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Erich Mühsam: Tagebücher - Band 2: 1911-1912

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Die DadA-Buchempfehlung

Buchcover: 9783940426772 Muehsam-Tagebuecher 02.gif
Autor/en: Erich Mühsam
Titel: Tagebücher, Band 2. 1911-1912
Editoriales: Hrsg. von Chris Hirte und Conrad Piens.
Verlag: Verbrecher Verlag
Erscheinungsort: Berlin
Erscheinungsjahr: 2012 (Frühjahr)
Umfang, Aufmachung: Originalausgabe. Leinenband, 375 Seiten. Onlineversion: www.muehsam-tagebuch.de
ISBN: (ISBN-13:) 978-3940426789
Preis: 28,00 EUR
Direktkauf: bei aLibro, der Autorenbuchhandlung des DadAWeb

Das Persönliche ist das Politische: Zum Zweiten

Zur Edition der Mühsam-Tagebücher, deren zweiter Band jetzt erschienen ist.

Die von Chris Hirte und Conrad Piens im Berliner Verbrecher-Verlag herausgegebenen Mühsam-Tagebücher haben im letzten Jahr nach Veröffentlichung des ersten Bandes eine ausgesprochen wohlwollende, ja geradezu euphorische Rezeption in den Feuilletonseiten der großen bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften erfahren. Dabei ist der Anarchismus des Anarchisten Erich Mühsam eher am Rande abgehandelt worden. Weit intensiver haben sich die Rezensenten auf das desperate Liebesleben des Bohemiens Erich Mühsams fokussiert. „Sex sells“ – das gilt auch für das bürgerliche Kulturfeuilleton. So verwundert es nicht, wenn der „SPIEGEL“ seinen von Volker Hage verfassten Artikel zur Edition der Mühsam-Tagebücher mit „Der Anarchist und die Mädchen“ aufmachte. Jens Bisky von der „Süddeutsche Zeitung“ wurde da schon eindeutiger und titelte: „Ich trank viel und küsste alle Mädchen und Frauen.“ Und Frank Willmann von der „Kultur-Redaktion“ des Onlinejournals „Weltexpress International“ wollte dies noch toppen und titelte: „Schlüpferstürmer Erich Mühsam lässt erneut die Laute jaulen - Der Erotiker unter den Anarchisten schlägt uns … in den Lesebann.“

Natürlich hat Erich Mühsam in seinen Tagebüchern auf eine schon fast pedantische, buchhalterische Art seine amourösen und erotischen Erlebnisse dokumentiert. Aber ihn auf sein Sex- und Liebesleben zu reduzieren wird Erich Mühsam und seinen Tagebüchern nicht gerecht, die ja weit mehr beinhalten als eine lose aneinandergereihte Folge frivoler Bettgeschichten.

Der zweite im Frühjahr 2012 erschienene Band der Mühsam-Tagebücher berücksichtigt den Zeitraum vom 17. Oktober 1911 bis zum 26. Juni 1912. Im April 1911 war die erste Ausgabe der von Erich Mühsam herausgegebenen Zeitschrift „KAIN“ erschienen, mit der sich Mühsam erstmals mit einem eigenen kulturpolitischen Journal an die Öffentlichkeit wendete. Mit der Wahl dieses Titels bezog sich Mühsam bewusst auf jene Tradition, die den biblischen Kain nicht als Brudermörder, sondern als den ersten Rebellen der Menschheit interpretiert. Und in diesem Sinne war auch das in der ersten Nummer des KAIN abgedruckte programmatische Einleitungsgedicht der Zeitschrift verfasst:

(…) Von den Stätten der Menschheit bin ich verbannt.
Darbend fahr ich durchs Land, vogelfrei (…)
Kommt! Ich fürcht' mich nicht mehr! Hier steh' ich auf zum Kampf!
Eure geballten Fäuste schrecken mich nicht!
Brudermörder Ihr selbst – und tausendfach schlimmer!
Aus Eurem Scheiterhaufen raucht meines Herzensbluts Dampf.
Trag' ich so gut als ihr nicht Menschengesicht?
Aufrecht steh' ich vor Euch und fordre mein Teil! …
Gebt mir Freiheit und Land! – Und als Bruder für immer
kehrt Euch Kain zurück, der Menschheit zum Heil!

Wohl inspiriert durch das Vorbild der Zeitschriftenprojekte von Maximilian Harden und Karl Kraus war Mühsam alleiniger Autor sämtlicher im KAIN veröffentlichter Artikel (in der Kopfzeile der Zeitschrift verbat er sich sogar ausdrücklich jegliche Mitarbeiterschaft).

Erste Ausgabe der von Erich Mühsam in München ab April 1911 herausgegebenen Zeitschrift "KAIN".

Zu den bevorzugten Themen, die Mühsam in seinem "ganz persönlichen Organ" behandelte, gehörten Fragen der anarchistischen Theorie, des Antimilitarismus, der Sexualreform, seine Kritik der Justiz und des Strafvollzugs sowie Beiträge zu den Themenbereichen Kultur und Arbeiterbewegung. Neben Theaterkritiken und Buchrezensionen wurden im KAIN auch Gedichte von Mühsam abgedruckt. Quasi als Fortsetzungsgeschichte erschien in den ersten zwei Jahrgängen des Blattes in loser Folge Mühsams „Tagebuch aus dem Gefängnis“, in dem der Autor seine Untersuchungshaft in der Berliner Haftanstalt Charlottenburg im Jahre 1909 beschreibt (das Gefängnistagebuch findet sich auch vollständig in der Internetversion von Mühsams Tagebüchern). Aktuelle Zeitfragen und -geschehnisse wurden im KAIN in einer monatlichen Rubrik "Bemerkungen" kommentiert. Als Ergänzung und vermutlich zur finanziellen Stützung des Blattes veröffentlichte Mühsam in den Jahren 1912 und 1913 einen KAIN-Kalender, den Fritz J. Raddatz als "eine Art revolutionäres Pendant zu den Damen-Almanachen der deutschen Aufklärung" beschrieben hat.

Leider sind Mühsams Tagebuchhefte 2-4 verschollen, sodass sich für den Zeitraum vom 6. Oktober 1910 bis zum 6. Mai 1911 eine Lücke von mehr als einem halben Jahr auftut, in der die Gründung des KAIN vorbereitet wurde. Ab dem Tagebucheintrag vom 7. Mai 2011 kann in den ersten drei Bänden der Mühsam-Tagebücher en détail die Entwicklung der Zeitschrift bis zu ihrer vorläufigen Einstellung im Juli 1914 aus der persönlichen Sicht des Herausgebers verfolgt werden. Da die Zeitschrift KAIN dank der verdienstvollen Arbeit des Zeitungsarchivs der Anarchistischen Bibliothek Wien inzwischen vollständig digitalisiert wurde und, ebenso wie die bisher erschienenen Mühsam-Tagebücher, im Internet frei zugänglich ist, bietet sich der Forschung die günstige Gelegenheit zu einer vergleichenden Untersuchung von Zeitschrift und Tagebuch des Herausgebers. Die Herausgeber der Mühsam-Tagebücher haben dies in ihrer Onlineausgabe berücksichtigt, in dem sie im Tagebuch erwähnte Artikel mit der digitalisierten Ausgabe des KAIN verlinkt haben.

Den Tagebüchern der Jahre 1911 und 1912 lässt sich entnehmen, mit welchen Schwierigkeiten Mühsam bei der Herausgabe der Zeitschrift zu kämpfen hatte. Das waren nicht nur finanzielle Probleme, sondern da Mühsam auch der alleinige Autor aller Beiträge war, setzte ihn die Erstellung jeder einzelnen Ausgabe der Zeitschrift unter enormen Druck. Positiv aufgenommen wurde Mühsams kulturpolitisches Journal von den mit ihm befreundeten Schriftstellern, namentlich von Frank Wedekind, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Roda-Roda, Ludwig Thoma und Maximilian Brantl, die nach Kräften über die ihnen nahestehende Presse das Projekt zu fördern versuchten. Dennoch blieb sein Zeitschriftenprojekt ein Zuschussunternehmen, für dessen Finanzierung Mühsam immer wieder Verwandte und Freunde anpumpen musste. Doch Mühsam und sein Blatt lebten nicht nur auf Pump, sondern ungeachtet seiner eigenen finanziellen Misere war Mühsam sehr freigiebig und unterstützte andere in Notsituationen, sobald er dazu die Mittel hatte.

Seine Tagebücher machen deutlich, dass Mühsam mit der Zeitschrift KAIN ein Projekt gefunden hatte, das sein Leben ausfüllte. Das Blatt war ihm auch bei der Pflege seiner zahlreichen gesellschaftlichen Kontakte behilflich, und es verhalf ihm zu Freikarten für Theateraufführungen, zu denen er dann im KAIN die Theaterkritiken veröffentlichte. Außer für sein eigenes Blatt schrieb Erich Mühsam auch für andere Verlage und Zeitschriften, so teils unter Pseudonym für das satirische Münchner Blatt „Komet“, was ihm zumindest eine Zeit lang ein regelmäßiges Monatshonorar einbrachte. Auch für den „Sozialist“, das von Gustav Landauer herausgegebene Organ des „Sozialistischen Bundes“, verfasste Mühsam Artikel und Gedichte, wobei Landauer und Mühsam nicht selten ihre persönlichen Konflikte aufgrund unterschiedlicher Ansichten, wie z. B. zur Frage der Ehe, in kontroversen Artikeln austrugen.

Die Abende und teilweise auch Nächte verbrachte Mühsam in den Lokalen oder Cafés der Münchner Boheme mit Diskussionen, Poker-, Schach- oder Billardspielen. Und natürlich „lockt ewig das Weib“, und so ist auch der zweite Band seiner Tagebücher angefüllt mit zahlreichen, zumeist nur sehr flüchtigen „Frauengeschichten“.

Leider finden sich in seinen Tagebüchern nur selten und dann zumeist oberflächliche Informationen zu seinem konkreten politischen Engagement als Anarchist, was sicher auch dem Umstand geschuldet ist, dass sich Mühsam aus Sicherheitsgründen in diesem politisch sensiblen Bereich eher zurückhaltend geäußert hat. 1909 hatte Mühsam in München die „Gruppe Tat“ gegründet, um die Ziele des von Gustav Landauer ins Leben gerufenen „Sozialistischen Bundes“ (S.B.) zu propagieren, dem die Gruppe angegliedert war. Gleichzeitig trat die „Gruppe Tat“ für die Rechte des sog. 5. Standes ein, womit die Entwurzelten der Gesellschaft gemeint waren, in denen Mühsam ein revolutionäres Potenzial erblickte. Neben Mühsam gehörten zur „Gruppe Tat“ auch der Klavierspieler und Kabarettist Karl (Morax) Schultze, die Schriftsteller Oskar Maria Graf, Franz Jung und Karl Otten sowie der Maler Georg Schrimpf. Zumeist unter Leitung von Mühsam hielt die Gruppe unregelmäßig, zeitweise auch wöchentlich in wechselnden Münchner Lokalen Versammlungen ab, zu der Studenten, aber auch Menschen eingeladen wurden, die man in der Volksküche angesprochen hatte.

Wenn Mühsam es für politisch wichtig hielt, trat er auch als anarchistischer Redner in öffentlichen Veranstaltungen auf. Das war beispielsweise der Fall, als 1911 die Tänzerin Adorée-Via Villany wegen Nackt-Tanzes im Münchner Lustspielhaus von der Bühne weg verhaftet worden war. Mühsam organisierte im Namen der „Gruppe Tat“ eine Protestveranstaltung, die am 30. November 1911 in der Schwabinger Brauerei stattfand. Dort hielt er vor über 1000 Personen eine Rede zum Thema „Staat, Kirche, Polizei und Abhilfe“, in der er zum Abschluss das Programm des „Sozialistischen Bundes“ vorstellte. Diese Veranstaltung ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Mühsams Tagebuch und die Zeitschrift KAIN als Quellen ergänzen. So sind im Tagebuch (in den Einträgen vom 21., 26. und 28. November sowie vom 2. Dezember 1911) Mühsams Vorbereitungen und der Verlauf der Veranstaltung beschrieben, und im KAIN (Nr. 9 vom Dezember 2011) findet sich im Leitartikel „Gegen die Polizei“ der Inhalt seiner Rede sowie ein Kurzbericht zur Veranstaltung selbst.

Der österreichische Anarchist Pierre Ramus (d.i. Rudolf Großmann; 1882-1942)

Wie sich den Tagebüchern entnehmen lässt, unterhielt Mühsam auch zu den Anarchisten in Wien rege Kontakte. So korrespondierte er mit Pierre Ramus (d.i. Rudolf Grossmann), dem international bekannten österreichischen Anarchisten und Herausgeber des „Wohlstand für Alle“, für das Mühsam, wie z. B. mit seinem Artikel „Anarchie“ in der Ausgabe Nr. 4 vom 28. Februar 1912, gelegentlich Beiträge schrieb. Auch mit dem Wiener Anarchisten und Publizisten Franz Karl Kočmata stand Mühsam in Kontakt, in dessen Blättern „Ver!“ und „Revolution!“ später ebenfalls Beiträge von Mühsam abgedruckt wurden. Und auch in die Schweiz hatte Mühsam Kontakte, so zu Johannes Nohl, seinem früheren Lebensgefährten, mit dem er 1904 in der Künstler- und Lebensreformer-Kolonie „Monte Verita“ in Ascona gelebt hatte. Eine freundschaftliche Beziehung unterhielt er auch zu dem Arzt und libertären Sozialisten Fritz Brupbacher in Zürich.

Obschon die Finanzierung seiner Zeitschrift weiterhin ungesichert war, zog Mühsam nach dem ersten Jahrgang des KAIN im Leitartikel „Anarchistisches Bekenntnis“ (Kain, 2. Jg., Nr. 1 – April 1912) eine positive Bilanz über die Wirkung des Blattes und erläutert dabei sein persönliches Anarchismusverständnis:

„Ein rundes Jahr ist abgelaufen, seit ich zum ersten Male die Freude hatte, mit dieser Bekenntnis-Zeitschrift vor die Öffentlichkeit zu treten. Der „Kain" hat sich seit dem gute Freunde geworben, zwar noch nicht genug, um aus eigener Kraft leben zu könnet aber doch so viele, dass begründete Aussicht besteht, ihn in kurzer Zeit ohne weitere persönliche Opfer wirken zu sehen. (…)

Überschaue ich heute das sittliche Resultat der bisher im „Kain" akkumulierten Arbeit, so glaube ich mich zu einem Erfolge froh beglückwünschen zu dürfen: ich, habe bewirkt, dass eine beträchtliche Anzahl vor sich selbst aufrichtiger Menschen zu einer Revision ihrer Ansichten über anarchistische Tendenzen gelangt ist. Sowenig mir prinzipiell an einer Festlegung meiner Sinnesart in einen programmatischen Begriff liegt, so wichtig ist mir doch das Bekenntnis grade zum Anarchismus, weil dieses Wort von intriganten Politikern geflissentlich in seiner Bedeutung verwirrt wurde und, wenigstens in Deutschland, im Urteil der Meisten als die verbrecherische Konfession zügelloser Naturen aufgefasst wird. (…)

Seit es bei mir und einigen anderen Anarchisten evident geworden ist, dass wir gewöhnlich nicht mit solchen Utensilien [gemeint sind Mordwerkzeuge, JS] ausgestattet sind und sogar bis zu einem gewissen Grade anständige Motive haben für unsere Tendenzen, hat man zur Kennzeichnung unserer ethischen Verblödung für uns die Bezeichnung „Edel-Anarchisten" erfunden. Den Kafferp gegenüber, die da glauben, mir einen Gefallen zu tun, wenn sie mich mit einer schmockigen Wendung in Gegensatz zu meinen Genossen setzen, möchte ich folgendes bemerken: Ich bin Anarchist ohne Einschränkung, d. h. einer, der in der Einrichtung des Staats mit allen seinen Zwangs- und Gewaltvollmachten das Grundübel des menschlichen Zusammenlebens erblickt. Ich fühle mich als Anarchist solidarisch mit allen, die derselben Überzeugung leben, und die, je nach Temperament und Veranlagung, für diese Überzeugung mit ihrer Person eintreten, also auch mit denen, die geglaubt haben, mit Dynamit der anarchistischen Sache dienen zu können. Ich verbitte mir jeden Versuch mich von der Gemeinschaft dieser Idealisten abzusondern. Dass ich — aus ähnlichen Gründen wie der Anarchist Tolstoj — die aggressive Gewalt im Prinzip verwerfe, berechtigt niemanden, meinen Charakter als Anarchisten in irgend einer Form anzuzweifeln, umso weniger als meine Ablehnung der Gewalt engstens in meiner anarchistischen Gesinnung begründet ist und von der großen Mehrheit meiner anarchistischen Genossen durchaus gutgeheißen wird. (…)

Am seltsamsten berührt es, wenn sich selbst Künstler von dieser Vokabelfurcht [vor dem Begriff Anarchie‘, JS] ergriffen zeigen. Ihnen muss gesagt werden, dass alle Kunst notwendig anarchisch ist, und dass ein Mensch zuerst Anarchist sein muss, um Künstler sein zu können. Denn alles künstlerische Schaffen entspricht der Sehnsucht nach Befreiung von Zwang und ist im Wesen frei von Autorität und äußerlichem Gesetz. Die innere Bindung und Ordnung der Kunst aber hängt tief zusammen mit den Beziehungen des einzelnen freiheitlichen Individuums zum ganzen Organismus der Gesellschaft. Diese Beziehungen zwischen Mensch und Menschheit, die in der Kunst ihren höchsten Ausdruck hat und die in der Paragraphenmühle des Staats zermalmt wurde und verloren ging, wieder herzustellen, das ist der Sinn unserer, der Anarchisten, Werbearbeit, und diesem Streben, um dessentwillen wir geächtet und gelästert werden, wird der „Kain" auf seine Art nach wie vor seine Kräfte widmen.“

Deutlich pessimistischer ist seine persönliche Bilanz, die Mühsam am 6. April 1912 anlässlich seines 34. Geburtstages in seinem Tagebuch zieht:

„34 Jahre! Du lieber Himmel! Was habe ich erreicht! Wie kläglich wenig! Immer noch das dürftige möblierte Zimmer. Immer noch von Monat zu Monat die Angst, die Rechnung nicht zahlen zu können. Und schon wieder die völlige Entkleidung aller Sicherheit im Geldverdienen. – Und der Ruhm? Du lieber Himmel! Was tue ich mit dem bißchen Berühmtheit? Mit dem Angeglotztwerden? Mit den Komplimentationen? Wer kennt meine Lyrik? Wer führt meine Dramen auf? Wieviele Leute lesen auch nur den „Kain“, der noch mein einziger Trost ist? – Und die Liebe? Schweigen will ich, erröten, mich schämen, und ihrer denken, der Einzigen, die ich verlor, weil ich’s nicht wert war, sie mir zu erhalten. Friedel, Friedel! Mit dem Gedanken an Dich beginne ich dies neue Jahr. Mit dem Gedanken an Dich werde ich dies Jahr wie alle ferneren dieses Lebens beschließen – und ewig unglücklich sein.“

Aber wie man ebenfalls seinem Tagebuch entnehmen kann, lässt sich Mühsam von solch pessimistischen Anwandlungen nicht allzu lange gefangen nehmen. Trotz weiterhin ungesicherter Finanzlage erscheint die Zeitschrift KAIN noch mit einer längeren, durch den ersten Weltkrieg bedingten Unterbrechung bis 1919. Und auch was den Liebeskummer betrifft, weiß sich Mühsam bald schon zu trösten.

Mühsam kostet sein Leben in allen Nuancen aus, seien es nun die bitteren oder auch beglückenden Momente. Das macht seine Tagebücher zu einer höchst lebendigen Lektüre, die einen spannenden und häufig auch amüsanten Einblick in eine kreative anarchistische Subkultur vor 100 Jahren in Deutschland und Europa gibt.

Jochen Schmück,
Potsdam, im Dezember 2012


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