Wir empfehlen:


Otto Gross

Aus DadAWeb
Version vom 31. März 2015, 20:09 Uhr von WikiSysop (Diskussion | Beiträge) (hat „Otto Gross, v. Hubert van den Berg“ nach „Otto Gross“ verschoben)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Lexikon der Anarchie: Personen


Otto Hans Adolf Gross, geb. 17. März 1877, Gniebing (Steiermark); gest. 13. Februar 1920, Pankow (Berlin).

Biographischer Abriss

Gross war der Sohn des prominenten österreichischen Strafrechtsgelehrten und Begründers der wissenschaftlichen Kriminalistik Hans Gross. Nach dem Studium der Medizin wird Gross 1900 Schiffsarzt auf grossen Fahrten nach Südamerika. Während dieser Schiffsreisen beginnt Gross mit dem Drogenkonsum - Morphium, Kokain und Opium -, wofür er 1902 zum ersten Mal in der Zürcher Heilanstalt Burghölzli behandelt wird. Nach 1900 arbeitet Gross als Assistent in Münchner und Grazer psychiatrischen Kliniken, er liefert Beiträge über psychiatrische Fragen für die Zeitschrift seines Vaters Archiv für Kriminalanthropologie und Kriminalistik, und er veröffentlicht eine erste grössere psychiatrische Studie, Die celebrale Sekundärfunktion (1902). Im Rahmen seiner Arbeit interessiert er sich zunehmend für die Psychoanalyse, die Sigmund Freud zu dieser Zeit entwickelte, und er entwickelt sich mehr und mehr zu einem Propagandisten der jungen Psychoanalyse. 1905 besucht Gross zum ersten Mal die Bohèmekolonie in Ascona am Lago Maggiore. 1906 zieht Gross mit Frieda Schloffer, seit 1903 mit ihr verheiratet, nach München, wo er zur Vorbereitung seiner Habilitation als Privatdozent der Psychopathologie (1908) in der von Emil Kraepelin geleiteten psychiatrischen Klinik der Münchner Universität arbeitet. Es erscheinen Gross' psychoanalytische Hauptarbeiten, Das Freud'sche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kraepelins (1907) und Über psychopathische Minderwertigkeiten (1909). In dieser Zeit verkehrt Gross vielfach in Kreisen der Künstlerbohème in München (Schwabing) - in Kaffeehäusern, wie dem Café Stephanie, analysiert er die Anwesenden - sowie in Ascona (Monte Verità). Daneben hat Gross über seine Frau gute Beziehungen zum Heidelberger Kreis des Soziologen Max Weber und des Wirtschaftsgelehrten Edgar Jaffé.

Gegen seine Drogenabhängigkeit macht Gross 1907 eine kurzfristig erfolgreiche Entziehungskur, wird aber bald wieder rückfällig und unterzieht sich 1908 auf Anraten Freuds einer psychoanalytischen Behandlung durch Carl Gustav Jung im Burghölzli, flüchtet jedoch bald aus der Klinik. Gross und seine Frau trennen sich, und er beginnt zu reisen - in Deutschland, den Niederlanden, England, Österreich, Italien und der Schweiz. Dabei hält er sich über längere Zeit in Bohèmehochburgen, wie München und Ascona, umwittert von Skandalen, auf. Gross ist zur Auffassung gekommen, Verdrängung von Sexualität sei die wichtigste Ursache psychischer und sozialer Missstände, deshalb plädiert er für "freie Liebe" und führt in diesem Sinne auch selber ein reges Sexualleben - etwa gleichzeitig werden ihm zwei Söhne von F. Schloffer und der Ehefrau E. Jaffés geboren, wenig später noch eine Tochter durch dieSchriftstellerin Regina Ullmann. In diesem Zusammenhang inszeniert er auch Sexualorgien als therapeutische Methode, u. a. in Ascona. Nachdem sich dort eine Freundin Gross', die Malerin Sophie Benz, in psychotischem Zustand mit einer von ihm verabreichten Überdosis Kokain 1911 das Leben nimmt, wird Gross, der schon 1906 ebenfalls in Ascona einer anderen Frau, Lotte Hattemer, Gift zur (erfolgreichen) Selbsttötung verabreicht hatte, wegen dieser Todesfälle von der schweizerischen Polizei zur Fahndung ausgeschrieben. Unter Verwendung eines Gutachtens von C. G. Jung, der bei Gross dementia praecox diagnostiziert hatte, leitet sein Vater unterdessen Gross' gerichtliche Entmündigung ein. 1913 verhaftet die Berliner Polizei, aufgrund des Schweizer Haftbefehls und eines Ersuchens seines Vaters, Gross in der Wohnung des expressionistischen Schriftstellers Franz Jung. Gross wird anschliessend als "geisteskranker Anarchist" aus Preussen nach Österreich abgeschoben und dort in eine psychiatrische Anstalt in Tulln eingewiesen. Da man ihn in Tulln zu gefährlich findet und eine Befreiungsaktion befürchtet, wird er bald darauf in der Landesirrenanstalt im schlesischen Troppau interniert. Gross' Verhaftung führt zu einer von F. Jung angeregten Kampagne für seine Freilassung, die breite Unterstützung vor allem in expressionistischen Teilen der Bohème erhält: Es erscheinen Aufrufe in Zeitschriften und Sondernummern von Zeitschriften wie Die Aktion, Kain, Revolution, Wiecker Bote und Die Zukunft, in denen u. a. Franz Pfemfert, Erich Mühsam, Maximilian Harden, Blaise Cendrars, Ludwig Rubiner, Johannes R. Becher Gross' Freilassung fordern. Die Kampagne bleibt indes erfolglos, erst im Juli 1914 wird Gross wieder als gesund erklärt. Gross' Entmündigung - seit Januar 1914 steht er unter Kuratel seines Vaters - bleibt aber rechtskräftig.

Nach seiner Freilassung ist Gross wieder als praktizierender Psychiater tätig, arbeitet als Seuchenarzt in ungarischen und österreichischen Krankenhäusern, wird wieder drogenabhängig und muss sich in der Folgezeit erneut Entziehungskuren unterwerfen. 1915 stirbt sein Vater, der ihn bis zu seinem Tod finanziell unterstützte und als Gross' Kurator in seinem Testament jedoch festlegte, Gross müsse nach seinem Tod in einer Anstalt zwangsverpflegt werden - was allerdings nicht geschieht. Dagegen wird die finanzielle Unterstützung eingestellt, so dass Gross, der auch nach weiteren Entziehungskuren nicht zu einer regulären Lebensführung zurückfindet, auf finanzielle Hilfe von Freunden und Bekannten zur Deckung seines Lebens- wie Drogenbedarfs angewiesen ist. Umherziehend, drogensüchtig, ohne regelmässige Ernährung und ohne Bleibe, ist Gross in der Folgezeit in Wien, Prag, München, Budapest und, ab Oktober 1919, in Berlin; er lebt in Kneipen, bei Bekannten, in zufälligen Unterkünften, auf der Strasse und schlägt sich mit Betteln und Gelegenheitsarbeiten durch. Im Februar 1920 bricht er in einem Hauseingang in Berlin mit einer Lungenentzündung und Entzugserscheinungen halbverhungert zusammen. Kurz danach stirbt er in einem Sanatorium in Berlin-Pankow.

Politischer Werdegang

Gross wurde wahrscheinlich durch Erich Mühsam zum Anarchisten, mit dem er vermutlich bereits seit seinem ersten Aufenthalt in Ascona 1905, jedenfalls seit seinem Umzug nach München 1906 eng befreundet war; 1907 war Mühsam überdies in psychoanalytischer Behandlung bei Gross. Obwohl Gross sich keiner anarchistischen Organisation anschloss und sich praktisch-politisch als Anarchist wohl nicht betätigte - man kann ihn höchstens zum näheren Umfeld der von Mühsam geleiteten Gruppe "Tat", der Münchner Gruppe des Sozialistischen Bundes (SB), zählen -, verstand Gross sich ausdrücklich als Anarchist. Zunächst mit Mühsam, später mit Franz Jung, den er 1911 kennenlernt, plant er wiederholt die Herausgabe von Zeitschriften, in denen Anarchismus und Psychoanalyse zusammengebracht werden sollten. Als partielle Realisierung dieser unverwirklichten Vorhaben lässt sich die von Franz Jung herausgegebene Zeitschrift Die Freie Strasse (1915-18) verstehen, an der Gross mitwirkte. Die Grosszahl der engeren, freundschaftlichen Kontakte von Gross und seiner Frau zu anarchistischen Intellektuellen - u. a. Erich Mühsam, Johannes Nohl, Fritz Brupbacher - und Schweizer Anarchisten aus dem Umkreis der Zeitschriften Weckruf und Réveil indizieren, dass Gross jedenfalls bis zu seiner Internierung 1913 durchaus dem unorganisierten Bohème-Anarchismus zuzurechnen ist.

Blieben Gross' Zeitschriftsvorhaben lediglich Projekte, so werden von ihm 1913-14 mehrere politisch orientierte, in erster Linie psychoanalytische Aufsätze in Die Aktion, später, in den Jahren 1919-20, in weiteren expressionistischen Zeitschriften, Die Erde und Das Forum, sowie in den kommunistischen Organen Sowjet und Räte-Zeitung publiziert. In diesen späten Publikationen, die von Franz Jung ermöglicht wurden, verbindet Gross seine psychoanalytischen Theoreme nicht mehr mit Anarchismus. Unter dem Einfluss der revolutionären Vorgänge in Russland und Österreich-Ungarn (in Wien beteiligte Gross sich an den politischen Ereignissen) und des Spartakus-Aufstands in Berlin (sowie vermutlich Franz Jungs Hinwendung zum Rätekommunismus) wird Kommunismus Gross' erklärtes Ziel und Grundlage seiner psychoanalytischen Überlegungen, obwohl er sich noch ausdrücklich auf Peter Kropotkin bezieht.

Eigene Theorieausbildung

Gross' Schriften sind hauptsächlich Beiträge zur Psychoanalyse und klinischen Neuropathologie. Schon früh entwickelt sich bei Gross ein eigenes Verständnis der Psychoanalyse, die er - anders als Freud - nicht nur als analytisches Verfahren zur Behebung von psychischen und neurotischen Problemen durch eine klinische Befragungspraxis verstand, sondern als "Philosophie der Revolution, ( ... ) als Ferment der Revoltierung innerhalb der Psyche, als die Befreiung der vom eigenen Unbewussten gebundenen Individualität" (1980, S. 13). Diese Ausweitung der Psychoanalyse zu einer psychosozialen Theorie, die - in Verbindung mit Gross' skandalöser psychiatrischer Praxis und Lebensführung - zu seiner Ausgrenzung aus der Freudschen psychoanalytischen Tradition führte, hängt damit zusammen, dass, Gross zufolge, individuelle psychische Probleme - Neurosen, Hysterie, Morbidität usw. - nicht auf Störungen in der individuellen sexuellen Entwicklung, die jeder Mensch grundsätzlich von Geburt an durchmacht, zurückzuführen seien. Vielmehr versteht er diese Probleme als Folgen gesellschaftlicherZwänge, denen das Individuum im Zuge seiner Sozialisation ausgesetzt ist, insbesondere - und insofern folgt er Freud - im Bereich der Sexualität: "Forderungen der Gesamtheit erfüllen sich auf Kosten der individuellen Regulation. Die sozialen Beschränkungen gestatten dem Individuum unter bestimmten Bedingungen nicht seine eigenen biologischen Regulationen, d. h. Affekte zu leben" (1907, S. 15). Anknüpfend an Alfred Adler und Friedrich Nietzsche ergebe sich hieraus in den Worten Nietzsches ein "Konflikt zwischen Eigenem und Fremdem" (1980, S. 27) im Unbewussten jedes Einzelnen. Dieser Konflikt zwischen individuell-eigenen, natürlichen Sexualbedürfnissen, die, Gross zufolge, einerseits polygamisch/polyandrisch bisexuell, und andererseits gesellschaftliche Fremdbestimmungen sind, führe vielfach zu psychischen Problemen, wenn gesellschaftliche Normierung im Bereich der Sexualität nicht mit den natürlichen Bedürfnissen im Einklang sei. Dies sei der Fall, so Gross, in der existierenden patriarchalen, zur heterosexuellen Monogamie verpflichtenden Familienordnung, nicht zuletzt, weil dieses Patriarchat "als Raubehe ihren Ursprung genommen" habe, als "Gebrauch von kriegsgefangenen Sklavinnen" (1980, S. 30), und daher "Vergewaltigung in ursprünglichster Form", von Anfang an ein Gewaltsverhältnis darstelle (1980, S. 16). Dabei bezieht sich Gross auf die These des Rechtsgelehrten Johannes Jakob Bachofen in seinem Buch Das Mutterrecht (1861), dem kontemporären Patriarchat, dem "Vaterrecht", sei eine ursprüngliche, natürliche, matriarchale Sexualordnung vorausgegangen (auch Freud bezog sich auf Bachofens Annahme und betrachtete das Patriarchat dagegen als intellektuelle Überwindung des irrationalen Matriarchats).

Gross zog als Konsequenz aus dieser Verknüpfung von Psychoanalyse und Matriarchatstheorie, dass der "Revolutionär von heute, der mit Hilfe der Psychologie des Unbewussten die Beziehungen der Geschlechter in einer freien und glückverheissenden Zukunft sieht, ( ... ) gegen den Vater und gegen das Vaterrecht" kämpfen, die "kommende Revolution ( ... ) die Revolution fürs Mutterrecht" sein sollte (ebd.), wie Gross 1910 in einem zur Veröffentlichung in Der Sozialist gedachten, von Gustav Landauer jedoch verweigerten Antwortschreiben auf seine Attacken in Der Sozialist gegen die Psychoanalyse schreibt. Lehnte Landauer die Psychoanalyse ab, weil ihre Hervorhebung der Sexualität das von ihm fast religiös gefasste "Geistige" herabwürdigte, Sexualität ausserdem eine Privatangelegenheit sei, in die sich der Anarchismus nicht einzumischen habe, und die Psychoanalyse schliesslich zu Exzessen führe (unter Bezugnahme auf Gross' skandalumwitterte psychoanalytische Praxis), so versteht Gross die Berücksichtigung psychoanalytischer Einsichten geradezu als Voraussetzung für das Gelingen einer Revolution in anarchistischem Sinne. Frühere Revolutionen wären deshalb gescheitert, weil sie den "Konflikt der Individualität mit der ins eigene Innere eingedrungenen Autorität" (1980, S. 14) und diese durch das Patriarchat bewirkte autoritäre Disposition, die Herrschaft des "Fremden" über das "Eigene" im Individuum, unberührt liessen. Folglich sei die Wiederherstellung des Matriarchats nicht nur entscheidend dafür, ob die "kommende Revolution" erfolgreich sein würde. Ebenfalls galt es, als revolutionäre "Vorarbeit", so Gross, aufgrund psychologischer Einsichten eine "neue Ethik" zu propagieren und - vorzuleben, wie Gross es in seiner eigenen Lebensführung, nicht zuletzt auch durch Sexualorgien, versuchte.

Lebte Gross in dieser Hinsicht und mit einer Auffassung von "freier Liebe" in ungehemmter Promiskuität, die im selben Zeitraum von einer radikalen Strömung in der anarchistischen Diskussion über "freie Liebe" u. a. von Emma Goldman, Emile Armand und Erich Mühsam vertreten wurde, so dürfen zwei wesentliche Besonderheiten von Gross' Überlegungen nicht übersehen werden: Erstens ist Gross' Perspektive eine andere: sein Ausgangspunkt ist die Psychoanalyse, die Erkenntnis psychischer Probleme, die er als Folgen unnatürlicher Einschränkungen des menschlichen Trieblebens versteht, während die Vertreter einer radikalen Auffassung von "freier Liebe" aus einer politischen Perspektive argumentieren, die vom Paradigma einer grösstmöglichen Freiheit des Individuums als einzig wahrer Gerechtigkeit ausgeht. Gross' Verknüpfung von Psychoanalyse, Matriarchatstheorie und Anarchismus unterscheidet sich von der politisch-anarchistischen Konzeption "freier Liebe" zweitens darin, dass von politisch-anarchistischer Seite "freie Liebe" als Prinzip einer allgemeinen neuen Sexualmoral und neuer Formen des Zusammenlebens grundsätzlich erst nach einer sozialpolitischen Revolution, insofern diese angestrebt wird, denkbar sei. Gross geht dagegen von einer umgekehrten Reihenfolge aus: Die Realisierung einer "neuen Ethik", d. i. das alte "Mutterrecht", und somit die Eliminierung des inneren "Konflikts zwischen Eigenem und Fremden" und patriarchal-autoritärer Denkformen gelten ihm als Voraussetzung einer sozial-politischen Revolution, die dadurch zugleich unwiederbringlich eine libertäre sein sollte, indem die autoritäre Disposition, die er in erster Linie als Resultat patriarchaler Familienstrukturen und Sexualverhältnisse betrachtete, überwunden sei.

Stellenwert Gross' innerhalb des libertären Spektrums

Schon zu Gross' Lebzeiten wurde u. a. von Emma Goldman die psychoanalytische Lehre Freuds als Erweiterung des Anarchismus verstanden, - wie auch bei Gross, jedoch ohne ihn zu kennen - als Bestätigung der Notwendigkeit einer freieren Sexualmoral; ähnlich wurde von Peter Heintz in Gegenwart und Anarchismus (1951, 1985) in Verbindung mit dem Surrealismus die libertäre Dimension der Psychoanalyse betont. In diesem Zusammenhang kann Gross' Bedeutung darin gesehen werden, dass seine Überlegungen wohl den ersten elaborierten Ansatz bilden, psychoanalytische Erkenntnisse mit dem sozialpolitischen Anarchismus zu verbinden, als einzigartigen Versuch, Psychologie und Psychiatrie nicht gegen die anarchistische Bewegung einzusetzen (wie es seit der Psychologisierung und Psychiatrisierung des Anarchisten-"Typus" durch den italienischen "Kriminalpsychologen" Cesare Lombroso bis auf dem heutigen Tag nicht ungebräuchlich ist), sondern sie zu einer ihrer Waffen umzugestalten. Dabei antizipiert Gross in vielen Hinsichten die Theoreme des marxistischen Psychotherapeuten Wilhelm Reich. Während Gross' theoretische Leistung in dieser Hinsicht nicht zu unterschätzen ist, darf gleichzeitig die Wirkungslosigkeit seiner Ideen in der anarchistischen Bewegung und Theoriebildung nicht übersehen werden. Wurde Gross' Leben und Werk von vielen deutschen expressionistischen Schriftstellern als Gegenstand und Leitfaden von Romanen und Erzählungen aufgegriffen, so wurde Gross' Gedankengut von zeitgenössischen Anarchisten kaum wahrgenommen. Ausnahmen bildeten Landauer und Mühsam, wobei ersterer, u. a. in Der Sozialist, die Psychoanalyse und nicht zuletzt Gross' sozialpolitische Dimensionierung scharf kritisierte; Mühsam hingegen Gross' Ideen, u. a. in Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat (1933, 1988), in seine Anarchismus-Konzeption integrierte, namentlich die These, dass die - für das Fortwähren hierarchischer Gesellschaftsgebilde mitverantwortliche - autoritäre Disposition vieler Menschen Resultat der patriarchalen Familie sei und der Anarchismus folglich nicht zuletzt die Revolte gegen die "Vaterschaftsfamilie" impliziere, eine Revolte gegen den Vater, die in Mühsams eigener Entwicklung zum Anarchisten ein wichtiges Moment darstellte, wie auch Gross' Kritik väterlicher Autorität ohne sein schwieriges (Abhängigkeits-)Verhältnis zu seinem autoritären Vater wahrscheinlich nie zustande gekommen wäre.

Literatur und Quellen

Wichtigste Werke

  • Die celebrale Sekundärfunktion, Leipzig 1902
  • Das Freud'sche Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch-depressiven Irresein Kraepelins, Leipzig 1907
  • Über psychopathische Minderwertigkeiten, Wien/Leipzig 1909
  • Drei Aufsätze über den inneren Konflilkt, Bonn 1920
  • Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe, hg. v. K. Kreiler, Frankfurt/M. 1980. Diese von Franz Jung 1923 geplante Anthologie enthält Gross' verstreute Beiträge der Jahre 1908-20.

Quellen

  • A. Backes-Haase: "Der neue Mensch" - ein Erziehungsentwurf der Moderne: Der Fall Gross. In: Hofmannsthal-Jahrbuch zur europäischen Moderne, 21, 1994, S. 333 - 358
  • M. Green: The von Richthofen Sisters. The Triumphant and the Tragic Modes of Love. Else and Frieda Richthofen, Otto Gross, Max Weber and D. H. Lawrence, in the Years 1870 - 1970, New York 1974
  • E. Hurwitz: Otto Gross. Von der Psychoanalyse zum Paradies. In: Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie, Mailand 1978, S. 106 - 116
  • E. Hurwitz: Otto Gross. Paradies-Sucher zwischen Freud und Jung, Zürich-Frankfurt/M. 1980
  • F. Jung: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe. In: Gross 1980, S. 125 - 148
  • J. E. Michaels: Anarchy and Eros. Otto Gross' Impact on German Expressionist Writers, New York-Bern-Frankfurt/M. 1983
  • A. Mitzman: Anarchism, Expressionism and Psychoanalysis. In: New German Critique, 10, 1977, S. 77 - 104


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

© Alle Rechte am hier veröffentlichten Text liegen beim Autor. Sofern nicht anders angegeben, liegen die Rechte der auf dieser Seite verwendeten Illustrationen beim DadAWeb. Es kann gerne auf diese Seite ein Link gesetzt werden. Aber von den Urhebern der Texte und Illustrationen nicht autorisierte Separat- oder Teil-Veröffentlichungen sind nicht gestattet, das gilt auch für die Verlinkung und Einbindung dieser Seite oder einzelner Seiteninhalte im Frame.

Lexikon der Anarchie: Personen