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		<title>DadAWeb - Benutzerbeiträge [de]</title>
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		<title>Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)</title>
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				<updated>2013-01-13T11:35:56Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Verbreitung */ Bild ist gelöscht&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die FöGA wurde 1980 in der Bundesrepublik Deutschland als	&lt;br /&gt;
bundesweite Organisation gegründet. Ihre Entstehung hängt eng&lt;br /&gt;
mit der erstmals 1972 herausgegebenen Zeitung „[[Graswurzelrevolution]]&amp;quot; ([[GWR]]) und der [[Graswurzelbewegung]] zusammen. Der Begriff [[Graswurzelrevolution]] ist dem US-amerikanischen &amp;quot;Grassrootsmovement&amp;quot; entlehnt. Die Gruppen in der Bundesrepublik Deutschland&lt;br /&gt;
füllen ihn jedoch mit radikaleren Inhalten, als im anglo-amerikanischen Raum gebräuchlich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit dem Begriff [[Graswurzelrevolution]] werden alle Gruppen&lt;br /&gt;
und Bewegungen bezeichnet, die die Gesellschaft von unten, also&lt;br /&gt;
von der Basis — und nicht als Partei oder staatliche Organisation&lt;br /&gt;
- verändern wollen. Dabei wird versucht, „neben der Kritik an den&lt;br /&gt;
bestehenden Verhältnissen, sich heute zumindest schon in Ansätzen so zu organisieren, wie später die Gesellschaft insgesamt sein&lt;br /&gt;
soll&amp;quot; ([[GWR]], Nr. 1).&lt;br /&gt;
Die Zeitung „[[Graswurzelrevolution]]&amp;quot; war mit dem Ziel angetreten, den Zusammenhang, zwischen [[Gewaltfreiheit]] und [[libertären Sozialismus]] aufzuzeigen, und dazu beizutragen, dass die&lt;br /&gt;
pazifistische Bewegung sozialistisch und die linkssozialistische&lt;br /&gt;
Bewegung in ihren Kampfformen gewaltfrei werde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Anfänglich orientierte sie sich an Bewegungen in anderen&lt;br /&gt;
Ländern, in denen die „Grassrootsmovement&amp;quot; schon stärker aus&lt;br /&gt;
geprägt war. Es entwickelte sich ein Netz [[gewaltfreier Aktionsgruppen]], welches vor allen Dingen im Anti-AKW-Bereich arbeitete. 1980 bildete sich dann aus diesem Netzwerk eine verbindlichere Organisation, die FöGA. Ende der 90iger Jahre löste sich diese verbindliche Organisationstruktur auf.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Ostermarsch1.jpg|thumb|left|240px|Ostermarsch]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Foega.jpg|thumb|right|240px|FöGA Logo]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Organisation==&lt;br /&gt;
In der FöGA konnten sowohl Einzelpersonen wie auch Gruppen Mitglied werden. Ihre Organisationsstruktur wurde in „Arbeitsrichtlinien&amp;quot; beschrieben. Die Einzelmitglieder trafen sich mindestens&lt;br /&gt;
einmal im Jahr zum Bundestreffen, dem höchsten Entscheidungsorgan der FöGA. Zwischen den Bundestreffen traf sich etwa alle drei Monate der Koordinierungsrat der FöGA, auch Korat genannt. Dieser traf die Entscheidungen zwischen den Bundestreffen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Korat bestand vorwiegend aus Gruppendelegierten, die mit einem [[imperativen Mandat]] ausgestattet werden konnten. Grundsätzlich durfte nur über Sachen entschieden werden, die vorher in den Gruppen besprochen wurden. Die Entscheidungsfindung verlief nach dem Konsensprinzip. Dabei bedeutete [[Konsens]] nicht Einstimmigkeit, sondern es sollte versucht werden, eine Einigung zu erreichen. Konnte diese nicht erreicht werden, trat ein Abstimmungsmodus in Kraft, der „Aktiver Minderheitenschutz&amp;quot; genannt wurde. Bei diesem müssen über 50 % für den zuvor diskutierten Antrag sein, und es dürfen gleichzeitig nicht mehr als 15 % dagegen sein, dass er angenommen wird. Die überstimmte Minderheit hattte das Recht ihre Position in dem veröffentlichten Beschluss darzulegen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Programm==&lt;br /&gt;
Für die FöGA bedingt die Form der Organisation ihre Inhalte und umgekehrt. Eine Trennung zwischen Organisation und Programm, wie sie bei traditionellen Organisationsformen angewendet wird, widerspricht dem Anspruch der FöGA. Die Prinzipienerklärung der FöGA spiegelt die üblichen anarchistischen Prinzipien wider. So wird jedwede nationalstaatliche Grenzziehung abgelehnt, eine selbstverwaltete sozialistische Wirtschaftsordnung angestrebt, die Ersetzung des [[Staat]]es durch ein Gemeinwesen gefordert, in welchem Minderheiten- und [[Menschenrechte]] sowie Formen direkter basisdemokratischer Entscheidungsfindung verwirklicht&amp;quot; sind. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Neu ist bei der Forderung nach Menschenrechten, dass die geschlechtsspezifische Unterdrückung herausgearbeitet wurde. „Wir wollen eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer ihr&lt;br /&gt;
Leben frei gestalten können. Deshalb kämpfen wir gegen Strukturen, in denen Männergewalt allgegenwärtig und die Unterdrückung von Frauen alltäglich sind. Frauenbefreiung heißt, dass Frauen um ihre  [[Selbstbestimmung]] kämpfen. Als einen Weg des Frauenwiderstandes befürworten wir die Schaffung von separaten Räumen von und für Frauen, in denen Schutz gewährleistet, Widerstand organisiert und Stärke entfaltet wird. Männer wehren sich gegen die patriarchale Gesellschaft und Kultur, um sich von dem herrschenden Männlichkeitsideal zu befreien. In diesem Sinne ist der Kampf von Männern gegen das [[Patriarchat]] für sie in&lt;br /&gt;
erster Linie Männerbefreiung. Wir bemühen uns, innerhalb unserer Gruppen und Strukturen männliche Bevormundung und Gewalt gegenüber Frauen zu beseitigen&amp;quot; (Prinzipienerklärung der&lt;br /&gt;
FöGA). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Umrahmt werden diese Forderungen durch den Leitspruch „Der Weg ist das Ziel&amp;quot;. „Wir sind der Meinung, dass diese Ziele so weit es geht in unseren Kampf- und Organisationsformen&lt;br /&gt;
vorweggenommen (...) werden müssen.&amp;quot; Da eine herrschaftslose Gesellschaft das Ziel ist, kann diese „weder mit der Anwendung lebensschädigender Gewalt noch mit autoritären Organisationsformen durchgesetzt werden&amp;quot; (Prinzipienerklärung der FöGA).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:GWRfotoleiste.gif|thumb|right|Clara Wichmann, Diverse Aktionen]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
== Praxis==	&lt;br /&gt;
Innerhalb der FöGA sollte sich jede Person einbringen können. Damit dieser Vorsatz verwirklicht werden konnte, wurden gemeinsame Aktionen von allen Beteiligten in überschaubaren Gruppen vorbereitet ([[Bezugsgruppe]]nsystem). Die Beschlüsse sollten erst dann getroffen werden, wenn ein Konsens erreicht ist, den alle mittragen. Der Schwerpunkt der Arbeit der FöGA lag in den ersten Jahren in der [[Friedensbewegung]], die sich 1979 nach dem [[NATO-Doppelbeschluss]] formierte. Nur in geringerem Maße arbeitete die neue Organisation im traditionellen Bereich der [[Graswurzelbewegung]] der [[Anti-AKW-Bewegung]]. &lt;br /&gt;
===Friedensbewegung===&lt;br /&gt;
Es ist mit den Aktionen der Graswurzlerlnnen zu verdanken, dass direkte [[gewaltfreie Aktion]]en innerhalb der Sozialen Bewegungen angewendet wurden. Im späteren Verlauf der Friedensbewegung wurde vor allem die Aktionsform Blockade immer mehr zu einer symbolischen Aktionsform verwässert, was die FöGA u.a. an der Mutlanger„[[Kampagne Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung]]&amp;quot; kritisierte. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Innerhalb der [[Friedensbewegung]] arbeitete sie im Bündnis mit etablierten Parteien (SPD, DKP, Grüne) und Gruppen aus dem kirchlichen Spektrum im [[Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung]]&amp;quot; (KA). Zusammen mit der „[[Bundeskonferenz unabhängiger Friedensgruppen]]&amp;quot; (BUF), einem Aktionsbündnis autonomer Gruppen in dem die FöGA selbst Mitglied war, trat sie innerhalb des KA für radikalere Aktionsformen und Inhalte ein. Allerdings konnte sie ihr Ziel nie erreichen, aus der Anti-Raketen-Bewegung eine antimilitaristische Bewegung zu machen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ihre eigenen Aktionen richteten sich an die Menschen, nicht an die Regierung. So wurden Wehrpflichtige mit Informationsbroschüren über [[Kriegsdienstverweigerung]] angesprochen, die bei Musterungen vor Kreiswehrersatzämtern und bei Rekruteneinzug an Bahnhöfen verteilt wurden. Die Unterstützung totaler KriegsdienstverweigererInnen war von jeher eine Selbstverständlichkeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Bund für Soziale Verteidigung (BSV)===&lt;br /&gt;
Auch beim Kongress [[Soziale Verteidigung]] 1988 in Minden wurden graswurzelspezifische Inhalte deutlich – ihnen geht es nicht um die [[Soziale Verteidigung]] eines Staates, sondern einer Lebensweise. Diese Auffassung der FöGA führte dazu, dass sie den „[[Bund für Soziale Verteidigung]]&amp;quot; (BSV), der nach dem Ende der Friedensbewegung ein neues Bündnis darstellt, kurz nach ihrem Eintritt wieder verließ. Auslöser war die Forderung des [[BSV]] nach einem Ministerium für Rüstungskonversion und Sozialer Verteidigung. International arbeitet die FöGA in der „[[War Resister's International]]&amp;quot; ([[WRI]]) mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Antisexismus===&lt;br /&gt;
Die antisexistische Arbeit der FöGA wurde von einzelnen Gruppen getragen. So arbeitete die überregionale Frauen-Arbeitsgruppe seit Mitte der achtziger Jahre kontinuierlich zum Thema. Die Männer-Arbeitsgruppe griff die Aspekte der antisexistischen männlichen Seite auf. Die Konfrontation mit Sexismus innerhalb der FöGA hat die Schwierigkeit der Zusammenarbeit mit Männern deutlich gemacht. Für die weitere Zusammenarbeit mit Männern wurde gefordert, dass sie sich persönlich mit Sexismus auseinandersetzen und ihre Verantwortlichkeit deutlich machen. Die Inhalte der Politik wurden um den Zusammenhang personeller und struktureller Gewalt gegen Frauen erweitert und ihre Benennung wurde gefordert. So wurde zum Beispiel beim Thema [[Antimilitarismus]] der Zusammenhang von Militär und Männergewalt problematisiert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Mitgliedsstärke===&lt;br /&gt;
Die FöGA war durch ihre Aktionsorientierung stark den Zyklen Sozialer Bewegungen ausgesetzt. Zwar blieb ihre Anzahl an Einzelmitgliedern (um die 100 Personen) über die Jahre konstant, mit dem Niedergang der Friedensbewegung lösten sich jedoch sehr viele [[Gewaltfreie Aktionsgruppen]] (GA) auf, so dass teilweise der Eindruck entstand, die FöGA wäre zu einem hinderlichen Wasserkopf geworden. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hier muss zur geringen Anzahl der Einzelmitglieder erklärend hinzugefügt werden, dass innerhalb der Aktionsgruppen trotz Gruppenmitgliedschaft in der FöGA die Einzelmitglieder oftmals in der Minderheit waren. Von einer zwölfköpfigen Gruppe waren z.B. nur zwei bis drei auch als Einzelmitglied registriert. Dies war auch nicht notwendig. Schließlich konnte jedes Gruppenmitglied über die Gruppe auf die Entscheidungen der FöGA Einfluss nehmen. Anfang der Achtziger schrumpfte die Anzahl der Gruppen unter zehn. Zudem nahm deren Mitgliedsstärke ab. Der Verfassungsschutz nennt für die [[Graswurzelbewegung]] insgesamt folgende Zahlen: 1983: 1.000 Personen, 1988: 500 Personen, 2002: 200 Anhänger, 2004: 200 Personen, 2005: 200 Aktionsgruppen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Zeitung Graswurzelrevolution===&lt;br /&gt;
Ende der achtziger Jahre wuchs bzw. reaktivierte sich der anarchistische Flügel, um die Zeitung „[[Graswurzelrevolution]]&amp;quot; zu retten. Die Hamburger Redaktion wollte ihre Arbeit einstellen. Daraus ergab sich die Idee, die [[GWR]] anderen Spektren zu öffnen. Dieser Vorschlag lief unter dem Titel &amp;quot;Bewegungszeitung&amp;quot;. Dies führte zu Konflikten innerhalb der Organisation. Zu einem offenen Bruch kam es allerdings nicht, jedoch wird die Zeitung „[[Graswurzelrevolution]]&amp;quot; seit Juni 1988 nicht mehr von der FöGA herausgegeben. Im neuen Layout (vom Magazin zum Berliner Zeitungsformat) und inhaltlicher Grundlage (Thesen zu „Staatlichkeit und Anarchie heute&amp;quot;[[http://www.graswurzel.net/ueberuns/thesen.shtml]] in [[GWR]], Nr. 125, Juni 1988) wird sie seit diesem Datum von einem unabhängigen HerausgeberInnenkreis weitergeführt, der der FöGA sehr nahe stand.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Golfkrieg 1990/91===&lt;br /&gt;
Im Widerstand gegen den Golfkrieg 1990/91 wurden gewaltfreie Aktionselemente, die in der [[Friedensbewegung]] etabliert wurden, wie selbstverständlich angewendet. Das Büro der FöGA, die [[Graswurzelwerkstatt]] (GWW) wurde Kontaktadresse für das bundesweite „Aktionsbündnis Kein Krieg am Golf&amp;quot;. In dessen Rahmen fanden während des Golfkrieges verschiedene Aktionen statt, die darauf ausgerichtet waren, die Militärtransporte und Unterstützungslieferungen an den Golf zu behindern. Den Aktionen schlossen sich viele Menschen an, die offensichtlich den Ansatzpunkt richtig fanden. Viele nutzten darüber hinaus auch den Service der GWW. Eine Stärkung der FöGA aus diesen Reihen fand allerdings nicht statt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Charakterisierung==&lt;br /&gt;
[[bild:Stern_mit_zerbrochenen_Gewehr.gif|thumb|right|Schwarzer Stern mit zerbrochenem Gewehr]] &lt;br /&gt;
===Gewaltfreier Anarchismus===&lt;br /&gt;
Die FöGA zeichnet die Vereinigung von scheinbaren Widersprüchen aus. Sie versuchte den für sie untrennbaren Zusammenhang von Anarchismus und Gewaltfreiheit zu vertreten und zu leben. Auch wenn in ihrer Prinzipienerklärung das Wort [[Anarchismus]] nicht fällt, sondern von der „Auflösung des zentralisierten, autoritären Staates durch eine freie basisdemokratische Gesellschaft&amp;quot; gesprochen wird, nimmt die FöGA in ihren Publikationen (die [[GWR]] wird bis Juni 1988 von der FöGA herausgegeben) positiv zum Anarchismus Stellung. Trotzdem wäre es falsch, alle Mitglieder als Anarchistinnen und Anarchisten zu bezeichnen. Bewusst versuchte die FöGA Menschen aus anderen pazifistischen oder anarchistisch orientierten Richtungen nicht auszugrenzen, indem sie sich einer verbindenden Sprache bediente.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ziviler Ungehorsam===&lt;br /&gt;
Im Gegensatz zu anderen [[Gewaltfrei]]en, die ihre Handlungen auf die Überzeugung der Öffentlichkeit und Appelle an die Regierenden konzentrieren, wollte die FöGA den Herrschenden durch Aktionen [[ zivilen Ungehorsams]] die Basis entziehen. D.h. konkreten Druck von unten entwickeln, um „den Preis für die Herrschenden in die Höhe zu treiben&amp;quot; und gleichzeitig die Überzeugungsarbeit weiterzuführen. Die Aktionen können von Behinderungen bis Sabotage reichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=== Männerorientierte Gewaltfreiheit===&lt;br /&gt;
Ein besonderes Verdienst der FöGA-Frauen war die Problematisierung von männerorientierter [[Gewaltfreiheit]]. Dabei wurden [[Gewaltfreie Aktion]]en thematisiert, in denen Leidensbereitschaft verlangt wird. Diese freiwillige Wahl des Opferstatus soll eine moralische Stärke demonstrieren, die den Gegner unter moralischen Druck setzt. „Wenn Frauen gewaltfreie Aktionen in einer Art inszenieren, in der die Öffentlichkeitswirkung in die Richtung geht, die eigene Wehrlosigkeit und Ohnmacht darzustellen, dann erscheinen Frauen in doppelter Weise als Opfer: Zum einen sind Frauen real Opfer tagtäglicher Unterdrückung, die in dieser patriarchalen Gesellschaft für viele schon zur Gewohnheit geworden ist, und zum anderen stellen sie sich in den beschriebenen Aktionen selber noch einmal ausdrücklich in einer Opferrolle dar&amp;quot; („Wider eine männerorientierte Gewaltfreiheit&amp;quot; in [[GWR]], Nr. 108,November 1986). Frauen müssen deshalb ihre eigenen Maßstäbe an Aktionen anlegen, d. h. prüfen, ob sie ihrer größeren Unabhängigkeit und [[Selbstverwirklichung]] dienen oder ob sie diese eher beschneiden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:MutlangenimWald.jpg|thumb|left|300px|Aktion gegen Pershing II]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Bündnisarbeit===&lt;br /&gt;
Das Verhalten der FöGA in der Friedensbewegung zeigt den Zwiespalt in dem die FöGA als kleine Organisation immer stand. Einerseits war sie zu klein, um ihre radikalen Inhalte mit öffentlicher Wirkung zu vertreten, andererseits konnte über Bündnisse zwar eine größere Öffentlichkeit erzielt werden, aber auf Kosten der radikalen Inhalte und damit dem Profil der Organisation. Die FöGA stellte mit der Zeit höhere Ansprüche an Bündnisse.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Verbreitung===&lt;br /&gt;
Zwar war die FöGA bekannt, aber zur personellen Verbreitung trug dies nicht bei. Dies lag zum Teil im eigenen Verschulden. Durch die starke Aktionsorientierung in der Anfangsphase traten organisatorische Fragen nach der zweijährigen Organisationsdebatte vor der Gründung in den Hintergrund. „Eine umsetzbare Finanzkonzeption kam nicht zustande, Strategien für Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederwerbung galten als überflüssig. Ein Bildungskonzept zur „Schulung“ neuer und alter Mitglieder verrottete mit samt dem Papier, auf dem es entworfen worden war. (...) Im Endeffekt wurden die Verhältnisse vor der Gründung nur neu etikettiert. Auch dies hat durchaus positive Gründe gehabt, die die FöGA-Gründung rechtfertigen. Aber die ausgefallene Aufbauphase hat dazu geführt, dass die FöGA seit ihrerGründung einen Haufen Probleme mit sich herumschleppt, diemit guten Aktionsideen allein nicht mehr aufzuwiegen sind. (...) &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die Überbetonung der Aktion gegenüber der Entwicklung von Positionen hat aber problematische Folgen. Wer sich an den arbeitsintensiven Gruppenaktivitäten nicht mehr beteiligen kann, fällt aus dem FöGA-Bezugsrahmen heraus&amp;quot; (aus [[GWR]], Nr. 104, Mai 1986). Aus diesen Erfahrungen wurde zwar gelernt, aber in einer Phase, als es schon zu spät war. Des Weiteren lehnen es Graswurzlerlnnen teilweise ab, ihre Ideen massiv zu vertreten bzw. „zu verkaufen&amp;quot;. Dies wird verständlicher, wenn wir uns die Entstehungsgeschichte der Graswurzelbewegung in den siebziger Jahren vergegenwärtigen. Die Graswurzelbewegung ist in den 70er Jahren aus einer Abgrenzung von den damals die Szene beherrschenden [[K-Gruppe]]n entstanden, die immer sehr missionierend auftraten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Zeitgeschichtliche Einordnung===&lt;br /&gt;
Historisch gesehen ist die FöGA der erste Versuch, politische Effektivität mit einem Höchstmaß an [[Basisdemokratie]] zu verwirklichen. Sie hat bewiesen, dass dies funktionieren kann. Mit dem Zerfall Sozialer Bewegungen und dem Verlust eines politischen Umfeldes und in Folge von aktiven Mitgliedern löste sich aber bis zum Ende der 90ger Jahre schleichend auf. „Es fehlt zunehmend an Kräften (und an Geld), um als politische Organisation aktionsmäßig präsent sein zu können und überzeugende inhaltliche Orientierungen zu formulieren&amp;quot; ([[GWR]], Nr. 104, Mai 1986). &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein offizieller Auflösungsbeschluss wurde nie gefällt. Stattdessen wurde versucht die Grundsubstanz soweit wie möglich aufrecht zu erhalten. Dies geschah u.a. aus der Befürchtung, dass es bei einem neuen Bewegungshoch wieder ein Jahrzehnt dauern würde, um ähnliche Strukturen aufzubauen. „Wer sich nicht organisiert und eingreift, wird gerade in Hochkonjunkturzeiten einer Bewegung von den Beschlüssen anderer Organisationen und der von ihnen ausgelösten bundesweiten Dynamik (Medienreaktionen, Demovorbereitungen, Inhalte und Redner usw.) überrollt&amp;quot; ([[GWR]], Nr. 104, Mai 1986).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Autor: [[Benutzer:Uwe_B|Uwe Brodrecht]]'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Literatur und Quellen==&lt;br /&gt;
*„Die Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen stellt sich vor&amp;quot;, Hg: [[Graswurzelwerkstatt]], Köln o. J.; &lt;br /&gt;
*„[[Graswurzelrevolution]], Für eine gewaltfreie,herrschaftslose Gesellschaft&amp;quot;, laufende Ausgaben, Wustrow.&lt;br /&gt;
*Bilder http://www.pressehuette.de&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Siehe auch==&lt;br /&gt;
*[[Archiv Aktiv]] &lt;br /&gt;
*[[Gewaltfreiheit]]&lt;br /&gt;
*[[Graswurzelbewegung]] &lt;br /&gt;
*[[Graswurzelwerkstatt]]&lt;br /&gt;
*[[War Resisters' International (WRI)]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
{{ALex-Quelle}}{{Copyright}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Portal Organisationen|Lexikon der Anarchie: Organisationen]]'''&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: Ulrike Bürger
Staudamm oder Leben!
Indien: Der Widerstand an der Narmada

222 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978-3-939045-15-1&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Ulrike Bürger&lt;br /&gt;
Staudamm oder Leben!&lt;br /&gt;
Indien: Der Widerstand an der Narmada&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
222 Seiten, 14,90 Euro&lt;br /&gt;
ISBN 978-3-939045-15-1&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: Michael Seidman
Gegen die Arbeit
Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38

Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden

477 Seiten, 24,90 Euro
ISBN 978-3-939045-17-5&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Michael Seidman&lt;br /&gt;
Gegen die Arbeit&lt;br /&gt;
Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
477 Seiten, 24,90 Euro&lt;br /&gt;
ISBN 978-3-939045-17-5&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Peter_Paul_Zahl_-_Gedenkseite&amp;diff=11140</id>
		<title>Peter Paul Zahl - Gedenkseite</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für PPZ eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der frei zugänglichen [[Diskussion:Peter_Paul_Zahl_-_Gedenkseite|Diskussionsseite]] einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 18:41, 25. Jan. 2011 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==I SHOT THE SHERIFF...==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Datei:ppz.jpg|thumb|left|240px|Von PPZ mit &amp;quot;Freiheit und Glück&amp;quot; signierte Buchseite.]] Der libertäre Schriftsteller '''Peter Paul Zahl''' ist gestern, Montag, 24.01.2011 im Alter von 66 Jahren in Jamaica im Krankenhaus von Port Antonio an Krebs gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ (Guppe 61) wurde vor allem durch seine staatskritischen Gedichte und seinen Schelmenroman &amp;quot;Die Glücklichen&amp;quot; (Berlin 1979) bekannt, der in mehreren Auflagen erschien. Im APO-Berlin hatte er in den 1960er Jahren eine Druckerei mit Verlag betrieben, in der unter anderem die &amp;quot;Zwergschulergänzungshefte&amp;quot; erschienen, kleine anarchistische und rätekommunistische Theorieschriften, sowie mehrere Zeitschriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Schießerei mit hinter ihm her ballernden verfolgenden Polizisten in Düsseldorf, bei der es Verletzungen auf beiden Seiten gab, wurde der dem &amp;quot;Blues&amp;quot; nahestehende PPZ zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision und erhielt mit &amp;quot;Gesinnungszuschlag&amp;quot; nun 15 Jahre (vgl. &amp;quot;Am Beispiel Peter Paul Zahl&amp;quot;), von denen er 10 absitzen mußte, zuletzt als Freigänger. Sein wachsender literarischer Bekanntheitsgrad half bei der Kampagne für seine Haftentlassung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Freilassung ging er ins Ausland, u.a. Nicaragua, und wurde von der US-Invasion auf Grenada vertrieben, wo er sich ursprünglich niederlassen wollte. Auf Jamaica fand er endlich seine Ruhe, eine neue Heimat und eine neue Liebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2002 befand es der deutsche Staat für nötig, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Für einen Anarchisten nicht sonderlich schlimm - allerdings mit gravierenden Konsequenzen für den Rechtsstatus, u.a. für seine Familie. Pepe wehrte sich erfolgreich dagegen und gewann nach zähen Auseinandersetzungen das Verfahren 2006 mit dem Ergebnis der legalen doppelten Staatsbürgerschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ beteiligte sich an vielen politischen Publikationen und Aktionen. Er schrieb auch Theaterstücke (u.a. &amp;quot;Georg Elser&amp;quot;, Rotbuch Vlg. 1982), Krimis und Kinderbücher, von denen letztere v.a. in Jamaica recht erfolgreich waren. Reich wurde er damit nicht. Auf seiner letzten Lesereise anläßlich eines medizinischen Aufenthaltes im Sommer 2010 in Berlin erzählte er, daß er in Jamaica von Verlegerseite ziemlich über den Tisch gezogen worden sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seinen anarchistischen Überzeugungen blieb Pepe bis zuletzt treu. Mit Empathie las er seine alten und neuen kämpferischen Gedichte und er glaubte weiterhin an eine gesellschaftliche Möglichkeit für Alle frei, in Frieden und in Würde zu leben. Er arbeitete auch an einem neuen umfangreichen Schelmenroman und anderen neuen Büchern, um die sich aber zuletzt die Verlage anscheinend nicht mehr sonderlich rissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hasta la BastA siempre, Pepe!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
RGL für LPA&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==&amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot;==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da habe ich gerade einen Nachruf auf den am 4. Januar 2011 verstorbenen Hadayatullah Hübsch fertiggestellt, da kommt per e-mail die Nachricht, dass Gestern am 24. Januar Peter-Paul Zahl gestorben ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind zwei Personen nicht mehr unter uns, die meinen Weg zur Literatur erheblich mit beeinflußt haben.&lt;br /&gt;
Das macht mich doch etwas sprachlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Knobi&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Links zu Peter-Paul Zahl==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Homepage: http://ppz.irieweb.net/&lt;br /&gt;
* Wikipedia-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Paul_Zahl&lt;br /&gt;
* Bibliographie DNB: https://portal.d-nb.de/opac.htm?query=Woe%3D118636073&amp;amp;method=simpleSearch&lt;br /&gt;
* Nachruf in der Frankfurter Runfschau: http://www.fr-online.de/kultur/freiheit-und-glueck-als-signatur/-/1472786/7125664/-/index.html&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Peter_Paul_Zahl_-_Gedenkseite&amp;diff=11139</id>
		<title>Peter Paul Zahl - Gedenkseite</title>
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				<updated>2011-01-30T13:07:46Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* I SHOT THE SHERIFF... */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für PPZ eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der frei zugänglichen [[Diskussion:Peter_Paul_Zahl_-_Gedenkseite|Diskussionsseite]] einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 18:41, 25. Jan. 2011 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==I SHOT THE SHERIFF...==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Datei:ppz.jpg|thumb|left|240px|Von PPZ mit &amp;quot;Freiheit und Glück&amp;quot; signierte Buchseite.]] Der libertäre Schriftsteller '''Peter Paul Zahl''' ist gestern, Montag, 24.01.2011 im Alter von 66 Jahren in Jamaica im Krankenhaus von Port Antonio an Krebs gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ (Guppe 61) wurde vor allem durch seine staatskritischen Gedichte und seinen Schelmenroman &amp;quot;Die Glücklichen&amp;quot; (Berlin 1979) bekannt, der in mehreren Auflagen erschien. Im APO-Berlin hatte er in den 1960er Jahren eine Druckerei mit Verlag betrieben, in der unter anderem die &amp;quot;Zwergschulergänzungshefte&amp;quot; erschienen, kleine anarchistische und rätekommunistische Theorieschriften, sowie mehrere Zeitschriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Schießerei mit hinter ihm her ballernden verfolgenden Polizisten in Düsseldorf, bei der es Verletzungen auf beiden Seiten gab, wurde der dem &amp;quot;Blues&amp;quot; nahestehende PPZ zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision und erhielt mit &amp;quot;Gesinnungszuschlag&amp;quot; nun 15 Jahre (vgl. &amp;quot;Am Beispiel Peter Paul Zahl&amp;quot;), von denen er 10 absitzen mußte, zuletzt als Freigänger. Sein wachsender literarischer Bekanntheitsgrad half bei der Kampagne für seine Haftentlassung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Freilassung ging er ins Ausland, u.a. Nicaragua, und wurde von der US-Invasion auf Grenada vertrieben, wo er sich ursprünglich niederlassen wollte. Auf Jamaica fand er endlich seine Ruhe, eine neue Heimat und eine neue Liebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2002 befand es der deutsche Staat für nötig, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Für einen Anarchisten nicht sonderlich schlimm - allerdings mit gravierenden Konsequenzen für den Rechtsstatus, u.a. für seine Familie. Pepe wehrte sich erfolgreich dagegen und gewann nach zähen Auseinandersetzungen das Verfahren 2006 mit dem Ergebnis der legalen doppelten Staatsbürgerschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ beteiligte sich an vielen politischen Publikationen und Aktionen. Er schrieb auch Theaterstücke (u.a. &amp;quot;Georg Elser&amp;quot;, Rotbuch Vlg. 1982), Krimis und Kinderbücher, von denen letztere v.a. in Jamaica recht erfolgreich waren. Reich wurde er damit nicht. Auf seiner letzten Lesereise anläßlich eines medizinischen Aufenthaltes im Sommer 2010 in Berlin erzählte er, daß er in Jamaica von Verlegerseite ziemlich über den Tisch gezogen worden sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seinen anarchistischen Überzeugungen blieb Pepe bis zuletzt treu. Mit Empathie las er seine alten und neuen kämpferischen Gedichte und er glaubte weiterhin an eine gesellschaftliche Möglichkeit für Alle frei, in Frieden und in Würde zu leben. Er arbeitete auch an einem neuen umfangreichen Schelmenroman und anderen neuen Büchern, um die sich aber zuletzt die Verlage anscheinend nicht mehr sonderlich rissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hasta la BastA siempre, Pepe!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
RGL für LPA&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==&amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot;==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da habe ich gerade einen Nachruf auf den am 4. Januar 2011 verstorbenen Hadayatullah Hübsch fertiggestellt, da kommt per e-mail die Nachricht, dass Gestern am 24. Januar Peter-Paul Zahl gestorben ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind zwei Personen nicht mehr unter uns, die meinen Weg zur Literatur erheblich mit beeinflußt haben.&lt;br /&gt;
Das macht mich doch etwas sprachlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Knobi&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Links zu Peter-Paul Zahl==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Homepage: http://ppz.irieweb.net/&lt;br /&gt;
* Wikipedia-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Paul_Zahl&lt;br /&gt;
* Bibliographie DNB: https://portal.d-nb.de/opac.htm?query=Woe%3D118636073&amp;amp;method=simpleSearch&lt;br /&gt;
* Nachruf in der Frankfurter Runfschau: http://www.fr-online.de/kultur/freiheit-und-glueck-als-signatur/-/1472786/7125664/-/index.html&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Peter Paul Zahl - Gedenkseite</title>
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				<updated>2011-01-30T13:07:35Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* &amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot; */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
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&lt;br /&gt;
Der libertäre Schriftsteller '''Peter Paul Zahl''' ist gestern, Montag, 24.01.2011 im Alter von 66 Jahren in Jamaica im Krankenhaus von Port Antonio an Krebs gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ (Guppe 61) wurde vor allem durch seine staatskritischen Gedichte und seinen Schelmenroman &amp;quot;Die Glücklichen&amp;quot; (Berlin 1979) bekannt, der in mehreren Auflagen erschien. Im APO-Berlin hatte er in den 1960er Jahren eine Druckerei mit Verlag betrieben, in der unter anderem die &amp;quot;Zwergschulergänzungshefte&amp;quot; erschienen, kleine anarchistische und rätekommunistische Theorieschriften, sowie mehrere Zeitschriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Schießerei mit hinter ihm her ballernden verfolgenden Polizisten in Düsseldorf, bei der es Verletzungen auf beiden Seiten gab, wurde der dem &amp;quot;Blues&amp;quot; nahestehende PPZ zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision und erhielt mit &amp;quot;Gesinnungszuschlag&amp;quot; nun 15 Jahre (vgl. &amp;quot;Am Beispiel Peter Paul Zahl&amp;quot;), von denen er 10 absitzen mußte, zuletzt als Freigänger. Sein wachsender literarischer Bekanntheitsgrad half bei der Kampagne für seine Haftentlassung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Freilassung ging er ins Ausland, u.a. Nicaragua, und wurde von der US-Invasion auf Grenada vertrieben, wo er sich ursprünglich niederlassen wollte. Auf Jamaica fand er endlich seine Ruhe, eine neue Heimat und eine neue Liebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2002 befand es der deutsche Staat für nötig, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Für einen Anarchisten nicht sonderlich schlimm - allerdings mit gravierenden Konsequenzen für den Rechtsstatus, u.a. für seine Familie. Pepe wehrte sich erfolgreich dagegen und gewann nach zähen Auseinandersetzungen das Verfahren 2006 mit dem Ergebnis der legalen doppelten Staatsbürgerschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ beteiligte sich an vielen politischen Publikationen und Aktionen. Er schrieb auch Theaterstücke (u.a. &amp;quot;Georg Elser&amp;quot;, Rotbuch Vlg. 1982), Krimis und Kinderbücher, von denen letztere v.a. in Jamaica recht erfolgreich waren. Reich wurde er damit nicht. Auf seiner letzten Lesereise anläßlich eines medizinischen Aufenthaltes im Sommer 2010 in Berlin erzählte er, daß er in Jamaica von Verlegerseite ziemlich über den Tisch gezogen worden sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seinen anarchistischen Überzeugungen blieb Pepe bis zuletzt treu. Mit Empathie las er seine alten und neuen kämpferischen Gedichte und er glaubte weiterhin an eine gesellschaftliche Möglichkeit für Alle frei, in Frieden und in Würde zu leben. Er arbeitete auch an einem neuen umfangreichen Schelmenroman und anderen neuen Büchern, um die sich aber zuletzt die Verlage anscheinend nicht mehr sonderlich rissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hasta la BastA siempre, Pepe!&lt;br /&gt;
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==&amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot;==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Da habe ich gerade einen Nachruf auf den am 4. Januar 2011 verstorbenen Hadayatullah Hübsch fertiggestellt, da kommt per e-mail die Nachricht, dass Gestern am 24. Januar Peter-Paul Zahl gestorben ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind zwei Personen nicht mehr unter uns, die meinen Weg zur Literatur erheblich mit beeinflußt haben.&lt;br /&gt;
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==Links zu Peter-Paul Zahl==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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* Bibliographie DNB: https://portal.d-nb.de/opac.htm?query=Woe%3D118636073&amp;amp;method=simpleSearch&lt;br /&gt;
* Nachruf in der Frankfurter Runfschau: http://www.fr-online.de/kultur/freiheit-und-glueck-als-signatur/-/1472786/7125664/-/index.html&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Peter Paul Zahl - Gedenkseite</title>
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				<updated>2011-01-30T13:07:06Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* &amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot; */&lt;/p&gt;
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Der libertäre Schriftsteller '''Peter Paul Zahl''' ist gestern, Montag, 24.01.2011 im Alter von 66 Jahren in Jamaica im Krankenhaus von Port Antonio an Krebs gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ (Guppe 61) wurde vor allem durch seine staatskritischen Gedichte und seinen Schelmenroman &amp;quot;Die Glücklichen&amp;quot; (Berlin 1979) bekannt, der in mehreren Auflagen erschien. Im APO-Berlin hatte er in den 1960er Jahren eine Druckerei mit Verlag betrieben, in der unter anderem die &amp;quot;Zwergschulergänzungshefte&amp;quot; erschienen, kleine anarchistische und rätekommunistische Theorieschriften, sowie mehrere Zeitschriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Schießerei mit hinter ihm her ballernden verfolgenden Polizisten in Düsseldorf, bei der es Verletzungen auf beiden Seiten gab, wurde der dem &amp;quot;Blues&amp;quot; nahestehende PPZ zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision und erhielt mit &amp;quot;Gesinnungszuschlag&amp;quot; nun 15 Jahre (vgl. &amp;quot;Am Beispiel Peter Paul Zahl&amp;quot;), von denen er 10 absitzen mußte, zuletzt als Freigänger. Sein wachsender literarischer Bekanntheitsgrad half bei der Kampagne für seine Haftentlassung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Freilassung ging er ins Ausland, u.a. Nicaragua, und wurde von der US-Invasion auf Grenada vertrieben, wo er sich ursprünglich niederlassen wollte. Auf Jamaica fand er endlich seine Ruhe, eine neue Heimat und eine neue Liebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2002 befand es der deutsche Staat für nötig, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Für einen Anarchisten nicht sonderlich schlimm - allerdings mit gravierenden Konsequenzen für den Rechtsstatus, u.a. für seine Familie. Pepe wehrte sich erfolgreich dagegen und gewann nach zähen Auseinandersetzungen das Verfahren 2006 mit dem Ergebnis der legalen doppelten Staatsbürgerschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ beteiligte sich an vielen politischen Publikationen und Aktionen. Er schrieb auch Theaterstücke (u.a. &amp;quot;Georg Elser&amp;quot;, Rotbuch Vlg. 1982), Krimis und Kinderbücher, von denen letztere v.a. in Jamaica recht erfolgreich waren. Reich wurde er damit nicht. Auf seiner letzten Lesereise anläßlich eines medizinischen Aufenthaltes im Sommer 2010 in Berlin erzählte er, daß er in Jamaica von Verlegerseite ziemlich über den Tisch gezogen worden sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seinen anarchistischen Überzeugungen blieb Pepe bis zuletzt treu. Mit Empathie las er seine alten und neuen kämpferischen Gedichte und er glaubte weiterhin an eine gesellschaftliche Möglichkeit für Alle frei, in Frieden und in Würde zu leben. Er arbeitete auch an einem neuen umfangreichen Schelmenroman und anderen neuen Büchern, um die sich aber zuletzt die Verlage anscheinend nicht mehr sonderlich rissen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Hasta la BastA siempre, Pepe!&lt;br /&gt;
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RGL für LPA&lt;br /&gt;
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==&amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot;==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Datei:ppz.jpg|thumb|left|240px|Von PPZ mit &amp;quot;Freiheit und Glück&amp;quot; signierte Buchseite.]] Da habe ich gerade einen Nachruf auf den am 4. Januar 2011 verstorbenen Hadayatullah Hübsch fertiggestellt, da kommt per e-mail die Nachricht, dass Gestern am 24. Januar Peter-Paul Zahl gestorben ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Damit sind zwei Personen nicht mehr unter uns, die meinen Weg zur Literatur erheblich mit beeinflußt haben.&lt;br /&gt;
Das macht mich doch etwas sprachlos.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Knobi&lt;br /&gt;
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==Links zu Peter-Paul Zahl==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
* Homepage: http://ppz.irieweb.net/&lt;br /&gt;
* Wikipedia-Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Peter-Paul_Zahl&lt;br /&gt;
* Bibliographie DNB: https://portal.d-nb.de/opac.htm?query=Woe%3D118636073&amp;amp;method=simpleSearch&lt;br /&gt;
* Nachruf in der Frankfurter Runfschau: http://www.fr-online.de/kultur/freiheit-und-glueck-als-signatur/-/1472786/7125664/-/index.html&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Peter Paul Zahl - Gedenkseite</title>
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				<updated>2011-01-30T13:05:17Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* &amp;quot;Schreiben ist ein monologisches Medium&amp;quot; */&lt;/p&gt;
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Der libertäre Schriftsteller '''Peter Paul Zahl''' ist gestern, Montag, 24.01.2011 im Alter von 66 Jahren in Jamaica im Krankenhaus von Port Antonio an Krebs gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ (Guppe 61) wurde vor allem durch seine staatskritischen Gedichte und seinen Schelmenroman &amp;quot;Die Glücklichen&amp;quot; (Berlin 1979) bekannt, der in mehreren Auflagen erschien. Im APO-Berlin hatte er in den 1960er Jahren eine Druckerei mit Verlag betrieben, in der unter anderem die &amp;quot;Zwergschulergänzungshefte&amp;quot; erschienen, kleine anarchistische und rätekommunistische Theorieschriften, sowie mehrere Zeitschriften.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach einer Schießerei mit hinter ihm her ballernden verfolgenden Polizisten in Düsseldorf, bei der es Verletzungen auf beiden Seiten gab, wurde der dem &amp;quot;Blues&amp;quot; nahestehende PPZ zunächst zu vier Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision und erhielt mit &amp;quot;Gesinnungszuschlag&amp;quot; nun 15 Jahre (vgl. &amp;quot;Am Beispiel Peter Paul Zahl&amp;quot;), von denen er 10 absitzen mußte, zuletzt als Freigänger. Sein wachsender literarischer Bekanntheitsgrad half bei der Kampagne für seine Haftentlassung.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach seiner Freilassung ging er ins Ausland, u.a. Nicaragua, und wurde von der US-Invasion auf Grenada vertrieben, wo er sich ursprünglich niederlassen wollte. Auf Jamaica fand er endlich seine Ruhe, eine neue Heimat und eine neue Liebe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im September 2002 befand es der deutsche Staat für nötig, ihm die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Für einen Anarchisten nicht sonderlich schlimm - allerdings mit gravierenden Konsequenzen für den Rechtsstatus, u.a. für seine Familie. Pepe wehrte sich erfolgreich dagegen und gewann nach zähen Auseinandersetzungen das Verfahren 2006 mit dem Ergebnis der legalen doppelten Staatsbürgerschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
PPZ beteiligte sich an vielen politischen Publikationen und Aktionen. Er schrieb auch Theaterstücke (u.a. &amp;quot;Georg Elser&amp;quot;, Rotbuch Vlg. 1982), Krimis und Kinderbücher, von denen letztere v.a. in Jamaica recht erfolgreich waren. Reich wurde er damit nicht. Auf seiner letzten Lesereise anläßlich eines medizinischen Aufenthaltes im Sommer 2010 in Berlin erzählte er, daß er in Jamaica von Verlegerseite ziemlich über den Tisch gezogen worden sei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seinen anarchistischen Überzeugungen blieb Pepe bis zuletzt treu. Mit Empathie las er seine alten und neuen kämpferischen Gedichte und er glaubte weiterhin an eine gesellschaftliche Möglichkeit für Alle frei, in Frieden und in Würde zu leben. Er arbeitete auch an einem neuen umfangreichen Schelmenroman und anderen neuen Büchern, um die sich aber zuletzt die Verlage anscheinend nicht mehr sonderlich rissen.&lt;br /&gt;
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* Nachruf in der Frankfurter Runfschau: http://www.fr-online.de/kultur/freiheit-und-glueck-als-signatur/-/1472786/7125664/-/index.html&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Datei:Ppz.jpg&amp;diff=11135</id>
		<title>Datei:Ppz.jpg</title>
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				<updated>2011-01-30T13:03:03Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: Von Peter Paul Zahl mit Freiheit und Glück signierte Buchseite&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Von Peter Paul Zahl mit Freiheit und Glück signierte Buchseite&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=11024</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=11024"/>
				<updated>2010-09-30T08:01:05Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf */ Link Stirner&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.JPG|thumb|left|360px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft, zu der Du ihn eingeladen hattest, und danach in Hamburg gesehen hast. Er hatte dich interviewt, wahrscheinlich um Daten und Geschichten zu erhalten, die irgendwann verloren wären. Jetzt ist dieses Interview durch Horsts Tod derzeit nicht mehr auffindbar. Ironie der Geschichte“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es „Alt-Anarchisten“. Sie wurden nur noch getoppt durch die „Steinalt-Anarchisten“ Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene, Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren Menschen, er sprach mehr von Gustav Landauer als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist, aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren, und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement. Wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. So saß ich 6000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten“ seit Beginn abonniert, und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen in der Nähe des Kittlitzer Sees an der Grenze zur DDR eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von [[Max Stirner]] beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010,''': http://www.graswurzel.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=11023</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-09-30T07:58:20Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf */ weblink aktiviert&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.JPG|thumb|left|360px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft, zu der Du ihn eingeladen hattest, und danach in Hamburg gesehen hast. Er hatte dich interviewt, wahrscheinlich um Daten und Geschichten zu erhalten, die irgendwann verloren wären. Jetzt ist dieses Interview durch Horsts Tod derzeit nicht mehr auffindbar. Ironie der Geschichte“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es „Alt-Anarchisten“. Sie wurden nur noch getoppt durch die „Steinalt-Anarchisten“ Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene, Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren Menschen, er sprach mehr von Gustav Landauer als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist, aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren, und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement. Wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. So saß ich 6000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten“ seit Beginn abonniert, und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen in der Nähe des Kittlitzer Sees an der Grenze zur DDR eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010,''': http://www.graswurzel.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10986</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10986"/>
				<updated>2010-09-21T18:17:02Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.JPG|thumb|left|360px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10985</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10985"/>
				<updated>2010-09-21T18:16:23Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.JPG|thumb|left|360px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10984</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10984"/>
				<updated>2010-09-21T18:13:19Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.JPG|thumb|left|240px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10983</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10983"/>
				<updated>2010-09-21T18:12:41Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.JPG|thumb|right|240px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
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&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10982</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10982"/>
				<updated>2010-09-21T18:12:04Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Datei:Günther.Freitag.jpg|thumb|right|240px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10981</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-09-21T18:10:53Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:Günther.Freitag.jpg|thumb|right|240px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10980</id>
		<title>Günter Freitag Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite&amp;diff=10980"/>
				<updated>2010-09-21T18:10:03Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Wer die Erinnerung an ihn mit uns teilen möchte, kann dies gerne hier auf der für Günther Freitag eingerichteten Gedenkseite tun. Hierfür bitte Deinen Text auf der [[Diskussion:G%C3%BCnter_Freitag_Gedenkseite|frei zugänglichen Diskussionsseite]]&lt;br /&gt;
einstellen, wir übernehmen ihn dann hier auf die Hauptseite.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Danke,&lt;br /&gt;
--[[Benutzer:WikiSysop|Jochen_S]] 14:59, 17. Sep. 2010 (UTC)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Du hattest noch einiges machen wollen – Günther Freitag zum Gedenken'''==&lt;br /&gt;
„Tja Günther, jetzt bist Du im Nirwana. Ein wenig länger hättest Du noch leben wollen und sollen, obwohl Dir schon lange klar war, wie fragil Deine Gesundheit geworden ist. Und die letzten Male, die wir uns getroffen haben, sahst Du schon sehr angeschlagen aus. Aber die 80+ hättest Du schon noch hinbekommen, wenn es zum Schluss nicht so blöd gelaufen wäre. So wird dann aus unserem gemeinsamen Besuch der Buchmesse in Frankfurt nichts mehr, und auch nichts aus einem Besuch bei Horst Stowasser, der ja noch vor Dir gestorben ist, was Dich sehr getroffen hat, da Du ihn noch kurz vor seinem Tod bei der Erich-Mühsam-Gesellschaft und danach in Hamburg getroffen hast“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe Günther Freitag 1972 kennen gelernt. Vermutlich war ich damals durch Uwe Timm in Kontakt mit ihm gekommen. Aus heutiger Sicht eines Mit-Fünfzigers waren beide, wie auch ihr Freund Gerd Bommer, damals noch relativ junge Spunde, Anfang 40, aber für uns waren es Alt-Anarchisten. Sie wurden nur noch getoppt durch die Steinalt-Anarchisten Kurt Bommer, Otto Reimers, Robert Stahl und, aus einer etwas anderen Szene Hans Spaltenstein, die ich wohl im gleichen Jahr kennen lernte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther gehörte zu den leiseren, feingeistigeren, der mehr von Gustav Landauer sprach als von der Revolution. Er war nicht der große, nach außen gekehrte Aktivist aber vielfältig engagiert. Er schrieb keine Bücher, aber immer wieder mal kleine Texte. Er war nicht der große Intellektuelle, aber konnte auf seine Art sehr scharf analysieren und warnte mich ab und zu, nicht in eine falsche Richtung zu denken, sondern immer die Menschen und ihre Sorgen und Leiden im Mittelpunkt zu sehen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aber Günther hatte nicht nur Interesse am Engagement, wir haben auch viele Abende einfach nur über Literatur, vor allem Arno Schmidt und die Bücher, die Arno Schmidt und wir liebten, gesprochen. Er war es, der mich, als ich in Afrika gearbeitet habe, zum Lesen von Arno Schmidt animierte. Und so saß ich 6.000 km von Hamburg entfernt im Busch und habe die achtbändige Haffmans-Ausgabe von Arno Schmidt gelesen. Bei Günther, der selber noch Arno Schmidt über seinen Freund Willi Freise kennen gelernt hatte, ging die Leidenschaft für Schmidt aber viel weiter als bei mir. Er hatte den &amp;quot;Bargfelder Boten&amp;quot; seit Beginn abonniert und folgte geistig und literarisch immer den Spuren Schmidts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther hatte aber auch einen Sinn für die Natur. In den 1980er Jahren kauften er und seine bereits 2005 verstorbene Frau Ellen, in Kittlitz an der Grenze zur DDR, eine kleine Ferienwohnung, wo wir Spaziergänge machten und uns über die Schönheiten der Natur unterhielten. In dieser Wohnung ist er trotz seiner Krankheit, die ihn an die Dialyse fesselte, immer wieder gewesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther war ein Mensch, der wohl nicht häufig in anarchistischen Geschichtsbüchern auftauchen wird, der aber über Jahrzehnte ein aufrechter Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit gewesen ist, und der immer ohne Wenn und Aber Anarchist blieb, was er so nett aussprach („Anarschist“).&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich habe in den vielen Gesprächen, ob bei ihm in der Wohnung, in Kittlitz oder im Uni-Viertel von Hamburg, wo wir gerne zusammen ein Bier trinken gingen, viel gelernt. Er war immer ein interessanter Gesprächspartner, ob über die Geschichte des Anarchismus in Hamburg, Erich Mühsam oder Gustav Landauer, aber auch Arno Schmidt und Literatur. Da sein Vater auch schon Anarchist war, reichte sein Gedächtnis weit in die Geschichte der Bewegung zurück.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Leider habe ich mir trotz der vielen Gespräche mit ihm nie irgendwas aufgeschrieben, da ich kein Biograph bin, und gepaart mit meinem nicht besonders guten Gedächtnis kann ich leider viele der Geschichten, ob über das Auftreten von Ernst Thälmann in einer Kneipe in Hamburg oder die FAUD, nicht mehr viel verlässlich erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Deswegen höre ich jetzt auch auf und kann nur betonen, wie glücklich und stolz ich bin, Günther als Freund gehabt zu haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Stephan Krall, Kronberg im Taunus'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Bild:günther.freitag.jpg|thumb|right|240px|]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Günther Freitag (1931 – 2010) Ein Nachruf'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther Freitag (1931-2010) ist nicht mehr. Sein ganzes bewusstes politisches Leben war er Anarchist. Ein konsequent gewaltloser Anarchist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein auch von Max Stirner beeinflusster Anarchist. Ein entschiedener Verfechter der Menschenrechte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der Anarchismus wurde ihm quasi „in die Wiege gelegt“: Sein Vater Heinrich war bis zu dessen Tod 1972 einer der bekanntesten und aktivsten Hamburger Anarchisten. Günther trat aber nicht einfach in die Fußstapfen seines Vaters. Stets nahm er überlegt und eigenwillig Stellung zu allen Zeitfragen. Darüber hinaus trat er als Mit-Organisator in der anarchistischen „Hamburger Gruppe“, im „Freundeskreis Gustav Landauer“ und vielen anderen Initiativen hervor – aber mehr im „Hintergrund“, wie er bescheiden betonte. Denn er war alles andere als ein Selbstdarsteller. Er tat das, was „gemacht werden musste“. Es waren wohl seine klar formulierten Vorstellungen, seine zurückhaltende, tolerante, aber selbstbewusste Art, die ihn zu einer Art Mentor von JunganarchistInnen in den 1968er-1970er Jahren werden ließen. Er war stolz darauf, dass die „Bekanntschaften und Freundschaften“ dieser Jahre mit dazu beitragen konnten, dass die „Jungen“ auch heute noch „bei der Fahne sind“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers pazifistisches Engagement brachte ihn früh zur IdK (Internationale der KriegsgegnerInnen) und „zu einer guten und engen Beziehung“ zu deren Vorsitzendem Theodor Michaltscheff. Von deren Beginn an nahm er an der „Ostermarschbewegung“ teil. Lange Jahre war er Mitglied der „Erich-Mühsam-Gesellschaft“. Er verließ sie, weil er in ihr fast nur noch „Postkommunisten“ sah. Und „keine Libertären mehr“. Früh engagierte er sich bei „Amnesty International“. In deren Hamburger Ortsgruppe arbeitete er bis zuletzt mit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günthers vielfältige literarische Interessen führten zu vielen Bekanntschaften mit Schriftstellern. Hervorzuheben ist hier diese mit Arno Schmidt, den Günther verehrte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Günther selbst war über Jahrzehnte ein eifriger Schreiber für die anarchistische Presse, z.B. für „Befreiung“ und „Information“ (Hamburg). Viele Beiträge von ihm finden sich in freigeistigen Blättern. In ihnen äußerte er sich meist zu geistesgeschichtlichen und kulturellen Themen. Das immer aus libertärer Perspektive.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Entscheidend bei einem Menschen ist nicht sein Etikett – z.B. „Anarchist“. Entscheidend ist, ob er das auch verkörpert. Günther hat als Anarchist gelebt: Immer, wo es ihm möglich war, hat er Solidarität geübt; uneigennützig Unterstützung gewährleistet; wenn man ihn näher kannte, wusste man sich seines Rates sicher; er hatte Verständnis für menschliche Schwächen. Aber leicht war es, sein Vertrauen zu gewinnen. Denn er war äußerst sensibel in den Beziehungen zu Menschen. Deshalb hatten z.B. Anarchismus-TrittbrettfahrerInnen (die z.B. sein Archiv lediglich ausbeuten wollten) keine Chance bei ihm.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Viele Jahre ertrug Günther auf bewundernswerte Weise schwere Krankheiten. Sie haben ihn gehindert, noch vieles zu tun, was er sich vorgenommen hatte. Aber nicht das zu tun, was er seinem schwachen Körper noch abringen konnte. So wollte er noch im Herbst 2010 an einem Treffen von Libertären in Thüringen teilnehmen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Mit Günther Freitag ist einer der letzten Aktiven des „Nachkriegsanarchismus“ von uns gegangen. Ihm ist zu würdigen. Und das ohne „Personenkult“, den er verabscheute.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine Arbeit für den Anarchismus war nicht umsonst. Auch deshalb ist Günther Freitag unvergessen. Für vieles schulde ich ihm Dank. Besonders für sein Vertrauen und seine Freundschaft.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Hans Jürgen Degen'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Nachruf aus: Graswurzelrevolution Nr. 349, Mai 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Über Günter Freitag:'''&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten. Verlag Klemm &amp;amp; Oelschläger Ulm 2002&lt;br /&gt;
* Degen, Hans Jürgen; &amp;quot;Die Wiederkehr der Anarchisten&amp;quot;. Anarchistische Versuche 1945-1970. Verlag Edition AV Lich / Hessen 2009&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Diskussion:Fritz Scherer - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-06-05T15:43:51Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Ich wurde gebeten darauf hinzuweisen, dass der Text &amp;quot;Der alte Fritz von Neukölln und die Junganarchos&amp;quot; von Rolf Raasch eine Vorabveröffentlichung aus &amp;quot;Rebellen-Heil&amp;quot; Gedenkschrift für Fritz Scherer herausgegeben vom Wanderverein Bakuninhütte [http://www.bakuninhuette.de], September 2010, Karin Kramer Verlag, Berlin ist--[[Benutzer:Uwe B|Uwe B]] 15:42, 5. Jun. 2010 (UTC)&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Diskussion:Fritz Scherer - Gedenkseite</title>
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		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;Ich wurde gebeten darauf hinzuweisen, dass der Text &amp;quot;Der alte Fritz von Neukölln und die Junganarchos&amp;quot; von Rolf Raasch eine Vorabveröffentlichung aus &amp;quot;Rebellen-Heil&amp;quot; Gedenkschrift für Fritz Scherer herausgegeben vom Wanderverein Bakuninhütte (www.bakuninhuette.de), September 2010, Karin Kramer Verlag, Berlin ist--[[Benutzer:Uwe B|Uwe B]] 15:42, 5. Jun. 2010 (UTC)&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Keiner</title>
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				<updated>2010-03-06T13:37:43Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: Weiterleitung nach Dieter Keiner - Gedenkseite erstellt&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;#Redirect [[Dieter Keiner - Gedenkseite]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:27:01Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, http://www.graswurzel.net &amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“ [http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml] &amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10464</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:26:17Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, http://www.graswurzel.net &amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“ [http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml &amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10463</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10463"/>
				<updated>2010-03-06T13:25:23Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, http://www.graswurzel.net &amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“ [http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml www.graswurzel.net&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10462</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10462"/>
				<updated>2010-03-06T13:24:06Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net] */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, http://www.graswurzel.net &amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10461</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:23:40Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Nachruf: aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net www.graswurzel.net“the beat goes on“ Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, http://www.graswurzel.net &amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10460</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:22:53Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Nachruf: aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]“the beat goes on“ Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buc&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net www.graswurzel.net&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10459</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10459"/>
				<updated>2010-03-06T13:19:51Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10458</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10458"/>
				<updated>2010-03-06T13:16:44Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10457</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:15:49Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Texte von Dieter Keiner im Internet */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:15:37Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Texte von Dieter Keiner im Internet */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
[http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html]&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
[http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe]&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10455</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:14:29Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net|www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10454</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10454"/>
				<updated>2010-03-06T13:13:54Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: &lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net|www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10453</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:13:05Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Texte von Dieter Keiner im Internet==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net|www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10452</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:12:37Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net|www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10451</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:11:41Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: [http://www.freie-radios.net|www.freie-radios.net]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10450</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10450"/>
				<updated>2010-03-06T13:10:01Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net] */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen“&amp;lt;ref&amp;gt;Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38.&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10449</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:09:22Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10448</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:08:44Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net] */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat&amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10447</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:08:04Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10446</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10446"/>
				<updated>2010-03-06T13:07:31Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net] */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“&amp;lt;ref&amp;gt;Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;. Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10445</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10445"/>
				<updated>2010-03-06T13:06:00Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10444</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T13:05:12Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net] */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ &amp;lt;ref&amp;gt;Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“[http://www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml]&amp;lt;/ref&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10443</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10443"/>
				<updated>2010-03-06T13:04:22Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Anmerkungen: */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10442</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10442"/>
				<updated>2010-03-06T12:59:22Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interviewgraswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, http://www.graswurzel.net */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Anmerkungen:==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
1 Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“, ungekürzt auf: www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10441</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T12:51:24Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Nachruf: aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, www.graswurzel.net)“the beat goes on“ Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erz&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, [http://www.graswurzel.net]&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [[http://www.graswurzel.net]]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Anmerkungen:'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
1 Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“, ungekürzt auf: www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10440</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10440"/>
				<updated>2010-03-06T12:49:21Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Interview */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, www.graswurzel.net)&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview&amp;lt;ref&amp;gt;graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, [[http://www.graswurzel.net]]&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Anmerkungen:'''&lt;br /&gt;
&amp;lt;references&amp;gt;&lt;br /&gt;
1 Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“, ungekürzt auf: www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10439</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T12:44:21Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Ein solidarischer Freund und Genosse */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, www.graswurzel.net)&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]]''', Februar 2010&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview=&lt;br /&gt;
, aus: graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Anmerkungen:'''&lt;br /&gt;
1 Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“, ungekürzt auf: www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
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				<updated>2010-03-06T12:43:57Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Ein solidarischer Freund und Genosse */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, www.graswurzel.net)&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''[[Benutzer:Bernd_D|Bernd Drücke]], Februar 2010'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview=&lt;br /&gt;
, aus: graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Anmerkungen:'''&lt;br /&gt;
1 Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“, ungekürzt auf: www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

	<entry>
		<id>http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10437</id>
		<title>Dieter Keiner - Gedenkseite</title>
		<link rel="alternate" type="text/html" href="http://dadaweb.de/index.php?title=Dieter_Keiner_-_Gedenkseite&amp;diff=10437"/>
				<updated>2010-03-06T12:42:08Z</updated>
		
		<summary type="html">&lt;p&gt;Uwe B: /* Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten */&lt;/p&gt;
&lt;hr /&gt;
&lt;div&gt;{{InArbeit}}&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
[[Portal_DadA-Memorial|Zurück zum DadA-Memorial]]&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Gedenkveranstaltung=&lt;br /&gt;
&amp;lt;div style=&amp;quot;margin:0; margin-top:5px; margin-right:5px; border:1px solid #68A; padding:0 1em 1em 1em; background-color:#FFFFEC;&amp;quot;&amp;gt;&lt;br /&gt;
&amp;lt;big&amp;gt;Am 20. März 2010, zum 70. Geburtstag von Dieter Keiner, werden wir in der ESG-Aula (Breul 43, Münster) ab 20 Uhr eine Erinnerungsveranstaltung für ihn machen. Alle FreundInnen sind herzlich eingeladen. Infos: (02 51) 482 90 57, redaktion@graswurzel.net&amp;lt;/big&amp;gt;&amp;lt;/div&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Nachruf: &amp;lt;ref&amp;gt;aus: graswurzelrevolution Nr. 347 (Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 39. Jahrgang, März 2010, www.graswurzel.net)&amp;lt;/ref&amp;gt;“the beat goes on“ &amp;lt;ref&amp;gt;Ein Zitat aus Dieter Keiners Widmung, die er mir in sein Buch „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“ (Peter Lang Verlag, Frankfurt/M. 1998) geschrieben hat.&amp;lt;/ref&amp;gt;=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen an einen lieben Freund und politischen Weggefährten==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&amp;lt;BIG&amp;gt;Dr. Dieter Keiner (geboren am 20.3.1940 in Ehringshausen – gestorben am 28.12.2009 in Münster)&amp;lt;/BIG&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“&lt;br /&gt;
Dieses Zitat von Kurt Tucholsky charakterisiert auch eine Lebensmaxime Dieter Keiners.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aufgewachsen in der Kriegs- und Nachkriegszeit in einem kleinen Dorf Mittelhessens war er nach dem Abitur in der Studentenbewegung tätig und wich immer mehr vom vorgezeichneten Weg der Konformität im konservativ-rückwärts gewandten Adenauerstaat ab.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er studierte Anglistik, Romanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Marburg, Münster und am King’s College in London. 1967 machte er sein Erstes, 1970 sein Zweites Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien, 1997 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Dissertation über „Erziehungswissenschaft und Bildungspolitik“. Am Münsteraner Institut für Erziehungswissenschaft war er seit 1971 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1973 als Akademischer Oberrat tätig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als undogmatischer Linker engagierte er sich in den sozialen Bewegungen, in der GEW, in der BundesAssistentenKonferenz (BAK) und im Bund Demokratischer Wissenschaftler (BdWi). Wie viele Intellektuelle seiner Generation war er inspiriert durch die Musik u.a. von Bob Dylan, Jimi Hendrix, Joan Baez und Franz Josef Degenhardt. Politisiert wurde er in der 68er-Studentenbewegung, mit der er sich gegen Vietnamkrieg, Notstandsgesetze und den „Muff von 1.000 Jahren“ stemmte.&lt;br /&gt;
Beim wissenschaftlichen Fachpublikum wurde Dieter bundesweit bekannt, z.B. von 1979 bis 1988 als Herausgeber und Verleger der Vierteljahresschrift Englisch Amerikanische Studien - Zeitschrift für Unterricht, Wissenschaft &amp;amp; Politik, sowie als Autor zu sozial- und erziehungswissenschaftlichen Themen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In Lehre und Forschung widmete er sich insbesondere den Fragen der Mehrsprachigkeit, der Alphabetisierung, der Bildungspolitik der BRD, der pädagogisch-politischen Konsequenzen der Globalisierung sowie der Internationalisierung der Bildungspolitik und der Geschichte der Neuen Linken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Aus Anlass des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien arbeitete er ab 1999 zusammen mit anderen AntimilitaristInnen verschiedener politischer Strömungen im Münsteraner „Aktionsbündnis gegen den Krieg“, das u.a. zahlreiche Demos und eine bundesweite Kampagne zur Abschaffung der NATO initiierte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nachdem im Februar 1999 das GWR-Redaktionsbüro in Münster eingerichtet wurde, verfolgte und begleitete er die Entwicklung der GWR kontinuierlich. Einmal nahm er an einem Treffen des GWR-HerausgeberInnenkreises und 2002 am 30 Jahre Graswurzelrevolution-Kongress teil. Für die Ende April 1999 mit einer Auflage von 40.000 herausgekommene, zweite GWR-Aktionszeitung gegen den Jugoslawienkrieg analysierte er „Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung“&amp;lt;ref&amp;gt;Dieter Keiner in der Graswurzelrevolution: Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung, in: GWR 239, Mai 1999, S. 11; Wie sich ein aktiver Befürworter des NATO-Krieges seine Schleichpfade trampelt und die Fallen, die er sich selber bastelt, anderen anlastet, in: GWR 255, Januar 2001, S. 18 ; Me und Bobby D – oder: Der ‚runde’ Geburtstag auf der Never Ending Tour, in: GWR 260, Sommer 2001, S. 5; Von der Wiege bis zur Bahre - das Kind wird Mensch und früh zur Ware, Anmerkungen zur PISA-Studie im Anschluß an den GWR-Beitrag von Ulrich Klemm, in: GWR 267, März 2002, S. 7&lt;br /&gt;
&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Münster war eine der Städte, in denen nahezu wöchentlich gegen den Krieg demonstriert wurde. Dieter Keiner gehörte häufig zu den Rednern. Seine Reden waren prägnant, ruhig, mit sonorer Stimme vorgetragen und dabei oft ausschweifend. Ja, aus Sicht so mancher vielleicht manchmal sehr, sehr lang. Dieter war eine moralische Instanz, ein kritisches Gewissen. Er war Teil einer radikalen linken Gegenbewegung, die Widerstand leistet u.a. gegen Militarisierung und Sozialkahlschlag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Seine lokalpolitischen Kolumnen in dem umsonst und in hoher Auflage verbreiteten Anzeigenblättchen „na dann...“ sorgten dafür, dass seine Gesellschaftskritik auch jenseits von Uni-Seminaren und Demos wahrgenommen wurde. Nach ein paar Jahren beendeten die „na dann“-Herausgeber die Arbeit mit ihm. Seine Kolumnen, die einzig niveauvollen Beiträge in diesem Werbeblättchen, seien „zu negativ“.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Daraufhin produzierte er seine „In welcher Stadt leben wir eigentlich?“-Kolumnen als regelmäßige Radiosendung im Bürgerfunk.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
==Persönliche Erinnerungen==&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
1986 verließ ich mein verschlafenes Heimatstädtchen Unna und zog nach Münster, um dort mein Studium der Soziologie, Politik und Erziehungswissenschaften aufzunehmen. Bald darauf lernte ich Dieter Keiner kennen. Als Student pilgerte ich in seine Seminare.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter war ein warmherziger Mensch mit schwarzem Hut, Schnäuzer und oft im schwarzen Mantel. Sein angenehmer Händedruck und seine ruhige Stimme verströmten das Gefühl von Vertrauen und großer menschlicher Nähe.&lt;br /&gt;
Dieters Lehrveranstaltungen hatten einen außergewöhnlichen Charakter. Hier fand im besten Sinne Politisierung statt, hier wurde aufgeklärt über Macht- und Herrschaftsverhältnisse, hier wurden Fragen erörtert, die anderswo tabu waren und es oft bis heute sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Keiner mischte sich ein===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter Keiner war einer der wenigen Dozenten, die das Risiko eingingen, ihre Finger in die Wunden offensichtlicher sozialer und politischer Widersprüche zu legen. Er stellte unbequeme Fragen, wo viele aus Staatsräson, aus Angst um die eigene Karriere, aus Opportunismus lieber den Mund hielten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Er war kein Duckmäuser, kein Langweiler, kein angepasster Karrierist, sondern ein kritischer Wissenschaftler im besten Sinne. Dabei hat er Herausforderungen an eine alternative Theorieentwicklung und Perspektiven einer herrschafts- und kapitalismuskritischen Wissenschaft aufgezeigt, die als Sandkörner im Räderwerk der von Noam Chomsky beschriebenen „Konsens-Fabrik“ wirken könnten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ich erinnere mich gut an zwei Seminare, die er 1989/90 zum Themenkomplex „RAF und Staat“ angeboten hatte. Damals nahmen nur 15 bis 20 Leute teil. Dies hing sicher damit zusammen, dass 1989 die Terroristenhysterie noch keineswegs Geschichte war. Die meisten Menschen hatten in dieser Zeit nicht den Mut, sich mit der Problematik auch staatskritisch auseinander zu setzen, weil sie befürchteten, als „Sympathisanten“ stigmatisiert zu werden. So nahmen vor allem AktivistInnen aus der libertären Szene an Dieters Seminaren teil. Bis auf eine Ausnahme: Ein Student outete sich als Ex-Bundeswehrsoldat, der sich politisch als konservativ einschätzte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nach den beiden Semestern bedankte er sich bei Dieter. Er habe noch kein Seminar erlebt, das ihn so sehr zum Um- und Nachdenken gebracht habe, wie dieses.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In den folgenden Jahren haben Dieter und ich viele intensive Gespräche geführt und es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Ich habe am Institut für Soziologie eine Dissertation über „Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland“ geschrieben und mich in diesem Zusammenhang intensiv auch mit „grauer Literatur“, mit der RAF sowie der Entwicklung sozialer Bewegungen beschäftigt. So war es folgerichtig, dass Dieter und ich 1997 gemeinsam das Seminar „Twenty Years After: Deutscher Herbst 1977“ geleitet und vorab einen 380 DIN A4-Seiten umfassenden Reader zum Thema erstellt haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu unserer Überraschung kamen zur ersten Sitzung 200 StudentInnen, die aufgrund von Platzmangel nicht alle in den Seminarraum passten. In den folgenden Monaten pendelte sich die TeilnehmerInnenzahl auf etwa 120 ein.&lt;br /&gt;
1997 war es das einzige Seminar zum Thema, an einer Uni mit 50.000 Studierenden, und zu einer Zeit, in der im Fernsehen mit Hilfe von reißerischen „Doku-Spielfilmen“ von Heinrich Breloer an die Schleyerentführung 1977 „erinnert“ wurde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Als die StudentInnen 1997/98 in den Bildungs-Streik gingen, wurden die meisten Lehrveranstaltungen bestreikt. Unser Seminar wurde davon ausgenommen. Die Streikenden waren sich einig, dass es weitergehen soll, denn wann und wo sonst hätten sie live zum Beispiel mit Klaus Viehmann (Ex-Bewegung 2. Juni) über Themen wie „Triple Oppression. Alternative Theorieentwicklung im Kontext von RAF und Deutschem Herbst“ diskutieren können?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
In einem der Radiointerviews, die Klaus Blödow 1997 für den Bürgerfunk im Studio des Medienforums mit Dieter und mir gemacht hat, erläuterte Dieter seine Beweggründe:&lt;br /&gt;
„Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Geschichte der RAF, aus unterschiedlichen Gründen. Ein Interesse, das mich als Erziehungswissenschaftler treibt, ist zum Beispiel die Frage, wie sich Menschen in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren entwickelt haben und wie es verständlich gemacht werden kann, dass Menschen zu Terroristen geworden sind und welche gesellschaftlichen Hintergründe das hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Welches Zusammenspiel von RAF und Staat hat es gegeben, das bestimmte biographische Entwicklungen in eine Richtung getrieben hat? Das ist für mich ein wichtiger Gesichtspunkt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Ein weiterer, der dazu geführt hat, jetzt dieses Seminar zu machen, ist, dass der ‚Deutsche Herbst’ als Thema in der breiten Öffentlichkeit, in den Medien präsent ist, aber offenbar in der Wissenschaft kaum eine Rolle spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Wir versuchen in diesem Seminar deutlich zu machen, dass die Geschichte der Bundesrepublik für die Generation, die wir jetzt ansprechen, einen anderen Verlauf genommen und damit auch in gewisser Weise andere Lebensbedingungen mitgebracht hätte, wenn es die RAF und den ‚Deutschen Herbst’ nicht gegeben hätte. Von daher ist es wichtig, von der Wissenschaft aus nach Ursachen und gesellschaftlichen Bedingungen zu fragen und aus dieser öffentlichen Schwarzweißmalerei heraus zu kommen. Das heißt, für uns ist in diesem Seminar wichtig, nicht nur über die RAF, nicht nur über die APO, nicht nur über die Studentenbewegung ‘68, sondern immer auch über das Handeln des Staates zu reden, über die Rolle der Medien, insbesondere der Springerpresse in der Eskalation und in ihrer Verantwortung für die Eskalation, die in den 70er Jahren stattgefunden hat.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2001 und 2002 organisierten Dieter, Peter Schönhöffer und ich an der Uni die Ringvorlesung „Kapitalismus und Weltgesellschaft heute – Analyse, Kritik, Perspektive“. Sie wurde mit bis zu 200 TeilnehmerInnen pro Veranstaltung und ReferentInnen wie Jörg Huffschmidt, Ulrich Brand, H.J. Krysmanski, Pedro Morazán, Heike Walk, Friederike Habermann, Michael Schiffmann und Alex Demirovic zu einem Highlight, das Menschen auch außerhalb der Uni erreichte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Sei es im Zusammenhang mit den Veranstaltungsreihen des Infoladens Bankrott oder der Initiative Freie Kinderschule Münster e.V., unsere Wege überschnitten sich immer wieder und Dieter war gerne bereit, zu Krieg, Militarisierung, Alternative Pädagogik, PISA, Neue Armut und vielen anderen Themen zu referieren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
===Ein solidarischer Freund und Genosse===&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Für mich war Dieter kein Pauker, sondern ein wirklicher Lehrer, eine Ausnahmeerscheinung. Ein Mensch mit Ecken, Kanten, Rückgrat und Zivilcourage. Einer, der sich einmischt, sich nicht in den Elfenbeinturm zurückzieht, sondern laut Nein! sagt, wenn die Würde des Menschen angetastet wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auf seine Solidarität konnte ich zählen, auch in einer Situation, als ich in Münster öffentlich wegen eines Konflikts mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei unter Beschuss stand &amp;lt;ref&amp;gt;Siehe dazu: Bernd Drücke (Hg.), ja! Anarchismus, Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert, Karin Kramer Verlag, Berlin 2006, S. 176 ff.&amp;lt;/ref&amp;gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Kurz vor seiner Pensionierung erkrankte Dieter an Krebs. Er hat ihn besiegt, auch dank seiner Partnerin Ulla Bracht, mit der er lebte und wissenschaftlich zusammen arbeitete.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zu seinem 66. Geburtstag konnten wir 2006 zusammen mit vielen FreundInnen Dieters Pensionierung, das Erscheinen der von Ulla Bracht im Peter Lang Verlag herausgegebenen Festschrift „Leben, Texte, Kontexte“ und den Sieg über den Krebs feiern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Zwei Jahre später erkrankte Dieter an ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), einer seltenen degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, deren Ursache unbekannt ist. Bei dieser unheilbaren und tödlichen Krankheit kommt es zu einer fortschreitenden und irreversiblen Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. Ein Jahr lang hat sich Ulla liebevoll und rund um die Uhr um Dieter gekümmert und versucht die Symptome dieser grausamen Krankheit zu lindern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Am 28. Dezember 2009 ist Dieter im Alter von 69 Jahren gestorben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
„Der Tod verbirgt kein Geheimnis. Er öffnet keine Tür. Er ist das Ende eines Menschen. Was von ihm überlebt, ist das, was er anderen Menschen gegeben hat, was in ihrer Erinnerung bleibt“, schrieb der auch von Dieter hochgeschätzte Norbert Elias.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Dieter, geliebter Freund und Genosse, Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Auch in Deinem Sinne wollen wir weiter kämpfen gegen Krieg und Militarisierung, für eine solidarische Gesellschaft, für eine menschengerechte, freiheitlich-sozialistische Welt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke, Februar 2010''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=='''Anmerkungen:'''==&lt;br /&gt;
&amp;lt;references/&amp;gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
=Interview=&lt;br /&gt;
, aus: graswurzelrevolution Nr. 347, März 2010, www.graswurzel.net'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Aufgekochter „Schnee von gestern“?&lt;br /&gt;
Dieter Keiner, Bernd Drücke und Stefan Niehoff im Gespräch über Terroristenhysterie und „Buback. Ein Nachruf“'''&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Der pseudonyme „Göttinger Mescalero“ kommentierte 1977 die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die Rote Armee Fraktion. Sein „Buback. Ein Nachruf“ erschien auf dem Höhepunkt der Terroristenhysterie in der Bundesrepublik.&lt;br /&gt;
Erst 2001 bekannte sich Klaus Hülbrock öffentlich zu seiner Urheberschaft, nachdem er sich 1999 persönlich an den Sohn des Ermordeten, den Göttinger Chemie-Professor Michael Buback, gewandt hatte. Unter dem Druck der Massenmedien distanzierten sich 2001 die damaligen grünen Bundesminister Joseph Fischer und Jürgen Trittin von dem „Hetzpamphlet“. Stefan Niehoff vom Medienforum Münster interviewte dazu Dieter Keiner und Bernd Drücke für den Bürgerfunk auf Antenne Münster (95,4 Mhz). Der Antimilitarist und Erziehungswissenschaftler Dieter Keiner ist am 28. Dezember 2009 im Alter von 69 Jahren gestorben (siehe nebenstehenden Nachruf). Ihm zu Ehren dokumentieren wir Auszüge aus der am 20. März 2001 ausgestrahlten Radiosendung. (GWR-Red.)&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Im Studio begrüße ich zum Gespräch die Uni-Dozenten Dr. Bernd Drücke und Dr. Dieter Keiner.&lt;br /&gt;
Jetzt geht es um den „Mescalero-Nachruf“ im Zusammenhang mit der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7. April 1977 durch das RAF-„Kommando Ulrike Meinhof“ sowie um die aktuelle Debatte um den Mescalero-Text.&lt;br /&gt;
Das ist doch eigentlich schon lange her. Heute wird im Bundestag über diesen Text gesprochen. Wie kommt es, dass wir jetzt darüber diskutieren müssen?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ein Problem ist, dass in dieser Gesellschaft nicht wirklich über diesen Text diskutiert wurde und auch nicht diskutiert wird. Stattdessen geht es um bestimmte Aussagen, die sich in ihm finden, vor allem um die „klammheimliche Freude“, die der Autor des Artikels, ein Mitglied der Göttinger Spontigruppe „Mescalero“, damals empfunden habe, als bekannt wurde, dass die RAF den Generalbundesanwalt Buback ermordet hat.&lt;br /&gt;
Der am 25. April 1977 unter dem Pseudonym „Mescalero“ in den Göttinger Nachrichten, der Zeitung des dortigen Uni-AStA, veröffentlichte „Buback-Nachruf“ ist nämlich primär eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte und Politik der RAF, mit der „Liquidierung von Persönlichkeiten der herrschenden Klasse“. Ich denke, dass viele Menschen nicht wissen, was in „Buback. Ein Nachruf“ steht. Viele Leute kennen nur bestimmte Passagen des inkriminierten Diskussionspapiers, aber nicht seine eigentlichen Kernaussagen. Ich zitiere eine wichtige Textstelle, die in der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt wurde:&lt;br /&gt;
„Wir brauchen nur die Zeitungen aufzuschlagen und die Tagesmeldungen zu verfolgen: die Strategie der Liquidierung, das ist eine Strategie der Herrschenden. Warum müssen wir sie kopieren? Die Leute (das Volk) haben Angst davor, sie haben ihre Erfahrungen damit gemacht, genauso wie mit Einkerkerung und Arbeits1ager. Was wir auch tun: es wirft immer ein Licht auf das, was wir anstreben. Wir werden unsere Feinde nicht liquidieren. Nicht in Gefängnisse und nicht in Arbeitslager sperren und deswegen gehen wir doch nicht sanft mit ihnen um.&lt;br /&gt;
Unser Zweck, eine Gesellschaft ohne Terror und Gewalt (wenn auch nicht ohne Aggression und Militanz), eine Gesellschaft ohne Zwangsarbeit (wenn auch nicht ohne Plackerei), eine Gesellschaft ohne Justiz, Knast und Anstalten (wenn auch nicht ohne Regeln und Vorschriften oder besser: Empfehlungen), dieser Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel, sondern nur manches. Unser Weg zum Sozialismus (wegen mir: Anarchie) kann nicht mit Leichen gepflastert werden.“ 1&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' 68er wie Trittin und Fischer distanzierten sich im Bundestag von dieser Zeit. Wieso wird aktuell so darüber diskutiert? Das ist doch Schnee von gestern. So radikal ist doch heute keiner mehr.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Ja, aber „Schnee von gestern“ heißt nicht, dass der Schnee von gestern nicht immer wieder für neue Interessen geschmolzen und aufgekocht werden kann, so dass am Ende nichts mehr von dem Schnee erkennbar ist, sondern nur noch andere Aggregatzustände erkennbar bleiben. Der Kontext, in dem der Mescalero-Text erneut in die öffentliche Debatte gekommen ist, ist der der Debatte um die Biografie des derzeitigen Außenministers, Herrn Joseph Fischer. Dieser Kontext ist, bezogen auf ein zentrales Problem, das die Geschichte des Mescalero-Textes kennzeichnet, sehr aktuell. Fischer hat in der Debatte deutlich gemacht, dass er das staatliche Gewaltmonopol voll befürwortet - bis hin zum Krieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien -, dass er sich von allen damaligen Gewaltanwendungen distanziert und sich bei möglichen Opfern seiner Gewalttätigkeit entschuldigt. Das staatliche Gewaltmonopol wird weiter legitimiert, und der Mescalero-Text dient in der ganzen Verzerrung, in den ausgewählten Zitaten dazu zu sagen: Die 68er, und in der Folgezeit die Bewegung in den 70er Jahren, die dann in den Terrorismus führte, hatte als zentrale Botschaft den Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol. Und das gibt der Text nicht her. Im Anschluss an Bernds Zitat ist vielleicht der letzte Satz noch zu zitieren: „Damit die Linken, die so handeln, nicht die gleichen Killervisagen wie die Bubacks kriegen.“ Das ist die zentrale Botschaft dieses Textes.&lt;br /&gt;
Die Geschichte dieses Textes ist offenbar bis in die Gegenwart von Verzerrungen, von Instrumentalisierungen begleitet und lenkt insofern wieder den Blick auf die heute herrschenden Gruppen und Eliten, ihren Umgang mit ‘68 und der Phase des deutschen Terrorismus in den 70er Jahren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Das wirft ein Licht auf die Verhältnismäßigkeit von staatlicher Gewalt, auch wenn man sich anguckt, was damals im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text los war.&lt;br /&gt;
Bernd Drücke: Ich denke, dass der Umgang des Staates mit linksradikalen Bewegungen im Jahre 1977 tendenziell Züge von Staatsterrorismus angenommen hatte. Ich meine damit nicht nur die auch von amnesty international als Folter bezeichnete Isolationshaft und die Berufsverbote gegen radikale Linke. Die Repression war groß, Meinungs- und Pressefreiheit wurden massiv eingeschränkt. Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß und andere forderten 1977 die Wiedereinführung der Todesstrafe. Tatsächliche oder vermeintliche Mitglieder der „Baader-Meinhof-Bande“ wurden von vielen nicht mehr als Menschen, sondern als Monster betrachtet. Die Forderung, „inhaftierte Terroristen als Geiseln zu erschießen“, wurde ernsthaft diskutiert. Das ist zu hören auf der 1978 im Trikont-Verlag erschienenen Schallplatte „’Die Arbeit ist erledigt – oder? Die Dramatik hat auf meine Kopfhörer geschlagen’. Originalton-Dokumente zum Fall Schleyer im Herbst 1977“.&lt;br /&gt;
Der Mescalero-Text ist einer der am meisten kriminalisierten Artikel in der Geschichte der Bundesrepublik. Betroffen waren nicht nur militante Linke. Ein damaliges Mitglied der Gewaltfreien Aktion Göttingen wurde zum Beispiel zu einer Geldstrafe von 1.800 D-Mark verurteilt, weil er als Mitglied des Göttinger Uni-AStA mitverantwortlich für die Veröffentlichung des Mescalero-Textes gewesen sein soll. Die damalige Göttinger Redaktion der gewaltfrei-anarchistischen Graswurzelrevolution wurde im Zuge der staatlichen Repression gegen den angeblichen „Sympathisantensumpf“ der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) durchsucht. Die Graswurzelgruppen haben aus diesem Anlass 1977 eine Broschüre zu staatlicher Repression und Terrorismus veröffentlicht: „Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affäre“.2 Hierin hatten sie eine gewaltfrei-anarchistische Positionsbestimmung zur RAF formuliert, die die Politik im „Deutschen Herbst“ 1977 und die Repression analysiert. Die „staatliche Terroristenhatz“, so die AutorInnen der „Feldzüge“, würde hauptsächlich als Vorwand dienen, um repressive Tendenzen vorbeugend gegen potentiell gefährliche soziale Bewegungen, allen voran die Anti-AKW-Bewegung, durchzusetzen.&lt;br /&gt;
Der Göttinger AStA und viele Alternativmedien, die den Mescalero-Text nach der Inkriminierung dokumentiert haben, wurden kriminalisiert und eingeschüchtert. Es gab insgesamt mehr als 140 Beschuldigte. Gegen 13 niedersächsische Hochschullehrer und 35 Kolleginnen und Kollegen aus dem übrigen Bundesgebiet, die „Buback. Ein Nachruf“ im Wortlaut dokumentiert hatten, wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Einige Prozesse, zum Beispiel gegen die Berliner Szenezeitschrift radikal, endeten mit hohen Geldstrafen für die presserechtlich verantwortlichen Redakteure. Die presserechtlich verantwortliche Redakteurin der Arbeiterstimme wurde am 26. Februar 1978 zu sechs Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt, weil sie den Text dokumentiert hat. 3&lt;br /&gt;
Es hat Berufsverbote für Menschen gegeben, weil sie den Buback-Nachruf nachgedruckt oder verbreitet oder sich für seine ungekürzte Veröffentlichung eingesetzt haben. Der anonyme Autor wurde als Verrückter, als durchgedrehter Psychopath in den Massenmedien dargestellt. Auch die linksliberale Frankfurter Rundschau hat sich in diesem Zusammenhang nicht mit Ruhm bekleckert. Im Grunde waren, abgesehen von einigen, kleinen Alternativblättern, die Medien gleichgeschaltet. 1977 wurde über die Massenmedien eine staatlich geförderte Hetzkampagne losgetreten, die die repressive Stimmung innerhalb großer Teile der Bevölkerung verstärkte: die Terroristenhysterie.&lt;br /&gt;
Das, was in den letzten Wochen dazu gelaufen ist, das sind sozusagen Nachwehen.&lt;br /&gt;
Um zu verdeutlichen, wie die Stimmung 1977 in weiten Kreisen der Bevölkerung war, möchte ich einen von vielen ähnlichen Leserbriefen vorlesen, der damals an den AStA der Uni Göttingen geschrieben wurde. Im Wortlaut:&lt;br /&gt;
„ASTA – LUMPE-Strolche [sic!] und Verbrecher am deutschen Volk. Ihr Parasiten gehörtet alle in ein Straflager und jeden Tag vor dem Kaffee schon eine Tracht Prügel, daß ihr die Wände raufgeht. Euch Brüdern, ihr feigen Kojoten, Eucht [sic!] fehlte weiter nichts wie ein richtiger Krieg, jhr [sic!] wollt doch so Helden sein, aber ihr könnt ja nur feige aus dem Hintergrund kämpfen und morden. Ihr seit [sic!] die Brutstätte der Baader-Meinhof Bande. Ihr dreckiges Saupack, geht doch nach Rußland, da werden Sie schon der [sic!] Arsch aufreißen bis an den Stehkragen, ihr sehnt euch doch nach dem Kommunismus. Die würden mit Euch faulen Pack aber kurz Federlesen machen. Dies [sic!] ganzen letzten Anschläge habt ihr mit auf dem Gewissen.“4&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Warum hat der Mescalero-Text solche Reaktionen ausgelöst? Wie könnte man darauf reagieren? Wie würde man heute darauf reagieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Dieter Keiner:'' Zu den Reaktionen, die es darauf gab, würde ich gerne auf zwei Kontexte verweisen. Einmal auf Erich Fried. Er hat ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, und er beendet dieses Gedicht folgendermaßen: &lt;br /&gt;
„es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
so ein mensch&lt;br /&gt;
wäre nicht so gestorben&lt;br /&gt;
es wäre besser gewesen&lt;br /&gt;
ein mensch&lt;br /&gt;
hätte nicht so gelebt“&lt;br /&gt;
Erich Fried ist aufgrund dieses Gedichtes Angriffen, Verleumdungen ausgesetzt gewesen, und er hat dann, Ende November 1977, wie er sagt, veranlasst „durch ungute Auslegung“ des Gedichtes „Auf den Tod des Generalbundesanwalts Siegfried Buback“, ein Gedicht geschrieben mit dem Titel „Klage um eine Klage“. In diesem Gedicht klagt er sowohl um die, die sein Gedicht willentlich missverstanden haben, wie um die Täter, als auch um die Opfer. Er schreibt:&lt;br /&gt;
„ich klage um ihre köpfe weil sie nicht denken wollen dass man auch klagen kann um einen der anders dachte und ich schrieb meine klage auf als klage gegen das morden als klage gegen das unrecht und gegen unsere zeit“&lt;br /&gt;
Ein weiterer Kontext, der deutlich macht, mit welcher Schärfe im Zusammenhang mit dem Mescalero-Text verfolgt, diskriminiert und verleumdet wurde, ist mit dem Namen Peter Brückner verbunden. Peter Brückner war Hochschullehrer für Psychologie in Hannover. Am 1. August 1977 berichtete dpa mit Blick auf den CDU-Vorsitzenden des Landes Niedersachsen und Bundesratsminister, Wilfried Hasselmann, dass er gesagt habe, die Bevölkerung erwarte, dass nun endlich Taten folgten.&lt;br /&gt;
Alle Lobredner des Terrors und alle Beschöniger terroristischer Ergüsse müssten von den Hochschulen entfernt werden. Für die Parteigänger der Gewalt dürfe es keinen Platz in den Hochschulen geben.&lt;br /&gt;
Dieses Zitat, neben dem Gedicht von Erich Fried und den auf dieses Gedicht bezogenen Angriffen, verdeutlicht, welches Klima in der Bundesrepublik herrschte und welche Versuche gemacht wurden, die Rolle des Staates in der Gewalteskalation der 70er Jahre zu tabuisieren, nicht zu thematisieren und ausschließlich sich darauf zu beziehen, dass sich in der RAF ein Terrorismus ausdrücke, der mit anderen Mitteln bekämpft werden müsse. Dass es darum gehe, die geistigen Urheber dieses Terrorismus zu entlarven und zum Beispiel aus den Hochschulen zu entfernen. Das heißt also: keine Debatte, die mit analytischer Klarheit geführt worden wäre und in der auch Erkenntnisse hätten gewonnen werden können, in welcher Weise eigentlich die Gewalteskalation in den 70er Jahren in der Bundesrepublik erklärt werden müsse.&lt;br /&gt;
Diese Debatte ist deswegen noch so schwierig, weil jeder Versuch, dieses Wechselspiel von Staat und RAF zu diskutieren, diejenigen, die das tun, sofort in die Ecke derjenigen bringt, die die Gewalt befürworten, die die RAF-Morde befürworten. Das Spiel wird bis heute gespielt. Es ist von daher gut, dass wir auch anhand des Mescalero-Textes deutlich machen können, dass die Verzerrungen aktuell sind und eine lange Tradition haben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Stefan Niehoff:'' Bernd, was für einen Eindruck hinterlässt es, wenn Du solche Diffamierungen mitbekommst, wie sie zum Beispiel in Reaktion auf den Mescalero-Aufruf hinten auf der Broschüre „Feldzüge für ein sauberes Deutschland“ dokumentiert sind. Aber auch, wenn man sich anguckt, welchen Verfolgungen Leute ausgesetzt waren, die einfach nur den Mescalero-Text in ihren Zeitungen und Publikationen nachgedruckt haben? Du bist auch Journalist, kannst Du das aus dieser Perspektive analysieren?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
''Bernd Drücke:'' Ich halte das nicht für ein historisches Ereignis in dem Sinne, dass es etwas Außergewöhnliches ist. Es gab verstärkt seit 1968 und bis heute immer wieder Ermittlungsverfahren und andere Repressionsmaßnahmen gegen unliebsame, linke Alternativmedien. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber in der Regel kaum etwas mit.&lt;br /&gt;
Ich sehe es so, dass die staatliche Repression noch aktuell ist, dass sie sich bei Bedarf verschärfen lässt, dass sie sozusagen als Damoklesschwert über den Macherinnen und Machern von alternativen Medien schwebt. Von Zeit zu Zeit werden kritische Journalistinnen und Journalisten, kritische Menschen, Macherinnen und Macher von linken Bewegungsmedien kriminalisiert. Gegen mich wurde zum Beispiel während des NATO-Angriffskriegs gegen Jugoslawien 1999 ein Ermittlungsverfahren wegen „öffentlicher Aufforderung zu Straftaten“ (§ 111 StGB) eingeleitet, weil ich als presserechtlich verantwortlicher Redakteur der Graswurzelrevolution die Soldatinnen und Soldaten zur Desertion aufgerufen habe.&lt;br /&gt;
Bundesweit wurden 1999 im Zusammenhang mit dem NATO-Krieg gegen Jugoslawien gegen 40 Leute Ermittlungsverfahren wegen Desertionsaufrufen eingeleitet.&lt;br /&gt;
Ein Aspekt der aktuellen „Buback-Debatte“ ist, dass sich Grüne, allen voran Jürgen Trittin, von direkten gewaltfreien Aktionen gegen die Castor-Transporte distanziert haben. Das war im Grunde eine direkte Reaktion auf die CDU- und Bildzeitungs-Kampagne, die gegen Trittin und Fischer gelaufen ist, dass Trittin gesagt hat: „Aktionen gegen die Castortransporte sind nicht legitim.“ Diese Distanzierung ist ein nicht unerwünschter Nebeneffekt dieser Kampagne.&lt;br /&gt;
Trittin war in seiner Göttinger Zeit als Student der Sozialwissenschaften Hausbesetzer, Aktivist in studentischen Gruppen, im „Kommunistischen Bund“ und zeitweise im AStA. Noch, nachdem er 1990 grüner Minister in Niedersachsen geworden war, wollte er sich nicht von dem Mescalero-Text distanzieren. Er war kein Mitglied der „Mescalero“-Sponti-Gruppe, er war weder an der Entstehung noch an der Veröffentlichung des Textes beteiligt, hatte ihn aber noch 1993 als eine „radikal pazifistische Absage an den Terrorismus“ charakterisiert. Damit hatte er recht.&lt;br /&gt;
Aber eine solch unerwünschte Tatsache über einen von den Massenmedien und Politikern immer wieder verfälscht dargestellten Text zu äußern, das kann sich ein Bundesumweltminister nicht erlauben. Er muss sich distanzieren, wenn er sein Amt behalten will. Und das tat der von der Springerpresse ins Visier genommene Minister umgehend.&lt;br /&gt;
Ich denke, dass der Text „Buback. Ein Nachruf“ immer noch aktuell ist, nämlich aufgrund der Fragen, die er aufwirft: Staatliche Legitimität, gibt es die? Gibt es ein legitimes Monopol auf Gewalt? Oder gibt es dies nicht? Und wenn nicht, wie kann gewaltfreier Widerstand, wie kann sogenannte „Gegengewalt“ von unten aussehen, wenn sie nicht in Terror umschlagen soll?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
'''Anmerkungen:'''&lt;br /&gt;
1 Zitiert nach: „Buback. Ein Nachruf“, ungekürzt auf: www.graswurzel.net/news/mescalero.shtml&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
2 Beilage in: Graswurzelrevolution Nr. 34/35, Göttingen, Februar 1978. Der Text ist dokumentiert in: Johann Bauer, Ein weltweiter Aufbruch!, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2009, S. 91 ff.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
3 Siehe dazu: Schwarze Texte. Politische Zensur in der BRD 1968 bis heute, ID-Archiv im IISG, Amsterdam 1989&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
4 Anonymer Brief an den AStA der Uni Göttingen, 08.09.1977, dokumentiert in: Feldzüge für ein sauberes Deutschland. Politische Erklärung Gewaltfreier Aktionsgruppen in der BRD zu Terrorismus und Repression am Beispiel der Mescalero-Affaire, unveränderter Nachdruck, Verlag Graswurzelrevolution 2001, S. 38&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Diverse alternative Radiosendungen von und mit Dieter Keiner werden in den nächsten Monaten dokumentiert unter: www.freie-radios.net&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
----&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
='''Texte von Dieter Keiner im Internet:'''=&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Die neue Auschwitz-Lüge in der Kriegspropaganda der Bundesregierung (1999):&lt;br /&gt;
http://www.muenster.org/frieden/dkeiner.html&lt;br /&gt;
Neue deutsch Bildungsklatastrophe? (2002)&lt;br /&gt;
http://www.philtrat.de/volumes/46/neue_deutsche_bildungskatastrophe&lt;/div&gt;</summary>
		<author><name>Uwe B</name></author>	</entry>

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