Deutungsmustern der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verhaftet, war man(n) der Meinung, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer &amp;quot;Natur&amp;quot;, ihrer körperlichen Konstitution, grundsätzlich für unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen determiniert waren - Männer zur Erledigung von produktiver Lohnarbeit, Frauen zur Verrichtung von reproduktiver Hausarbeit. Das &amp;quot;natürliche Wesen&amp;quot; des &amp;quot;freien Weibes&amp;quot; (K.K. 1901) sollte sich folglich auf Mutterschaft, Kindererziehung und Haushalt beschränken. Als Konsequenz dieses biologischen Determinismus sowie der Annahme, Forderungen nach sozialökonomischer wie politischer Gleichberechtigung in der vorhandenen Gesellschaft würden nicht grundsätzlich die Emanzipation herbeiführen, galt es, die &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; nicht im Bereich der Öffentlichkeit, sondern in der Privatsphäre zu lösen. Dabei wurde Freie Liebe als &amp;quot;Revolutionierung der Familie&amp;quot; (Diogenes 1913), als alternative, libertäre Neuformulierung der Sexual- und Ehemoral sowie als Neuorganisierung der unmittelbaren, privaten Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht nur als anarchistische Ethik verstanden. Gleichermaßen galt Freie Liebe als anarchistische Form von Frauenemanzipation, da Freie Liebe die freie Entscheidung von Frauen in Sexual- und Liebesfragen beinhalten würde. Freie Liebe wäre somit zum einen - insofern man die Privatsphäre als &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sphäre von Frauen verstand und ihre soziale Betätigung darauf beschränken wollte - die einzig &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; weibliche Freiheit in ihrem &amp;quot;eigentlichen&amp;quot; Lebensbereich. Zum anderen galt Freie Liebe - insofern die Freiheit und - Selbstbestimmung des Individuums als Bedingung einer anarchistischen Gesellschaft betrachtet wurde - als (sexuelle) Selbstbestimmung des Individuums in der Privatsphäre als Voraussetzung der souveränen Beteiligung von Frauen an einer Revolutionierung der Gesellschaft in anarchistischem Sinne.&lt;br /&gt;
In der Art und Weise, wie Freie Liebe gedacht wurde, lassen sich in Deutschland wie in anderen Ländern zwei Hauptströmungen unterscheiden, sieht man von jenen Anarchisten ab, die aus unterschiedlichen Gründen, die traditionelle Ehe(-moral) beibehalten wollten und Freie Liebe deshalb ablehnten, sei es, weil sie - wie der Misogyn [[Pierre-Joseph Proudhon]] - an (die Minderwertigkeit von Frauen glaubten, die folglich der männlichen Obhut bedürften, sei es, weil sie - wie [[Gustav Landauer]] - die traditionelle Ehe als eine der letzten erhaltenen Formen jener &amp;quot;Gemeinschaft&amp;quot; verstanden, die sie als Grundlage einer neuen anarchistischen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft verstanden wissen wollten (Gustav Landauer 1921).&lt;br /&gt;
Unter den Befürwortern von Freier Liebe lässt sich zunächst eine Richtung unterscheiden, die im Prinzip in ihrer Vorstellung von Freier Liebe der traditionellen Ehe gar nicht weit entfernt ist. Freie Liebe sei, so der belgische Anarchist [[Jacques Mesnil]], das hohe Liebesideal &amp;quot;immer mehr einer streng monogamischen Form der Ehe&amp;quot; zustrebender &amp;quot;Kulturmenschen&amp;quot; (Jacques Mesnil 1904, S. 36). Als Alternative zur bürgerlichen Ehe, die als Prostitution charakterisiert wurde, weil sie mit wirtschaftlichen Überlegungen verbunden wäre, war eine sogenannte „freie Ehe&amp;quot; vorgesehen, die auf Freiwilligkeit und nur auf gegenseitiger Liebe beruhen sollte, &amp;quot;unbekümmert um die Konzession von Papa Staat und um den Segen der gestrengen Mama Kirche und sonst einer Moraltante&amp;quot; (F. Oerter 1912).&lt;br /&gt;
Neben dieser Richtung, für die Freie Liebe praktisch nur Ehe ohne Trauschein war, gab es eine radikalere Richtung, die Freie Liebe als polygame, in der Regel aber auch heterosexuelle Liebe und Sexualität verstand, die nur ausnahmsweise in eine Ehe münden würde und die sie als unzulässige Bändigung der menschlichen Natur verstand, da der Mensch &amp;quot;naturgemäß&amp;quot; polygam wäre und &amp;quot;dauernde exklusive Liebe (..,) nur durch äußeren Zwang (Sitte und Gesetz) oder inneren Zwang (Religion, Moral, praktische Erwägungen) herbeigeführt werden&amp;quot; könnte (E. Ruedebusch 1904, S. 198). Praktische Erwägungen führten dazu, dass manche Autoren die - von der ersten Richtung gerade als Paradebeispiel der sittlichen Degeneration und Prostitutionsähnlichkeit der bürgerlichen Ehe verurteilten - &amp;quot;Konvenienzehe&amp;quot; befürworteten, die unabhängig von jeder Zuneigung in der existierenden. Eheschließungen manchmal erfordernden Gesellschaft ausschließlich einwirtschaftliches Zweckbündnis sein sollte und der Freien Liebe keine Hindernisse auferlegen sollte (vgl. P. Vandree 1897. Prinzipiell wurde die (Liebes-)Ehe als eine das Sexual- und Liebesleben einschränkende Institution indessen abgelehnt; so wurde auch die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; als &amp;quot;lächerliche Parodie auf die christliche Ehe&amp;quot; verworfen (E. Ruedebusch 1904, S. 197). Stattdessen ging man davon aus, dass es immer wechselnde Beziehungen in unterschiedlichen Zusammenstellungen geben würde, wobei man zur Lösung des Problems der sozialökonomischen Absicherung von Frauen, die sich der &amp;quot;freien Mutterschaft&amp;quot; widmen sollten, und Kindern, die nicht mehr in einem ehelichen Rahmen geboren und erzogen werden würden, Kollektivmaßnahmen für die künftig alleinerziehenden Mütter, z. B. in Form einer Art Sozialversicherung (vgl. P. Rarous 1907), treffen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Historiographie sind namentlich von [[Ulrich Linse]] und [[Jean Maitron]] Versuche unternommen worden, die Vertreter der beiden Richtungen in der anarchistischen Bewegung zu positionieren. Nach [[Ulrich Linse]] (1969) wurde die purifizierte bürgerliche Ehe - nach sozialer Herkunft - überwiegend von proletarischen Anarchisten (z. B. in Deutschland- [[Fritz Oerter]]), die auf Promiskuität beruhende Freie Liebe von intellektuellen Anarchisten, insbesondere von Zugehörigen der Boheme (z. B. [[Erich Mühsam]] oder [[Otto Gross]]) vertreten wurde. J. Maitron (1975) zufolge, besaßen die Vertreter der ersten Richtung - ideologisch betrachtet - eher einen kollektivistisch, kommunistisch anarchistischen Hintergrund, so waren die Vertreter der zweiten Richtung überwiegend individualistische Anarchisten (das gilt z. B. Für E. Ruedebusch, [[Emile Armand]], [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]). Diese Einteilungen mögen als allgemeine Orientierung einem gewissen Sinn und einer gewissen Richtigkeit nicht entbehren. Dennoch lassen sich gleichzeitig viele Ausnahmen ausmachen: als anarchistischer Intellektueller lehnte [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] Freie Liebe ab. Anarchistische Arbeiter, wie [[Paul Vandree]] und E. Ruedebusch, sowie kommunistische Anarchisten, wie die Französin [[Madeleine Vemet]], der Niederländer [[Henk Eikeboom]] und der Österreicher [[Pierre Rannia]], befürworteten Freie Liebe in ihrer radikalen Form, während der individualanarchistische J. Mesnil gerade für die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; plädierte. Die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Richtung dürfte folglich auch durch andere, außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Theorie und Bewegung liegende Hintergründe bedingt sein, wie z. B. Diskussionen über Sexualität und Sexualreform, die seit der Jahrhundertwende in einem breiteren Rahmen stattfanden (vgl. M. Hirschfeld 1930).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Relevanz der Freien Liebe==&lt;br /&gt;
Die Relevanz der beiden Vorstellungen von Freier Liebe lag zunächst darin, dass sie Ausdruck und Legitimation anderer Formen des Zusammenlebens und eines freieren Sexuallebens waren. Während die radikalere, auf Promiskuität gegründete Freie Liebe vor allem zur weiteren ideologischen Rechtfertigung einer freizügigeren Sexualität in alternativen [[Subkulturen]], wie die Boheme (etwa im Fall Erich Mühsams) diente, mag die gemäßigte, mit der Vorstellung einer &amp;quot;freien Ehe&amp;quot; verbundenen Form der Freien Liebe dem heutigen Betrachter unspektakulär und eher konventionell vorkommen - trotzdem darf nicht Übersehen werden, dass das Leben in &amp;quot;wilden Ehen&amp;quot; in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts einen entscheidenden Bruch mit den herrschenden Sitten bedeutete und z.B. die Einführung &amp;quot;revolutionärer Ehen&amp;quot; und unkomplizierter Scheidungsverfahren - wie sie in Spanien 1936 von &lt;br /&gt;
[[Bild: Krabben.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
Anarchisten durchgesetzt wurden - im Verhältnis zum bis dahin geltenden Recht - eine wesentliche Liberalisierung implizierte (vgl. C. Semprun-Maura 1983). Ferner trugen die beiden Konzeptionen von Freier Liebe dazu bei, dass Anarchisten um 1900 z. B. in Deutschland eine nicht unbedeutende Rolle in der manchmal als &amp;quot;erste sexuelle Revolution&amp;quot; bezeichneten &amp;quot;erotischen Aufklärungsbewegung&amp;quot; (M. Hirschfeld 1930, S. 5) sowie in der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Zeit spielten. So waren Anarchisten, wie [[Erich Mühsam]], [[Senna Hoy]] und [[John Henry Mackay]] an Bestrebungen zur Dekriminalisierung der Homosexualität beteiligt und ist die von dem Sexologen Felix Theilhaber in den 20er Jahren im anarcho-syndikalistischen Verlag &amp;quot;[[Der Syndikalist]]&amp;quot; herausgegebenen Reihe &amp;quot;Beiträge zum Sexualproblem&amp;quot; im Rahmen der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Republik nicht zu unterschätzen. Auch für andere Länder gilt, daß Anarchisten sich außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Bewegung an Bestrebungen zur Sexualaufklärung, der damit verbundenen Propaganda für Verhütungsmethoden und Liberalisierung von Sexual- und Ehemoral wesentlich beteiligten (das gilt u. a. für [[Emma Goldman]] und [[Fritz Brupbacher]], aber auch für niederländische Anarchisten, die sich zunächst im &amp;quot;Neumalthusianischen Bund&amp;quot;. später in der Nachfolgeorganisation &amp;quot;Nederlandse Vereniging voor Sexuele Hervorming&amp;quot; engagierten) - Engagement, das ohne eine der Sexualität aufgeschlossen gegenüberstehende Position, die in der Debatte um Freie Liebe um die Jahrhundertwende entwickelt wurde, undenkbar gewesen wäre.&lt;br /&gt;
Mag die anarchistische Freie Liebe hintergründig auch in der sogenannten &amp;quot;sexuellen Revolution&amp;quot; der 60er Jahre hintergründig eine Rolle gespielt haben (jedoch wohl überwiegend in Form eines Gerüchts von &amp;quot;sexueller Anarchie&amp;quot;), so ist ihre Bedeutung, in erster Linie über das Leben und Werk [[Emma Goldmans]], für die Entwicklung des [[Anarchafeminismus]] in den 70er Jahren unübersehbar, wobei [[Emma Goldman]] durch ihr Insistieren auf Freie Liebe, auf individuelle Entscheidungsgewalt in persönlichen, insbesondere sexuellen Angelegenheiten als Voraussetzung für wirkliche Frauenemanzipation zur historischen Leitfigur von Ansätzen wurde. die im Gegenzug zur Verbindung von [[Feminismus]] mit [[Sozialismus]] marxistischer Provenienz einen libertären Feminismus zu entwickeln suchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zusammenfassung==&lt;br /&gt;
Obwohl Freie Liebe, nie zu den Hauptthemen des historischen Anarchismus zählte, ist die Bedeutung von Freier Liebe gerade durch ihre Relevanz außerhalb des anarchistischen Spektrums und des Zeitrahmens, in dem sie in anarchistischen Kreisen zur Diskussion stand - der Zeit um 1900 -, nicht zu unterschätzen. Während auch der freiheitliche Gehalt von Freier Liebe nicht übersehen werden darf, der vor allem darin enthalten war, dass Individuen, ob Mann oder Frau grundsätzlich souverän - ohne äußeren Druck - darüber entscheiden sollten, welche sexuelle und/oder Liebesbeziehungen sie mit anderen Personen eingehen wollten, welche Form des Zusammenlebens sie für sich am geeignetsten hielten, ist zugleich auf zwei wesentliche Probleme bei den anarchistischen Konzeptionen von Freier Liebe hinzuweisen: Erstens widersetzen sich diese Vorstellungen zwar einerseits vorhandener Regulative, wie der hegemonialen Sexual- und Ehemoral sowie den damit verbundenen staatlichen und kirchlichen Vorschriften, andererseits konstituieren sich sowohl die gemäßigte als auch radikale Formen der Freien Liebe als neue Regulative. Das gilt sowohl, wenn Vertreter der einen Richtung ewig währende heterosexuelle Monogamie als die eigentlich &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sexualbeziehung bezeichnen (wie J. Mesnil), als auch wenn die Vertreter der anderen Richtung Promiskuität nicht nur als denkbare Möglichkeit, sondern als ebenso vermeintlich &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; Norm festlegen (wie [[Erich Mühsam]]). Zweitens ist darauf hinzuweisen, dass Freie Liebe als anarchistische Lösung der &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; mit einer ablehnenden Haltung gegenüber damaligen feministischen Ansprüchen auf sozialökonomische Gleichstellung verbunden war, die von einigen vielleicht in einer anarchistischen Gesellschaftsordnung wohl vorgesehen war, generell aber grundsätzlich abgelehnt wurde. Indem man der Meinung war, dass eine solche Gleichstellung &amp;quot;unnatürlich&amp;quot; war und Frauen auch in einer neuen Gesellschaft für ihr Einkommen bzw. für ihr (wirtschaftliches) Überleben von Männern abhängig sein sollten (vgl. Diogenes), wäre jedenfalls für Frauen wirkliche Freie Liebe in einer anarchistischen Gesellschaft somit zumindest potentiell gefährdet, wenn nicht - hinsichtlich der Existenz patriarchaler Verhältnisse seit mehreren Jahrtausenden - letztendlich bloß zur Narrenfreiheit geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Quellen==&lt;br /&gt;
In deutscher Sprache sind die unterschiedlichen Positionen in der Debatte über Freie Liebe in folgenden Büchern, Broschüren und Artikeln zu finden, von denen die Artikel und (Texte der) Broschüren oft in verschiedenen Zeitschriften und an verschiedenen Orten größtenteils mehrfach publiziert wurden:&lt;br /&gt;
*E. Armand: Das Problem der sexuellen Beziehungen und der individualistische Gesichtspunkt, Hamburg 1978; &lt;br /&gt;
*F. Brupbacher: Kindersegen - und kein Ende? Ein Wort an denkende Arbeiter, München 1904; &lt;br /&gt;
*F. Brupacher: Liebe, Geschlechtsbeziehungen und Geschlechtspolitik, Berlin 1930; &lt;br /&gt;
*Diogenes: Die Frau und der Syndikalismus, in: Der Pionier 3 (50) 1913; &lt;br /&gt;
*C. Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*E. Goldman: Frauen in der Revolution, Bd. 2, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*K.K: Die Frau, in: Neues Leben 5 (9) 1901; &lt;br /&gt;
*G. Landauer: Von der Ehe, in: Idem: Der werdende Mensch, Potsdam 1921, S. 56-67, &lt;br /&gt;
*J. Mesnil: Die freie Ehe, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Frauenrecht, in. Idem: Fanal: Aufsätze und Gedichte 1905-1932, Berlin 1979, S. 58-60; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Kultur und Frauenbewegung, in: Idem: Trotz allem Mensch sein. Gedichte und Aufsätze, Stuttgart 1984, S. 116 -124; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe, in: Der freie Arbeiter, 9. 1912, 34; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe. Berlin 1920. &lt;br /&gt;
*P. Ramus: Mutterschutz und Liebesfreiheit Berlin/Antwerpen 1907;&lt;br /&gt;
*E. Ruedebusch: Die Eigenen. Tendenzroman für freie Geister, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*P. Vandree: Freie Liebe, in: NeuesLeben 1 (28) l897;&lt;br /&gt;
*M. Vernet: Die freie Liebe, Wien 1920; &lt;br /&gt;
*V. Yarros/ S. E. Holmes: Die Frauenfrage. Eine Diskussion, Berlin 1914.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literatur zur anarchistischen Diskussion und Praxis von Freier Liebe==&lt;br /&gt;
*H. van den Berg: &amp;quot;Frauen, besonders Frauenrechtlerinnen, haben keinen Zutritt!“ Misogynie und Antifeminismus bei Erich Mühsam, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 28, 1992, S. 479 - 510; &lt;br /&gt;
*R. Cleminson: Male Inverts and Homosexuals, in: Sexual Cultures in Europe. Papers Group B, Amsterdam 1992, S. 11 - 18;&lt;br /&gt;
*W. Fähnders: Anarchism and Homosexuality in Wilhelmine Germany: Senna Hoy, Erich Mühsam, John Henry Mackay, in: Homosexuality and the Left, hg. v. G. Hekma/H.Ousterhuis/J. D. Steakley, New York 1995; &lt;br /&gt;
*B. Haaland: Emma Goldman. Sexuality and the Impurity of the State, Montreal/New York/London 1993; &lt;br /&gt;
*M. Hirschfeld: Sittengeschichte des Weltkrieges, Leipzig/Wien 1930; &lt;br /&gt;
*J. Hutton: Camile Pissarros´s &amp;quot;Turpitudes Sociales&amp;quot; and Late Nineteenth Century French Anarchist Anti-Feminism, in: History Workshop, 24,1987, S. 32 - 61;&lt;br /&gt;
*S. Jeffreys: The Spinster and her Enemies. Feminism and Sexuality, 1880- 1930. London/New York 1985; &lt;br /&gt;
*U. Klan/P. Nelles: „Es lebt noch eine Flamme&amp;quot;. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau-Döffingen 1986, S. 292 - 320, &lt;br /&gt;
*U. Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen. Kaiserreich von 1871, Berlin 1969;&lt;br /&gt;
*R. Linsert: Marxismus und freie Liebe; &lt;br /&gt;
*J. Maitron Le mouvement anarchiste en France, Paris 1983;&lt;br /&gt;
*H. Ramaer: De piramide der tirannie. Anarchisten in Nederland, Amsterdam 1977; &lt;br /&gt;
*C. Regin: Hausfrau und Revolution. Die Frauenpolitik der Anarchosyndikalisten in der Weimarer Republik, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 25, 1989. S. 379 - 397; &lt;br /&gt;
*H. Sears: The Sex Radicals, Free Love in High Victorian America, Lawrence (Kans.) 1977; &lt;br /&gt;
*C. Semprun-Maura: Revolution und Konterrevolution in Katalonien, Hamburg 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer: Hubert_B|Hubert van den Berg]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Freie_Liebe&amp;diff=17914</id>
		<title>Freie Liebe</title>
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				<updated>2021-06-04T08:46:47Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Ideengeschichte */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
[[Bild: Seeloewen.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
== Definition==&lt;br /&gt;
Die Wortzusammenstellung &amp;quot;Freie Liebe&amp;quot; wurde im 19. Jahrhundert geprägt als Bezeichnung für Sexualität, sexuelle Beziehungen sowie Formen des Zusammenlebens mit einer (mutmaßlichen) sexuellen Komponente, die sich jenseits von hegemonialen Moral-Vorstellungen, wie z.B. dem bürgerlichen Eheideal oder dem damaligen viktorianischen Puritanismus in Sexualfragen, bewegten. Dabei war in der Bezeichnung Freie Liebe je nach politischem, religiösem und moralischem Standort des Benutzers immer ein Werturteil mit enthalten, das von dem Verdikt der Zügellosigkeit, Dekadenz und moralischen Entartung bis zur Rückkehr nach vermeintlich &amp;quot;natürlichen&amp;quot; Verhältnissen und der Etablierung einer selbst bestimmten Sexualität, frei von äußeren Eingriffen und rückständigen, überholten, irrationalen Normierungen reichte. Wurde in konservativen Kreisen Freie Liebe gerade in Verbindung mit &amp;quot;Anarchismus&amp;quot; als &amp;quot;sexuelle Anarchie&amp;quot; verstanden, die unter anderem in der konservativen Presse dem männlichen Leser mit der Mär vermeintlicher Frauenkollektivisierung als Programmpunkt linksradikaler revolutionärer Bestrebungen schmackhaft gemacht wurde, so knüpfte die anarchistische Verwendung des Terminus Freie Liebe am anderen Ende der Wertskala an.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Vor dem Hintergrund der pejorativen Verwendung der Bezeichnung Freie Liebe, (und sich gegen konservative Kritik immer wieder verteidigend) wurde Freie Liebe im anarchistischen Diskurs um die letzte Jahrhundertwende zum festen Begriff für alternative, libertäre Theorien und Praktiken von Liebe und Sexualität sowie von - überwiegend auf heterosexuellen Beziehungen basierenden - Formen des Zusammenlebens. Anarchistische Freie Liebe in erster Linie zwischen Männern und Frauen gedacht, sollte sich frei von Einschränkungen einer als autoritär kritisierten, weil von [[Staat]] und Kirche regulierten. Sexual- und Ehemoral gestalten. Außerdem dürften wirtschaftliche Überlegungen, die Liebe und Sexualität in der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zur &amp;quot;Prostitution&amp;quot; machen würden, bei der Freie Liebe, verstanden als freie, natürliche Entfaltung von Liebe und Sexualität, keine Rolle spielen.&lt;br /&gt;
Realisieren sollte sich die Freie Liebe zum einen unter den vorhandenen Verhältnissen als direkte Aktionsform, als privat verwirklichter Anarchismus im Kleinen, zum anderen wäre Freie Liebe als neues Regulativ auf breiter gesellschaftlicher Ebene erst nach der bzw. im Rahmen einer anarchistischen Revolutionierung sozialer Strukturen und durch Beendigung staatlicher und kirchlicher Einflussnahme möglich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Ideengeschichte==&lt;br /&gt;
Die anarchistischen Auffassungen von Freier Liebe greifen im großen und ganzen auf Vorstellungen über eine paradies-ähnliche Neuordnung des Liebeslebens, der Sexualität und der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern zurück, so wie diese von utopistischen Theoretikern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden, insbesondere von [[Charles Fourier]] in seiner Konzeption einer &amp;quot;Neuen Liebeswelt&amp;quot; (vgl. Charles Fourier 1977), die nicht nur die anarchistische Debatte über Liebe und Sexualität in Frankreich, sondern auch in anderen Ländern nachhaltig prägte. So wurden [[Charles Fouriers]] Ideen der deutschen Arbeiterbewegung - und damit auch dem anarchistischen Spektrum - von August Bebel in seinem Bestseller &amp;quot;Die Frau und der Sozialismus&amp;quot; (1883) und [[Charles Fourier]]: &amp;quot;Sein Leben und seine Theorien&amp;quot; (l887) vermittelt, während sie z. B. in den Vereinigten Staaten im Rahmen utopistischer Siedlungsunternehmen Aufnahme erfuhren (und über diese, von deutschsprachigen anarchistischen Emigranten in den [[USA]] aufgegriffen, noch über einen anderen Weg in die deutsche anarchistische Debatte über Freie Liebe eingebracht wurden).&lt;br /&gt;
Anarchistische Freie Liebe war indessen weniger Element oder Grundzug einer ganzheitlichen [[Utopie]] - wie im Fourierismus - sondern stellte vielmehr, als sie im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zunehmend in der anarchistischen Presse erörtert wurde, eine Reaktion auf die sogenannte &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot;, auf Forderungen der damaligen [[Frauenbewegung]] nach politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Gleichberechtigung dar, da die meisten Anarchisten aufgrund ihres [[Antiparlamentarismus]] die Forderung nach Frauenwahlrecht, auf die sich die Bestrebungen damaliger Feministen um politische Gleichberechtigung konzentrierte, als grundsätzlich falsch zurückwiesen und ebenfalls Forderungen nach wirtschaftlicher und sozialer Gleichstellung ablehnten, weil solchen Forderungen der bürgerlichen und sozialdemokratischen Frauenbewegung eine fehlende Radikalität oder falsche Prämissen zu bescheinigen wäre. Diese fehlende Radikalität, von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]] als &amp;quot;das Tragische an der Emanzipation der Frau&amp;quot; bezeichnet (vgl. Emma Goldman 1977, S. 9 -18), wurde darin gesehen, dass sozialökonomische Gleichberechtigungsforderungen zum einen letztendlich nur Forderungen nach derselben Ausbeutung und Unterdrückung wären, die, insofern sie bereits Männer betrafen, gerade Gegenstand anarchistischer Kritik waren. Zum anderen würden diese Forderungen die Unterdrückung von Frauen im Privatleben, insbesondere im Bereich der Sexualität, negieren (teils sogar durch einen vermeintlichen feministischen Puritanismus in Sexualfragen verstärken). Damit blieb ein wesentlicher Aspekt der in anarchistischen Revolutionstheorien gerade apostrophierten Notwendigkeit der [[Freiheit]] und Autonomie des Individuums außen vor. Solche Kritik (u.a. von [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]) überlagerte sich mit einer prinzipiell ablehnenden Haltung vieler männlicher Anarchisten der sozialökonomischen Gleichstellung von Frauen gegenüber, z. B. in Beiträgen von [[Erich Mühsam]] über &amp;quot;Frauenrecht&amp;quot; (vgl. [[Erich Mühsam]] 1979, S. 68-72).[[Bild: Hochzeitstisch.jpg|thumb|left|240px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]Biologischen Deutungsmustern der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen verhaftet, war man(n) der Meinung, dass Männer und Frauen aufgrund ihrer &amp;quot;Natur&amp;quot;, ihrer körperlichen Konstitution, grundsätzlich für unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen determiniert waren - Männer zur Erledigung von produktiver Lohnarbeit, Frauen zur Verrichtung von reproduktiver Hausarbeit. Das &amp;quot;natürliche Wesen&amp;quot; des &amp;quot;freien Weibes&amp;quot; (K.K. 1901) sollte sich folglich auf Mutterschaft, Kindererziehung und Haushalt beschränken. Als Konsequenz dieses biologischen Determinismus sowie der Annahme, Forderungen nach sozialökonomischer wie politischer Gleichberechtigung in der vorhandenen Gesellschaft würden nicht grundsätzlich die Emanzipation herbeiführen, galt es, die &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; nicht im Bereich der Öffentlichkeit, sondern in der Privatsphäre zu lösen. Dabei wurde Freie Liebe als &amp;quot;Revolutionierung der Familie&amp;quot; (Diogenes 1913), als alternative, libertäre Neuformulierung der Sexual- und Ehemoral sowie als Neuorganisierung der unmittelbaren, privaten Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht nur als anarchistische Ethik verstanden. Gleichermaßen galt Freie Liebe als anarchistische Form von Frauenemanzipation, da Freie Liebe die freie Entscheidung von Frauen in Sexual- und Liebesfragen beinhalten würde. Freie Liebe wäre somit zum einen - insofern man die Privatsphäre als &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sphäre von Frauen verstand und ihre soziale Betätigung darauf beschränken wollte - die einzig &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; weibliche Freiheit in ihrem &amp;quot;eigentlichen&amp;quot; Lebensbereich. Zum anderen galt Freie Liebe - insofern die Freiheit und - Selbstbestimmung des Individuums als Bedingung einer anarchistischen Gesellschaft betrachtet wurde - als (sexuelle) Selbstbestimmung des Individuums in der Privatsphäre als Voraussetzung der souveränen Beteiligung von Frauen an einer Revolutionierung der Gesellschaft in anarchistischem Sinne.&lt;br /&gt;
In der Art und Weise, wie Freie Liebe gedacht wurde, lassen sich in Deutschland wie in anderen Ländern zwei Hauptströmungen unterscheiden, sieht man von jenen Anarchisten ab, die aus unterschiedlichen Gründen, die traditionelle Ehe(-moral) beibehalten wollten und Freie Liebe deshalb ablehnten, sei es, weil sie - wie der Misogyn [[Pierre-Joseph Proudhon]] - an (die Minderwertigkeit von Frauen glaubten, die folglich der männlichen Obhut bedürften, sei es, weil sie - wie [[Gustav Landauer]] - die traditionelle Ehe als eine der letzten erhaltenen Formen jener &amp;quot;Gemeinschaft&amp;quot; verstanden, die sie als Grundlage einer neuen anarchistischen, auf Gegenseitigkeit beruhenden Gesellschaft verstanden wissen wollten (Gustav Landauer 1921).&lt;br /&gt;
Unter den Befürwortern von Freier Liebe lässt sich zunächst eine Richtung unterscheiden, die im Prinzip in ihrer Vorstellung von Freier Liebe der traditionellen Ehe gar nicht weit entfernt ist. Freie Liebe sei, so der belgische Anarchist [[Jacques Mesnil]], das hohe Liebesideal &amp;quot;immer mehr einer streng monogamischen Form der Ehe&amp;quot; zustrebender &amp;quot;Kulturmenschen&amp;quot; (Jacques Mesnil 1904, S. 36). Als Alternative zur bürgerlichen Ehe, die als Prostitution charakterisiert wurde, weil sie mit wirtschaftlichen Überlegungen verbunden wäre, war eine sogenannte „freie Ehe&amp;quot; vorgesehen, die auf Freiwilligkeit und nur auf gegenseitiger Liebe beruhen sollte, &amp;quot;unbekümmert um die Konzession von Papa Staat und um den Segen der gestrengen Mama Kirche und sonst einer Moraltante&amp;quot; (F. Oerter 1912).&lt;br /&gt;
Neben dieser Richtung, für die Freie Liebe praktisch nur Ehe ohne Trauschein war, gab es eine radikalere Richtung, die Freie Liebe als polygame, in der Regel aber auch heterosexuelle Liebe und Sexualität verstand, die nur ausnahmsweise in eine Ehe münden würde und die sie als unzulässige Bändigung der menschlichen Natur verstand, da der Mensch &amp;quot;naturgemäß&amp;quot; polygam wäre und &amp;quot;dauernde exklusive Liebe (..,) nur durch äußeren Zwang (Sitte und Gesetz) oder inneren Zwang (Religion, Moral, praktische Erwägungen) herbeigeführt werden&amp;quot; könnte (E. Ruedebusch 1904, S. 198). Praktische Erwägungen führten dazu, dass manche Autoren die - von der ersten Richtung gerade als Paradebeispiel der sittlichen Degeneration und Prostitutionsähnlichkeit der bürgerlichen Ehe verurteilten - &amp;quot;Konvenienzehe&amp;quot; befürworteten, die unabhängig von jeder Zuneigung in der existierenden. Eheschließungen manchmal erfordernden Gesellschaft ausschließlich einwirtschaftliches Zweckbündnis sein sollte und der Freien Liebe keine Hindernisse auferlegen sollte (vgl. P. Vandree 1897. Prinzipiell wurde die (Liebes-)Ehe als eine das Sexual- und Liebesleben einschränkende Institution indessen abgelehnt; so wurde auch die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; als &amp;quot;lächerliche Parodie auf die christliche Ehe&amp;quot; verworfen (E. Ruedebusch 1904, S. 197). Stattdessen ging man davon aus, dass es immer wechselnde Beziehungen in unterschiedlichen Zusammenstellungen geben würde, wobei man zur Lösung des Problems der sozialökonomischen Absicherung von Frauen, die sich der &amp;quot;freien Mutterschaft&amp;quot; widmen sollten, und Kindern, die nicht mehr in einem ehelichen Rahmen geboren und erzogen werden würden, Kollektivmaßnahmen für die künftig alleinerziehenden Mütter, z. B. in Form einer Art Sozialversicherung (vgl. P. Rarous 1907), treffen wollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Historiographie sind namentlich von [[Ulrich Linse]] und [[Jean Maitron]] Versuche unternommen worden, die Vertreter der beiden Richtungen in der anarchistischen Bewegung zu positionieren. Nach [[Ulrich Linse]] (1969) wurde die purifizierte bürgerliche Ehe - nach sozialer Herkunft - überwiegend von proletarischen Anarchisten (z. B. in Deutschland- [[Fritz Oerter]]), die auf Promiskuität beruhende Freie Liebe von intellektuellen Anarchisten, insbesondere von Zugehörigen der Boheme (z. B. [[Erich Mühsam]] oder [[Otto Gross]]) vertreten wurde. J. Maitron (1975) zufolge, besaßen die Vertreter der ersten Richtung - ideologisch betrachtet - eher einen kollektivistisch, kommunistisch anarchistischen Hintergrund, so waren die Vertreter der zweiten Richtung überwiegend individualistische Anarchisten (das gilt z. B. Für E. Ruedebusch, [[Emile Armand]], [[Goldman, Emma|Emma Goldman]]). Diese Einteilungen mögen als allgemeine Orientierung einem gewissen Sinn und einer gewissen Richtigkeit nicht entbehren. Dennoch lassen sich gleichzeitig viele Ausnahmen ausmachen: als anarchistischer Intellektueller lehnte [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] Freie Liebe ab. Anarchistische Arbeiter, wie [[Paul Vandree]] und E. Ruedebusch, sowie kommunistische Anarchisten, wie die Französin [[Madeleine Vemet]], der Niederländer [[Henk Eikeboom]] und der Österreicher [[Pierre Rannia]], befürworteten Freie Liebe in ihrer radikalen Form, während der individualanarchistische J. Mesnil gerade für die &amp;quot;freie Ehe&amp;quot; plädierte. Die Zugehörigkeit zur einen oder anderen Richtung dürfte folglich auch durch andere, außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Theorie und Bewegung liegende Hintergründe bedingt sein, wie z. B. Diskussionen über Sexualität und Sexualreform, die seit der Jahrhundertwende in einem breiteren Rahmen stattfanden (vgl. M. Hirschfeld 1930).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Relevanz der Freien Liebe==&lt;br /&gt;
Die Relevanz der beiden Vorstellungen von Freier Liebe lag zunächst darin, dass sie Ausdruck und Legitimation anderer Formen des Zusammenlebens und eines freieren Sexuallebens waren. Während die radikalere, auf Promiskuität gegründete Freie Liebe vor allem zur weiteren ideologischen Rechtfertigung einer freizügigeren Sexualität in alternativen [[Subkulturen]], wie die Boheme (etwa im Fall Erich Mühsams) diente, mag die gemäßigte, mit der Vorstellung einer &amp;quot;freien Ehe&amp;quot; verbundenen Form der Freien Liebe dem heutigen Betrachter unspektakulär und eher konventionell vorkommen - trotzdem darf nicht Übersehen werden, dass das Leben in &amp;quot;wilden Ehen&amp;quot; in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts einen entscheidenden Bruch mit den herrschenden Sitten bedeutete und z.B. die Einführung &amp;quot;revolutionärer Ehen&amp;quot; und unkomplizierter Scheidungsverfahren - wie sie in Spanien 1936 von &lt;br /&gt;
[[Bild: Krabben.JPG|thumb|right|360px|Foto: [[Benutzer: Uwe_B|Uwe B]]]]&lt;br /&gt;
Anarchisten durchgesetzt wurden - im Verhältnis zum bis dahin geltenden Recht - eine wesentliche Liberalisierung implizierte (vgl. C. Semprun-Maura 1983). Ferner trugen die beiden Konzeptionen von Freier Liebe dazu bei, dass Anarchisten um 1900 z. B. in Deutschland eine nicht unbedeutende Rolle in der manchmal als &amp;quot;erste sexuelle Revolution&amp;quot; bezeichneten &amp;quot;erotischen Aufklärungsbewegung&amp;quot; (M. Hirschfeld 1930, S. 5) sowie in der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Zeit spielten. So waren Anarchisten, wie [[Erich Mühsam]], [[Senna Hoy]] und [[John Henry Mackay]] an Bestrebungen zur Dekriminalisierung der Homosexualität beteiligt und ist die von dem Sexologen Felix Theilhaber in den 20er Jahren im anarcho-syndikalistischen Verlag &amp;quot;[[Der Syndikalist]]&amp;quot; herausgegebenen Reihe &amp;quot;Beiträge zum Sexualproblem&amp;quot; im Rahmen der proletarischen Sexualreformbewegung der Weimarer Republik nicht zu unterschätzen. Auch für andere Länder gilt, daß Anarchisten sich außerhalb des engeren Rahmens der anarchistischen Bewegung an Bestrebungen zur Sexualaufklärung, der damit verbundenen Propaganda für Verhütungsmethoden und Liberalisierung von Sexual- und Ehemoral wesentlich beteiligten (das gilt u. a. für [[Emma Goldman]] und [[Fritz Brupbacher]], aber auch für niederländische Anarchisten, die sich zunächst im &amp;quot;Neumalthusianischen Bund&amp;quot;. später in der Nachfolgeorganisation &amp;quot;Nederlandse Vereniging voor Sexuele Hervorming&amp;quot; engagierten) - Engagement, das ohne eine der Sexualität aufgeschlossen gegenüberstehende Position, die in der Debatte um Freie Liebe um die Jahrhundertwende entwickelt wurde, undenkbar gewesen wäre.&lt;br /&gt;
Mag die anarchistische Freie Liebe hintergründig auch in der sogenannten &amp;quot;sexuellen Revolution&amp;quot; der 60er Jahre hintergründig eine Rolle gespielt haben (jedoch wohl überwiegend in Form eines Gerüchts von &amp;quot;sexueller Anarchie&amp;quot;), so ist ihre Bedeutung, in erster Linie über das Leben und Werk [[Emma Goldmans]], für die Entwicklung des [[Anarchafeminismus]] in den 70er Jahren unübersehbar, wobei [[Emma Goldman]] durch ihr Insistieren auf Freie Liebe, auf individuelle Entscheidungsgewalt in persönlichen, insbesondere sexuellen Angelegenheiten als Voraussetzung für wirkliche Frauenemanzipation zur historischen Leitfigur von Ansätzen wurde. die im Gegenzug zur Verbindung von [[Feminismus]] mit [[Sozialismus]] marxistischer Provenienz einen libertären Feminismus zu entwickeln suchten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Zusammenfassung==&lt;br /&gt;
Obwohl Freie Liebe, nie zu den Hauptthemen des historischen Anarchismus zählte, ist die Bedeutung von Freier Liebe gerade durch ihre Relevanz außerhalb des anarchistischen Spektrums und des Zeitrahmens, in dem sie in anarchistischen Kreisen zur Diskussion stand - der Zeit um 1900 -, nicht zu unterschätzen. Während auch der freiheitliche Gehalt von Freier Liebe nicht übersehen werden darf, der vor allem darin enthalten war, dass Individuen, ob Mann oder Frau grundsätzlich souverän - ohne äußeren Druck - darüber entscheiden sollten, welche sexuelle und/oder Liebesbeziehungen sie mit anderen Personen eingehen wollten, welche Form des Zusammenlebens sie für sich am geeignetsten hielten, ist zugleich auf zwei wesentliche Probleme bei den anarchistischen Konzeptionen von Freier Liebe hinzuweisen: Erstens widersetzen sich diese Vorstellungen zwar einerseits vorhandener Regulative, wie der hegemonialen Sexual- und Ehemoral sowie den damit verbundenen staatlichen und kirchlichen Vorschriften, andererseits konstituieren sich sowohl die gemäßigte als auch radikale Formen der Freien Liebe als neue Regulative. Das gilt sowohl, wenn Vertreter der einen Richtung ewig währende heterosexuelle Monogamie als die eigentlich &amp;quot;natürliche&amp;quot; Sexualbeziehung bezeichnen (wie J. Mesnil), als auch wenn die Vertreter der anderen Richtung Promiskuität nicht nur als denkbare Möglichkeit, sondern als ebenso vermeintlich &amp;quot;naturgemäße&amp;quot; Norm festlegen (wie [[Erich Mühsam]]). Zweitens ist darauf hinzuweisen, dass Freie Liebe als anarchistische Lösung der &amp;quot;Frauenfrage&amp;quot; mit einer ablehnenden Haltung gegenüber damaligen feministischen Ansprüchen auf sozialökonomische Gleichstellung verbunden war, die von einigen vielleicht in einer anarchistischen Gesellschaftsordnung wohl vorgesehen war, generell aber grundsätzlich abgelehnt wurde. Indem man der Meinung war, dass eine solche Gleichstellung &amp;quot;unnatürlich&amp;quot; war und Frauen auch in einer neuen Gesellschaft für ihr Einkommen bzw. für ihr (wirtschaftliches) Überleben von Männern abhängig sein sollten (vgl. Diogenes), wäre jedenfalls für Frauen wirkliche Freie Liebe in einer anarchistischen Gesellschaft somit zumindest potentiell gefährdet, wenn nicht - hinsichtlich der Existenz patriarchaler Verhältnisse seit mehreren Jahrtausenden - letztendlich bloß zur Narrenfreiheit geworden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Quellen==&lt;br /&gt;
In deutscher Sprache sind die unterschiedlichen Positionen in der Debatte über Freie Liebe in folgenden Büchern, Broschüren und Artikeln zu finden, von denen die Artikel und (Texte der) Broschüren oft in verschiedenen Zeitschriften und an verschiedenen Orten größtenteils mehrfach publiziert wurden:&lt;br /&gt;
*E. Armand: Das Problem der sexuellen Beziehungen und der individualistische Gesichtspunkt, Hamburg 1978; &lt;br /&gt;
*F. Brupbacher: Kindersegen - und kein Ende? Ein Wort an denkende Arbeiter, München 1904; &lt;br /&gt;
*F. Brupacher: Liebe, Geschlechtsbeziehungen und Geschlechtspolitik, Berlin 1930; &lt;br /&gt;
*Diogenes: Die Frau und der Syndikalismus, in: Der Pionier 3 (50) 1913; &lt;br /&gt;
*C. Fourier: Aus der Neuen Liebeswelt, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*E. Goldman: Frauen in der Revolution, Bd. 2, Berlin 1977; &lt;br /&gt;
*K.K: Die Frau, in: Neues Leben 5 (9) 1901; &lt;br /&gt;
*G. Landauer: Von der Ehe, in: Idem: Der werdende Mensch, Potsdam 1921, S. 56-67, &lt;br /&gt;
*J. Mesnil: Die freie Ehe, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Frauenrecht, in. Idem: Fanal: Aufsätze und Gedichte 1905-1932, Berlin 1979, S. 58-60; &lt;br /&gt;
*E. Mühsam: Kultur und Frauenbewegung, in: Idem: Trotz allem Mensch sein. Gedichte und Aufsätze, Stuttgart 1984, S. 116 -124; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe, in: Der freie Arbeiter, 9. 1912, 34; &lt;br /&gt;
*F. Oerter: Die freie Liebe. Berlin 1920. &lt;br /&gt;
*P. Ramus: Mutterschutz und Liebesfreiheit Berlin/Antwerpen 1907;&lt;br /&gt;
*E. Ruedebusch: Die Eigenen. Tendenzroman für freie Geister, Berlin 1904; &lt;br /&gt;
*P. Vandree: Freie Liebe, in: NeuesLeben 1 (28) l897;&lt;br /&gt;
*M. Vernet: Die freie Liebe, Wien 1920; &lt;br /&gt;
*V. Yarros/ S. E. Holmes: Die Frauenfrage. Eine Diskussion, Berlin 1914.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literatur zur anarchistischen Diskussion und Praxis von Freier Liebe==&lt;br /&gt;
*H. van den Berg: &amp;quot;Frauen, besonders Frauenrechtlerinnen, haben keinen Zutritt!“ Misogynie und Antifeminismus bei Erich Mühsam, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 28, 1992, S. 479 - 510; &lt;br /&gt;
*R. Cleminson: Male Inverts and Homosexuals, in: Sexual Cultures in Europe. Papers Group B, Amsterdam 1992, S. 11 - 18;&lt;br /&gt;
*W. Fähnders: Anarchism and Homosexuality in Wilhelmine Germany: Senna Hoy, Erich Mühsam, John Henry Mackay, in: Homosexuality and the Left, hg. v. G. Hekma/H.Ousterhuis/J. D. Steakley, New York 1995; &lt;br /&gt;
*B. Haaland: Emma Goldman. Sexuality and the Impurity of the State, Montreal/New York/London 1993; &lt;br /&gt;
*M. Hirschfeld: Sittengeschichte des Weltkrieges, Leipzig/Wien 1930; &lt;br /&gt;
*J. Hutton: Camile Pissarros´s &amp;quot;Turpitudes Sociales&amp;quot; and Late Nineteenth Century French Anarchist Anti-Feminism, in: History Workshop, 24,1987, S. 32 - 61;&lt;br /&gt;
*S. Jeffreys: The Spinster and her Enemies. Feminism and Sexuality, 1880- 1930. London/New York 1985; &lt;br /&gt;
*U. Klan/P. Nelles: „Es lebt noch eine Flamme&amp;quot;. Rheinische Anarcho-Syndikalisten/-innen in der Weimarer Republik und im Faschismus, Grafenau-Döffingen 1986, S. 292 - 320, &lt;br /&gt;
*U. Linse: Organisierter Anarchismus im Deutschen. Kaiserreich von 1871, Berlin 1969;&lt;br /&gt;
*R. Linsert: Marxismus und freie Liebe; &lt;br /&gt;
*J. Maitron Le mouvement anarchiste en France, Paris 1983;&lt;br /&gt;
*H. Ramaer: De piramide der tirannie. Anarchisten in Nederland, Amsterdam 1977; &lt;br /&gt;
*C. Regin: Hausfrau und Revolution. Die Frauenpolitik der Anarchosyndikalisten in der Weimarer Republik, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 25, 1989. S. 379 - 397; &lt;br /&gt;
*H. Sears: The Sex Radicals, Free Love in High Victorian America, Lawrence (Kans.) 1977; &lt;br /&gt;
*C. Semprun-Maura: Revolution und Konterrevolution in Katalonien, Hamburg 1983.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer: Hubert_B|Hubert van den Berg]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Sachthemen|Lexikon der Anarchie: Sachthemen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Luccheni,_Luigi&amp;diff=17913</id>
		<title>Luccheni, Luigi</title>
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				<updated>2021-06-03T18:00:58Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni (* 22. April 1873 in Paris; + 19. Oktober 1910 in Genf) war ein Anarchist, der durch das Attentat auf die österreichische Königin Sisi bekannt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
= Leben und Tat =&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni wurde als unehelich Kind einer Italienerin in Paris geboren und wurde nach 16 Monaten bereits nach Italien zurückgeschickt, wo er bei einer Pflegefamilie aufwächst. Als Erwachsener geht er zum Militär und ist dreieinhalb Jahre als Soldat tätig. Danach bewirbt er sich erfolglos als Gefängniswärter. Es folgt eine Zeit als kosmopolitischer Vagabund ohne längere, feste Arbeit. Die Erfahrung macht ihn anfällig für radikale Ideen. Er beginnt 1898 - ein paar Monate vor seinem Attentat auf Sissi - anarchistische Versammlungen zu besuchen und Zeitschriften zu lesen. Bei seiner Verhaftung hat er u.a. ein Subscriptionscoupon für die Zeitschrift &amp;quot;L'Agitatore&amp;quot; bei sich. Diese brachte nach seiner Tat auch einen, ihm wohlgesonnenen Artikel. Lucheni hat die fixe Idee, eine bekannte Persönlichkeit der Oberschicht zu töten. Sein erstes Ziel ist. Der Plan scheitert allerdings am Geldmangel. Die Polizei fand bei ihm später einen Totschläger mit den Worten &amp;quot;Anarchie per Umberto I.&amp;quot;. Er wollte sich für die blutige Niederschlagung eines Streiks rächen. Auch der zweite Attentatsplan - ein Attentat auf den Prinzen Henri Philippe Marie d’Orléans ist zum Scheitern verurteilt. Er kommt nicht wie geplant nach Genf. Aus diesem Grund wählt er Elisabeth, Königin von Österreich-Ungarn, aus. Diese residierte zu jenem Zeitpunkt im Hotel Beau-Rivale, indem ein paar Jahrzehnte Uwe Barschel starb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. September 1898 greift Lucheni Sisi mit einer modifizierten Pfeile an und verletzt sie tödlich. Sie stirbt ein paar Stunden nach der Tat. Er versucht zu fliehen, um nicht von der Menge gelyncht zu werden, wird aber von Passanten festgehalten und der Polizeiübergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei seiner Festnahme soll er &amp;quot;Es lebe die Anarchie!&amp;quot; gerufen haben. Im Verhör bekannte er sich als Anhänger von [[Paul Brousse]] (&amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot;) und beruft sich auf [[Bakunin]] (&amp;quot;Der große Bakunin hat uns den Weg gewiesen.&amp;quot;). Er vertritt dabei einen [[insurrektionalistischen Anarchismus]] und verwirft die Organisation per se. &amp;quot;Ich bin individueller Anarchist. Ich lehne jede Art von Zusammenschluss ab.&amp;quot; Die wahre anarchistische Idee duldet keinerlei Organisation.&amp;quot; Begutachtet wurde Lucheni von keinem anderen als dem bekannten Gerichtsmediziner Cesare Lombroso. In einem Brief an diesen verwehrt er sich gegen dessen Studien und unterschreibt Lucheni mit den Worten &amp;quot;Luigi Lucheni, zutiefst überzeugter Anarchist&amp;quot;. Weiterhin gibt es eine gerichtsmedizinische Studie von und Paul-Louis Ladame und Emmanuel Régis über ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Verfahren wird er im November 1898 zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, da die Todesstrafe in Genf zu dem Zeitpunkt  bereits abgeschafft war. Er sitzt diese im Evêché-Gefängnis in Genf ab. Hier wird er von den anderen Gefangenen isoliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gefängnis schreibt er zwischen 1907 und 1909 - mutmaßlich durch die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus &amp;quot;Bekenntnissen&amp;quot; inspiriert - seine Memoiren. Da ein Gefängniswärter ihm, das angefangene Manuskript entwendet, hört er auf, weiterzuschreiben. Eine Veröffentlichung seiner unvollständig gebliebenen Memoiren Erfolg erst 1998 - passend zum 100. Todestag von Sissi. Sie beinhalten überhaupt keine Bezüge mehr zum Anarchismus. Am 19. Oktober 1910 wird er erhängt in seiner Zelle aufgefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der anarchistischen Szene wurde die Tat auch umfangreich debattiert - u.a. äußerte sich [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] in einem Artikel im Sozialisten hierzu und sprach Lucheni ab, ein Anarchist zu sein. Ebenso kritisierte der amerikanische Individualanarchist [[Tucker|Benjamin R. Tucker]] in &amp;quot;Sind Anarchisten Mörder?&amp;quot; die Tat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch wurde der Mord u.a. von Mark Twain (&amp;quot;The memorable assassination&amp;quot;), Jean Cocteau (&amp;quot;L'Aigle à deux têtes&amp;quot;) und Giovanni Pascoli (&amp;quot;Im Kerker zu Genf&amp;quot;) verarbeitet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Geschichtsschreibung des Anarchismus ist Lucheni nur eine Marginalie bzw. Fußnote. Er steht im Schatten von Attentätern wie [[Ravachol]] und [[Emile Henry]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Luccheni, Luigi: &amp;quot;Ich bereue nichts!&amp;quot;. Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, herausgegeben von Santo Capo, Paul Zsolnay Verlag Wien 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
* Cocteau, Jean: L'Aigle à deux têtes, Gallimard Paris 1969.&lt;br /&gt;
* Ladame, Paul-Louis / Régis, Emmanuel: Le régicide Lucheni. Etude d'anthropologie criminelle, Malaiin Paris 1907.&lt;br /&gt;
* Lammel, Matthias: Der Fall Lucheni. Was hat Elisabeth, Kaiserin von Österreich, mit dem Maßregelvollzug zu tun?, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin 2015.&lt;br /&gt;
* Landauer, Gustav: Die Erdolchen der Kaiserin von Österreich (1898), in: Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten, hrsg. von Phillip Kellermann, Unrast Verlag Münster 016, S.149-154.&lt;br /&gt;
* Madras, Maria / Krüger, Anstalt: Das Attentat. Der Tod der Kaiserin Elisabeth und die Tat des Anarchisten Lucheni, Langen Müller München 1998.&lt;br /&gt;
* Pascoli, Giovanni: Im Kerker zu Genf, in: Brigitte Hamann (Hrsg.): Elisabeth. Bilder einer Kaiserin, Amalthea Wien u.a. 1982, S. 162.&lt;br /&gt;
* Schneider, Manfred: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Matthes &amp;amp; Seitz Berlin 2010. &lt;br /&gt;
* Tucker, Benjamin R.: Tucker: Sind Anarchisten Mörder?, Verlag Edition AV‘88 Frankfurt a.M. 1989.&lt;br /&gt;
* Twain, Mark: The memorable assassination, in: Der.: What's man? and other essays, Harper and Brother New York / London 1917, S. 167-181. [https://ebooks.adelaide.edu.au/t/twain/mark/what_is_man/chapter5.html Online-Version]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Text-Sammlung zum Fall: [http://unruhen.org/wp-content/uploads/2013/06/lucheni_textkoerper.pdf Ob mit Dolch, Feile oder Revolver]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dokumentationen (Film und Fernsehen) ==&lt;br /&gt;
* Sisi und der Anarchist, A 2018.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<title>Luccheni, Luigi</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Leben und Tat */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni (* 22. April 1873 in Paris; + 19. Oktober 1910 in Genf) war ein Anarchist, der durch das Attentat auf die österreichische Königin Sisi bekannt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
= Leben und Tat =&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni wurde als unehelich Kind einer Italienerin in Paris geboren und wurde nach 16 Monaten bereits nach Italien zurückgeschickt, wo er bei einer Pflegefamilie aufwächst. Als Erwachsener geht er zum Militär und ist dreieinhalb Jahre als Soldat tätig. Danach bewirbt er sich erfolglos als Gefängniswärter. Es folgt eine Zeit als kosmopolitischer Vagabund ohne längere, feste Arbeit. Die Erfahrung macht ihn anfällig für radikale Ideen. Er beginnt 1898 - ein paar Monate vor seinem Attentat auf Sissi - anarchistische Versammlungen zu besuchen und Zeitschriften zu lesen. Bei seiner Verhaftung hat er u.a. ein Subscriptionscoupon für die Zeitschrift &amp;quot;L'Agitatore&amp;quot; bei sich. Diese brachte nach seiner Tat auch einen, ihm wohlgesonnenen Artikel. Lucheni hat die fixe Idee, eine bekannte Persönlichkeit der Oberschicht zu töten. Sein erstes Ziel ist. Der Plan scheitert allerdings am Geldmangel. Die Polizei fand bei ihm später einen Totschläger mit den Worten &amp;quot;Anarchie per Umberto I.&amp;quot;. Er wollte sich für die blutige Niederschlagung eines Streiks rächen. Auch der zweite Attentatsplan - ein Attentat auf den Prinzen Henri Philippe Marie d’Orléans ist zum Scheitern verurteilt. Er kommt nicht wie geplant nach Genf. Aus diesem Grund wählt er Elisabeth, Königin von Österreich-Ungarn, aus. Diese residierte zu jenem Zeitpunkt im Hotel Beau-Rivale, indem ein paar Jahrzehnte Uwe Barschel starb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. September 1898 greift Lucheni Sisi mit einer modifizierten Pfeile an und verletzt sie tödlich. Sie stirbt ein paar Stunden nach der Tat. Er versucht zu fliehen, um nicht von der Menge gelyncht zu werden, wird aber von Passanten festgehalten und der Polizeiübergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei seiner Festnahme soll er &amp;quot;Es lebe die Anarchie!&amp;quot; gerufen haben. Im Verhör bekannte er sich als Anhänger von [[Paul Brousse]] (&amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot;) und beruft sich auf [[Bakunin]] (&amp;quot;Der große Bakunin hat uns den Weg gewiesen.&amp;quot;). Er vertritt dabei einen [[insurrektionalistischen Anarchismus]] und verwirft die Organisation per se. &amp;quot;Ich bin individueller Anarchist. Ich lehne jede Art von Zusammenschluss ab.&amp;quot; Die wahre anarchistische Idee duldet keinerlei Organisation.&amp;quot; Begutachtet wurde Lucheni von keinem anderen als dem bekannten Gerichtsmediziner Cesare Lombroso. In einem Brief an diesen verwehrt er sich gegen dessen Studien und unterschreibt Lucheni mit den Worten &amp;quot;Luigi Lucheni, zutiefst überzeugter Anarchist&amp;quot;. Weiterhin gibt es eine gerichtsmedizinische Studie von und Paul-Louis Ladame und Emmanuel Régis über ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Verfahren wird er im November 1898 zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, da die Todesstrafe in Genf zu dem Zeitpunkt  bereits abgeschafft war. Er sitzt diese im Evêché-Gefängnis in Genf ab. Hier wird er von den anderen Gefangenen isoliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gefängnis schreibt er zwischen 1907 und 1909 - mutmaßlich durch die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus &amp;quot;Bekenntnissen&amp;quot; inspiriert - seine Memoiren. Da ein Gefängniswärter ihm, das angefangene Manuskript entwendet, hört er auf, weiterzuschreiben. Eine Veröffentlichung seiner unvollständig gebliebenen Memoiren Erfolg erst 1998 - passend zum 100. Todestag von Sissi. Sie beinhalten überhaupt keine Bezüge mehr zum Anarchismus. Am 19. Oktober 1910 wird er erhängt in seiner Zelle aufgefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der anarchistischen Szene wurde die Tat auch umfangreich debattiert - u.a. äußerte sich [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] in einem Artikel im Sozialisten hierzu und sprach Lucheni ab, ein Anarchist zu sein. Ebenso kritisierte der amerikanische Individualanarchist Benjamin R. Tucker in &amp;quot;Sind Anarchisten Mörder?&amp;quot; die Tat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch wurde der Mord u.a. von Mark Twain (&amp;quot;The memorable assassination&amp;quot;), Jean Cocteau (&amp;quot;L'Aigle à deux têtes&amp;quot;) und Giovanni Pascoli (&amp;quot;Im Kerker zu Genf&amp;quot;) verarbeitet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Geschichtsschreibung des Anarchismus ist Lucheni nur eine Marginalie bzw. Fußnote. Er steht im Schatten von Attentätern wie [[Ravachol]] und [[Emile Henry]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Luccheni, Luigi: &amp;quot;Ich bereue nichts!&amp;quot;. Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, herausgegeben von Santo Capo, Paul Zsolnay Verlag Wien 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
* Cocteau, Jean: L'Aigle à deux têtes, Gallimard Paris 1969.&lt;br /&gt;
* Ladame, Paul-Louis / Régis, Emmanuel: Le régicide Lucheni. Etude d'anthropologie criminelle, Malaiin Paris 1907.&lt;br /&gt;
* Lammel, Matthias: Der Fall Lucheni. Was hat Elisabeth, Kaiserin von Österreich, mit dem Maßregelvollzug zu tun?, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin 2015.&lt;br /&gt;
* Landauer, Gustav: Die Erdolchen der Kaiserin von Österreich (1898), in: Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten, hrsg. von Phillip Kellermann, Unrast Verlag Münster 016, S.149-154.&lt;br /&gt;
* Madras, Maria / Krüger, Anstalt: Das Attentat. Der Tod der Kaiserin Elisabeth und die Tat des Anarchisten Lucheni, Langen Müller München 1998.&lt;br /&gt;
* Pascoli, Giovanni: Im Kerker zu Genf, in: Brigitte Hamann (Hrsg.): Elisabeth. Bilder einer Kaiserin, Amalthea Wien u.a. 1982, S. 162.&lt;br /&gt;
* Schneider, Manfred: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Matthes &amp;amp; Seitz Berlin 2010. &lt;br /&gt;
* Tucker, Benjamin R.: Tucker: Sind Anarchisten Mörder?, Verlag Edition AV‘88 Frankfurt a.M. 1989.&lt;br /&gt;
* Twain, Mark: The memorable assassination, in: Der.: What's man? and other essays, Harper and Brother New York / London 1917, S. 167-181. [https://ebooks.adelaide.edu.au/t/twain/mark/what_is_man/chapter5.html Online-Version]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Text-Sammlung zum Fall: [http://unruhen.org/wp-content/uploads/2013/06/lucheni_textkoerper.pdf Ob mit Dolch, Feile oder Revolver]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dokumentationen (Film und Fernsehen) ==&lt;br /&gt;
* Sisi und der Anarchist, A 2018.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Lexikon der Anarchie (Archiv-Version)</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
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===25 Jahre Lexikon der Anarchie - Zeit für einen Relaunch! . . . ===&lt;br /&gt;
[[bild:Lexikon_der_Anarchie_Degen.jpg|thumb|left|Das von Hans Jürgen Degen herausgegebene &amp;quot;Lexikon der Anarchie&amp;quot;.]]&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Das seit 1993 bestehende und von Hansjürgen Degen gegründete '''Lexikon der Anarchie''' hat sich als ein fundiertes Nachschlagewerk sowohl für die Anarchie- und Anarchismusforschung als auch für die libertäre Bewegung einen Namen gemacht. Nachdem die von Degen herausgegebene Print-Version des Lexikons 1996 aus Kostengründen eingestellt werden musste, haben sich 2006 die Autor*innen des Lexikons in Kooperation mit der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) zur Entwicklung einer Online-Version entschieden, die seitdem unter der Webadresse '''www.lexikon-der-anarchie.de''' kostenlos im Internet genutzt werden kann.&amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[25_Jahre _Lexikon_der_Anarchie_-_Zeit_für_einen_Relaunch!|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&amp;lt;/span&amp;gt; &lt;br /&gt;
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&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Das '''[[Lexikon der Anarchie - Projektbeschreibung|Lexikon der Anarchie]]''' (Projektkurzname: '''A-Lex''') will versuchen, für den deutschsprachigen Raum eine umfassende Darstellung aller Personen, aller Sachgebiete und aller Organisationen zu bieten, die in direktem oder indirektem Bezug zum Anarchismus standen oder stehen. &amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Lexikon der Anarchie - Projektbeschreibung|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt; &amp;lt;/span&amp;gt;&lt;br /&gt;
===Inhalt des Lexikons der Anarchie===&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Als Druckversion vergriffen - nun aber in einer überarbeiteteten und erweiterten Fassung im Internet wieder zugänglich - jederzeit und kostenlos: &lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Personen]]'''&lt;br /&gt;
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Siegbert Wolf:&lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Boétie, Etienne de La]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
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•&lt;br /&gt;
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•&lt;br /&gt;
Manfred Burazerovic: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Siegbert Wolf: &lt;br /&gt;
'''[[Buber, Martin]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Cafiero, Carlo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
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'''[[Camus, Albert]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Blankertz: &lt;br /&gt;
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•&lt;br /&gt;
Marianne Kröger:&lt;br /&gt;
'''[[Einstein, Carl]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Léo Ferré|Ferré, Léo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Faure, Sébastian]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Ferrer, Francisco]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Friedrich, Ernst]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Markus Henning: &lt;br /&gt;
'''[[Godwin, William]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Stefan Blankertz: &lt;br /&gt;
'''[[Goodman, Paul]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gerhard Bauer: &lt;br /&gt;
'''[[Graf, Oskar Maria]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hubert van den Berg: &lt;br /&gt;
'''[[Otto Gross|Gross, Otto]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Guillaume, James]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Walter Fähnders: &lt;br /&gt;
'''[[Holzmann, Johannes|Holzmann, Johannes (Pseud. Senna Hoy)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann:&lt;br /&gt;
'''[[Marius Jacob|Jacob, Marius]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Walter Fähnders:&lt;br /&gt;
'''[[Jung, Franz|Jung, Franz]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Richard Cleminson: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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•&lt;br /&gt;
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•&lt;br /&gt;
Siegbert Wolf: &lt;br /&gt;
'''[[Landauer, Gustav]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Lazare, Bernard]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Preuß: &lt;br /&gt;
'''[[Lecoin, Louis]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Luccheni, Luigi]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann:&lt;br /&gt;
'''[[Arsène Lupin|Lupin, Arsène]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg:&lt;br /&gt;
'''[[Dwight Macdonald |Macdonald, Dwight]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Uwe Timm: &lt;br /&gt;
'''[[Mackay, John Henry]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch:&lt;br /&gt;
'''[[Ricardo Flores Magón]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Malatesta, Errico]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Léo Malet|Malet, Léo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Marsden, Dora]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Meijer-Wichmann, Clara]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Michel, Louise]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
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'''[[Morris, William]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Heinz Hug: &lt;br /&gt;
'''[[Mühsam, Erich]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
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'''[[Nettlau, Max]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Hartmut Rübner: &lt;br /&gt;
'''[[Rocker, Rudolf]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Blankertz: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann:&lt;br /&gt;
'''[[Donatien Alphonse François de Sade|de Sade (Marquis de Sade), Donatien-Alphonse-François]]&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
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'''[[Scholem, Gershom]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Stirner, Max]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Henning Zimpel und Walter Fähnders: &lt;br /&gt;
'''[[Streiter, Artur]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Tolstoi, Leo Nikolajewitsch]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Ton Steine Scherben]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch:&lt;br /&gt;
'''[[Traven, B.|Traven, B. (Ret Marut)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg: &lt;br /&gt;
'''[[Tresca, Carlo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Uwe Timm: &lt;br /&gt;
'''[[Tucker, Benjamin R.]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Vernet, Madeleine]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Vacláv Tomek: &lt;br /&gt;
'''[[Vrbenský, Bohuslav]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Vacláv Tomek: &lt;br /&gt;
'''[[Ward, Colin]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen: &lt;br /&gt;
'''[[Weil, Simone]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Wilde, Oscar]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gernot Lennert: &lt;br /&gt;
'''[[Winstanley, Gerrard]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Wintsch, Jean]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Siegbert Wolf: &lt;br /&gt;
'''[[Witkop, Milly|Witkop, Milly]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''[[Portal_Organisationen|Organisationen/Bewegungen]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
Walther L. Bernecker: &lt;br /&gt;
'''[[Confederación National del Trabajo (CNT)]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gernot Lennert: &lt;br /&gt;
'''[[Diggers]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Walther L. Bernecker: &lt;br /&gt;
'''[[Federación Anarquista Ibérica (FAI) / Iberischer Anarchistischer Bund]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Uwe Brodrecht: &lt;br /&gt;
'''[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hartmut Rübner: &lt;br /&gt;
'''[[Freie Arbeiter Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[IAA| Internationale Arbeiter Assoziation (IAA)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Juraföderation]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Kibbuzbewegung]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder&lt;br /&gt;
'''[[Mother Earth]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Markus Henning: &lt;br /&gt;
'''[[Provos]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[RASH|Red &amp;amp; Anarchist Skinheads (RASH)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Elisabeth Voss: &lt;br /&gt;
'''[[Wespe]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
'''[[War Resisters' International (WRI)]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''[[Portal_Sachthemen|Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
Jochen Schmück: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchie - Zur Geschichte eines Reiz- und Schlagwortes |Anarchie, Anarchist und Anarchismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Individualistischer Anarchismus|Anarchismus, Individualistischer]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchismus, Neo-]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchismusforschung, deutschsprachige nach 1945]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchismusforschung im französischsprachigen Raum]]''' &lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
'''[[Anti-Militarismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Antipädagogik]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Will Firth: &lt;br /&gt;
'''[[Esperanto]]'''&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
Lutz Roemheld: &lt;br /&gt;
'''[[Föderalismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hubert van den Berg: &lt;br /&gt;
'''[[Freie Liebe]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Olaf Briese: &lt;br /&gt;
'''[[Frühromantik]]'''&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Freiheit]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Haymarket]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Masamichi Osawa: &lt;br /&gt;
'''[[Japan]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Judentum und Anarchismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Walter Fähnders: &lt;br /&gt;
'''[[Kampf (die Zeitschrift)|&amp;quot;Kampf&amp;quot; (die Zeitschrift)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Thom Holtermann: &lt;br /&gt;
'''[[Libertäres Recht|Libertäres Recht]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Johannes Hilmer: &lt;br /&gt;
'''[[Märzrevolution]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg: &lt;br /&gt;
'''[[Marxismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch:&lt;br /&gt;
'''[[Mexikanische Revolution]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder:&lt;br /&gt;
'''[[Mother Earth]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Pädagogik (historisch)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Gerhard Kern: &lt;br /&gt;
'''[[Selbstverwaltung]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Václav Tomek:  &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Mina Grauer: &lt;br /&gt;
'''[[Zionismus]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;/span&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende I N H A L T  P R I N T A U S G A B E   --&amp;gt;&lt;br /&gt;
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L E G E N D E  A R T I K E L&lt;br /&gt;
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'''Legende''': Die '''&amp;lt;span style=&amp;quot;color:#0645AD&amp;quot;&amp;gt;fett hervorgehobenen und als blauer Link&amp;lt;/span&amp;gt;''' erkennbaren Titel sind redaktionell abgeschlossenen Beiträge, während die &amp;lt;span style=&amp;quot;color:#0645AD&amp;quot;&amp;gt;'''''fett und kursiv'''''&amp;lt;/span&amp;gt; markierten Beiträge noch bearbeitet und demnächst redaktionell abgeschlossen werden. Die als '''&amp;lt;span style=&amp;quot;color:#CD2626&amp;quot;&amp;gt; roter Link&amp;lt;/span&amp;gt;''' gekennzeichneten Beiträge sind entweder Themen, für die sich bereits ein/e Autor*in gefunden hat oder es sind (und dies vor allem als rote Links in den bestehenden Lexikonbeiträgen) Themenvorschläge, zu denen wir noch Autor/*innen suchen, die dieses Thema gerne bearbeiten möchten.&lt;br /&gt;
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Kurznachricht &lt;br /&gt;
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&lt;br /&gt;
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Die Autorenbuchhandlung des DadAWeb ist auf Literatur spezialisiert, die für die deutschsprachige Anarchie- und Anarchismusforschung von Interesse ist. Neben '''[https://www.alibro.de/Die-Neuerscheinungen:::436.html aktuellen Neuerscheinungen]''' und noch lieferbaren Titeln aus der Backlist bietet '''[http://www.alibro.de aLibro]''' auch '''[https://www.alibro.de/Antiquariat:::427.html antiquarische Bücher]''' sowie '''[https://www.alibro.de/Raritaeten/Sammlerstuecke:::428.html echte Raritäten für Sammler]''' an. Darüber hinaus wird '''[http://www.alibro.de aLibro]'''  in Kooperation mit Buch- und Zeitschriftenverlagen auch digitale Publikationen (z.B. Fachaufsätze oder eBooks von vergriffenen Buchtiteln) anbieten. &amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Das_aLibro-Projekt|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;  &lt;br /&gt;
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===Die DadA-Buchempfehlung===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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[[Bild:978-3922226284_Walter-Betrifft_Anarchismus_2018_800px.png|right|150px]]&lt;br /&gt;
Mit einem biografischen Nachwort von Natasha Walter. Herausgegeben, neu aus dem Englischen übersetzt, mit einem Geleitwort, Anmerkungen und einer kommentierten Anarchismus-Bibliografie versehen von Jochen Schmück. Potsdam: Libertad Verlag, 2018 (3. aus d. Engl. neu übersetzte und erweiterte Ausgabe). Paperback, 200 Seiten, ISBN: 978-3922226284.&lt;br /&gt;
12,80 €.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Knapp 50 Jahre nach der erstmaligen Publikation von Nicolas Walters „Betrifft: Anarchismus“, „seinem Herzensprojekt“, in der britischen Zeitschrift Freedom erscheint nun eine Neuübersetzung jenes Klassikers, der bereits 1979 erstmalig auf Deutsch erschien - schon damals vom heutigen Verleger publiziert - und mittlerweile in etliche Sprachen übersetzt wurde. Die vorliegende Ausgabe wurde 2002 mit einem Nachwort seiner Tochter Natasha Walter, einer feministischen Journalistin, herausgegeben und hier zum ersten Mal in deutscher Sprache publiziert.&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Nicolas Walter &amp;amp; Jochen Schmück: Betrifft: Anarchismus. Leitfaden in die Herrschaftslosigkeit|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;  &lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende DadA-Buchempfehlung --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
BESPRECHUNGEN&lt;br /&gt;
&amp;gt;&amp;gt;&amp;gt;Hier Rezensionen und Presseberichte über das ALex-Projekt veröffentlichen&amp;lt;&amp;lt;&amp;lt;&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color: #ECF7FF; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===[[Besprechungen des Lexikons der Anarchie]]===&lt;br /&gt;
&amp;quot;Das Lexikon [der Anarchie] ist eine ausgezeichnete Informationsquelle, deren Herausgabe hoffentlich fortgesetzt wird, so dass man ein besseres Verständnis über die Mannigfaltigkeit des Anarchismus bekommen kann.&amp;quot; (''Arbejterhistorie''. Tidsskrift for Historie, Kultur og Politik, Kopenhagen). &amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Besprechungen des Lexikons der Anarchie|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende BESPRECHUNGEN --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
I N H A L T E  W E I T E R E N T W I C K E L N&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color:#F7ECFF; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
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Nutze die Möglichkeit zum Dialog mit den AutorInnen des '''Lexikons der Anarchie''', indem Du Deine Meinung und Deine Verbesserungsvorschläge auf der '''Diskussions-Seite''' veröffentlichst, die es zu jedem Artikel gibt. Mitreden und mitmachen kann jede/r, die/der sich auf dem DadAWeb-Portal '''[[Projektteilnahme|als aktive BenutzerIn registriert]]''' hat.&lt;br /&gt;
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&lt;br /&gt;
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&lt;br /&gt;
&amp;lt;b&amp;gt;Mail-Kontakt zur DadAWeb-Redaktion: k&amp;lt;s&amp;gt;&amp;lt;/s&amp;gt;on&amp;lt;s&amp;gt;&amp;lt;/s&amp;gt;takt&amp;lt;ät&amp;gt;da&amp;lt;s&amp;gt;&amp;lt;/s&amp;gt;da&amp;lt;s&amp;gt;&amp;lt;/s&amp;gt;web.&amp;lt;s&amp;gt;&amp;lt;/s&amp;gt;de&amp;lt;/b&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- Ende Eintrag I N H A L T E  W E I T E R E N T W I C K E L N --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
ALEX JOBBÖRSE&lt;br /&gt;
&amp;gt;&amp;gt;&amp;gt;Hier die Jobs im DadA/ALex-Projekt auflisten&amp;lt;&amp;lt;&amp;lt;&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:white; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die ALex-Jobbörse===&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Neben neuen AutorInnen brauchen wir für den Aufbau des '''Lexikons der Anarchie''' auch in anderen Bereichen des Projektes '''dringend Unterstützung'''. Dies gilt insbesondere für die folgenden Bereiche: Projektmanagement • Systemadministration • Webdevelopment • Grafik- und Webdesign • Contentmanagement • Lektorat • Redaktion • Öffentlichkeitsarbeit/Promotion • Produktentwicklung. &lt;br /&gt;
&amp;lt;/span&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- Ende ALEX JOBBÖRSE --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
PROJEKTWERKSTATT&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color: #ECFFF6; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Projektwerkstatt===&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Projektbeschreibung|Lexikon der Anarchie: Projektbeschreibung]]&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Konzept#Wie_kann_ich_das_Lexikon_der_Anarchie_unterst.C3.BCtzen.3F|Wie kann ich das Lexikon der Anarchie unterstützen? ]]'''&lt;br /&gt;
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•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Projektbeschreibung#Lexikon_der_Anarchie_.28Internetversion.29_-_Vorschl.C3.A4ge_f.C3.BCr_neue_Beitr.C3.A4ge|Geplante neue Beiträge]]&lt;br /&gt;
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&amp;lt;/span&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
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[[Kategorie:Lexikon der Anarchie|Lexikon der Anarchie]]&lt;br /&gt;
[[Kategorie:Portal Lexikon der Anarchie|Startseite]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
__NOTOC__&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Luccheni,_Luigi&amp;diff=17910</id>
		<title>Luccheni, Luigi</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Luccheni,_Luigi&amp;diff=17910"/>
				<updated>2021-06-03T17:22:37Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Leben und Tat */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni (* 22. April 1873 in Paris; + 19. Oktober 1910 in Genf) war ein Anarchist, der durch das Attentat auf die österreichische Königin Sisi bekannt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
= Leben und Tat =&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni wurde als unehelich Kind einer Italienerin in Paris geboren und wurde nach 16 Monaten bereits nach Italien zurückgeschickt, wo er bei einer Pflegefamilie aufwächst. Als Erwachsener geht er zum Militär und ist dreieinhalb Jahre als Soldat tätig. Danach bewirbt er sich erfolglos als Gefängniswärter. Es folgt eine Zeit als kosmopolitischer Vagabund ohne längere, feste Arbeit. Die Erfahrung macht ihn anfällig für radikale Ideen. Er beginnt 1898 - ein paar Monate vor seinem Attentat auf Sissi - anarchistische Versammlungen zu besuchen und Zeitschriften zu lesen. Bei seiner Verhaftung hat er u.a. ein Subscriptionscoupon für die Zeitschrift &amp;quot;L'Agitatore&amp;quot; bei sich. Diese brachte nach seiner Tat auch einen, ihm wohlgesonnenen Artikel. Lucheni hat die fixe Idee, eine bekannte Persönlichkeit der Oberschicht zu töten. Sein erstes Ziel ist. Der Plan scheitert allerdings am Geldmangel. Die Polizei fand bei ihm später einen Totschläger mit den Worten &amp;quot;Anarchie per Umberto I.&amp;quot;. Er wollte sich für die blutige Niederschlagung eines Streiks rächen. Auch der zweite Attentatsplan - ein Attentat auf den Prinzen Henri Philippe Marie d’Orléans ist zum Scheitern verurteilt. Er kommt nicht wie geplant nach Genf. Aus diesem Grund wählt er Elisabeth, Königin von Österreich-Ungarn, aus. Diese residierte zu jenem Zeitpunkt im Hotel Beau-Rivale, indem ein paar Jahrzehnte Uwe Barschel starb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. September 1898 greift Lucheni Sisi mit einer modifizierten Pfeile an und verletzt sie tödlich. Sie stirbt ein paar Stunden nach der Tat. Er versucht zu fliehen, um nicht von der Menge gelyncht zu werden, wird aber von Passanten festgehalten und der Polizeiübergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei seiner Festnahme soll er &amp;quot;Es lebe die Anarchie!&amp;quot; gerufen haben. Im Verhör bekannte er sich als Anhänger von [[Paul Brousse]] (&amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot;) und beruft sich auf [[Bakunin]] (&amp;quot;Der große Bakunin hat uns den Weg gewiesen.&amp;quot;). Er vertritt dabei einen [[insurrektionalistischen Anarchismus]] und verwirft die Organisation per se. &amp;quot;Ich bin individueller Anarchist. Ich lehne jede Art von Zusammenschluss ab.&amp;quot; Die wahre anarchistische Idee duldet keinerlei Organisation.&amp;quot; Begutachtet wurde Lucheni von keinem anderen als dem bekannten Gerichtsmediziner Cesare Lombroso. In einem Brief an diesen verwehrt er sich gegen dessen Studien und unterschreibt Lucheni mit den Worten &amp;quot;Luigi Lucheni, zutiefst überzeugter Anarchist&amp;quot;. Weiterhin gibt es eine gerichtsmedizinische Studie von und Paul-Louis Ladame und Emmanuel Régis über ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Verfahren wird er im November 1898 zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, da die Todesstrafe in Genf zu dem Zeitpunkt  bereits abgeschafft war. Er sitzt diese im Evêché-Gefängnis in Genf ab. Hier wird er von den anderen Gefangenen isoliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gefängnis schreibt er zwischen 1907 und 1909 - mutmaßlich durch die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus &amp;quot;Bekenntnissen&amp;quot; inspiriert - seine Memoiren. Da ein Gefängniswärter ihm, das angefangene Manuskript entwendet, hört er auf, weiterzuschreiben. Eine Veröffentlichung seiner unvollständig gebliebenen Memoiren Erfolg erst 1998 - passend zum 100. Todestag von Sissi. Sie beinhalten überhaupt keine Bezüge mehr zum Anarchismus. Am 19. Oktober 1910 wird er erhängt in seiner Zelle aufgefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der anarchistischen Szene wurde die Tat auch umfangreich debattiert - u.a. äußerte sich [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] in einem Artikel im Sozialisten hierzu und sprach Lucheni ab, ein Anarchist zu sein. Ebenso kritisierte der amerikanische Individualanarchist Benjamin R. Tucker in&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch wurde der Mord u.a. von Mark Twain (&amp;quot;The memorable assassination&amp;quot;), Jean Cocteau (&amp;quot;L'Aigle à deux têtes&amp;quot;) und Giovanni Pascoli (&amp;quot;Im Kerker zu Genf&amp;quot;) verarbeitet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Geschichtsschreibung des Anarchismus ist Lucheni nur eine Marginalie bzw. Fußnote. Er steht im Schatten von Attentätern wie [[Ravachol]] und [[Emile Henry]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Luccheni, Luigi: &amp;quot;Ich bereue nichts!&amp;quot;. Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, herausgegeben von Santo Capo, Paul Zsolnay Verlag Wien 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
* Cocteau, Jean: L'Aigle à deux têtes, Gallimard Paris 1969.&lt;br /&gt;
* Ladame, Paul-Louis / Régis, Emmanuel: Le régicide Lucheni. Etude d'anthropologie criminelle, Malaiin Paris 1907.&lt;br /&gt;
* Lammel, Matthias: Der Fall Lucheni. Was hat Elisabeth, Kaiserin von Österreich, mit dem Maßregelvollzug zu tun?, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin 2015.&lt;br /&gt;
* Landauer, Gustav: Die Erdolchen der Kaiserin von Österreich (1898), in: Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten, hrsg. von Phillip Kellermann, Unrast Verlag Münster 016, S.149-154.&lt;br /&gt;
* Madras, Maria / Krüger, Anstalt: Das Attentat. Der Tod der Kaiserin Elisabeth und die Tat des Anarchisten Lucheni, Langen Müller München 1998.&lt;br /&gt;
* Pascoli, Giovanni: Im Kerker zu Genf, in: Brigitte Hamann (Hrsg.): Elisabeth. Bilder einer Kaiserin, Amalthea Wien u.a. 1982, S. 162.&lt;br /&gt;
* Schneider, Manfred: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Matthes &amp;amp; Seitz Berlin 2010. &lt;br /&gt;
* Tucker, Benjamin R.: Tucker: Sind Anarchisten Mörder?, Verlag Edition AV‘88 Frankfurt a.M. 1989.&lt;br /&gt;
* Twain, Mark: The memorable assassination, in: Der.: What's man? and other essays, Harper and Brother New York / London 1917, S. 167-181. [https://ebooks.adelaide.edu.au/t/twain/mark/what_is_man/chapter5.html Online-Version]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Text-Sammlung zum Fall: [http://unruhen.org/wp-content/uploads/2013/06/lucheni_textkoerper.pdf Ob mit Dolch, Feile oder Revolver]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dokumentationen (Film und Fernsehen) ==&lt;br /&gt;
* Sisi und der Anarchist, A 2018.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<title>Luccheni, Luigi</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: Die Seite wurde neu angelegt: „'''Lexikon der Anarchie: Personen'''  ----  Luigi Luccheni (* 22. April 1873 in Paris; + 19. Oktober 1910 in Genf) war ein Anarchist, der d…“&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni (* 22. April 1873 in Paris; + 19. Oktober 1910 in Genf) war ein Anarchist, der durch das Attentat auf die österreichische Königin Sisi bekannt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
= Leben und Tat =&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni wurde als unehelich Kind einer Italienerin in Paris geboren und wurde nach 16 Monaten bereits nach Italien zurückgeschickt, wo er bei einer Pflegefamilie aufwächst. Als Erwachsener geht er zum Militär und ist dreieinhalb Jahre als Soldat tätig. Danach bewirbt er sich erfolglos als Gefängniswärter. Es folgt eine Zeit als kosmopolitischer Vagabund ohne längere, feste Arbeit. Die Erfahrung macht ihn anfällig für radikale Ideen. Er beginnt 1898 - ein paar Monate vor seinem Attentat auf Sissi - anarchistische Versammlungen zu besuchen und Zeitschriften zu lesen. Bei seiner Verhaftung hat er u.a. ein Subscriptionscoupon für die Zeitschrift &amp;quot;L'Agitatore&amp;quot; bei sich. Diese brachte nach seiner Tat auch einen, ihm wohlgesonnenen Artikel. Lucheni hat die fixe Idee, eine bekannte Persönlichkeit der Oberschicht zu töten. Sein erstes Ziel ist. Der Plan scheitert allerdings am Geldmangel. Die Polizei fand bei ihm später einen Totschläger mit den Worten &amp;quot;Anarchie per Umberto I.&amp;quot;. Er wollte sich für die blutige Niederschlagung eines Streiks rächen. Auch der zweite Attentatsplan - ein Attentat auf den Prinzen Henri Philippe Marie d’Orléans ist zum Scheitern verurteilt. Er kommt nicht wie geplant nach Genf. Aus diesem Grund wählt er Elisabeth, Königin von Österreich-Ungarn, aus. Diese residierte zu jenem Zeitpunkt im Hotel Beau-Rivale, indem ein paar Jahrzehnte Uwe Barschel starb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. September 1898 greift Lucheni Sisi mit einer modifizierten Pfeile an und verletzt sie tödlich. Sie stirbt ein paar Stunden nach der Tat. Er versucht zu fliehen, um nicht von der Menge gelyncht zu werden, wird aber von Passanten festgehalten und der Polizeiübergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei seiner Festnahme soll er &amp;quot;Es lebe die Anarchie!&amp;quot; gerufen haben. Im Verhör bekannte er sich als Anhänger von [[Paul Brousse]] (&amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot;) und beruft sich auf [[Bakunin]] (&amp;quot;Der große Bakunin hat uns den Weg gewiesen.&amp;quot;). Er vertritt dabei einen [[insurrektionalistischen Anarchismus]] und verwirft die Organisation per se. &amp;quot;Ich bin individueller Anarchist. Ich lehne jede Art von Zusammenschluss ab.&amp;quot; Die wahre anarchistische Idee duldet keinerlei Organisation.&amp;quot; Begutachtet wurde Lucheni von keinem anderen als dem bekannten Gerichtsmediziner Cesare Lombroso. In einem Brief an diesen verwehrt er sich gegen dessen Studien und unterschreibt Lucheni mit den Worten &amp;quot;Luigi Lucheni, zutiefst überzeugter Anarchist&amp;quot;. Weiterhin gibt es eine gerichtsmedizinische Studie von und Paul-Louis Ladame und Emmanuel Régis über ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Verfahren wird er im November 1898 zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, da die Todesstrafe in Genf zu dem Zeitpunkt  bereits abgeschafft war. Er sitzt diese im Evêché-Gefängnis in Genf ab. Hier wird er von den anderen Gefangenen isoliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gefängnis schreibt er zwischen 1907 und 1909 - mutmaßlich durch die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus &amp;quot;Bekenntnissen&amp;quot; inspiriert - seine Memoiren. Da ein Gefängniswärter ihm, das angefangene Manuskript entwendet, hört er auf, weiterzuschreiben. Eine Veröffentlichung seiner unvollständig gebliebenen Memoiren Erfolg erst 1998 - passend zum 100. Todestag von Sissi. Sie beinhalten überhaupt keine Bezüge mehr zum Anarchismus. Am 19. Oktober 1910 wird er erhängt in seiner Zelle aufgefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der anarchistischen Szene wurde die Tat auch umfangreich debattiert - u.a. äußerte sich [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] in einem Artikel im Sozialisten hierzu und sprach Lucheni ab, ein Anarchist zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch wurde der Mord u.a. von Mark Twain (&amp;quot;The memorable assassination&amp;quot;), Jean Cocteau (&amp;quot;L'Aigle à deux têtes&amp;quot;) und Giovanni Pascoli (&amp;quot;Im Kerker zu Genf&amp;quot;) verarbeitet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Geschichtsschreibung des Anarchismus ist Lucheni nur eine Marginalie bzw. Fußnote. Er steht im Schatten von Attentätern wie [[Ravachol]] und [[Emile Henry]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Luccheni, Luigi: &amp;quot;Ich bereue nichts!&amp;quot;. Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, herausgegeben von Santo Capo, Paul Zsolnay Verlag Wien 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
* Cocteau, Jean: L'Aigle à deux têtes, Gallimard Paris 1969.&lt;br /&gt;
* Ladame, Paul-Louis / Régis, Emmanuel: Le régicide Lucheni. Etude d'anthropologie criminelle, Malaiin Paris 1907.&lt;br /&gt;
* Lammel, Matthias: Der Fall Lucheni. Was hat Elisabeth, Kaiserin von Österreich, mit dem Maßregelvollzug zu tun?, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin 2015.&lt;br /&gt;
* Landauer, Gustav: Die Erdolchen der Kaiserin von Österreich (1898), in: Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten, hrsg. von Phillip Kellermann, Unrast Verlag Münster 016, S.149-154.&lt;br /&gt;
* Madras, Maria / Krüger, Anstalt: Das Attentat. Der Tod der Kaiserin Elisabeth und die Tat des Anarchisten Lucheni, Langen Müller München 1998.&lt;br /&gt;
* Pascoli, Giovanni: Im Kerker zu Genf, in: Brigitte Hamann (Hrsg.): Elisabeth. Bilder einer Kaiserin, Amalthea Wien u.a. 1982, S. 162.&lt;br /&gt;
* Schneider, Manfred: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Matthes &amp;amp; Seitz Berlin 2010. &lt;br /&gt;
* Tucker, Benjamin R.: Tucker: Sind Anarchisten Mörder?, Verlag Edition AV‘88 Frankfurt a.M. 1989.&lt;br /&gt;
* Twain, Mark: The memorable assassination, in: Der.: What's man? and other essays, Harper and Brother New York / London 1917, S. 167-181. [https://ebooks.adelaide.edu.au/t/twain/mark/what_is_man/chapter5.html Online-Version]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Text-Sammlung zum Fall: [http://unruhen.org/wp-content/uploads/2013/06/lucheni_textkoerper.pdf Ob mit Dolch, Feile oder Revolver]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dokumentationen (Film und Fernsehen) ==&lt;br /&gt;
* Sisi und der Anarchist, A 2018.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<title>Luigi Lucheni</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]''' &lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni (* 22. April 1873 in Paris; + 19. Oktober 1910 in Genf) war ein Anarchist, der durch das Attentat auf die österreichische Königin Sisi bekannt wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
= Leben und Tat =&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Luigi Luccheni wurde als unehelich Kind einer Italienerin in Paris geboren und wurde nach 16 Monaten bereits nach Italien zurückgeschickt, wo er bei einer Pflegefamilie aufwächst. Als Erwachsener geht er zum Militär und ist dreieinhalb Jahre als Soldat tätig. Danach bewirbt er sich erfolglos als Gefängniswärter. Es folgt eine Zeit als kosmopolitischer Vagabund ohne längere, feste Arbeit. Die Erfahrung macht ihn anfällig für radikale Ideen. Er beginnt 1898 - ein paar Monate vor seinem Attentat auf Sissi - anarchistische Versammlungen zu besuchen und Zeitschriften zu lesen. Bei seiner Verhaftung hat er u.a. ein Subscriptionscoupon für die Zeitschrift &amp;quot;L'Agitatore&amp;quot; bei sich. Diese brachte nach seiner Tat auch einen, ihm wohlgesonnenen Artikel. Lucheni hat die fixe Idee, eine bekannte Persönlichkeit der Oberschicht zu töten. Sein erstes Ziel ist. Der Plan scheitert allerdings am Geldmangel. Die Polizei fand bei ihm später einen Totschläger mit den Worten &amp;quot;Anarchie per Umberto I.&amp;quot;. Er wollte sich für die blutige Niederschlagung eines Streiks rächen. Auch der zweite Attentatsplan - ein Attentat auf den Prinzen Henri Philippe Marie d’Orléans ist zum Scheitern verurteilt. Er kommt nicht wie geplant nach Genf. Aus diesem Grund wählt er Elisabeth, Königin von Österreich-Ungarn, aus. Diese residierte zu jenem Zeitpunkt im Hotel Beau-Rivale, indem ein paar Jahrzehnte Uwe Barschel starb.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 10. September 1898 greift Lucheni Sisi mit einer modifizierten Pfeile an und verletzt sie tödlich. Sie stirbt ein paar Stunden nach der Tat. Er versucht zu fliehen, um nicht von der Menge gelyncht zu werden, wird aber von Passanten festgehalten und der Polizeiübergeben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Bei seiner Festnahme soll er &amp;quot;Es lebe die Anarchie!&amp;quot; gerufen haben. Im Verhör bekannte er sich als Anhänger von [[Paul Brousse]] (&amp;quot;Propaganda der Tat&amp;quot;) und beruft sich auf [[Bakunin]] (&amp;quot;Der große Bakunin hat uns den Weg gewiesen.&amp;quot;). Er vertritt dabei einen [[insurrektionalistischen Anarchismus]] und verwirft die Organisation per se. &amp;quot;Ich bin individueller Anarchist. Ich lehne jede Art von Zusammenschluss ab.&amp;quot; Die wahre anarchistische Idee duldet keinerlei Organisation.&amp;quot; Begutachtet wurde Lucheni von keinem anderen als dem bekannten Gerichtsmediziner Cesare Lombroso. In einem Brief an diesen verwehrt er sich gegen dessen Studien und unterschreibt Lucheni mit den Worten &amp;quot;Luigi Lucheni, zutiefst überzeugter Anarchist&amp;quot;. Weiterhin gibt es eine gerichtsmedizinische Studie von und Paul-Louis Ladame und Emmanuel Régis über ihn.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Verfahren wird er im November 1898 zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt, da die Todesstrafe in Genf zu dem Zeitpunkt  bereits abgeschafft war. Er sitzt diese im Evêché-Gefängnis in Genf ab. Hier wird er von den anderen Gefangenen isoliert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Gefängnis schreibt er zwischen 1907 und 1909 - mutmaßlich durch die Lektüre von Jean-Jacques Rousseaus &amp;quot;Bekenntnissen&amp;quot; inspiriert - seine Memoiren. Da ein Gefängniswärter ihm, das angefangene Manuskript entwendet, hört er auf, weiterzuschreiben. Eine Veröffentlichung seiner unvollständig gebliebenen Memoiren Erfolg erst 1998 - passend zum 100. Todestag von Sissi. Sie beinhalten überhaupt keine Bezüge mehr zum Anarchismus. Am 19. Oktober 1910 wird er erhängt in seiner Zelle aufgefunden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der anarchistischen Szene wurde die Tat auch umfangreich debattiert - u.a. äußerte sich [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]] in einem Artikel im Sozialisten hierzu und sprach Lucheni ab, ein Anarchist zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Literarisch wurde der Mord u.a. von Mark Twain (&amp;quot;The memorable assassination&amp;quot;), Jean Cocteau (&amp;quot;L'Aigle à deux têtes&amp;quot;) und Giovanni Pascoli (&amp;quot;Im Kerker zu Genf&amp;quot;) verarbeitet. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In der Geschichtsschreibung des Anarchismus ist Lucheni nur eine Marginalie bzw. Fußnote. Er steht im Schatten von Attentätern wie [[Ravachol]] und [[Emile Henry]].&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Quellen ==&lt;br /&gt;
* Luccheni, Luigi: &amp;quot;Ich bereue nichts!&amp;quot;. Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders, herausgegeben von Santo Capo, Paul Zsolnay Verlag Wien 1998.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur ==&lt;br /&gt;
* Cocteau, Jean: L'Aigle à deux têtes, Gallimard Paris 1969.&lt;br /&gt;
* Ladame, Paul-Louis / Régis, Emmanuel: Le régicide Lucheni. Etude d'anthropologie criminelle, Malaiin Paris 1907.&lt;br /&gt;
* Lammel, Matthias: Der Fall Lucheni. Was hat Elisabeth, Kaiserin von Österreich, mit dem Maßregelvollzug zu tun?, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Berlin 2015.&lt;br /&gt;
* Landauer, Gustav: Die Erdolchen der Kaiserin von Österreich (1898), in: Propaganda der Tat. Standpunkte und Debatten, hrsg. von Phillip Kellermann, Unrast Verlag Münster 016, S.149-154.&lt;br /&gt;
* Madras, Maria / Krüger, Anstalt: Das Attentat. Der Tod der Kaiserin Elisabeth und die Tat des Anarchisten Lucheni, Langen Müller München 1998.&lt;br /&gt;
* Pascoli, Giovanni: Im Kerker zu Genf, in: Brigitte Hamann (Hrsg.): Elisabeth. Bilder einer Kaiserin, Amalthea Wien u.a. 1982, S. 162.&lt;br /&gt;
* Schneider, Manfred: Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft, Matthes &amp;amp; Seitz Berlin 2010. &lt;br /&gt;
* Tucker, Benjamin R.: Tucker: Sind Anarchisten Mörder?, Verlag Edition AV‘88 Frankfurt a.M. 1989.&lt;br /&gt;
* Twain, Mark: The memorable assassination, in: Der.: What's man? and other essays, Harper and Brother New York / London 1917, S. 167-181. [https://ebooks.adelaide.edu.au/t/twain/mark/what_is_man/chapter5.html Online-Version]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Text-Sammlung zum Fall: [http://unruhen.org/wp-content/uploads/2013/06/lucheni_textkoerper.pdf Ob mit Dolch, Feile oder Revolver]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Dokumentationen (Film und Fernsehen) ==&lt;br /&gt;
* Sisi und der Anarchist, A 2018.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Maurice_S|Maurice Schuhmann]]'''&lt;br /&gt;
Zuletzt aktualisiert: 28. Januar 2021&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Lexikon der Anarchie: Personen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<title>Wespe</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Literatur: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 195-223.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
Letzte Änderung: 2. Juni 2021.&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17906</id>
		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-06-02T18:31:34Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, Seite 195ff..&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
Der Beitrag wurde im Mai 2021 von Elisabeth Voß erstellt – mit bestem Bemühen, dem Projekt gerecht zu werden, und gleichzeitig um die subjektiv gefärbte Perspektive wissend.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-06-02T18:30:12Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Literatur: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, Seite 195ff..&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17904</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17904"/>
				<updated>2021-06-02T18:28:50Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
WESPE ist die Abkürzung für „Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen“. Diesen Namen gab sich das „Projekt A“ in Neustadt an der Weinstraße, ein größerer Selbstorganisationsversuch in den 1990er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
Im Jahr 1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-06-02T18:27:10Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Lexikon_der_Anarchie_(Archiv-Version)&amp;diff=17902</id>
		<title>Lexikon der Anarchie (Archiv-Version)</title>
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				<updated>2021-05-31T15:47:46Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Inhalt des Lexikons der Anarchie */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{| style=&amp;quot;background-color:transparent;&amp;quot;&lt;br /&gt;
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&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende H E A D E R --&amp;gt;&lt;br /&gt;
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===25 Jahre Lexikon der Anarchie - Zeit für einen Relaunch! . . . ===&lt;br /&gt;
[[bild:Lexikon_der_Anarchie_Degen.jpg|thumb|left|Das von Hans Jürgen Degen herausgegebene &amp;quot;Lexikon der Anarchie&amp;quot;.]]&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Das seit 1993 bestehende und von Hansjürgen Degen gegründete '''Lexikon der Anarchie''' hat sich als ein fundiertes Nachschlagewerk sowohl für die Anarchie- und Anarchismusforschung als auch für die libertäre Bewegung einen Namen gemacht. Nachdem die von Degen herausgegebene Print-Version des Lexikons 1996 aus Kostengründen eingestellt werden musste, haben sich 2006 die Autor*innen des Lexikons in Kooperation mit der Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus (DadA) zur Entwicklung einer Online-Version entschieden, die seitdem unter der Webadresse '''www.lexikon-der-anarchie.de''' kostenlos im Internet genutzt werden kann.&amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[25_Jahre _Lexikon_der_Anarchie_-_Zeit_für_einen_Relaunch!|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&amp;lt;/span&amp;gt; &lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- Ende E I N L E I T U N G --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
I N H A L T  P R I N T A U S G A B E &lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:white; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Das '''[[Lexikon der Anarchie - Projektbeschreibung|Lexikon der Anarchie]]''' (Projektkurzname: '''A-Lex''') will versuchen, für den deutschsprachigen Raum eine umfassende Darstellung aller Personen, aller Sachgebiete und aller Organisationen zu bieten, die in direktem oder indirektem Bezug zum Anarchismus standen oder stehen. &amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Lexikon der Anarchie - Projektbeschreibung|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt; &amp;lt;/span&amp;gt;&lt;br /&gt;
===Inhalt des Lexikons der Anarchie===&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Als Druckversion vergriffen - nun aber in einer überarbeiteteten und erweiterten Fassung im Internet wieder zugänglich - jederzeit und kostenlos: &lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''[[Portal Personen|Personen]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
Siegbert Wolf:&lt;br /&gt;
'''[[Améry, Jean]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Wolfgang Eckhardt: &lt;br /&gt;
'''[[Bakunin, Michail Aleksandrovič]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg: &lt;br /&gt;
'''[[Berkman, Alexander]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Boétie, Etienne de La]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Marcel Gruber:&lt;br /&gt;
'''[[Josef Bovshover|Bovshover, Josef]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Georges Brassens|Brassens, Georges]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Manfred Burazerovic: &lt;br /&gt;
'''[[Brupbacher, Fritz]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Siegbert Wolf: &lt;br /&gt;
'''[[Buber, Martin]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Cafiero, Carlo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Normann Stock/Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
'''[[Camus, Albert]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Blankertz: &lt;br /&gt;
'''[[Cleyre, Voltairine de]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Marianne Kröger:&lt;br /&gt;
'''[[Einstein, Carl]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Léo Ferré|Ferré, Léo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Faure, Sébastian]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Ferrer, Francisco]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Friedrich, Ernst]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Markus Henning: &lt;br /&gt;
'''[[Godwin, William]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Goldman, Emma]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Blankertz: &lt;br /&gt;
'''[[Goodman, Paul]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gerhard Bauer: &lt;br /&gt;
'''[[Graf, Oskar Maria]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hubert van den Berg: &lt;br /&gt;
'''[[Otto Gross|Gross, Otto]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Guillaume, James]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Walter Fähnders: &lt;br /&gt;
'''[[Holzmann, Johannes|Holzmann, Johannes (Pseud. Senna Hoy)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann:&lt;br /&gt;
'''[[Marius Jacob|Jacob, Marius]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Walter Fähnders:&lt;br /&gt;
'''[[Jung, Franz|Jung, Franz]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Richard Cleminson: &lt;br /&gt;
'''[[Ibánez, Félix Martí]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Vacláv Tomek:&lt;br /&gt;
'''[[Kácha, Michael]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Werner Portmann: &lt;br /&gt;
'''[[Koechlin, Heinrich Eduard]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Heinz Hug: &lt;br /&gt;
'''[[Kropotkin, Pjotr Alexejewitsch]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Siegbert Wolf: &lt;br /&gt;
'''[[Landauer, Gustav]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Lazare, Bernard]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Preuß: &lt;br /&gt;
'''[[Lecoin, Louis]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Luigi Lucheni|Lucheni, Luigi]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann:&lt;br /&gt;
'''[[Arsène Lupin|Lupin, Arsène]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg:&lt;br /&gt;
'''[[Dwight Macdonald |Macdonald, Dwight]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Uwe Timm: &lt;br /&gt;
'''[[Mackay, John Henry]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch:&lt;br /&gt;
'''[[Ricardo Flores Magón]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Malatesta, Errico]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Léo Malet|Malet, Léo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Marsden, Dora]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Meijer-Wichmann, Clara]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Michel, Louise]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Morris, William]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Heinz Hug: &lt;br /&gt;
'''[[Mühsam, Erich]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Manfred Burazerovic: &lt;br /&gt;
'''[[Nettlau, Max]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Vacláv Tomek&lt;br /&gt;
'''[[Neumann, Stanislav Kostka]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gerhard Senft: &lt;br /&gt;
'''[[Oppenheimer, Franz]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Olaf Briese: &lt;br /&gt;
'''[[Priber, Christian Gottlieb]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Lutz Roemheld: &lt;br /&gt;
'''[[Proudhon, Pierre-Joeseph]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Adi Rasworschegg: &lt;br /&gt;
'''[[Ramus, Pierre]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jochen Schmück: &lt;br /&gt;
'''[[Reclus, Élisée]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Reich, Wilhelm]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Manfred Burazerovic: &lt;br /&gt;
'''[[Reimers, Otto]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Robin, Paul]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hartmut Rübner: &lt;br /&gt;
'''[[Rocker, Rudolf]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Stefan Blankertz: &lt;br /&gt;
'''[[Rothbard, Murray]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann:&lt;br /&gt;
'''[[Donatien Alphonse François de Sade|de Sade (Marquis de Sade), Donatien-Alphonse-François]]&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Scholem, Gershom]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Stirner, Max]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Henning Zimpel und Walter Fähnders: &lt;br /&gt;
'''[[Streiter, Artur]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Tolstoi, Leo Nikolajewitsch]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Ton Steine Scherben]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch:&lt;br /&gt;
'''[[Traven, B.|Traven, B. (Ret Marut)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg: &lt;br /&gt;
'''[[Tresca, Carlo]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Uwe Timm: &lt;br /&gt;
'''[[Tucker, Benjamin R.]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Vernet, Madeleine]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Vacláv Tomek: &lt;br /&gt;
'''[[Vrbenský, Bohuslav]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Vacláv Tomek: &lt;br /&gt;
'''[[Ward, Colin]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans Jürgen Degen: &lt;br /&gt;
'''[[Weil, Simone]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Wilde, Oscar]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gernot Lennert: &lt;br /&gt;
'''[[Winstanley, Gerrard]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Wintsch, Jean]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Siegbert Wolf: &lt;br /&gt;
'''[[Witkop, Milly|Witkop, Milly]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''[[Portal_Organisationen|Organisationen/Bewegungen]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
Walther L. Bernecker: &lt;br /&gt;
'''[[Confederación National del Trabajo (CNT)]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Gernot Lennert: &lt;br /&gt;
'''[[Diggers]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Walther L. Bernecker: &lt;br /&gt;
'''[[Federación Anarquista Ibérica (FAI) / Iberischer Anarchistischer Bund]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Uwe Brodrecht: &lt;br /&gt;
'''[[Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hartmut Rübner: &lt;br /&gt;
'''[[Freie Arbeiter Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[IAA| Internationale Arbeiter Assoziation (IAA)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder: &lt;br /&gt;
'''[[Juraföderation]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Kibbuzbewegung]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder&lt;br /&gt;
'''[[Mother Earth]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Markus Henning: &lt;br /&gt;
'''[[Provos]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[RASH|Red &amp;amp; Anarchist Skinheads (RASH)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Elisabeth Voss: &lt;br /&gt;
'''[[Wespe]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
'''[[War Resisters' International (WRI)]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''[[Portal_Sachthemen|Sachthemen]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
Jochen Schmück: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchie - Zur Geschichte eines Reiz- und Schlagwortes |Anarchie, Anarchist und Anarchismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Bernd A. Laska: &lt;br /&gt;
'''[[Individualistischer Anarchismus|Anarchismus, Individualistischer]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchismus, Neo-]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchismusforschung, deutschsprachige nach 1945]]''' &lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Maurice Schuhmann: &lt;br /&gt;
'''[[Anarchismusforschung im französischsprachigen Raum]]''' &lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
'''[[Anti-Militarismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Antipädagogik]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Will Firth: &lt;br /&gt;
'''[[Esperanto]]'''&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
Lutz Roemheld: &lt;br /&gt;
'''[[Föderalismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hubert van den Berg: &lt;br /&gt;
'''[[Freie Liebe]]'''&lt;br /&gt;
•&lt;br /&gt;
Olaf Briese: &lt;br /&gt;
'''[[Frühromantik]]'''&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Freiheit]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Michael Bovenschen: &lt;br /&gt;
'''[[Haymarket]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Masamichi Osawa: &lt;br /&gt;
'''[[Japan]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Chaim Seeligmann: &lt;br /&gt;
'''[[Judentum und Anarchismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Walter Fähnders: &lt;br /&gt;
'''[[Kampf (die Zeitschrift)|&amp;quot;Kampf&amp;quot; (die Zeitschrift)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Thom Holtermann: &lt;br /&gt;
'''[[Libertäres Recht|Libertäres Recht]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Johannes Hilmer: &lt;br /&gt;
'''[[Märzrevolution]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Jörg Auberg: &lt;br /&gt;
'''[[Marxismus]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Rolf Raasch:&lt;br /&gt;
'''[[Mexikanische Revolution]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Hans-Ulrich Grunder:&lt;br /&gt;
'''[[Mother Earth]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Pädagogik (historisch)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Wolfram Beyer: &lt;br /&gt;
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• &lt;br /&gt;
Gerhard Kern: &lt;br /&gt;
'''[[Selbstverwaltung]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Ulrich Klemm: &lt;br /&gt;
'''[[Schulen, Weltliche]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Dieter Scholz: &lt;br /&gt;
'''[[Schwarze Fahne]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Václav Tomek:  &lt;br /&gt;
'''[[Tschechischer Anarchismus (1880-1925)]]'''&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
Mina Grauer: &lt;br /&gt;
'''[[Zionismus]]'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;/span&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende I N H A L T  P R I N T A U S G A B E   --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
L E G E N D E  A R T I K E L&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color: #FFFFEC; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
'''Legende''': Die '''&amp;lt;span style=&amp;quot;color:#0645AD&amp;quot;&amp;gt;fett hervorgehobenen und als blauer Link&amp;lt;/span&amp;gt;''' erkennbaren Titel sind redaktionell abgeschlossenen Beiträge, während die &amp;lt;span style=&amp;quot;color:#0645AD&amp;quot;&amp;gt;'''''fett und kursiv'''''&amp;lt;/span&amp;gt; markierten Beiträge noch bearbeitet und demnächst redaktionell abgeschlossen werden. Die als '''&amp;lt;span style=&amp;quot;color:#CD2626&amp;quot;&amp;gt; roter Link&amp;lt;/span&amp;gt;''' gekennzeichneten Beiträge sind entweder Themen, für die sich bereits ein/e Autor*in gefunden hat oder es sind (und dies vor allem als rote Links in den bestehenden Lexikonbeiträgen) Themenvorschläge, zu denen wir noch Autor/*innen suchen, die dieses Thema gerne bearbeiten möchten.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende L E G E N D E  A R T I K E L --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- ####################### ENDE LINKE SPALTE ####################### --&amp;gt;&lt;br /&gt;
| width=&amp;quot;40%&amp;quot; style=&amp;quot;vertical-align:top&amp;quot; |&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- ####################### BEGINN RECHTE SPALTE ########################### --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
Kurznachricht &lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color: #F2F2F2; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:ALibro-Logo.png|right|150px]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===[[Das_aLibro-Projekt|aLibro: Die Fachbuchhandlung für Anarchie und Anarchismus]]===&lt;br /&gt;
Die Autorenbuchhandlung des DadAWeb ist auf Literatur spezialisiert, die für die deutschsprachige Anarchie- und Anarchismusforschung von Interesse ist. Neben '''[https://www.alibro.de/Die-Neuerscheinungen:::436.html aktuellen Neuerscheinungen]''' und noch lieferbaren Titeln aus der Backlist bietet '''[http://www.alibro.de aLibro]''' auch '''[https://www.alibro.de/Antiquariat:::427.html antiquarische Bücher]''' sowie '''[https://www.alibro.de/Raritaeten/Sammlerstuecke:::428.html echte Raritäten für Sammler]''' an. Darüber hinaus wird '''[http://www.alibro.de aLibro]'''  in Kooperation mit Buch- und Zeitschriftenverlagen auch digitale Publikationen (z.B. Fachaufsätze oder eBooks von vergriffenen Buchtiteln) anbieten. &amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Das_aLibro-Projekt|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;  &lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende Kurznachricht  --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
DADA BUCHEMPFEHLUNG&lt;br /&gt;
&amp;gt;&amp;gt;&amp;gt;Hier die jeweils jüngste DadA-Buchempfehlung einstellen&amp;lt;&amp;lt;&amp;lt;&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color:white; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die DadA-Buchempfehlung===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===[[Nicolas Walter &amp;amp; Jochen Schmück: Betrifft: Anarchismus. Leitfaden in die Herrschaftslosigkeit]]===&lt;br /&gt;
[[Bild:978-3922226284_Walter-Betrifft_Anarchismus_2018_800px.png|right|150px]]&lt;br /&gt;
Mit einem biografischen Nachwort von Natasha Walter. Herausgegeben, neu aus dem Englischen übersetzt, mit einem Geleitwort, Anmerkungen und einer kommentierten Anarchismus-Bibliografie versehen von Jochen Schmück. Potsdam: Libertad Verlag, 2018 (3. aus d. Engl. neu übersetzte und erweiterte Ausgabe). Paperback, 200 Seiten, ISBN: 978-3922226284.&lt;br /&gt;
12,80 €.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Knapp 50 Jahre nach der erstmaligen Publikation von Nicolas Walters „Betrifft: Anarchismus“, „seinem Herzensprojekt“, in der britischen Zeitschrift Freedom erscheint nun eine Neuübersetzung jenes Klassikers, der bereits 1979 erstmalig auf Deutsch erschien - schon damals vom heutigen Verleger publiziert - und mittlerweile in etliche Sprachen übersetzt wurde. Die vorliegende Ausgabe wurde 2002 mit einem Nachwort seiner Tochter Natasha Walter, einer feministischen Journalistin, herausgegeben und hier zum ersten Mal in deutscher Sprache publiziert.&lt;br /&gt;
&amp;lt;br&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Nicolas Walter &amp;amp; Jochen Schmück: Betrifft: Anarchismus. Leitfaden in die Herrschaftslosigkeit|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;  &lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende DadA-Buchempfehlung --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
BESPRECHUNGEN&lt;br /&gt;
&amp;gt;&amp;gt;&amp;gt;Hier Rezensionen und Presseberichte über das ALex-Projekt veröffentlichen&amp;lt;&amp;lt;&amp;lt;&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color: #ECF7FF; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===[[Besprechungen des Lexikons der Anarchie]]===&lt;br /&gt;
&amp;quot;Das Lexikon [der Anarchie] ist eine ausgezeichnete Informationsquelle, deren Herausgabe hoffentlich fortgesetzt wird, so dass man ein besseres Verständnis über die Mannigfaltigkeit des Anarchismus bekommen kann.&amp;quot; (''Arbejterhistorie''. Tidsskrift for Historie, Kultur og Politik, Kopenhagen). &amp;lt;nowiki&amp;gt;[&amp;lt;/nowiki&amp;gt;'''[[Besprechungen des Lexikons der Anarchie|. . . mehr]]'''&amp;lt;nowiki&amp;gt;]&amp;lt;/nowiki&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&amp;lt;!-- Ende BESPRECHUNGEN --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
I N H A L T E  W E I T E R E N T W I C K E L N&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; border:1px solid #68A; padding:0em 1em 1em 1em; background-color:#F7ECFF; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Inhalte weiterentwickeln===&lt;br /&gt;
Nutze die Möglichkeit zum Dialog mit den AutorInnen des '''Lexikons der Anarchie''', indem Du Deine Meinung und Deine Verbesserungsvorschläge auf der '''Diskussions-Seite''' veröffentlichst, die es zu jedem Artikel gibt. Mitreden und mitmachen kann jede/r, die/der sich auf dem DadAWeb-Portal '''[[Projektteilnahme|als aktive BenutzerIn registriert]]''' hat.&lt;br /&gt;
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&amp;lt;!-- Ende Eintrag I N H A L T E  W E I T E R E N T W I C K E L N --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
ALEX JOBBÖRSE&lt;br /&gt;
&amp;gt;&amp;gt;&amp;gt;Hier die Jobs im DadA/ALex-Projekt auflisten&amp;lt;&amp;lt;&amp;lt;&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:white; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Die ALex-Jobbörse===&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
Neben neuen AutorInnen brauchen wir für den Aufbau des '''Lexikons der Anarchie''' auch in anderen Bereichen des Projektes '''dringend Unterstützung'''. Dies gilt insbesondere für die folgenden Bereiche: Projektmanagement • Systemadministration • Webdevelopment • Grafik- und Webdesign • Contentmanagement • Lektorat • Redaktion • Öffentlichkeitsarbeit/Promotion • Produktentwicklung. &lt;br /&gt;
&amp;lt;/span&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- Ende ALEX JOBBÖRSE --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!--&lt;br /&gt;
PROJEKTWERKSTATT&lt;br /&gt;
--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color: #ECFFF6; font-size:85%&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Projektwerkstatt===&lt;br /&gt;
&amp;lt;span style=&amp;quot;font-size:120%;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Projektbeschreibung|Lexikon der Anarchie: Projektbeschreibung]]&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Konzept#Wie_kann_ich_das_Lexikon_der_Anarchie_unterst.C3.BCtzen.3F|Wie kann ich das Lexikon der Anarchie unterstützen? ]]'''&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Konzept|Das Konzept]]&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Editoriale_Regeln|Die editorialen Regeln]]&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Redaktionelle_Regeln|Die redaktionellen Regeln]]&lt;br /&gt;
• &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Projektbeschreibung#Lexikon_der_Anarchie_-_Inhaltsverzeichnis_der_Printversion|Inhalt der Printversion und Arbeitsplan zur Digitalisierung]]&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
[[Lexikon_der_Anarchie_-_Projektbeschreibung#Lexikon_der_Anarchie_.28Internetversion.29_-_Vorschl.C3.A4ge_f.C3.BCr_neue_Beitr.C3.A4ge|Geplante neue Beiträge]]&lt;br /&gt;
•  &lt;br /&gt;
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&amp;lt;!-- Ende Eintrag PROJEKTWERKSTATT--&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- ####################### ENDE RECHTE SPALTE ####################### --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
|-&lt;br /&gt;
| colspan=&amp;quot;2&amp;quot; |&lt;br /&gt;
&amp;lt;!-- P O R T A L E  --&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;div class=&amp;quot;BoxenVerschmelzen&amp;quot; style=&amp;quot;background-color:white; padding:0em&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
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__NOTOC__&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-05-31T15:43:14Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Wohnen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats (https://www.syndikat.org/de/) und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17900</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17900"/>
				<updated>2021-05-31T14:30:59Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Wohnen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz (vgl. https://www.syndikat.org/de/gescheitert/). Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-05-31T14:27:26Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Vernetzung: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (https://www.kommuja.de), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17898</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17898"/>
				<updated>2021-05-31T14:25:23Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen (https://abraxas-biomarkt.de) und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17897</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17897"/>
				<updated>2021-05-31T14:23:35Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Was bleibt? */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen und Buchladen (https://482680.umbreitshopsolution.de/#) bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
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		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-05-31T14:20:41Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Was bleibt? */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen und Buchladen bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest (https://www.kulturverein-wespennest.de) im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17895</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17895"/>
				<updated>2021-05-31T14:18:52Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Was bleibt? */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen und Buchladen bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv (http://anarchiv.de) hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17894</id>
		<title>Wespe</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17894"/>
				<updated>2021-05-31T14:11:53Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: /* Literatur: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen und Buchladen bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/herrschaftsfrei-leben-projektanarchismus/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17893</id>
		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-05-31T14:10:17Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen und Buchladen bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/10/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat-2/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Wespe&amp;diff=17892</id>
		<title>Wespe</title>
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				<updated>2021-05-31T14:08:39Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Maurice S: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
Wespe - Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Die Idee: ==&lt;br /&gt;
1985 erschien „Das Projekt A“ von [[Horst_Stowasser_-_Gedenkseite|Horst Stowasser]] (1951-2009) als DIN-A4-Broschüre in kleiner Auflage. Es war nicht im Buchhandel zu bekommen, sondern wurde in nummerierten Exemplaren persönlich weitergegeben. Darin entfaltete der Autor Ideen eines Projekts zur umfassenden gesellschaftlichen Veränderung, die seit einigen Jahren in bundesweiten Zusammenhängen diskutiert worden waren. &lt;br /&gt;
Im Projekt A soll die Trennung zwischen Privatleben, Erwerbsarbeit und politischen Aktivitäten aufgehoben werden. Alle Lebensbereiche werden kollektiv organisiert. Kernstück sind die „Doppelprojekte“: Eine Gruppe, deren Mitglieder auch zusammen wohnen, betreibt gemeinsam sowohl ein wirtschaftliches Unternehmen, als auch ein kulturelles, soziales oder politisches Projekt, das aus den Gewinnen des Unternehmens finanziert wird. Mehrere solcher Doppelprojekte vernetzen sich und wirtschaften gemeinsam.&lt;br /&gt;
Ausgangspunkt dieses Projektanarchismus sollte eine verschlafene, westdeutsche Kleinstadt sein. „In meinem Projekt geht es unter anderem darum, ein lustvolles Leben zu leben, ohne sich dessen zu schämen, ohne dass es auf Kosten anderer Menschen, der politischen Aktivitäten oder arroganter Ausbeutung anderer geschieht.“ An immer mehr Orten sollten solche Projekte entstehen, einen gemeinsamen Rat bilden, und Schritt für Schritt soll sich dieses neue, attraktive Lebensmodell ausweiten. Nach Horst Stowassers Vorstellung wird aus dem Projekt A „ein dynamisches Konzept, eine Idee, die sich über das ganze Land – ja (bitte nicht lachen) über die ganze Welt ausbreiten kann. Soll!“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Geschichte: ==&lt;br /&gt;
Nach jahrelangen Diskussionen im bundesweiten &amp;quot;Projekt A&amp;quot;-Zusammenhang (der sich 1994 auflöste) wurden drei Orte ausgewählt: Leer in Ostfriesland, Alsfeld in der Nähe von Frankfurt am Main, und das pfälzische Neustadt an der Weinstraße. Leer kam nicht richtig ins Laufen. Der erste Versuch in Alsfeld scheiterte an den Menschen und ihrem problematischen Miteinander. So kam die „Bewerbung“ der Neustädter*innen zum Zuge und es entstand das Projekt A in Neustadt an der Weinstraße unter dem Namen &amp;quot;Werk selbstverwalteter Projekte und Einrichtungen&amp;quot; (WESPE). Dort gab es eine lokale Szene und ein paar selbstverwaltete Betriebe. Im Laufe der Jahre zogen immer mehr Leute dorthin, und nach dem Scheitern von Alsfeld kam auch Horst Stowasser 1990 nach Neustadt.&lt;br /&gt;
Ende 1989 wurde eine ehemalige Fabrik erworben und zum Projektzentrum &amp;quot;Ökohof&amp;quot; umgebaut, weitere Betriebe entstanden, das Projekt wuchs auf mehr als 100 Menschen an. Es ging nicht darum, die Ideen aus dem Projekt-A-Buch eins zu eins umzusetzen, das hatte auch Horst Stowasser nicht erwartet. Die WESPE hat sich nie als Gruppe mit einer bestimmten politischen Ideologie verstanden. Der anarchistische Anspruch bestand ausdrücklich in einer Offenheit für jede*n, wer sich dazugehörig fühlte. Von den Zugezogenen kamen einige wegen dem Projekt A mit einer politischen Perspektive. Andere wollten in einem bestimmten Kollektiv arbeiten. Es kamen auch Leute, die mit Politik nicht viel am Hut hatten, aber das soziale Miteinander schätzten. Gemeinsam war allen, dass sie – wenn auch auf unterschiedliche Weise – für sich und ihr Leben mehr suchten, als die bürgerliche Gesellschaft zu bieten hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Kollektivbetriebe: ==&lt;br /&gt;
Im Zuge des Ökohof-Ausbaus gründeten sich eine Bauschreinerei und ein Betrieb für ökologische Haustechnik, und es entstanden weitere Kollektivbetriebe. Zu guten Zeiten waren es 12 bis 13 Unternehmen, am erfolgreichsten entwickelten sich der Bioladen und das Umweltlabor. Hatte Horst Stowasser noch die Idee gehabt, dass die Betriebe ganz „normale“ Firmen sein sollten, wie Supermärkte oder Tankstellen, waren die Neustädter Kollektive – ebenso wie in anderen Städten – sehr anspruchsvoll. Ihre Produkte und Dienstleistungen waren hochwertig und ökologisch.&lt;br /&gt;
Für die Zugehörigkeit zur WESPE gab es keine festen Kriterien. Jeder Betrieb wirtschaftete autonom, aber es gab gemeinsame informelle Zielvorstellungen hinsichtlich gemeinschaftlichem Eigentum, kollektiven Entscheidungsstrukturen und Einheitslöhnen. Die Produkte sollten ökologischen und ethischen Anforderungen genügen. Für Konflikte zwischen den Betrieben wurde eine Schlichtungsvereinbarung getroffen. &lt;br /&gt;
Die selbstverwalteten Betriebe organisierten sich im RGW (Rat für gemeinsames Wirtschaften). Für Liquiditätsengpässe gab es einen Fonds. Wenn zum Beispiel ein Kollektiv Material für einen größeren Auftrag vorfinanzieren oder größere Warenbestände einkaufen musste, konnte der Betrag kurzfristig ausgeliehen werden. Das Geld dafür stammte aus dem Verkauf des Projekt A-Hauses in Alsfeld und wurde durch monatliche Beiträge der Kollektive aufgestockt.&lt;br /&gt;
Die im Projekt A-Konzept vorgesehenen Doppelprojekte konnten nicht umgesetzt werden, weil die Betriebe keine Gewinne erwirtschafteten, die sie mit anderen hätten teilen können, sondern um ihre Existenz kämpfen mussten. Jedoch wäre WESPE nicht möglich gewesen ohne das – auch ökonomische – Zusammenwirken der Betriebe und Einzelpersonen. Gemeinsame Arbeitseinsätze, Kredite und Bürgschaften für den Ökohof, aber auch für einzelne Betriebe stellten einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar. &lt;br /&gt;
Die Einheits- oder Bedarfslöhne lagen etwa zwischen 1.100 und 1.500 DM netto im Monat, zuzüglich betrieblicher Zuschläge für Kinder. Eltern oder dauerhafte Bezugspersonen von Kindern wurden innerhalb ihrer bezahlten Arbeitszeit für zwei bis vier halbe Tage pro Woche von den Betrieben zur Kinderbetreuung freigestellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wohnen: ==&lt;br /&gt;
Das Wohnen war weniger kollektiv organisiert. Es gab einige kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften, manche wohnten aber auch alleine oder ganz traditionell als Kleinfamilie. Im Projekt gab es große Vermögensunterschiede, teilweise gab es Mietverhältnisse mit Hauseigentümern aus dem Projekt. Der Versuch, ein ehemaliges Kasernengelände am Stadtrand zu erwerben, um dort Wohn- und Arbeitsräume für Viele zu schaffen, scheiterte an menschlichen Zerwürfnissen. Ab Mitte der 90er Jahre verließen immer mehr Leute das Projekt.&lt;br /&gt;
Später gab es einen erneuten Versuch gemeinschaftlichen Wohnens einer Gruppe um Horst Stowasser. Diese organisierte sich unter dem Dach des Mietshäuser Syndikats und erwarb im Frühjahr 2008 den Eilhardshof. Während des Ausbaus geriet das Vorhaben 2010 in die Insolvenz. Neben gestiegenen Baukosten lag dies auch an Problemen innerhalb der Gruppe. Ein lehrreiches Resumee hat Michel Boltz im November 2010 in CONTRASTE veröffentlicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Politik und Projekte: ==&lt;br /&gt;
Die Mediengruppe Publik brachte monatlich die WESPE-Zeitung Stichpunkte heraus, in der alle wichtigen Projekt-Infos für Mitglieder und ihr Umfeld veröffentlicht wurden. Das interne Blättchen xyz diente mit Protokollen der verschiedenen Gremien in WESPE und Diskussionsbeiträgen der internen Transparenz. Dort wurden auch immer wieder Streitereien ausgetragen. Die Kulturgruppe Wespennest organisierte als Verein Musik und Literaturveranstaltungen.&lt;br /&gt;
Es gab viele politische Initiativen, zum Beispiel gegen den Golfkrieg oder das Atomkraftwerk Philippsburg, praktische Solidarität mit Flüchtlingen, verschiedene Antifa-Aktionen und eine projektinterne Struktur zur finanziellen Hilfe für Frauen, die von der Verschärfung des Abtreibungsparagrafen 218 betroffen waren.&lt;br /&gt;
Auf dem Gelände des Ökohof wurde ein kleineres Gebäude reisenden Handwerker*innen überlassen, die es sich als Herberge ausbauten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Vernetzung: ==&lt;br /&gt;
WESPE gehörte damals zum Kommuja-Netzwerk politischer Kommunen (), auch wenn es ein Grenzfall war, denn es wohnten ja nicht alle zusammen und es gab auch nur eine teilweise gemeinsame Ökonomie. In seiner Diplomarbeit hat Jens Herrmann (https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte) die Kommunen Niederkaufungen, Schäfereigenossenschaft Finkhof und WESPE untersucht.&lt;br /&gt;
Ein weiteres Netzwerk, in dem WESPE sich mit anderen Projekten austauschte, war das INCOF (international network of co-operative federations), das aus einem Treffen 1995 nach einem CONTRASTE-Schwerpunkt „Allein machen sie dich ein – Gegenseitige Hilfe in branchenübergreifenden Zusammenschlüssen“ (Mai 1994) über dezentrale anarchistische Projekte entstand. Sieben Jahre lang trafen sich jedes Jahr um den 3. Oktober herum libertäre Projekte aus Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich, Schweden und Deutschland.&lt;br /&gt;
Horst Stowasser hatte eigene Netzwerke und bewegte sich weltweit in projektanarchistischen Zusammenhängen. Besonders enge Beziehungen hatte er nach Katalonien und Argentinien. Immer wieder kamen Freund*innen nach Neustadt zu Besuch, trafen dort auch andere WESPE-Mitglieder und es gab auch Gegenbesuche.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Struktur und Konflikte: ==&lt;br /&gt;
Formal war WESPE als Verein organisiert, jedoch sollte das im Alltag keine Rolle spielen. Oberstes Entscheidungsgremium war das monatliche Plenum, alle Entscheidungen wurden im Konsens getroffen. Das Plenum war offen für alle, die sich als am Projekt beteiligt verstanden. Eine formale Mitgliedschaft war anfangs nicht erforderlich.&lt;br /&gt;
Durch das schnelle Anwachsen des Projektes ging nach und nach das Wir-Gefühl der ursprünglichen Gruppe verloren. Es gab nicht mehr die große WESPE-Familie, sondern verschiedene Untergruppen wie Frauen- oder Kommunegruppe, und manch Einzelne blieben draußen und rutschten durchs soziale Netz.&lt;br /&gt;
Es gab eine Reihe von Konflikten, die 1994 eskalierten. Auslöser war der Auftritt der Kölner Polit-Punk-Kabarett Gruppe &amp;quot;Heiter Bis Wolkig&amp;quot; auf einer Veranstaltung der Kulturgruppe Wespennest im Hambacher Schloss, obwohl es einen Vergewaltigungsvorwurf gegen ein Bandmitglied gab. Es gab Proteste, tiefe Enttäuschungen und schwere Zerwürfnisse. Die Grundlagen des Projekts erwiesen sich in dieser Konfliktsituation als wenig tragfähig. Vor allem Frauen verließen enttäuscht die WESPE.&lt;br /&gt;
Die Versuche, mit einem moderierten Plenum und einer stärkeren Formalisierung zu mehr Verbindlichkeit und einer besseren Zusammenarbeit zu kommen, konnten das Projekt nicht mehr retten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Was bleibt? ==&lt;br /&gt;
Bis heute gibt es das Projektzentrum „Ökohof“, eine ehemalige Möbelfabrik im Eigentum des WESPE – Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung. In den Wohnungen leben Leute, die der Wespe nahestehen, einige Gewerberäume sind an kleine Betriebe ohne kollektive Struktur vermietet. Die meisten selbstverwalteten Betriebe mussten aus finanziellen Gründen schließen, oder weil die Kollektivist*innen andere Lebenspläne hatten und gingen. Manche werden als Einzelunternehmen weitergeführt. Nur Bioladen und Buchladen bestehen bis heute, mit jeweils einem dreiköpfigen Betreiber*innen-Kollektiv und Angestellten.&lt;br /&gt;
Nach wie vor ist der Kulturverein Wespennest im Ökohof ansässig und organisiert Veranstaltungen. Auch das von Horst Stowasser gegründete AnArchiv hat nach seinem Tod im Ökohof ein neues Zuhause gefunden und wird nun vom Horst-Stowasser-Institut betrieben. Nach wie vor gibt es auf dem Gelände auch die Herberge für reisende Gesell*innen, die sich ihr kleines Haus schön zurecht gemacht haben und sich vollkommen selbst organisieren.&lt;br /&gt;
Geblieben sind auch die Erfahrungen derjenigen, die damals dabei waren, deren Träume und Sehnsüchte sich vielleicht zumindest zeitweilig erfüllt haben, teils aber auch bitter enttäuscht wurden. Im Juni 2019 wurde in Neustadt an der Weinstraße der 30. Geburtstag des einstmals größten anarchistischen Projekts der Bundesrepublik gefeiert. Mehr als 80 Leute kamen in den Ökohof. Viele von denen, die gegangen sind, erinnern sich noch gerne an ihre Zeit in der WESPE und haben sich ein Zugehörigkeitsgefühl erhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Nachgedanken: ==&lt;br /&gt;
Nur die wenigsten der Dabeigewesenen leben heute nach den alten Idealen in Wohnprojekten, Kommunen oder Kollektivbetrieben. In Neustadt ist es nicht gelungen, eine stabile und auskömmliche alternative, oder – wie es heute genannt wird – solidarische Ökonomie aufzubauen. Ebenso wenig ist es gelungen, die Beteiligten dauerhaft an selbstorganisierte Lebensformen zu binden.&lt;br /&gt;
Das wirft Fragen auf, die am besten von denen selbst beantwortet werden könnten, die sich nach einer Zeit des anarchistischen Aktivismus für abhängige Beschäftigungsverhältnisse, Mietwohnung, parlamentarische Politik etc. entschieden haben: Welche Faktoren wären hilfreich gewesen, damit ein kollektiv selbstorganisierter Alltag nicht nur eine biographische Durchgangsstation, sondern ein nachhaltiges Lebensmodell hätte sein können? Umgekehrt: Was waren die Faktoren, die dies verhindert haben? Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen für die Frage, wie es gelingen könnte, die Selbstverwaltungswirtschaft so attraktiv zu gestalten, dass sie als begehrtes Lebensmodell immer mehr Zulauf bekommt? Oder ist das nur ein Wunschtraum, eine Illusion, von der mensch sich verabschieden sollte?&lt;br /&gt;
Hängen die Dabeigewesenen noch an ihren alten Idealen, und wenn ja, wie gehen sie mit dem Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit im eigene Leben um? Wenn nein, warum haben sie sich von den Idealen verabschiedet? Wenn es gelänge, sich über diese Fragen wohlwollend und solidarisch auszutauschen, mit Respekt für individuelle Ambivalenzen und Notwendigkeiten, dann könnten die WESPE-Erfahrungen sicher eine wertvolle Inspirationsquelle für politische Strategien und libertäre Projektpraxen sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Wann, wenn nicht jetzt? ==&lt;br /&gt;
Gustav Landauer, vor über 100 Jahren brutal ermordet, ist vielleicht heute aktuell wie nie. Er schrieb 1913: „Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsre Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserm neuen, dem sozialen Markte tauschen und den kapitalistischen vermeiden.“ &lt;br /&gt;
Wer glaubt denn heute noch, dass reformistische Veränderungen des Bestehenden angesichts der vielen Katastrophen grundlegend etwas helfen könnten? Patriarchale Macht- und Ausbeutungsverhältnisse zerstören weltweit die natürlichen und gesellschaftlichen Lebensgrundlagen, Menschenrechte und globale Soziale Rechte werden täglich massenhaft verletzt. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es grundlegend zu fragen, wie die Befreiung aus zumindest potenziell entwürdigenden abhängigen Beschäftigungs- und Mietverhältnissen, aus Abhängigkeiten als Konsumierende und Objekte machtvoller Politiken gelingen könnte.&lt;br /&gt;
Braucht nicht die Welt mehr denn je Utopien und Menschen, die diese mit Mut und Entschlossenheit auch umsetzen? Wie kann Arbeit als Quelle des guten Lebens vom Joch der Ausbeutung und Missachtung befreit werden und sich zu selbstbestimmter, erfüllender Tätigkeit in gemeinschaftlicher Verantwortung wandeln? Wie kann das Menschenrecht auf Wohnen ohne abhängige Mietverhältnisse organisiert werden? Wie können die Produkte und Leistungen jenseits kapitalistischer Märkte zu denen gelangen, die sie benötigen? Wie entwickelt sich Kultur, wenn sie keine Ware ist? Wie kann die Welt im Kleinen und im Großen gestaltet werden, wenn Politik nicht mehr karrieristisch in hierarchischen Parteien organisiert wird? Und vor allem: Wie können alle Lebensbereiche nicht nur zusammen gedacht, sondern auch verbindlich und gleichzeitig unter Wahrung individueller Selbstbestimmung aufeinander abgestimmt gemeinschaftlich organisiert werden? &lt;br /&gt;
Kann der Traum vom selbstbestimmten Leben unter Freien und Gleichen Antworten geben auf die Herausforderungen unserer Zeit? Wie kann der Traum Wirklichkeit werden, und was können die Erfahrungen der WESPE dazu beitragen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Literatur: ==&lt;br /&gt;
Auszüge aus den folgenden eigenen Veröffentlichungen wurden verwendet, ohne die Zitate gesondert auszuweisen:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Gemeinsam wohnen und arbeiten – Kommunen und andere selbstorganisierte Lebensgemeinschaften, in: Degen, Hans Jürgen / Knoblauch, Jochen (Hg.): Anarchismus 2.0 – Bestandsaufnahmen. Perspektiven. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in der WESPE in Neustadt an der Weinstraße – Teil 1, in: Graswurzelrevolution 441, September 2019 (https://www.graswurzel.net/gwr/2019/09/hierarchiefrei-leben-ohne-chef-und-staat/).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Hierarchiefrei leben, ohne Chef und Staat? Projektanarchismus in Neustadt an der Weinstraße – Teil 2, in: Graswurzelrevolution 442, Oktober 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Herrschaftsfrei leben – Projektanarchismus. Buchbesprechung zur Neuauflage von Horst Stowasser: Das Projekt A, in: Libertäre Buchseiten, GWR 442, Oktober 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Weitere Veröffentlichungen zur WESPE / Projekt A in Neustadt an der Weinstraße:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• [[Landauer, Gustav|Gustav Landauer]]: Flugblatt 3 des Sozialistischen Bundes: Die Siedlung, 1913, online auf https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/gustav-landauer/103-gustav-landauer-drei-flugblaetter.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst Stowasser – Wege aus dem Ghetto: Die anarchistische Bewegung und das Projekt A. Unkorrigierter Vorabdruck aus: Rolf Cantzen (Hrg.): „Anarchismus – Was heißt das heute“. Als Broschüre erschienen im An-Archia-Verlag 1990, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte/6130-horst-stowasser-die-anarchistische-bewegung-und-das-projekt-a.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Jens Herrmann: Politische Kommuneprojekte (Auszüge aus seiner Diplomarbeit), Berliner Umweltzeitung Rabe Ralf, 2001, online auf https://www.anarchismus.at/texte-anarchismus/kommuneprojekte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Michel Boltz: Der Eilhardshof ist gescheitert. Neustadt an der Weinstraße: Interessenten gesucht, in: CONTRASTE – Monatszeitung für Selbstorganisation 314, November 2010, online auf http://www.trend.infopartisan.net/trd1214/t321214.html.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
• Horst-Stowasser-Institut e.V. (Hrsg.): Horst Stowasser: Das Projekt A, bearbeitet von Michael Schläger, Verlag Edition AV, Bodenburg 2019.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Autorin: [[Elisabeth Voss]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
{{Copyright}}&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Maurice S</name></author>	</entry>

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