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Oskar Maria Graf

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Lexikon der Anarchie: Personen


Oskar Maria Graf, geb.: 22.Juli 1894 in Berg am Starnberger See; gest.: 28. Juni 1967 in New York. Libertärer Schriftsteller



Äußere Daten

Neuntes von elf Kindern einer Bauerntochter und eines Bäckermeisters, vom 12. Lebensjahr an Konditorlehrling, floh mit 17 Jahren nach München, um Schriftsteller zu werden. Hilfsarbeiter in wechselnden Berufen, angetan von Erich Mühsam und seinem „Tat“-Kreis, Zaungast bei der Bohème in Schwabing und Ascona, erste kleine Erfolge in expressionistischer Dichtart. Entzog sich nach einem Jahr dem Kriegsdienst durch Befehlsverweigerung und „Idiot“-Spielen. Beteiligte sich begeistert, aber ungeschickt und leicht ablenkbar an der Novemberrevolution. Suchte während der Weimarer Republik die Albeiterkultur und vor allem das Selbstbewusstsein der Arbeiter zu stärken: wurde „Dramaturg“ einer genossenschaftlichen Arbeiterbühne (1920 - 21), sammelte mit der „Nansen-Hilfe" für die Hungernden in der Sowjetunion, wurde Mitarbeiter der „Roten Hilfe“, Vorsitzender des Münchner Sacco- und Vanzetti-Komitees, Vorsitzender des „Jungmünchner Kulturbunds“, der sowohl gegen das „Schmutz- und Schund-Gesetz“ der Republik agitierte als auch in übermütigen absurden Aktionen z.B. „HINGABE“ auf das Straßenpflaster pinselte. Emigrierte im Februar 1933 nach Wien. Sein offener Brief zur Bücherverbrennung, „Verbrennt mich!“, wurde zum bekanntesten Dokument des Protests von Intellektuellen. Das Exil (ab 1934 in Brünn, seit 1938 in New York) beflügelte zunächst seine Solidarität und sein Organisationstalent, vor allem zugunsten verfolgter Schriftsteller. 1938-40 Vorsitzender der German American Writers Association. 1929-40 stand er den Kommunisten am nächsten und versprach sich vor allem von ihnen energische Anstrengungen, die Opposition gegen Adolf Hitler im Reich wie im Exil zu einigen. Die Querelen unter den Emigranten, die Entwicklung der Sowjetunion und die Nachkriegspolitik der Alliierten enttäuschten ihn gänzlich. Setzte sich weiter für den Weltfrieden, für das Recht des Regionalismus, für Toleranz und Solidarität ein (Brief an den Papst 1966, mit geringer Resonanz). In seine Heimat kehrte Graf nur besuchsweise (viermal zwischen 1958 und 1965) zurück.


Entwicklung seiner Gesellschaftskritik

Grafs frühe Gedichte und erste Erzählungen waren vom Pathos sozialer Anklage und der Aufbruchsstimmung einer neuen Generation getragen. Ausgerechnet in einer Abrechnung mit E. Mühsams politischer Lyrik deklarierte er (1920) seinen Ausstieg aus dem Expressionismus, seine Hinwendung zu aufregenderen, sozial bedeutsameren Geschichten. Er verschärfte die Anklage zu bitteren, beklemmenden Sozialstudien: „Zur freundlichen Erinnerung“ (1922), „Finsternis“ (1926), „Kalendergeschichten“ (1929). Er analysierte Druck und Zwangsverhältnisse, geißelte sie, karikierte sie mitunter. Die soziale Normung, Erstickung von Individualität und persönlichem Glück warf Graf der Dorfgemeinschaft wie dem engen kleinbürgerlichen Milieu vor („Die Chronik von Flechting“, 1925; „Bolwieser“, 1931). Außenseiter aller Art, Unangepasste, Hilflose, Trottel u.a. Verhöhnte stellte er mit zugespitzter Aufmerksamkeit dar und griff die verständnislose, unbarmherzige „kompakte Majorität“ an. Graf knüpfte an volkstümliche Erzählformen und an die Leistungen anerkannter Meister wie Honoré de Balzac, Jeremias Gotthelf. [[Tolstoi,Leo | Leo N. Tolstoj, Maxim Gorki an und entwickelte eine eigene sinnlich-anzügliche Erzählkunst, mit der er (seit 1927/28) Erfolg hatte und als sozial engagierter Autor anerkannt wurde. Gegen Ende der Republik und im Exil konzentrierte er sich immer stärker auf die ins Geflecht der Interaktionen verstrickten Subjekte, auf ihre Verantwortung und ihr Versagen. In immer komplexeren Sozial- und Charakterstudien explizierte er Beweggründe und „Charaktere“, die sich als Resultate von Lebensprojekten erwiesen: den auf sein Eheglück versessenen und sich dadurch um sein Glück bringenden Bolwieser, den durch den Krieg entwurzelten Einzelgänger und Asozialen, der in Panik um sich schlägt und schließlich sich selbst ausradiert („Einer gegen alle“, 1932), den eigensinnigen Tüftler in einem Versicherungsstreit, der sein Leben und Glück seinem Hof aufopfert („Der harte Handel“, 1935), den philosophisch-anarchistisch verbrämten Opportunisten in seiner beklemmenden politischen Gefährlichkeit, mit der noch beklemmenderen Lesehilfe, in manchen Zeiten hießen diese Typen „du" und „ich" („Anton Sittinger", 1937). Selbst die hilflos „Guten", die sich auf die einfachen Lebensgewohnheiten des Volkes zurückziehen und im Schutz der kleinen Gemeinschaft nichts als ihr Auskommen suchen („Das Leben meiner Mutter“, 1940/46, „Unruhe um einen Friedfertigen“, 1947), stellte er als gänzlich schutzlos bloß und durchleuchtete die „natürlichen" Lebensformen in ihrer ganzen Fragwürdigkeit. Mit den Fehlern der beiden Arbeiterparteien setzte sich Graf als linker Sympathisant, mit ungebrochenem Optimismus, aber auch mahnend und warnend auseinander („Der Abgrund“, 1936). Über eine neunwöchige Reise durch die Sowjetunion berichtete er gern mündlich, ebenso spöttisch wie anerkennend (der schriftliche Bericht erschien erst postum). In einer gewagten, im Ergebnis meist als misslungen gewerteten Ausmalung, wie ein Rest der Menschheit nach einem weltweiten Atomkrieg sich das Leben neu einrichten würde („Die Erben des Untergangs“, 1949/59), gab Graf seinen Hoffnungen auf dezentrale Gesellschaftsorganisation: sich selbst verwaltende „Agrostädte“ unter einer ziemlich philosophischen, UNO-ähnlichen Weltregierung, und seinem Hang zu den „Stillen im Lande“ freien Raum.


Konzentration auf die Abrechnung mit sich selbst

Berühmt wurde Graf durch seine Autobiographie „Wir sind Gefangene“ (1927), eine Abrechnung mit den eigenen Fixierungen und praktischen wie gedanklichen Tölpeleien von seiner harten Jugend an bis in die begeisternde, aber auch ihn überfordernde Revolutionszeit. Den fahrlässigen oder irrsinnigen sozialen Zuständen steht ein zwar engagiertes und kritisches, aber in sich verunsichertes, fahriges, ja partiell irres Ich gegenüber. Ein befreiender, dem Anarchismus verpflichteter Impuls der Unbekümmertheit, Reaktionen der Rebellion, des Aufstands oder wenigstens der Respektlosigkeit und Zersetzung werden in immer neuen Varianten ins Spiel gebracht, sie werden aber auch in ihrer Unbeherrschtheit bloßgestellt. Zunächst konnte dieses interessante und problematische Ich bei aller Selbstverurteilung, ja Warnung vor den an der eigenen Gestalt bloßgelegten Schwächen noch in der Geste des „Zusammenhelfens", in der milde ironischen Stilisierung zum kulanten „Provinzschriftsteller“ und in einem besonders die ersten Exiljahre beflügelnden überströmenden Freundschaftskult akzeptiert oder salopp bestätigt werden. Die Abrechnung mit eigenem Versagen und mit immer neuen Aspirationen wurde im Laufe des Exils immer bitterer. Die Frage nach Solidarität, Dasein für andere und einer anderen Vergesellschaftung als der drückenden seiner Gegenwart wurde umso schärfer, unerbittlicher, je weniger die erzählerischen (oder in Essays entwickelten) Antworten überzeugen können. Die stärksten Erzählungen enden mit offen desillusionierenden oder tückisch foppenden Schlüssen. Der Humor, für den Graf besonders gerühmt wurde, blieb höchstens im Tonfall oder einzelnen Anklängen so behaglich wie in seinem „Bayrischen Dekameron“ (1928); er wurde beißender, sarkastisch, stellenweise trostlos. Zu Provokationen war Graf von jungen Jahren bis ins hohe Alter aufgelegt; als Erzähler suchte er zunehmend zu frappieren, aufzuschrecken oder heimtückisch zu beschwichtigen. Die desolaten Erfahrungen mit der Ortlosigkeit und Haltlosigkeit des Exils, besonders des nach 1945 ins Lebenslängliche verlängerten Exils sind in der „Flucht ins Mittelmäßige“ (1959) gestaltet und färben die Betrachtungsweise in Grafs letzter Autobiographie „Gelächter von außen“ (1966). Ein Abstand vom Lebensprozess, von allen praktischen wie intellektuellen „Ordnungs“-bestrebungen dominierte in Grafs später Produktion. „Zurechtgedachtes wird immer vom Lebendigen zerkrümelt“. Hinter allem gespielten und realen Staunen über die Prägung anderer Menschen, hinter dem Grübeln darüber, was ein Mensch den anderen angeht, kam immer bohrender, immer ungeschützter der eine elementare Appell zum Vorschein, dass es auf dich selbst ankommst, dass du dich mit keinem anderen herausreden kannst, verschärft aber durch das Bewusstsein, dass du als „gefangenes“, geknicktes, bestenfalls impulsiv über die Stränge schlagendes Wesen die Befreiung eben doch nicht leistest, die du selbst so nötig hättest wie die aus lauter solchen Subjekten bestehende Gesellschaft.


Zur aktuellen Wirkung

Zu Lebzeiten gelangen dem Dauerexilierten nur kleine Anknüpfungen an den früheren Erfolg, in den fünfziger Jahren stärker in der DDR, dann allmählich auf dem westdeutschen Buchmarkt. Heute ist er in zwei ziemlich umfassenden Ausgaben (sowie einem Reclam-Band für den Schulgebrauch) und mehreren Verfilmungen präsent; einige Straßen und Schulen heißen nach ihm; es gibt Gedenktafeln und bis jetzt ein Denkmal (in Berg). Seit 1993 sorgt eine Oskar Maria Graf-Gesellschaft für die Belebung und Fortführung seines Andenkens. In der wissenschaftlichen Untersuchung seines Werkes wie in Lesungen und Würdigungen berühren sich und streiten (mindestens) zwei Tendenzen, die sich beide auf ihn selbst berufen können: die ungerührte Unterordnung alles vermeintlich Großen, Neuen, Verheißungsvollen unter den erbarmungslosen Trott des Gewöhnlichen, das sich eher verschlechtert als von selbst verbessert, und der unermüdliche Drang zum Ausbruch aus diesem Trott und Protest gegen alle Gewohnheit und Unterordnung. Was er im ersten Flugblatt des „Sozialistischen Bundes" (SB) von Gustav Landauer lesen konnte, daran und damit hat Graf offenbar lebenslänglich gearbeitet: „Es tut weh, die Augen weit aufzumachen und die Wahrheit zu sehen, wenn man sich an die Dämmerung und die schlechte Beleuchtung gewöhnt hat, – aber es tut verdammt not!“ Nur diese beiden Impulse zusammengenommen ergeben den ganzen und einen weiterhin wirkungsvollen Oskar Maria Graf; er lässt sich weder auf den behaglichen Erzähler und Defätisten reduzieren noch zu einem reinen Apostel der Menschheitsbefreiung veredeln. Auch für einen Anarchismus der Zukunft wäre nur dieser ganze Graf, nicht die begehrtere und leichter „anschlussfähige“ zweite Hälfte zu gebrauchen.



Literatur und Quellen:

Werkausgaben

  • Werke in Einzelbänden, hg. H. Dollinger, 18 Bde., München 1975-89

(vergr., 11 Bde. als Taschenbücher bei dtv lieferbar)

  • Werkausgabe, (Hg.) W. F. Schoeller; bis jetzt 16 Bde., Frankfurt/M. (Büchergilde) 1992-94 (seit 1993 auch bei List, München).


Literatur

  • G. Bauer: Gefangenschaft und Lebenslust. O. M. Graf in seiner Zeit, München 1987, 2. Aufl. 1994
  • W. Dietz u. H. F. Pfanner (Hg.); O. M. Graf. Beschreibung eines Volksschriftstellers. München 1974
  • G. Mersmann; O. M. Graf. Rebellisches Exil, utopische Provinz, Bern u.a. 1988
  • O. M. Graf-Jahrbuch 1994 mit Artikeln über Graf u. Stirner (Drascek), Graf und Tolstoj (Schoeller)
  • H. F. Pfanner: Oskar Maria Graf. Eine kritische Bibliographie. Bern 1976, fortgef. in 0. M. Graf-Jahrbuch 1993
  • R. Recknagel; Ein Bayer in Amerika, Berlin (Ost) 1974
  • R. Stollmann: Der Faschismus und das Private. Eine Analyse des „Anton Sittinger“ von O. M. Graf, in: Brecht-Jb. 1979
  • Text+ Kritik 1986, Sonderband: O. M. Graf


Autor: Gerhard Bauer

Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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