Wir empfehlen:


Besprechungen des Lexikons der Anarchie

Aus DadAWeb
Wechseln zu: Navigation, Suche

CONTRASTE, März 2009

Let's Wiki! Web 2.0 wird zumeist mit „Mitmach-Internet” übersetzt. Das ist nicht falsch. Aber diese Interpretation des Web 2.0 greift beim Wiki-Prinzip zu kurz. Denn Wikis sind weit mehr als bloße Mitmach-Einrichtungen. Ihr eigentliches Potential ist es, dass sie Freiräume für die selbstorganisierte Zusammenarbeit von Menschen bieten. Wikis sind Labore, in denen neue Formen der Organisation von Arbeit und Wissen erprobt und gestaltet werden. (...)

Wikis können durchaus als zeitgenössisches Beispiel für eine gelebte Anarchie (im Sinne von Ordnung ohne Herrschaft) betrachtet werden. Ähnlich wie die regulierten Anarchien unserer vorstaatlichen Vorfahren sind auch die Wiki-Communities unserer Tage auf die freie Übereinstimmung ihrer Mitglieder zur Einhaltung der gemeinschaftlich erarbeiteten Regeln angewiesen. Die meisten Web-Communities regeln den Umgang ihrer Mitglieder über eine sogenannte Netiquette (Kunstwort aus engl. net - Netz und etiquette - Etikette). Dort, wo keine Zwangsmechanismen eines auf Befehl und Gehorsam basierenden Ordnungssystems existieren, wirkt der moralische Appell und die soziale Sanktion - und das zumeist sogar mit ganz beachtlichem Erfolg. (...)

Ein Dauerstreitthema ist in der Wikipedia die Frage der Neutralität von Artikeln. Um zu verhindern, dass Nutzer die Wikipedia für weltanschauliche oder politische Propaganda missbrauchen, wurde für alle Wikipedias die Regel des neutralen Standpunkts („neutral point of view”, NPOV) als verbindliches Prinzip eingeführt. Danach soll ein Artikel so geschrieben sein, dass möglichst viele Autoren ihm zustimmen können. Wenn zu einem Thema mehrere verschiedene Ansichten existieren, dann soll der Artikel diese fair beschreiben, aber nicht selbst Position beziehen. Artikel, deren Neutralität umstritten ist, werden mit einem Neutralitätsvermerk versehen. In der Praxis wird natürlich heftig darüber gestritten, was „allgemein anerkannt” ist, und welcher Standpunkt an welcher Stelle im Artikel, wenn überhaupt, erwähnt werden soll. Gerade bei kontroversen Themen ist die Einhaltung des neutralen Standpunktes häufig ein mühevoller sozialer Prozess von nicht enden wollenden Diskussionen, der nicht immer von Erfolg gekrönt ist.

Doch das Neutralitäts-Modell der Wikipedia ist nur eine Variante, das Wiki-Prinzip praktisch umzusetzen. Einen anderen Weg geht beispielsweise das ebenfalls auf einer Wiki-Plattform publizierte Lexikon der Anarchie, das bewusst darauf verzichtet, unterschiedliche Standpunkte im Prozess einer kollektiven Konsensbildung miteinander in Einklang zu bringen. Vielmehr begegnet man dem Problem umstrittener Themen und Artikel dort wie folgt:

„Was wir nicht haben möchten, ist den Streit um die “richtige Sicht” der Dinge innerhalb unserer Beiträge, wie das bei Public-Domain-Publikationen leider häufig der Fall ist. Wer eine andere Sicht hat, soll eben einen eigenen Beitrag zum Thema schreiben, ganz im Sinne der Devise: Zu jedem Beitrag eine/n AutorIn und zu jeden Thema so viele AutorInnen, wie es unterschiedliche Sichtweisen gibt. Das ist das Sympathische am Anarchismus: Wir müssen uns nicht auf die eine verbindliche Sicht der Dinge einigen. Denn die anarchistische Art, die Dinge zu sehen, ist die Perspektive der Vielfalt.”

Ähnlich wie bei der Wikipedia gibt es auch im Lexikon der Anarchie zu jedem Artikel eine Diskussionsseite, auf der sich die Debatte der unterschiedlichen Meinungen zum Thema entfalten kann. (...)

Jochen Schmück

Auszug aus CONTRASTE. Die Monatszeitschrift für Selbstorganisation. 26. Jg., März 2009, Nr. 294 (Themenspecial: "Die schöne neue Welt des Web 2.0"). Die vollständige Onlineversion des Beitrags findet sich im Blog des Autors: www.anarchie-drei-null.de

Graswurzelrevolution, März 2007

„Lexikon der Anarchie“ jetzt online

Das von Hans Jürgen Degen im Verlag Schwarzer Nachtschatten (Bösdorf) seit 1993 in fünf Folgen herausgebrachte „Lexikon der Anarchie“ erscheint seit Ende 2006 im Internet: www.lexikon-der-anarchie.de

Bedeutet das Internet wirklich das Ende des Buches, des bedruckten Papiers? Für die nächsten hundert Jahre sicher nicht, aber das elektronische Medium ist auf dem Vormarsch und es gibt sicher Buchprojekte, bei denen der Umstieg auf das Internet sinnvoll ist, so wie bei dem hier zu besprechenden „Lexikon der Anarchie“.

Besonders im Bereich der wissenschaftlichen Literatur wird der Markt immer kommerzieller. Neben dem bedruckten Papier in den Bibliotheken erobern Wissenschaftsverlage heute auch das Internet. Zunehmend werden kleinere Verlage von Multis aufgekauft, nur wegen derer Lizenzen und Rechte, um sie dann Häppchenweise im Internet weiter zu vermarkten. StudentInnen werden demnächst nicht mehr über Berge von Büchern sitzen, wo sie eventuell einzelne Kapitel bearbeiten müssen, sondern via Internet werden einzelne Abschnitte gegen Gebühr zum Downloaden angeboten: Die Verlage sparen so Lager- und Druckkosten, die User müssen nicht mal mehr „Standartwerke“ kaufen, um die dann wieder an StudienanfängerInnen verhökern zu müssen, sobald sie fertig sind. Das Internet verändert die Welt.

Aber natürlich muss nicht alles in diesen düsteren Farben enden. Wie (fast) alles im Leben hat das Meisten zwei Seiten. Es gibt natürlich auch die EnthusiastInnen, die gegen eine Kommerzialisierung ankämpfen, besonders im Bereich anarchistischer Literatur. Vermutlich gibt es zwar immer noch mehr Menschen ohne Internetanschluss, als AnalphabetInnen, aber die elektronischen Medien erobern zunehmend die Gewohnheiten junger Menschen.

Das Internet bietet – vermeintlich oder real – einen schnellen Zugriff auf Informationen, und die Vorstellung, dass Informationen alles sei, ist heute verbreiteter denn je. So sollen Informationen nicht mehr nur von Fachmenschen in Fachbüchern verbreitet werden, sondern durch das Wiki-Software ein Wissenspool ermöglicht werden, welches nicht nur allen den Zugang zu den Informationen ermöglicht, sondern auch das erarbeiten eines kollektiven Wissens. AnarchistInnen, die mitunter Autoritätsprobleme habe, sehen hierin auch die Möglichkeit (vermeintliche) „Autoritäten“, besonders aus dem akademischen Bereich zu ersetzen. Dies hat mitunter eine recht verquere Auffassung zur Folge: Erst wird ein Halbwissen zu einem Thema verbreitet, in der Hoffnung, dass es jemanden gibt, der dann doch noch einen Tick schlauer ist, um dieses Halbwissen, eventuell in ein Dreiviertelwissen umzuwandeln usw.

So wird auf der einen Seite beispielweise Wikipedia in den höchsten Tönen als zutiefst demokratisches Wissensportal gelobt, aber auf der anderen Seite machen sich Diskussionen darüber breit, wer die Inhalte und Form bestimmt. Es ist bereits von „digitalem Maoismus“ die Rede. In akademischen Kreisen ist Wikipedia als nicht zitierfähig verpönt. Die freie Software von MediaWiki läuft inzwischen bei den verschiedensten IdeenträgerInnen. Ob Anarchismus, Kochrezepte oder Pornographie – es entstehen die unterschiedlichsten Datenbanken und Wissensportalen.

Als Hans Jürgen Degen zu Beginn der 1990er Jahre das „Lexikon der Anarchie“ als Loseblatt-Sammlung entwarf, mit der Idee einer höchstmöglichen Flexibilität im Bereich der alphabetischen Sortierung, ging es ihm natürlich darum für jedes Gebiet, für jede Biographie usw. den entsprechenden Fachmenschen zu suchen (bei Zahnschmerzen bitte ich ja auch nicht meineN freundlicheN KollektivbäckerIn um Hilfe). Als UserIn muss ich mich natürlich auch darauf verlassen können, dass die Informationen, die das Internet mir bietet, richtig sind. Wo beim gedruckte Artikel noch eine Redaktion dazwischen steht, kann das Internet ein direktes Medium sein.

Somit haben sich einige Personen entschieden, das Lexikon der Anarchie nicht als ein Halbwissensportal zu etablieren, sondern als eine Autorenedition, basierend auf das bereits von Degen angefangene Konzept. Beim Umsehen im Internet haben sich die Leute dann das seit über 10 Jahre bestehende DadA-Web (Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus) mit der MediaWiki-Software angeschlossen, die sie auch von Wikipedia genutzt wird. AutorInnen melden sich an, und nur sie können ihre Artikel bearbeiten (bevor jemand aus „libertär“ „liberal“ machen kann), für Meinungsäußerungen, Anmerkungen und andere Meinungen steht bei jedem Artikel eine Diskussionsseite zur Verfügung. Die AutorInnen sollen natürlich nach Möglichkeit ihre Artikel dann auch selber betreuen, was wiederum auch eine Umstellung herkömmlicher AutorInnnen bedeutet. Wenn sie bisher ihre Artikel einer Redaktion abgeben, die sich um Inhalte, Korrekturen usw. kümmerten, war bisher deren Arbeit vorbei. Beim ALex (Kurzform vom Lexikon der Anarchie) müssen, können und/oder sollte die AutorInnen ihre Seite betreuen auch hinsichtlich weiterführenden Forschungsergebnissen oder etwa einer wachsenden Bibliographie.

Das alte Lexikon in zwei Ringordnern hatte rund 95 einzelne Artikel publiziert, von denen jetzt knapp die Hälfte inzwischen im Internet vertreten ist.

Einige Diskussionen waren nötig um das Projekt auf die Beine zu stellen: JedeR UserIn muss sich darauf verlassen können einwandfreie Infos zu bekommen, auf der anderen Seite AutorInnen, die lernen müssen das Medium Internet für sich zu nutzen, was mitunter auch etwas mehr an Flexibilität fordert. Dazu kommt, dass – im Gegensatz zur Printausgabe – das Internet nichts feststehendes ist, der Austausch zwischen AutorInnen und UserInnen kann unmittelbarer funktionieren, die AutorInnen müssen mehr Verantwortung übernehmen, die nun nicht mehr einem Verlag und/oder einer Redaktion zugeschoben werden kann.

So betritt das Internet Projekt ALex neues Terrain: Libertär genug zu sein um direkte Diskussionen zu ermöglichen und damit auch Autoritätsängste abzubauen, auf der anderen Seite Rechte von AutorInnen an ihren Texten zu sichern, damit weder sinnverstümmelnde Kopien kursieren, noch deren Arbeit missachtet wird, aber trotzdem freizugänglich für alle ist. ALex schaut nicht auf massenhafte edits („Einträge“), denn hier geht Qualität vor Quantität, noch will es sich bei den Zugriffzahlen – auf Teufel komm raus – etwa mit Wikipedia messen, wie andere Wikis, die sich lediglich als Konkurrenz zur „Mutter aller Wikis“ sehen, weil sie mit denen aus irgendeinem Grunde mal überworfen haben.

Es bleibt also spannend, wie sich ALex, aber auch andere Wikis entwickeln, wie viel anarchistisches im kapitalistischen Haifischbecken Internet übrigbleiben kann und wird.

Jochen Knoblauch

Quelle: Graswurzelrevolution Nr. 318, April 2007


Libertäre Buchseiten / Graswurzelrevolution (1997)

Unbegriffene Facetten der Anarchie. Die 4. Ergänzungslieferung zum Lexikon der Anarchie

Das "Lexikon der Anarchie" benötigt nun bereits einen zweiten Ringbuchordner und wird als Nachschlagewerk vollständiger. Die 4. Ergänzungslieferung enthält folgende Biographien: Bakunin von Wolfgang Eckhardt, Carl Einstein von Marianne Kröger, Ernst Friedrich von Ulrich Klemm, Bernard Lazare von Chaim Seeligmann, John Henry Mackay von Uwe Timm, Pierre Ramus von Adi Rasworschegg, Wilhelm Reich von Bernd A. Laska und Rudolf Rocker von Hartmut Rübner. Besonders der Beitrag über Lazare mit seinen zahlreichen Hinweisen auf weiterführende Literatur ist geeignet, vernachlässigte und unbekannte Aspekte der Geschichte des Anarchismus neu anzusprechen (bisher wurde Lazare nur wahrgenommen, wo es tatsächlich unvermeidlich ist, auf ihn aufmerksam zu werden, nämlich im Zusammenhang mit der Dreyfus-Affaire, vgl. GWR 193, S. 16). Zusammen mit Chaim Seeligmanns Beitrag über jüdische anarchistische Bewegungen und dem über die Kibbuz-Bewegung, beide ebenfalls in dieser Lieferung erschienen, wird an die Tradition der jiddischen anarchistischen Zeitungen erinnert, die wechselseitigen Affinitäten anarchistischer und jüdischer Außenseiter- Erfahrung. Außerdem werden auch Aspekte der wechselvollen Beziehung zwischen Anarchismus und Zionismus angesprochen, die gerade im deutschsprachigen Raum sehr viel mehr Beachtung als bisher verdienen.

Auch andere Überlegungen können durch solche Beiträge angestoßen werden: In dem Text über die Kibbuzim kann man/frau - jenseits der konkreten, in israelische nationale Politik verstrickten Entwicklungen und die auch hier einzubeziehende verhängnisvolle Rolle der Gewaltbereitschaft und Verkriegung von sozialen Gruppen, die ihrem Selbstverständnis nach sozialistisch sind - einige der Probleme erkennen, von denen ich meine, dass die AnarchistInnen sich nicht ausreichend mit ihnen auseinandersetzen: Bürokratisierung, Privatisierung, Professionalisierung und Wiederanschluss an kapitalistische Ökonomie. Die sozialistischen Ideale der GründerInnengeneration (wie sehr auch diese oft schon nationalistisch überformt waren) werden zurückgedrängt, sicher zum Teil durch die geistige Dominanz und materielle Zwänge der kapitalistisch-nationalistischen Umwelt. Aber die inneren Probleme der Lebensweise in selbstverwalteten Gemeinschaften, wie sie immer wieder und überall aufgetaucht und theoretisch noch kaum erfasst sind, wären in ihrer Wechselwirkung mit der kapitalistisch-etatistischen Gesellschaft noch zu bearbeiten (am vorläufigen Ende langer Diskussionen könnte auch daraus ein Lexikonartikel werden). Die Reich'sche Frage nach den Bedingungen, unter denen der Kampf um Freiheit "nicht mehr, wie bisher stets, in eine neue Art Unfreiheit münde" (S. 7 des Stichworts in dieser Lieferung) hat viele unbegriffene Facetten.

Die Abwehrbewegungen gegen Gewalt kommen in den Texten des Lexikons gut zur Sprache; in dieser Lieferung ist ein 10seitiger Beitrag von unserem Genossen Wolfram Beyer über Anti-Militarismus besonders erwähnenswert. Dass im anarchistischen Lexikon auch Sozialbewegungen und Reformprojekte mit Schlagworten vertreten sind, die nur teilweise anarchistisch beeinflusst sind oder eine Wirkung auf anarchistische Aktivitäten hatten, wie die Kibbuzim oder die von Ulrich Klemm behandelten Weltlichen Schulen, ist wichtig, weil es die Unabgeschlossenheit und wechselseitige Einflussnahme sozialer Bewegungen dokumentiert. Dies ist auch beim "Föderalismus" der Fall, der keineswegs immer anarchistisch begründet ist, wie Lutz Roemheld zeigt. Es ist besonders schwer, über Konzepte einer anderen Vergesellschaftung zu schreiben, ohne diese immer bloß vor der Negativfolie des Bekämpften darzustellen. So ist auch der Föderalismus als Alternative zum Zentralismus in der anarchistischen Literatur immer wieder beschworen worden, aber es verbinden sich damit durchaus unterschiedliche und nur mit Vorsicht "positiv" zu beschreibende Konzepte. Gerade im Hinblick auf die oben angesprochene Frage, wie Bürokratisierung, ein spontan und von unten immer wieder neu entstehender Entfremdungsprozess von "Zentren" gegenüber ihrer "Basis" behindert oder aufgelöst werden könnte, ist das Föderalismus- Thema eine zentrale Frage unserer Theorie und Praxis. In ihrer Verbindung zu anderen Themen wie der Größe von sozialen Gruppen und deren Beschlussfassung, der Abgrenzung von in die Verantwortung von Einzelnen oder von verschiedenen Gruppen fallenden Aufgaben und Entscheidungen wird über viele Aspekte des Themas in der GWR seit langem diskutiert. Konsensverfahren, Gruppenautonomie contra effektives, gemeinsames Handeln haben uns das Spannungsfeld zwischen Separatismus und zentralistischer Vereinheitlichung auch praktisch, oft schmerzhaft erfahren lassen. Kürzlich gab es in der GWR eine Diskussion über "anarchistisches Recht", deren Gegenstand auch Formen der Vereinbarung und der Trennung waren, und die Frage nach angemessenen Begriffen, um die "Verfassung" einer anarchistischen Gesellschaft zu beschreiben. Die Schwierigkeiten sehe ich alle. Dennoch (deshalb?) ist der Föderalismus-Text des Lexikons der Beitrag, der mich am stärksten enttäuscht hat: zu geistesgeschichtlich, teilweise verschwimmt geradezu, was mit "Föderalismus" gemeint ist. Besonders bei dem Abschnitt über die historisch-politische Entwicklung erscheint mir an vielen Stellen zweifelhaft, ob ein beschriebenes Phänomen sinnvoll "föderalistisch" genannt werden kann (anarchistisch schon gar nicht) ...

Johann Bauer

Quelle: Libertäre Buchseiten, Beilage zur Graswurzelrevolution, Nr. 222, Oktober 1997.


Arbejderhistorie, Dänemark (1995)

Anarchistische Strömungen sind in einzelnen Ländern oder Perioden eine mehr oder weniger herausragende Richtung in der Arbeiterbewegung gewesen. So gibt es auch heutzutage eine Reihe anarchistischer Zeitschriften und Jahrbücher inklusive historischer Publikationsorgane, wie die Quartalszeitschrift The Raven und das Jahrbuch Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit.

Hinzu kommt nun ein Lexikon der Anarchie, herausgegeben von Hans Jürgen Degen. Das Lexikon erscheint als Loseblattsammlung, wobei die Ergänzungslieferungen (zur Zeit drei) in einem Ordner gesammelt werden können. Die einzelnen Artikel behandeln Themen und Personen, die für anarchistische Theorien und Bewegungen relevant sind. Der Herausgeber ist Anarchist, während die übrigen Beitragenden nach ihren fachlichen Qualifikationen gewählt wurden. Das schließt natürlich nicht aus, dass sie Anarchisten sein können, aber es scheint unserer Meinung nach keine Voraussetzung zu sein. Die einzelnen Beiträge sind auf einem hohen Niveau, obwohl sie unterschiedlichen Umfang haben - 2 bis 10 Seiten. Es wird nicht erklärt, warum die Beiträge so unterschiedlich behandelt werden.

Das Lexikon will eine umfassende Darstellung aller Personen, fachlichen Gebiete und Organisationen geben, welche direkt oder indirekt mit dem Anarchismus in Zusammenhang stehen. Die bis jetzt vorliegenden Beiträge zeigen ein breites Spektrum, z. B. Namen wie A. Berkman, E. Goldman, G. Landauer, M. Nettlau, M. Vernet aber auch G. Winstanley, P. Robin, F. Oppenheimer, und M. Buber. Artikel über Antipädagogik und Pädagogik, Marxismus und Neoanarchismus sind zu finden, wie auch über den Spanischen Bürgerkrieg und die Schwarze Fahne. Natürlich finden sich Artikel über CNT und FAI, aber auch über Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen, über Tschechischen Anarchismus und Mother Earth. Das Lexikon ist eine ausgezeichnete Informationsquelle, deren Herausgabe hoffentlich fortgesetzt wird, so dass man ein besseres Verständnis über die Mannigfaltigkeit des Anarchismus bekommen kann.

Martin Andersen

Quelle: Arbejderhistorie. Tidsskrift for Historie, Kultur og Politik, Kopenhagen/Dänemark, Nr. 2, 1995


Libertäre Buchseiten / Graswurzelrevolution (1994)

Ringbücher mag ich nicht, ich finde sie beim Lesen unhandlich und hasse es, ausgerissene Blätter zu „reparieren". So war ich skeptisch, als mir letztes Jahr die Grundausstattung von Hans Jürgen Degens Mammutprojekt eines „Lexikons der Anarchie" zugesandt wurde. Nun, nach der ersten Ergänzungslieferung ist die Skepsis einer großen Spannung, ja Begeisterung gewichen.

43 lexikalische Stichworte (von je 2-10 Seiten) mit ausführlichen Quellen- und Sekundärliteraturangaben umfasst das Lexikon bereits: meist über anarchistische Personen, Organisationen oder Bewegungen, aber auch zu einzelnen Ländern oder Begriffen wie „Schwarze Fahne". Damit kann der selbstgesetzte Anspruch eines großen Nachschlagewerks zwar noch nicht eingelöst werden, aber es lässt sich schon erahnen, wie es nach der 2. und 3. Ergänzungslieferung aussehen könnte. Das Ringbuch bietet ja die Möglichkeit unbegrenzter Erweiterung, und zwar in zweierlei Hinsicht: quantitativ dadurch, dass im Prinzip jede/r Libertäre/r ein Stichwort zu einem ihr/ihm wichtigen Thema verfassen kann; qualitativ dadurch, dass fehlerhafte oder ungenügende Stichworte durch spätere Fassungen verbessert werden können.

Dass lexikalische Stichwörter nicht mehr als Einführungen sein können, hat aber auch den Nachteil, dass mancherorts vor allem theoretische Positionen sehr verkürzt dargestellt sind.

Bereits jetzt gibt es ein - angesichts der großen Problematik aktuell-zeitgeschichtlicher Darstellung - eher gelungenes Stichwort zur Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen / Graswurzelrevolution. Highlights sind für mich Jörg Aubergs Stichwort zu „Marxismus", Rolf Raaschs „Neo-Anarchismus" und Vaclav Tomeks „Tschechischer Anarchismus". Je umfangreicher das Lexikon in den nächsten Jahren wird, desto umfangreicher sollen auch die Besprechungen in den libertären Buchseiten werden. Versprochen!

Rael

Quelle: Libertäre Buchseiten, Beilage zur Graswurzelrevolution, Nr. 191, Oktober 1994.


Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit (1994)

... Um so begrüßenswerter ist es, wenn Hans Jürgen Degen jetzt mit der Herausgabe eines Lexikons der Anarchie in Loseblattform begonnen hat, von dem eine erste, insgesamt 24 Stichpunkte umfassende Lieferung vorliegt und das halbjährlich ergänzt werden soll. „Das Lexikon der Anarchie will versuchen ", so heißt es in einem „Aufruf zur Mitarbeit", „für den deutschsprachigen Raum eine umfassende Darstellung aller Personen, aller Sachgebiete und aller Organisationen zu bieten, die in direktem oder indirektem Bezug zum Anarchismus standen oder stehen ".

Die erste Lieferung enthält vorwiegend Beiträge zu Personen, zu bekannten wie Alexander Berkman, Emma Goldman, Peter Kropotkin, Erich Mühsam und Gustav Landauer, aber auch zu weniger bekannten wie Johannes Holzmann, Paul Robin oder Jean Wintsch. Daneben gibt es Artikel zu Organisationen (Confederación Nacional del Trabajo, Federatión Anarquista Ibérica, War Resister' s International), zur Zeitschrift „Mother Earth", zum spanischen Bürgerkrieg, zu Provos, zur Antipädagogik, zum Marxismus und zum Neo-Anarchismus. Schon allein diese Aufzählung lässt deutlich werden, dass die angestrebte Bandbreite der Beiträge in der ersten Lieferung eingehalten wird. Zu kritisieren wäre die zum Teil nicht so ohne weiteres nachvollziehbare quantitative Gewichtung einzelner Beiträge; so umfassen z. B. die Beiträge zu Sébastien Faure und Francisco Ferrer gerade einmal jeweils etwa eine anderthalbe Seite, während es Gerard Winstanley auf immerhin fünf und William Godwin gar auf mehr als sieben Seiten bringt. Das mag man mit dem unterschiedlichen Bekanntheitsgrad der jeweiligen Personen und der daraus geschlussfolgerten Notwendigkeit einer gegebenenfalls detaillierten Beschäftigung begründen, aber man sollte berücksichtigen, dass ein Lexikon auch in sich stimmig sein sollte. Inhaltlich können die Beiträge durchweg befriedigen und es ist zu hoffen, dass sich dieses Lexikon im Laufe der Jahre zu einem umfassenden Kompendium zur Geschichte und Gegenwart des Anarchismus in allen seinen Varianten und Variationen entwickeln wird.

Wolfgang Braunschädel

Quelle: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit, Nr. 13 (1994), Rezensionen und Hinweise.


Peter Lösche, IWK (1994)

Ein ehrgeiziges Unternehmen ist anzuzeigen, ein „Lexikon der Anarchie", geheftet in einem Ringbuchordner. Die erste Lieferung liegt mit ca. 150 Seiten vor. Geplant sind halbjährliche Ergänzungslieferungen von ca. 50 Seiten. Der Verlag hat sein ambitioniertes Programm so formuliert: „Das Lexikon der Anarchie will versuchen, für den deutschsprachigen Raum eine umfassende Darstellung aller Personen, aller Sachgebiete und aller Organisationen zu bieten, die in direktem oder indirektem Bezug zum Anarchismus standen oder stehen; soll zu einem Standardwerk anwachsen, das leicht aktualisierbar ist und verständlich abgefasst sein wird; soll eine Quelle zum Nachforschen, Nachlesen und Informieren sein und als Arbeitsgrundlage über anarchistische Theorie und Praxis dienen."

Verschiedene Autoren haben an der ersten Lieferung mitgearbeitet, weitere Autoren sind zur Mitarbeit aufgerufen. Im Einzelnen werden verschiedene Personen (so William Godwin, Emma Goldman, Peter Kropotkin), verschiedene Organisationen (so die Federación Anarquista Ibérica) und verschiedene Themen (Marxismus, Neoanarchismus, spanischer Bürgerkrieg) abgehandelt. Im Anhang findet sich u. a. ein Autorenverzeichnis sowie ein kombiniertes Personen- und Sachregister. Die Anfertigung der Stichworte für die erste Lieferung erscheint eher zufällig. So fehlt eine Erläuterung des Begriffs „Anarchismus", so dass das Selbstverständnis des Herausgebers im Dunkeln bleibt. Weitere, für die Geschichte des Anarchismus zentrale Organisationen und Personen fehlen. Man muss also auf die nächsten Lieferungen warten. Naturgemäß ist die Qualität der jetzt vorliegenden Beiträge höchst verschieden. Auf das Wesentliche konzentriert ist der Beitrag über den spanischen Bürgerkrieg von Walther L. Bernecker. Höchst informativ und differenziert liest sich der Artikel über Neoanarchismus, worunter die antiautoritäre Studentenbewegung verstanden wird, die sich weitgehend unabhängig vom alten Anarchismus entwickelt hat. Man darf auf die nächsten Lieferungen neugierig sein.

Peter Lösche

Quelle: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Heft: 3/1994, 30. Jg, Kurzanzeigen und Literaturhinweise.


IFB-Besprechungsdienst (1994)

Herausgeber und Verlag beabsichtigen, mit dem Lexikon der Anarchie ein deutschsprachiges Standardwerk zum Anarchismus zu schaffen. [1] Anhand dieses Lexikons in Form einer Loseblattausgabe wird man sich grundlegend und umfassend über den Anarchismus informieren können und Hinweise auf weiterführende Literatur erhalten. Die Artikel behandeln die politische Theorie, Geschichte, Persönlichkeiten, Bewegungen, Vereinigungen und aktuelle Strömungen. Schon die im Grundwerk enthaltenen Artikel erreichen die gesteckten Ziele, was beispielhaft die Artikel Marxismus, Spanischer Bürgerkrieg, Emma Goldman oder Provos zeigen. Das Inhaltsverzeichnis, das Abkürzungsverzeichnis und das ausführliche Register, das Personen- und Sacheintragungen enthält, garantieren einen raschen Überblick und erlauben gezielte Sucheinstiege. Verweisungen innerhalb der Artikel auf weitere Stichwörter geben zusätzliche Informationen. Die Artikel sind namentlich gezeichnet und schließen mit einem gut recherchierten Literaturverzeichnis, das deutsch- und fremdsprachige Monographien und Aufsätze sowie Quellenwerke enthält. Der Umfang der Artikel ist recht unterschiedlich und reicht von zwei bis acht Seiten. Jeder Artikel ist übersichtlich gegliedert (wozu auch Marginalien beitragen) und klar formuliert. Die Gesamtkonzeption des Lexikons und die Anlage der einzelnen Artikel lassen ein Nachschlagewerk mit Einführungscharakter erwarten, das gleichermaßen für Wissenschaftler, Studenten und historisch wie politisch interessierte Leser von Nutzen sein wird. Das Lexikon der Anarchie sollte daher im Präsenzbestand wissenschaftlicher Universalbibliotheken, geistes- und sozialwissenschaftlich ausgerichteter Bibliotheken und auch größerer öffentlicher Bibliotheken zu finden sein.

Angelika Hohenstein

Quelle: Informationsmittel für Bibliotheken (IFB), Besprechungsdienst und Berichte, Herausgegeben von Klaus Schreiber, Jahrgang 2 (1994), 2.


  1. Bislang fehlt ein deutschsprachiges Lexikon zum Anarchismus. Die beiden folgenden Nachschlagewerke in französischer Sprache können wissenschaftlichen Ansprüchen kaum genügen: Les mots de l'anarchie : dictionnaire des idées, des faits, des actes, de l'histoire et des hommes anarchistes / Roger Boussinot. - Paris : Delalain, 1982. - 150 S. - L'encyclopédie anarchiste : oeuvre internationale des Éditions Anarchistes / sous la direction de Sébastien Faure. - Paris, 1934. - T. 1-4.
    Sehr viel ergiebiger für die Literatursuche, auch wenn ausschließlich englischsprachige Literatur erfasst wird, ist die Bibliographie: Anarchist thinkers and thougt : an annotated bibliography / comp. and ed. by Paul Nursey-Bray with the assistance of Jim Jose and Robyn Williams. - New York, NY : Greenwood Press, 1992. - 320 S. - (Bibliographies and indexes in law and political science ; 17). - ISBN 0-313-27592-0 : $ 55.00.
    International - wenngleich mit deutlichem Schwerpunkt bei französischsprachigen Titeln - ist der folgende Bestand: L'anarchisme : catalogue de livres et brochures des XIXe et XXe siècles / Institut Français d'Histoire Sociale, Paris = Anarchism. - Paris ; München [u. a.] : Saur, 1982. - 170 S. - ISBN 3-598-10442-1 : DM 68.00. - Ein weiterer Band ist angekündigt.