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Neoanarchismus

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Lexikon der Anarchie: Sachthemen


Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), Berlin-Neukölln, am 1. Mai 1971.

Der Begriff Neoanarchismus (auch: Neo-Anarchismus und Neuer Anarchismus) beschreibt keine inhaltlich neue Kategorie, sondern stellt lediglich die Bezeichnung einer historischen Erscheinungsform des Anarchismus dar.


Entwicklungsgeschichte

Obwohl die Existenz anarchistischer Gruppen und Individuen während des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit nachweisbar ist, schien der Anarchismus in Deutschland als gesellschaftspolitisch relevante Theorie und Praxis seit dem Ende der Weimarer Republik "ausgestorben" zu sein. Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Radikalisierung der Studentenbewegung bzw. " "Außerparlamentarischen Opposition" (APO) kam es seit Mitte der 1960er Jahre in der BRD und Berlin (West)jedoch zu einer Renaissance des Anarchismus. Mit Bezug auf die unterbrochene bzw. nicht mehr sichtbare historische Tradition wird dieser im Folgenden als Neoanarchismus bezeichnet.

Dies ist sein entscheidendes Charakteristikum: Der Neoanarchismus entwickelte sich nicht aus dem traditionellen "Altanarchismus". Weder in personeller noch in organisatorischer Hinsicht bestand eine Kontinuität. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass traditionelle altanarchistische Gruppen mit Erfolg entsprechendes Gedankengut in die APO hineingetragen hätten.

Der "Altanarchismus" war eine zersplitterte Bewegung, bestehend aus kleinen, politisch völlig bedeutungslosen Gruppen. Diese standen größtenteils dem Auftreten von anarchistischen Positionen im Theoriebildungsprozeß der APO und später auch einer neuen anarchistischen Bewegung anfangs ratlos, dann distanziert und sogar ablehnend gegenüber.

Einzelne Initiativen wie der "Arbeitskreis der Freunde Gustav Landauers" um Uwe Timm in Hamburg sowie die "Sozialphilosophische Arbeitsgemeinschaft" um U. Timm und Reinhold Ellenrieder in Berlin (West), bildeten die eher erfolglosen Versuche der Zusammenarbeit von alt und jung und waren die Ausnahme. Im großen und ganzen scheiterten die Kontaktversuche zwischen alten und jungen Anarchisten nicht zuletzt aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Milieus.

Die Jungen empfanden sich als Teil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die während der 1960er Jahre angetreten war, alle tradierten gesellschaftlichen Werte in Frage zu stellen. Kommunen, "Freie Sexualität", Rockmusik und Drogenkonsum stießen auch bei diesen Vertretern der älteren Generation auf weitgehendes Unverständnis.

Neben dem Generationskonflikt existierten zwischen Alt und Jung auch theoretische Differenzen. Aufgrund ihres theoretischen Herkommens aus der antiautoritären Studentenbewegung fühlten sich die jungen Anarchisten anfangs in kritischerweise auch der neomarxistischen "Kritischen Theorie" verpflichtet. Dies wirkte auf die alten Anarchisten schockierend, die dem Marxismus generell in jeder Form entschieden feindlich gegenüberstanden. Sie hatten den historischen Gegensatz beider Strömungen – nicht zuletzt aufgrund ihrer z.T. persönlichen Erfahrungen mit dem "real existierenden Sozialismus" in der DDR – zutiefst verinnerlicht. Eine Ursache dieses Konflikts lag in den eher akademischen Wurzeln des Neoanarchismus.

Das Zentrum der kritischen sozialistischen Theoriebildung in der BRD und Berlin (West) war seit dem Anfang der 1960er Jahre der "Sozialistische Deutsche Studentenbund" (SDS), der zunächst der marxistischen Tradition verpflichtet war. Die Protagonisten des studentischen Protests, meist SDS-Mitglieder, stießen, grundsätzlich vom marxistischen Denken geprägt, über die Vermittlung von Kritischer Theorie, linksmarxistischem "Dissidententum" und Rätekommunismus schrittweise auf anarchistische Inhalte. So läßt sich erklären, dass es im SDS in den 1960ern zu einem antiautoritären Flügel kam.

Aus der Studentenbewegung kommend knüpfte der Neoanarchismus erst 1969 teilweise an die "legitime" historische Tradition des Anarchismus an:

Mit der Auflösung des antiautoritären Konsens der APO setzte ein Fraktionierungsprozeß der Neuen Linken ein, in dessen Verlauf sich sehr unterschiedliche Strömungen herauskristallisierten. Ein Teil wandte sich wieder traditionellen Konzepten der Arbeiterbewegung zu (Deutsche Kommunistische Partei[DKP], Sozialdemokratische Partei Deutschlands[SPD], Gewerkschaften). Es entstanden daneben auch "neue" autoritär-etatistische Organisationskonzeptionen der "K-Gruppen" (Kommunistische Kleinparteien). Abgesehen davon differenzierte sich die "Neue Linke" in weitere Gruppierungen, von denen sich jede als Keimzelle einer neuen Bewegung empfand und Zulauf aus Kreisen der Schüler, Jungarbeiter und andere Anhänger der APO erhielt.

Demgegenüber versuchte die Undogmatische Linke das antiautoritäre Erbe der Revolte fortzuführen. Neben dem "Sozialistischen Büro", einem Zusammenschluss von Intellektuellen, der einen Mittelweg zwischen autoritär-bürokratischen Organisationsvorstellungen und "blinder" bzw. "reiner" Spontaneität suchte, entwickelte sich langsam das vielseitige Spektrum der Neuen Sozialen Bewegungen (z. B. Frauen-, Hausbesetzer- und Ökologiebewegung). Deren Theorie und Praxis enthielt, oft auch unbewusst, anarchistische Elemente.

Zugleich formierte sich eine autonome antiautoritäre Bewegung, die sich eher selektiv auf klassische anarchistische Konzeptionen berief und theoretisch wie organisatorisch immer noch beeinflusst vom Antiautoritarismus der Studentenrevolte bewusst traditionslos blieb. Das Spektrum reichte dabei von einer "politischen" anarchistischen Hauptströmung bis zu eher emotional orientierten subkulturell-anarchistischen Initiativen.

Aufgrund der verbreiteten Experimentierfreudigkeit und starker Fluktuation zwischen den Gruppierungen sind eindeutige inhaltliche Zuordnungen und Abgrenzungen nahezu unmöglich. Indifferenz war ein entscheidendes Charakteristikum der neoanarchistischen Bewegung, wie es z. B. in der folgenden Selbstverständniserklärung junger Anarchisten vom Oktober 1972 zum Ausdruck kommt: "Wir bezeichnen als Anarchismus ein breites Spektrum revolutionär-emanzipatorischer Bewegungen mit antiautoritär-libertärem Charakter. (...) Selbst innerhalb der sich anarchistisch nennenden Bewegung finden wir analog zu den unterschiedlichen Strömungen (...) eine beachtliche Begriffsverwirrung des Wortes. Deshalb ist das Kriterium die antiautoritär-emanzipatorische Praxis." (in: Bartsch 1973)

Die eigentliche Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin (West)begann jedoch nicht erst mit dem Auftreten einer sich auf den Anarchismus berufenden neuen Bewegung. Sie setze schon ab 1968 im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker und nicht nur deren marxistische Kritik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Den Anfang machten studentische Initiativen, die mit Hilfe einfacher fotomechanischer Verfahren unkommentierte Raub- und Nachdrucke herausbrachten. Um den neu entstehenden Markt zu bedienen, zogen bald kommerzielle Verlage nach. Allein in den Jahren 1968/69 sollen so mehr anarchistische Titel als in der gesamten Nachkriegsgeschichte des Altanarchismus erschienen sein.

Vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium zunächst die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung brachte im Jahre 1969 beispielsweise das "Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus" in Berlin (West) die "Geschichte der Machnobewegung" neu heraus. Der gleichen Absicht diente die gleichzeitig wieder zugänglich gemachte Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans. Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/Bakunin in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und Kropotkins wurde am Anfang der siebziger Jahre mit der Gründung anarchistischer Verlage intensiviert.

Das legendäre Berliner Anarcho-Blatt "Agit 883".
Cover der Nr. 11 (24.04.1969)

Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die "Untergrundzeitung". Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums. Ab 1967 erschienen z.B. in Berlin (West) die ersten Nummern von "Linkeck" und 1969 "Agit 883". 1971 erschienen dann "Fizz", 1972 "Berliner Anzünder", "Hundert Blumen" und "Bambule".

Unbestreitbar bildeten publizistische Aktivitäten einen Schwerpunkt des politischen Engagements der anarchistischen Gruppen jener Zeit; bei den rätekommunistisch-anarchistischen Gruppen sogar den Hauptschwerpunkt. Dies wird u. a. dann deutlich, wenn die Auflagezahlen der Publikationen mit den "Mitgliederzahlen" der Bewegung verglichen werden. So erreichte z.B. "Linkeck" eine Auflagenhöhe zwischen 4000 und 8500, "Agit 883" eine zwischen 4000 und 7000 Exemplaren und zeitweise knapp über 10.000.

Dagegen bezifferte das Koordinationsbüro der anarchistisch-rätekommunistischen Gruppen in Wetzlar in einer soziologischen Erhebung vom Oktober 1972 den "Kaderstamm" der neoanarchistischen Gruppen auf 1000 bis 1500 Mitglieder.

Über weitere Aktivitäten der Gruppen, sowie deren Strukturen gibt dieselbe Erhebung aufschlussreiche Auskünfte. Aus der Beantwortung von Fragen, die das Koordinationsbüro an alle Gruppen verschickte, ergab sich folgende soziale Schichtung: Die Anarchos waren im Oktober 1972 zu 28% Schüler, zu 24% Studenten, zu 22% Lehrlinge, zu 19% Arbeiter, zu 7% Angestellte und Freiberufler.

Im September 1972 existierten in ca. 50 westdeutschen Städten anarchistische Gruppen. In einer Reihe von Städten bestanden jeweils mehrere Gruppen nebeneinander; so in Berlin (West), Hamburg, München, Frankfurt/M., Köln, Willhelmshafen und Wetzlar.

Ein Jahr später war die Zahl auf ca. 70 Gruppen in 55 Städten angewachsen. Davon agierten fünf in Industriebetrieben, rund zehn an Gymnasien, vier an Universitäten und die restlichen in Stadtteilen oder als Redaktionskollektive. Die Größeren waren in Projektgruppen unterteilt (für Lehrlingsarbeit, Schülerarbeit, Hochschularbeit, Hilfe für Trebegänger, Knast- und Betriebsarbeit, Schulung usw.). Daneben gab es "ad-hoc-Gruppen" für aktuelle Aktionen, die sich anschließend wieder auflösten.

In den frühen 1970er Jahren versuchte die neoanarchistische Bewegung immer wieder festere Organisationsstrukturen aufzubauen. Am 17. und 18. Mai 1970 fand auf einem überregionalen Treffen in Hamburg der erste Versuch zur Bildung einer bundesweiten anarchistischen Föderation statt. Jedoch konnten sich die Anwesenden lediglich auf die Herausgabe eines regelmäßig erscheinenden Informationsdienstes einigen, der im Rotationsverfahren jeweils von einer anderen Gruppe erstellt werden sollte (Dieses "Anarcho-Info" erschien bis 1973 in 21 Nummern). Bald wurde auch das schon erwähnte "Koordinationsbüro" eingerichtet, um die Gruppenaktivitäten besser aufeinander abstimmen zu können.

Zugleich wurde in Hannover, Berlin (West), Hamburg, München und Wetzlar die Gründung von Stadtföderationen betrieben.

Zwischen 1970 und 1973 fanden insgesamt vier Bundeskongresse statt. Da die regionalen Föderationsversuche entweder scheiterten oder nur kurzen Bestand hatten, gelang es ebenso wenig, eine landesweite Föderation aufzubauen.

Erfolg- und Perspektivlosigkeit sorgten für Frustration und Resignation in der neoanarchistischen Szene. Viele Aktivisten zogen sich ganz aus der politischen Arbeit zurück oder gingen – dem "Konzept Stadtguerilla" folgend – in den Untergrund. Um die Mitte der siebziger Jahre zeichnete sich ein deutlicher zahlenmäßiger Niedergang der neoanarchistischen Bewegung ab.

Im Großen und Ganzen waren am Anfang der 1990er Jahre in Deutschland vier Hauptströmungen des Anarchismus auszumachen:

Die am traditionellen Anarchismus orientierten Gruppierungen

Hierunter fällt z.B. die in individualanarchistischer und mutualistischer Tradition stehende "Mackay-Gesellschaft", die von Kurt Zube, Hermann Fournes, Günther Ehret und Uwe Timm im Jahre 1974 gegründet wurde. Die "Mackay-Gesellschaft", die bis zu 200 Mitglieder hatte, sah einen ihrer Hauptschwerpunkte in der Verlagstätigkeit, durch die schließlich über 50 Publikationen erscheinen konnten. 1986 erschien die letzte Ausgabe der Zeitschrift "Zur Sache" mit Beiträgen von Ulrich Klemm, Peter Bernhardi u. a. Anfang der 1990er Jahre reduzierten sich die Aktivitäten der "Mackay-Gesellschaft" bis zur Auflösung des Verlages.

Eine neue Anlaufstelle für den Individualanarchismus bildet seit 1994 die Zeitschrift "espero" (Herausgeber: "Mackay-Gesellschaft" - V.i.S.d.P.:Jochen Knoblauch [Berlin]und Uwe Timm [Neu Wulmstorf]).

Zum Lager der traditionellen Strömungen zählt auch die anarchosyndikalistische "Freie Arbeiter Union" (FAU), mit ihrer Zeitschrift "Direkte Aktion", die sich als deutsche Sektion der anarchosyndikalistischen Internationalen Arbeiter Assoziation (IAA) versteht. Der aus verschiedenen Orts- und Branchengruppen bestehende Organisationsverbund engagiert sich nicht unbedingt nur in der Arbeitswelt, sondern hält sich offen gegenüber anderen gesellschaftsrelevanten Themen. Horst Stowasser merkt kritisch an:

"Die FAU ist indes nicht, wie zu vermuten wäre, eine Gewerkschaft, sondern muss sich mangels Basis in den Betrieben mit der Rolle eines Propagandaverbandes begnügen, der die Idee des Anarchosyndikalismus vertritt."

Der gewaltfreie Anarchismus

Bestehend aus einer Anzahl radikal-pazifistischer Gruppen um die Zeitschrift "Graswurzelrevolution", in denen auch viele Nicht-Anarchisten engagiert waren. Der gewaltfreie Anarchismus hat nach Einschätzung Horst Stowassers die von ihm festgestellte Modernisierung am besten realisiert. Darunter versteht er die Entwicklung weg von einer frontal angelegten Kampfformation hin zur "Diffusion" im Sinne eines wurzelwerkartigen Einsickerns in gesellschaftliche Zusammenhänge. Dazu Stowasser: "Die Gruppierung, die die Herausbildung eines Wurzelwerks am konsequentesten vorangetrieben hat und zugleich der anarchistischen Ethik am nächsten kommt, ist die `Gewaltfreie Aktion´. Nicht zufällig trägt ihre recht verbreitete Zeitung den Namen Graswurzelrevolution." Die Hauptaktivitäten der "Graswurzler", die seit 1980 eine lose "Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen/Graswurzelrevolution (FöGA)" bildeten, bestanden im gewaltfreien Kampf gegen Militarismus (Anti-Militarismus)und Umweltzerstörung, für Kriegsdienstverweigerung (insbesondere "Totalverweigerung"), alternative Ökonomie und Anarchafeminismus. Zugleich vertraten sie eine Vielzahl projektorientierter Ansätze.

Die FÖGA hat sich inzwischen aufgelöst, da eine reine "Aktionseinheit" ohne "Ideelle Einheit" verdeutlichte, dass mit vielen Mitgliedsgruppierungen ein libertärer Konsens inzwischen nicht mehr herstellbar war.

Die "Autonomen"

Bildeten keine klar identifizierbare Bewegung oder Organisation, sondern tauchten eher als radikale politische Tendenz im Auf und Ab der Neuen Sozialen Bewegungen und einzelner gesellschaftlicher Konflikte auf. Ihr politisches Spektrum war inhaltlich ausgesprochen vielseitig und umfasste eine große Spannweite. Diese reichte von anarchistisch verstandenen bis hin zu marxistisch-leninistischen Konzepten: "Inhaltlich vertritt die autonome Bewegung ein recht starres Gemisch aus altkommunistischem Avantgardeanspruch und einem anarchospontaneistischen Kult der Direkten Aktion. Angereichert wird das Ganze zu einem umgemodelten Klassenstandpunkt, der auf die Kraft eines neuen Subproletariats baut, das sich aus Arbeitslosen oder Sozialhilfeempfängern rekrutiert."

Wegen ihres punktuell militant-gewalttätigen Auftretens wurden die "Autonomen" oft pauschal als "anarchistisch" etikettiert. Zwar scheint sich ein Teil auf den Anarchismus berufen zu haben, jedoch ist die häufig gewaltförmige Anti-System-Opposition nur sehr schwer mit der klassischen "Propaganda der Tat" zu vergleichen.

Zu den gesellschaftspolitischen Aktionsfeldern der "Autonomen" zählten beispielsweise "Häuserkampf", Antifaschismus, Antisexismus und Antiimperialismus. Das Offenhalten einer revolutionären Perspektive bildete die politische Klammer, die diese vielgestaltige Bewegung immer wieder als "Aktionsgemeinschaften" um einzelne gesellschaftspolitische Brennpunkte herum zusammenhielt. Eine politische Strategie, die sich an konstruktiven anarchistischen Gesellschaftsentwürfen orientiert, ist meines Erachtens jedoch kaum auszumachen.

Der "Projektanarchismus":

Eine Variante, zu deren Wortführer sich insbesondere Horst Stowasser erklärte: "Seit Anfang der achtziger Jahre zeichnet sich weltweit eine Tendenz im Anarchismus ab, (...) der "Projektanarchismus".

Ein Beispiel dafür stellt das "Projekt A" dar, das sich als praktikables anarchistisches Organisationsmodell der Vernetzung und des "Wurzelwerks" versteht und auch an historische Parallelen erinnert: "Ähnlich wie beim Syndikalismus der Jahrhundertwende war eine Lösung gefragt, die den Alltag mit der Utopie verbinden und einen gangbaren Weg aus der Isolation zeigen könnte (...) Er baut zwar nicht auf Gewerkschaften und Klassenkampf auf, aber er versucht, den wirtschaftlichen Bereich mit dem der Politik und der alltäglichen Lebenskultur zu einem Instrument praktischer Umsetzung zu verbinden (...)." (H. Stowasser)

Konkretes Beispiel: W.E.S.P.E in Neustadt/.W., ein Projektzusammenschluss, der sich als Teil eines – wohl noch nicht realisierten – bundesweiten "Projekt-A-Netzwerkes" versteht.

Grundgedanke dabei ist, die Trennung von Politik, Leben und Geldverdienen in selbstverwalteten Projekten aufzuheben. Das können Läden, Kindergärten, Werkstätten, Wohngemeinschaften, Kulturprojekte, Kneipen, Bildungseinrichtungen, Manufakturen, Bibliotheken, Kommunen, Bauernhöfe, Verlage, Nachbarschaftshilfen usw. sein.

Ein weiteres Beispiel für Projektanarchismus ist ein von P.M. vorgeschlagener Gesellschaftsentwurf, der im Wesentlichen auf einer planetaren Gesellschaft von "bolos" basieren soll. Dieser Entwurf mutet im Gegensatz zum "Projekt A" eher utopistisch an, ist weniger pragmatisch aber dafür subversiver als dieser angelegt. "bolo'bolo" ist wohl weniger als praktische Handlungsanleitung anzusehen, sondern scheint vielmehr als Inspirationsquelle und Diskussionsgrundlage angelegt zu sein.

Fazit

Eine Bestandsaufnahme des neueren Anarchismus in Deutschland kann – auch aus libertärer Sicht – recht unterschiedlich ausfallen. Zwei Protagonisten des neueren Anarchismus sollen hier beispielhaft zur Sprache kommen. Horst Stowassers Fazit über den Zustand der anarchistischen Bewegung im Jahre 1995 fällt reichlich illusionslos aus:

"Diese spezifisch anarchistischen Strukturen sind nicht viel mehr als das Röntgenbild einer kleinen, weltanschaulich geprägten Gemeinde. Ohne die geschilderte Diffusion in soziale Bewegungen und ihre Wurzelwerk-Funktion könnte man das getrost als das Diagramm einer Sekte abtun. Aus dieser Perspektive stellt sich der deutsche Mainstream-Anarchismus unserer Tage in der Tat als eine etwas skurrile Glaubensgemeinschaft dar. Er ist in seinem eigenen sozialen Ghetto verfangen (...). Oft genügt sich dieser Insiderkreis als eigene Zielgruppe und betreibt einen geistigen Inzest, für den das Fehlen einer Publikumszeitschrift bei gleichzeitiger Existenz von mehreren Theorieblättern ein bezeichnendes Indiz ist."

Hans Jürgen Degen gesteht den Anarchisten unter bestimmten Voraussetzungen immerhin ein Stück Zukunftsfähigkeit zu. Seiner Meinung nach haben die Anarchisten ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht und seien nicht auf der Höhe der Zeit. Für ihn besteht zunächst die Aufgabe, "(...) die anarchistischen Theorien einer radikalen und permanenten Revision zu unterziehen: das, was besonders nach 1945 von einigen wenigen als Revision formuliert wurde, erreichte keine Breitenwirkung und verlief sich; (...) der 'Neo-Anarchismus' (ab den 1960er Jahren) war a) teilweise (soweit er sich mit Marxismus verschränkte) ein Rückfall auf die Vorstufe des Anarcho-Syndikalismus: des stark vom Marxismus (mit wenig Marx) bestimmten Syndikalismus; b) ist der 'Neoanarchismus' in der Rezeption des 'alten' Anarchismus von vor 1933 fast stecken geblieben: er hat ihn durchdiskutiert, ausgewalzt, neu drapiert; deshalb ist c) der Anarchismus – eng gesehen – noch immer in dieser neoanarchistischen Verharrungsphase".

Eine Bestandsaufnahme des Anarchismus bzw. Neoanarchismus kann nicht ausschließlich anhand quantitativer Kriterien erfolgen. Was der Anarchismus historisch geleistet hat und was davon als sozialer Gebrauchswert wirklich weiterhin Bestand hat, wird nicht anhand mengenmäßigen Zahlenmaterials darstellbar sein. Welche Existenzberechtigung hat er dann überhaupt?

Wie die sich regelmäßig bestätigende historische Erfahrung zeigt, liegen seine Chancen und seine Zukunft in der Qualität seiner radikaldemokratischen Ideen und Wertvorstellungen. Dies hat der Einfluss neoanarchistischer Partizipation im Zuge des gesellschaftlichen Demokratisierungsprozesses während der 1970er und 1980er Jahre bewiesen:

Im Zuge einer sich Anfang der 1970er Jahre entwickelnden "undogmatischen Linken" schleusten engagierte Anarchisten anarchistische Elemente in den Wertekontext der "Neuen Sozialen Bewegungen" (z.B. Ökologie-, Friedens-, Bürgerinitiativ-, Alternativbewegung) ein. Diese punktuelle Aneignung anarchistischer Prämissen (z.B. Dezentralität, Föderalität, Hierarchiekritik, Selbstverwaltung, gewaltfreier Widerstand, Rotationsprinzip) bildete ein verbindendes Ferment im heterogenen Spektrum dieser Bewegungen.

Erstaunlicherweise war es dieser – eher ungewollte – Reformismus, der als der eigentliche Erfolg des neueren Anarchismus gelten kann, da er quasi "durch die Hintertür", der gesamten Gesellschaft einen Demokratisierungsschub verpasste.

Hat der Anarchismus mit diesem Reformismus seine historische Mission erfüllt? Wahrscheinlich nicht!

Gerade das grün-alternative Parteiprojekt hat gezeigt, dass die Vereinnahmung durch staatlich-parlamentarische Konzeptionen zur Korrumpierung und Integration basisdemokratischer Opposition führt.

Die Berechtigung moderner Anarchiekonzepte liegt im permanenten Aufzeigen eben dieser Zusammenhänge und der Propagierung und Praktizierung "eigentlicher Alternativen" – eben gesellschaftlich-emanzipatorischer und nicht staatlicher:

"Eine gesellschaftspolitische Relevanz des Anarchismus könnte von der Umsetzung einer lebenspraktischen freiheitlichen Ethik ausgehen, das heißt z.B. zu überlegen, was `das gute Leben´ eigentlich sein könnte? Was Anarchie unter heutigen Lebensbedingungen interessant machen könnte, ist z.B. Antworten zu geben auf individuelle und globale Fragen wie: Was heißt Lebensqualität mit wenig Geld oder unter Bedingungen materieller Armut? Dies im Sinne von Selbsthilfe, einer Art `Anleitung zum Glücklich-Sein´, aber auch als gesellschaftspolitisch gemeintes alternatives Angebot gegenüber einer sinnentleerten und weitgehend konsumorientierten Lebensperspektive sowie sich entsolidarisierender Sozialbeziehungen."

Gerade der Punkt "Solidarität" könnte auch für Libertäre eine Herausforderung darstellen. Der enorme historische Fundus des libertären Spektrums an sozialer Kreativität braucht unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eigentlich "nur" umformuliert zu werden:

"Kernpunkt dabei ist eine Neuformulierung von Solidarität. Alte Solidaritätsformen treten in den Hintergrund, wie beispielsweise die Arbeitersolidarität, als eine Beziehung zwischen sozial Gleichen. Angesichts von Globalisierungs-, Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen tritt statt der Gleichheit die Verschiedenheit verstärkt ins Blickfeld. Deshalb bedarf es neuer Formen von Solidarität gerade mit denen, die anders sind. Dazu sind gewaltfreie Formen der Konfliktlösung und verstärkte interkulturelle Kommunikation mehr den je erforderlich."

Es ergibt sich aus der Sache selbst, dass libertäres Denken und Handeln zeitlose Phänomene sind, ganz im Sinne eines Gesprächs zwischen Daniel Mermet und Noam Chomsky:

"Mermet: Stimmt es denn nicht, dass alle Formen der Selbstorganisation nach anarchistischen Prinzipien endgültig am Ende sind? Chomsky: Es gibt keine festen „anarchistischen Prinzipien“ oder einen verbindlichen libertären Katechismus. Der Anarchismus, wie ich ihn verstehe, ist menschliches Denken und Handeln, das Autoritäts- und Herrschaftsstrukturen zu erkennen sucht, ihnen Rechenschaft abverlangt, und falls sie diese nicht ablegen können, sie zu durchbrechen versucht. Der Anarchismus, das libertäre Denken, ist übrigens gar nicht am Ende, es geht ihm im Gegenteil sehr gut. Er bringt viele echte Fortschritte hervor. Viele Formen von Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die kaum erkannt und noch weniger bekämpft wurden, nimmt man heute nicht mehr hin. Das ist ein Erfolg und ein Fortschritt für die ganze Menschheit – und kein Scheitern."

Literatur und Quellen

  • G. Bartsch: Anarchismus in Deutschland, Bd. II/III, Hannover 1973
  • H. M. Bock: Bibliographischer Versuch zur Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland, in: C. Pozzoli, (Hg.): Jahrbuch Arbeiterbewegung, Bd. 1: Über Karl Korsch, Frankfurt/M. 1973
  • R. Cantzen: Weniger Staat - mehr Gesellschaft. Freiheit - Ökologie - Anarchismus, Frankfurt/M. 1987
  • Chomsky, Noam/Mermet, Daniel: Zum Besten der Beherrschten, Interview in: Le Monde Diplomatique, August 2007
  • H. J. Degen (Hg.): Anarchismus heute - Positionen, Bösdorf 1991
  • H. J. Degen; Jochen Knoblauch: Anarchismus. Eine Einführung, Stuttgart 2006
  • Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte und Gegenwart der Autonomen, Berlin 1990
  • B. Drücke: Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland, Ulm 1998
  • M. Henning/R. Raasch: Neoanarchismus in Deutschland. Entstehung - Verlauf - Konfliktlinien, Berlin 2005, ISBN: 3-926880-13-9
  • G. Holzapfel: Vom schönen Traum der Anarchie - Zur Wiederaneignung und Neuformulierung des Anarchismus in der Neuen Linken, Berlin (West) 1984
  • H. Jenrich: Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985, Grafenau-Döffingen 1988
  • B. Kramer (Hg.): Gefundene Fragmente 1967-1980. Die umherschweifenden Haschrebellen & Peter Handke, Hartmut Sander, Rolf Dieter Brinkmann, Rudi Dutschke, Rainer Langhans, Fritz Teufel u.a., Berlin 2004
  • G. Kurz: Alternativ leben? - Zur Theorie und Praxis der Gegenkultur, Berlin (West) 1979
  • W. Müller: Subkultur Westberlin 1979-1989. Freizeit, Hamburg 2013
  • R. Raasch: Neo-Anarchismus, in: H. J. Degen (Hg.): Lexikon der Anarchie, Bösdorf 1994
  • J. Schmück/G. Hoerig: DadA - Datenbank des deutschsprachigen Anarchismus, Berlin/Köln seit 1987
  • R. Schwendter. Strömungen und heutige Erscheinungsformen des Anarchismus, in: J. Harms (Hg.): Christentum und Anarchismus - Beiträge zu einem ungeklärten Verhältnis, Frankfurt/M. 1988
  • H. Stowasser: Anarchismus Heute - Definition, Bewegung, Kritik, Vortrag in der Evangelischen Akademie Arnoldsheim (unveröffentl. Redemanuskript) 1986
  • Ders.: Wege aus dem Ghetto - Die Anarchistische Bewegung und das Projekt A, aus: R. Cantzen: Anarchismus - Was heißt das heute?, Neustadt/W. 1990
  • Ders.: Freiheit pur. Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft, Frankfurt/M. 1995
  • Ders.: Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven, Hamburg 2007

Autor: Rolf Raasch


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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