Wir empfehlen:


Haymarket

Aus DadAWeb
Version vom 4. September 2007, 22:27 Uhr von Jochen K (Diskussion | Beiträge) (Änderte den Seitenschutzstatus von Haymarket [edit=sysop:move=sysop])
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Lexikon der Anarchie: Sachthemen


Haymarket. Platz in Chikago / USA. Für die anarchistische Geschichte ein wichtiger Ort im Kampf um die Rechte der ArbeiterInnen.

Einleitung

Im Jahr 1884 beschloss der in Chicago tagende Jahreskongress des „Verbandes der Gewerkschaften und Arbeitervereine“ den Kampf für den 8-Stunden-Tag in den USA zu verstärken. Bis Anfang 1886 war der 8-Stunden-Tag das vorherrschende Thema für die organisierten Arbeiter/innen der Vereinigten Staaten geworden.

Ihren Höhepunkt erreichte die Bewegung am l. Mai 1886. In den USA streikten 300.000 ArbeiterInnen, alleine 40.000 davon in Chicago, was einem Generalstreik gleichkam.

Am 3. Mai 1886 wurden vor der Erntemaschinenfabrik von McNormick in Chicago zwei streikende Arbeiter von der Polizei erschossen und zahlreiche andere schwer verletzt, nachdem sie Streikbrecher angegriffen hatten. Aus diesem Anlas fand am nächsten Abend, dem 4. Mai, eine friedliche Protestversammlung auf dem Haymarket in Chicago statt.

Kurz vor Ende der Versammlung – die Mehrheit der ursprünglich 3.000 Anwesenden war schon gegangen – marschierte eine Polizeitruppe auf den Platz (obwohl Chicagos Bürgermeister Carter Harrison sich persönlich auf dem Haymarket vom friedlichen Verlauf der Kundgebung überzeugt hatte und den bereitstehenden Polizeikräften den Rückzug empfohlen hatte) und verlangte das Ende und die Auflösung der Kundgebung. Bevor die (noch ca. 300) Anwesenden Folge leisten konnten, warf ein – bis heute – Unbekannter eine Bombe in Richtung der Polizisten, worauf diese das Feuer eröffneten.

„Sieben Polizisten und eine nie eindeutig geklärte Zahl von Zivilisten starben an ihren Verletzungen. Von der explodierenden Bombe war nur der Polizist Mathias J. Degan getötet worden... Alle übrigen Polizisten kamen nachweislich durch Revolverschüsse zu Tode. Die meisten, wenn nicht sogar alle dieser tödlichen Schüsse waren jedoch nicht von Zivilisten, sondern von den eigenen Kameraden der getöteten Polizisten abgefeuert worden.“ (H. Nuhn 1992, S. 76).

In den nächsten Tagen und Wochen herrschte in den USA und besonders in Chicago eine beispiellose Hysterie und es kam zu einer Verhaftungswelle von AnarchistInnen und SozialrevolutionärInnen.

Am 11. November 1887 wurden August Spies, Albert Parsons, Georg Engel und Adolph Fischer wegen „Verschwörung zur Ermordung von Polizeibeamten“ gehenkt. Louis Lingg, der ebenfalls an diesem Tag gehenkt werden sollte, hatte sich am Tag zuvor in seiner Zelle selbst umgebracht. Oscar Neebe war zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Michael Schwab und Samuel Fielden, ursprünglich ebenfalls zum Tode verurteilt, hatten vom Gouverneur von Illinois die „Begnadigung“ zu lebenslänglichem Zuchthaus erbeten und erhalten.

Keinem der Verurteilten konnte die geringste Mitschuld an dem Bombenwurf nachgewiesen werden, die Hälfte der Männer war gar nicht auf dem Haymarket anwesend gewesen. Verurteilt wurden sie allein wegen ihrer anarchistischen Gesinnung und wegen der „Gefährlichkeit“, die sie als Sprecher der AnarchistInnen und ArbeiterInnen besaßen.

Der (neue) Gouverneur von Illinois, John Peter Altgelt, verfügte am 26. Juni 1893 die Freilassung von O. Neebe, M. Schwab und S. Fielden und erklärte in seiner sog. „Pardon Message“ die fünf Toten zu Opfern eines Justizmordes.


Vorgeschichte

Nicht ganz zufällig waren fünf der verurteilten Chicagoer Anarchisten aus Deutschland eingewanderte Arbeiter. Zwischen 1820 und 1886 wanderten ca. 4 Millionen Menschen von Deutschland nach den USA aus. Viele davon wurden aufgrund der politischen Lage in Deutschland gezwungen zu emigrieren, die Auswanderungswelle war besonders hoch nach der gescheiterten Revolution 1848, nach der Reichsgründung 1871 und nach der Einführung des Sozialistengesetzes 1878. So verschlug es auch A. Spies (1872), G. Engel (1873), A. Fischer (1877), M. Schwab (1879) und L. Lingg (1885) nach Amerika (vgl. ihr Lebensläufe in H. Karasek 1975, S. 95-173).

Ein bevorzugtes Ziel der deutschen EinwanderInnen in den USA war Chicago. 1884 waren von 600.000 EinwohnerInnen Chicagos etwa 100.000 deutscher Herkunft (vgl. H. Karasek 1975, S. 12). Die ArbeiterInnenbewegung in den USA gewann erst nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) größere Bedeutung. Ein erster Höhepunkt war der große Eisenbahnerstreik 1877. „In dem Einwandererland USA herrschte in jenen Jahren eine extreme Ausländerfeindlichkeit, die sich auch in der Arbeiterbewegung niederschlug und dort zu einer Spaltung in ‚einheimische’ und ‚eingewanderte’ Arbeiterorganisationen führte. Für die radikaleren Ansätze wurden vor allem die Einwanderer verantwortlich gemacht, mit denen der ‚amerikanische’ Arbeiter oft nichts zu tun haben wollte. Diese Grundstimmung wurde von der offiziellen Presse zu wählten Haßtiraden gegen die von Anarchisten organisierten Streiks genutzt, die Polizei und die Privatarmeen der Unternehmer sollten aufräumen, reinschlagen, verhaften und schießen – und sie taten es zunehmend“ (W. Haug 1989, S. 61).

Im Dezember 1876 war in Chicago die „Sozialistische Arbeiterpartei der Vereinigten Staaten“ gegründet worden. Diese spaltete sich 1880 aufgrund unterschiedlicher Positionen zur Frage der Bewaffnung der ArbeiterInnen. „Seit 1873 waren die verfassungsmäßigen Rechte der freien Rede und Versammlung zunehmend missachtet worden, so dass der Gedanke einer Selbstschutzorganisation unter den politisch oder gewerkschaftlich organisierten Arbeitern großen Anklang fand und in Chicago 1875 mit der Gründung des Lehr- und Wehrvereins erstmals verwirklicht wurde“ (H. Nuhn 1992, S. 36). Sowohl von Unternehmern beauftragte Sicherheitskräfte und Streikbrecher (wie die berüchtigten Pinkertons), als auch die Polizei, Miliz und Nationalgarde waren bei Streiks und Versammlungen brutal gegen die ArbeiterInnen vorgegangen. Allein in Chicago waren am 23. Juli 1977 – anlässlich des Eisenbahnerstreiks – mehr als zwei Dutzende Streikende von Bundestruppen erschossen worden. „Nach der Ablehnung der Arbeitermilizen durch den zentralen Parteivorstand (der Sozialistischen Arbeiterpartei, d. V.) verließen die militanten Sozialisten in New York, Boston, Philadelphia, St. Louis, Milwaukee und Chicago die Partei und organisierten sich ab November 1880 als ‚Sozialrevolutionäre Clubs’. Deren größter war der in Chicago, mit Paul Grottkau, Albert Parsons und August Spies als Wortführern" (H. Nuhn 1992, S. 40).

Die „Sozialrevolutionären Clubs“ gründeten im Oktober 1881 in Chicago die „Revolutionäre Sozialistische Partei“. Diese vereinigte sich im Oktober 1883 in Pittsburgh mit den Anhänger/innen von Johann Most und nannte sich seitdem „International Working People's Association“ (IWPA); (sie verstand sich somit als Teil der – Ersten Internationale (IAA)). Die Prinzipienerklärung der Organisation wurde von J. Most, A. Parsons und A. Spies verfasst.

Während J. Most die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften ablehnte und statt der (für ihn reformistischen) 8-Stunden-Kampagne die „Propaganda der Tat“ befürwortete, beteiligten sich die Chicagoer Gruppen um A. Spies, A. Parsons, G. Engel, M. Schwab und A. Fischer nach anfänglicher Skepsis an der 8-Stunden-Bewegung und waren bald eine der treibenden Kräfte, (1886, auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung, gab es in Chicago 26 Sektionen der IWPA mit knapp 3.000 Mitgliedern).

Mit der täglichen „Chicagoer Arbeiter-Zeitung" (A. Spies, A. Fischer, M. Schwab), dem Wochenblatt „Vorbote", dem monatlichen .Anarchist“ (G. Engel), sowie dem englischsprachigen „Alarm" (A. Parsons) besaßen die Chicagoer AnarchistInnen wertvolle Propagandaorgane und erlangten einen starken Einfluss in der ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung.


Vom 4. Mai 1886 bis November 1887

Nach dem 4. Mai 1886 herrschte in Chicago praktisch der Ausnahmezustand. Anarchist/innen und andere Radikale wurden verhaftet.„Die Presse war voll von Horror-Berichten über schreckliche Verschwörungen und geplante Bombenattentate. Offen forderten verschiedene Zeitungen des Landes die Hinrichtung der Chicagoer Agitatoren“ (H. Nuhn 1992, S. 79). Zu den ersten Verhafteten (am 5. Mai 1886) gehörten A. Spies und S. Fielden, die – neben A. Parsons – auf der Haymarket-Kundgebung gesprochen hatten.

Am 27. Mai 1886 verkündete das Gericht die Anklagepunkte: Gegen A. Spies, A. Parsons (flüchtig), M. Schwab, S. Fielden, A. Fischer, L. Lingg, G. Engel, Rudolph Schnaubelt (flüchtig), Wilhelm Seliger und O. Neebe lautete der Vorwurf Mord, zusammen mit einundzwanzig weiteren Arbeitern sollten sie sich darüber hinaus wegen Verschwörung, Aufruhr und Verstoß gegen das Versammlungsrecht verantworten (vgl. H. Nuhn 1992, S. 86).

W. Seliger, sowie Bernhard Schrade und Gottfried Waller erkauften sich die Freiheit, indem sie als Kronzeugen aussagten.

Am 21. Juni 1886 begann der Prozess mit der Auswahl der Geschworenen. Der damit beauftragte Gerichtsdiener Henry Ryce erklärte öffentlich: „Ich manage diesen Fall, und ich weiß, was ich tue. Diese Kerle werden gehenkt, das ist so sicher wie der Tod. Ich lade nur solche Kandidaten vor, die die Verteidigung der Reihe nach alle ablehnen muß, so daß die Zahl ihrer Ablehnungsanträge bald erschöpft ist. Die Verteidigung muß dann mit den Geschworenen zufrieden sein, die der Staatsanwalt will“ (zit. nach H. Karasek 1975, S. 33).

Obwohl Bestechungsgelder, Gewalt und Bedrohungen bei der Beschaffung von belastendem Beweismaterial eingesetzt worden waren, konnte die Staatsanwaltschaft ihre ursprüngliche Mordanklage nicht aufrechterhalten. Sie änderte deshalb während des Prozesses die Anklage in „Verschwörung mit dem Ziel des Umsturzes der bestehenden gesetzlichen Ordnung“ um.

Die AnarchistInnen in Chicago hatten gewaltsame Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele, insbesondere aber zum Selbstschutz, in der Tat bejaht. Diese Gewalt war in ihren Augen Selbstverteidigung gegen die Gewalt, der sie bei Streiks und Versammlungen durch Polizei, Armee und Privatmilizen ausgesetzt waren.

Am 20. August 1886 verkündeten die Geschworenen das Urteil: Alle acht Angeklagten wurden des Mordes (bzw. der Verschwörung zum Mord) für schuldig befunden und bis auf O. Neebe zum Tode verurteilt.

„Die Tatsache, daß sieben Männer gehenkt werden sollten, von denen sich einige noch nicht einmal in der Nähe des Tatorts aufgehalten hatten, die parteiische Besetzung der Geschworenenbank, die meineidigen Zeugenaussagen, die offen zur Schau getragene Einseitigkeit des Richters und das offene Eingeständnis des Staatsanwaltes, nicht über Taten, sondern über Meinungen und Überzeugungen sei zu richten - all dies ließ innerhalb und außerhalb Chicagos die Zahl derer wachsen, die den Verlauf des Haymarket-Prozesses als Unrecht empfanden, weil den Angeklagten eine faire Behandlung versagt worden war" (H. Nuhn 1992, S. 118). In Amerika und weltweit entwickelten sich die Proteste gegen das Urteil zu einer Massenbewegung, die Stimmung der öffentlichen Meinung wandelte sich zugunsten der Verurteilten.

Trotzdem bestätigte im September 1887 das Berufungsgericht des Staates Illinois das Urteil, verweigerte der Oberste Gerichtshof der USA am 2. November 1887 die Widerspruchsklage gegen diese Entscheidung.

Neun Tage später wurde das Urteil an A. Parsons, A. Spies, G. Engel und A. Fischer vollstreckt, während S. Fielden und M. Schwab begnadigt wurden. Im Gegensatz zu S. Fielden und M. Schwab hatten sich die anderen Verurteilten bis zuletzt geweigert, ein Gnadengesuch zu unterzeichnen, bzw. A. Spies hatte sein Gesuch zurückgezogen. „Ich bin kein Mörder und kann nicht für eine Handlung um Verzeihung bitten, die ich nicht begangen habe. Und soll ich um Gnade flehen wegen meiner Prinzipien, die ich für wahr und edel halte? Nein! Ich bin kein Heuchler und habe daher keine Entschuldigung dafür, daß ich Anarchist bin.“ (A. Fischer zit. nach H. Karasek 1975. S. 81-82).


Einschätzung

„Die Ermordung der Arbeiter am 3. und 4. Mai, die nachfolgende nationalchauvinistische Repression – die den Anarchismus als unamerikanisch bezeichnete und ihn mit den Emigranten identifizierte –, der Prozess und die Hinrichtung brachen dem US-amerikanischen Anarchismus trotz großer Solidaritätskampagnen das Rückgrat. Einzelne, wie z. B. Emma Goldman wurden zwar durch die Ereignisse vom Haymarket 1886 erst AnarchistInnen, doch der Einfluss auf und die Verbindung mit real ablaufenden sozialen Kämpfen war erst einmal vorbei.“ (P. Chelcicky 1886, S. 133).

Damit wurde auch die amerikanische ArbeiterInnenbewegung insgesamt entscheidend geschwächt. Die Gewerkschaften distanzierten sich nach der Haymarket-Bombe von den AnarchistInnen und säuberten ihre Reihen von linksradikalen Mitgliedern; dies isolierte die AnarchistInnen, während es die Gewerkschaften in relative Bedeutungslosigkeit führte.


Michael Bovenschen


Literatur und Quellen: Literatur

  • L. Adamic: Dynamit. Geschichte des Klassenkampfes in den USA (1880-1930), Frankfurt 1974
  • P. Avrich: The Haymarket Tragedy, Princeton/New Jersey 1984
  • H. David: The history oft he Haymarket Affair, New York 1936, 2. Aufl. 1958
  • D. D. Lum: A concise history of the trial of the Chicago Anarchists, Chicago 1886, Reprint New York 1969 unter dem Titel: The great trial oft he Chicago Anarchists
  • A. Parsons: Anarchism – its philosophic and scientific basis, Chicago 1887, Reprint New York 1971
  • L. E. Parsons: Life of Albert R. Parsons with brief history of the Labor Movement in America, Chicago 1889
  • P. Ramus: Der Justizmord von Chicago, Zürich 1912.


Quellen

  • P. Chelcicky: Haymarket 1886. Erinnerungen an den erdrosselten US-Amerikanischen Anarchismus, in: Wege des Ungehorsams. Jahrbuch II für gewaltfreie und libertäre Aktion, Politik und Kultur, Kassel 1986, S. 129-138;
  • F. Harris: Die Bombe, New York 1920, Berlin 1927, Auszug in: Schwarzer Faden, Nr. 33 (4/1989), S. 62-65
  • W. Haug: Haymarket, in: Schwarzer Faden, Nr. 33 (4/1989), S. 61
  • H. Karasek (Hg.): Haymarket! 1886: Die deutschen Anarchisten von Chicago. Reden und Lebensläufe, Berlin 1975
  • G. Landauer: Zum 11. November, in: R. Link-Salinger(Hg.): Signatur: g. l. Gustav Landauer im „Sozialist" (1892-1899), Frankfurt/M. 1986
  • M. Nettlau: Anarchisten und Sozialrevolutionäre, Glashütten 1972
  • H. Nuhn: August Spies. Ein hessischer Sozialrevolutionär in Amerika, Kassel 1992
  • R. Rocker: Johann Most. Das Leben eines Rebellen, Berlin 1924


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

© Alle Rechte am hier veröffentlichten Text liegen beim Autor. Sofern nicht anders angegeben, liegen die Rechte der auf dieser Seite verwendeten Illustrationen beim DadAWeb. Es kann gerne auf diese Seite ein Link gesetzt werden. Aber von den Urhebern der Texte und Illustrationen nicht autorisierte Separat- oder Teil-Veröffentlichungen sind nicht gestattet, das gilt auch für die Verlinkung und Einbindung dieser Seite oder einzelner Seiteninhalte im Frame.

Lexikon der Anarchie: Sachthemen