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Provos

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Lexikon der Anarchie: Organisationen/Bewegungen


"PROVO", das Organ der Provos (Extrausgabe)

Historische Tradition und Entwicklungsgeschichte

Die Bewegung der Provos entstand während der 1960er Jahre in den Niederlanden. Sie war Bestandteil der allgemeinen antiautoritären Jugendrevolte, die sich — zunächst ausgehend von den USA — seit dem Ende der 1950er Jahre in einer ungeheuren sozio-kulturellen Vielfalt in allen westlichen und z. T. auch in den östlichen Industrienationen ausgebreitet hatte. Innerhalb der so entstandenen jugendlichen Subkultur, die ein breites Spektrum von diffusen Protesthaltungen bis hin zu bewussten gegenkulturellen Emanzipationsbewegungen umfasste, nahmen die Provos eine Sonderstellung ein: Nicht nur, dass sie — wie etwa die us-amerikanischen "Yippies" — die "reine" individuelle Selbstbefreiung der eher unpolitischen Strömungen (z. B. "Gammler" und "Hippies") mit dem bewussten Kampf um soziale Befreiung verbanden. Darüber hinaus beriefen sie sich auch entschieden und eindeutig auf einen aktualisierten Anarchismus. So heißt es in einem 1965 erschienenen Manifest:

"Provo betrachtet den Anarchismus als die inspirierende Quelle des Aufstands. Provo will den traditionellen Anarchismus erneuern und unter der Jugend verbreiten." (Van Duyn 1983) Begonnen hatte es Anfang der 1960er Jahren in der Amsterdamer Innenstadt mit regelmäßigen avantgardistischen Happenings junger Künstler um den Fensterputzer und Magier Robert Jasper Grootveld. Ihr Ziel war die Suche nach neuen Kommunikationsmethoden, um ihren Mitmenschen zu anderen Formen der Beteiligung am öffentlichen Leben zu verhelfen. Die Gegensätze zwischen jugendlicher Kreativität und autoritären Gesellschaftsstrukturen, die in der ablehnenden Haltung der Amsterdamer Spießbürger ebenso deutlich wurden, wie in den zunehmenden Polizeiübergriffen, sorgten jedoch bald für eine weitergehende Politisierung der "Happeners". Entscheidenden Einfluss auf diesen Prozess nahm ein Kreis junger Arbeiter und Studenten, der sich — aus der Anti-Atomtod-Bewegung kommend — um den Philosophiestudenten und anarchistischen Verleger Roel van Duyn zusammengeschlossen hatte und im April 1965 zu der Grootveld-Gruppe gestoßen war. Nicht zuletzt dank ihrer Initiative erweiterten sich die anfänglich harmlosen Manifestationen schnell zu rebellischen Massenaktionen, in die immer weitere Kreise der Jugendprotestbewegung hineingezogen wurden. Mit dem Namen "Provo" übernahm die Bewegung schließlich ein ihr von außen auferlegtes Etikett: Der niederländische Soziologe Wouters Buikhuisen hatte in seiner Doktorarbeit über Analyse und Deutung der Halbstarkenphänomene den Begriff als Abkürzung für Provokateure geprägt. Den eigentlichen politischen Inhalt für dieses Wort gaben die Provos später durch ihre Aktionen selbst.

Programmatik, Organisation und Praxis

Was den Amsterdamer Provos während ihrer Hochzeit in den Jahren 1965 / 66 internationale Aufmerksamkeit und Bewunderung einbrachte, war der Umstand, dass es ihnen — quasi über Nacht — gelungen war, eine saturierte und restaurativ-erstarrte Gesellschaft des Wohlstandes und der Langeweile durch die Verbreitung von Unruhe und Aufbegehren in ihren Grundfesten zu erschüttern. Außerordentliche Kreativität und innovative Phantasie bei der Entwicklung neuer und wirkungsvoller Methoden des politischen Protestes waren das Rezept ihres zeitlich befristeten, aber dafür um so intensiveren Erfolges.

Wo die ritualisierten Politikformen der traditionellen Linken längst dazu verurteilt waren, ungehört und wirkungslos ins Leere zu laufen, verbanden die Provos unorthodoxe Ideen und verschiedene Traditionslinien des rebellischen Geistes in einem raffiniertaufrüttelnden Aktionismus zu einer explosiven Synthese: Mit der Methode der spektakulären Demonstration und des ironischspöttischen Protestes im "Till Eulenspiegel"-Stil griffen sie bewusst auf einen Teil der holländischen Nationalkultur zurück. Beim Dadaismus und der zeitgenössischen Jugendkultur machten sie Anleihen für eine spezifische Ästhetisierung der politischen Aktion — indem sie "das Zeitalter der Pol-Art", "das permanente Happening" (Tuynman) oder die "Kollektive Kreativität" (Harn) proklamierten, versuchten sie die Grenze zwischen Politik und Kunst aufzuheben; bei den Provos wurden Versammlungen zu Kostümfesten, Pressekonferenzen zu Zirkusveranstaltungen und Demonstrationen zum Theater. Bei aller Entschiedenheit ihres politisch-praktischen Engagements beharrten sie ausdrücklich auf dem "Element des Spielerischen" (Tuynman), das ihre Aktionen vor dem Abgleiten in das letztlich aussichtslose Unterfangen einer "ernstgemeinten" gewaltsamen Auseinandersetzung mit dem Machtapparat des politischen Systems bewahren sollte. Statt der offenen Konfrontation und der Vorstellung einer revolutionären Entscheidungsschlacht erinnerten die Handlungsmaxime der Provos eher an eine humorvoll-gewaltfreie Variante von Stadtguerillaprinzipien: Verteilen, konzentrieren, verteilen; sich nie vom Gegner die Waffen aufzwingen lassen; ihn aus der Reserve locken, zum Angriff zwingen und dann verschwinden, um ihn ins Leere laufen zu lassen.

Alle diese Elemente flössen ein in die Strategie des "Provozismus", mit der die Öffentlichkeit selbst in ein großes Theater verwandelt werden sollte, in dem gerade auch die Polizei ihren Part zu spielen hatte:

"Die Polizei provoziert — so wie wir — die Masse. Sie von der einen Seite, wir von der anderen. Sie sorgt dafür, dass sie Ärger unter den Menschen erweckt über ihr Auftreten und damit über die Behörde; wir versuchen diesen Ärger aufzuheizen bis zum Aufstand. Ausgesprochen günstig ist dabei, dass die Polizei sich unmittelbar aus ihrem Versteck locken läßt, wenn wir das wünschen. Wir brauchen uns eben nur auf die Straße zu setzen (...), ein paar Blumen vor ein Denkmal legen (...) Vor den Augen der entsetzten Öffentlichkeit schlägt sie dann auf friedliche Demonstranten ein. Einen besseren Werbetrommler für unsere Sache kann man sich doch gar nicht wünschen (...) Durch Provokationen müssen wir die Autoritäten zwingen, sich bloßzustellen (...) So werden sie sich mehr und mehr unpopulär machen und die Menschen reif für den Anarchismus. So kann wieder ein revolutionäres Klima entstehen (...)." (Van Duyn 1983)

In der Tat hatte es die Obrigkeit sehr schwer, gegen diese Flut von Kreativität anzutreten. Mit ihren öffentlichkeitswirksamen Protestspektakeln, von denen Amsterdam besonders 1966 fast täglich erschüttert wurde, durchbrachen die Provos das scheinbar so wohl geregelte Ritual alltäglicher Politik, Administration und Herrschaft. Höhepunkte waren zweifellos die von der halben Welt live am Fernsehschirm mitverfolgten Demonstrationen am 10. März 1966 gegen die Heirat der niederländischen Kronprinzessin Beatrix mit dem ehemaligen Offizier in Hitlers Wehrmacht, Claus von Amsberg, sowie der von den Provos aktiv mitgetragene Amsterdamer Bauarbeiteraufstand am 13. / 14. Juni 1966,der von der holländischen Regierung nur durch ein starkes Kontingent von Militär und Reichspolizei unterdrückt werden konnte. Dabei waren es gerade die blindwütig-intoleranten Reaktionen der völlig verunsicherten Polizei und Justiz, welche die Situation immer weiter eskalieren ließen und die städtischen Behörden bei nicht unbeträchtlichen Teilen der Bevölkerung derart in Verruf brachten, dass schließlich Polizeipräsident und Bürgermeister ihren Hut nehmen mussten.

Bei der Herausbildung der theoretischen Positionen des Provo-Anarchismus hatten in den frühen 60er Jahren die (alt-)anarchistischen Zeitschriften "De Vrije" und "Buiken de Perken" eine wichtige Rolle gespielt. Jedoch gingen die Wortführer der sog. "philosophischen Richtung" der Amsterdamer Provos bald ihre eigenen Wege. Sie waren zur Einsicht gelangt, dass die traditionellen, auf die Arbeiterschaft ausgerichteten Methoden der anarchistischen Bewegung sich in den modernen westlichen Gesellschaften als untauglich erweisen mussten. Aufgrund der Integration der Arbeiterbewegung in den Wohlfahrtsstaat sei einzig noch die Jugend für Rebellion und Protest zu gewinnen. Daher sei an die Stelle des Proletariats als Träger revolutionärer Kraft heutzutage das "Provotariat" getreten. Unter diesem Begriff subsumierten die Provos die verschiedenen Fraktionen der subkulturellen Jugendprotestbewegung, die sich alle bereits auf ihre eigene, aber mehr oder weniger ziellos-unpolitische Weise gegen die bestehende Gesellschaft und ihre Normen auflehnten. Das in dieser "anonymen Menge subversiver Elemente" brachliegende Potential an angestauter Aggressivität und an "anarchistischem Instinkt" wollten die Provos "(...) zu bewusstem Anarchismus sublimieren" (Duco van Weerlee, zit. bei Hollstein 1982) und in den aktiven Widerstand gegen Staat und Autorität vereinen. Ihre Avantgardefunktion begriffen sie jedoch weniger im Sinne einer autoritären Führung der "Massen", sondern mehr als individuelle "Verführung" zu selbständiger Initiative. D. h., die Provos beschränkten sich bewusst darauf, als kreative Kerne innerhalb der Protestbewegung diese voranzutreiben.

Dabei beriefen sie sich nicht nur auf die Revolutionstheorien Michael Bakunins, sondern "mit unsere(n) Genossen Domela Nieuwenhuis, Bart de Ligt, Rudolf de Jong und andere (...)" (Van Duyn 1983) auch auf die anarchistische Tradition im eigenen Land. Unter Bezugnahme auf die anarchistischen bzw. anarchosyndikalistischen Modelle in der Ukraine (der Machnow-Bewegung 1917-1921) und während der Spanischen Revolution (1936-1939) entwarfen die Provos das Bild einer anarchistischen Gesellschaftsalternative.

Bestimmend war für sie dabei vor allem ihr Glaube an die emanzipatorischen Potentiale der fortschreitenden Automatisierung. Diese würde die Bedingungen dafür schaffen, dass die Individuen, von keinerlei Befehlen, Gesetzen und Tabus mehr in ihrer persönlichen Entfaltung behindert, sich neben der "kollektiven Politik (...) (ausschließlich) der Muße (...), der Kreativität (...) (und dem) totalen Spieltrieb (widmen könnten"(Constantin Nieuwenhuys, zit. bei: Hollstein 1982) "Im kommenden kybernetischen Zeitalter werden Volkscomputer die Verwaltungsfunktionen übernehmen, die bisher ständig als Vorwand für die Existenz der Politiker herhalten mussten. In der kybernetischen Gesellschaft, dezentralisiert in kleinere Gemeinschaften, soll wirkliche Demokratie verwirklicht werden." (Van Duyn 1983)

Das gehörige Maß an dadaistischer Verfremdung und selbstironischem Witz, mit dem die Provos ihre Vorstellungen vortrugen, korrespondierte mit dem allgemeinen subkulturellen Lebensgefühl der aufbrechenden Jugend und trug damit entscheidend zum Erfolg ihrer anarchistischen Propaganda gerade in diesen Kreisen bei: Neben unzähligen Plakaten, Cartoons, Manifesten und Slogans "(...) gab es z. B. 15 Auflagen einer oft schlecht gedruckten Zeitung (`Provo´ erstmals am 12.07. 1965 erschienen und zeitweilig eine Auflage von immerhin 25.000 Exemplaren erreichend), die ihre Leser aufforderte, einen Verkehrstunnel in die Luft zu jagen; (oder) die Neuauflage eines alten Flugblattes `Der praktische Anarchist´, das recht unpraktische Hinweise zur Herstellung von Seeminen gab, die in die Weihwassertaufbecken der Kirchen gelegt werden sollten (...)." (de Jong)

Die Macht, welche die Provos nach außen nicht erlangen wollten — "Wir haben keine Macht und wir wollen keine Macht, denn Macht korrumpiert." (Bernhard de Vries, zit. bei Hollstein 1982) —, lehnten sie auch in ihren Binnenstrukturen radikal ab. Was von außen als homogene und relativ schlagkräftige Organisation erschien, war in Wirklichkeit eine ebenso bunte wie heterogene Menge ähnlich gesinnter Jugendlicher ohne Führung, Hierarchie, Apparat oder Hauptquartier. Die Provos stammten aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten, mehrheitlich aber aus dem Mittelklasse-Milieu, wobei insbesondere die große Beteiligung von Studenten auffiel. Weit verbreitete Lebensform waren die durchschnittlich drei- bis zwölfköpfigen "Provo-Kommunen".

Da sich zu keinem Zeitpunkt der Zusammenhalt der Bewegung in festen Organisationsstrukturen institutionalisierte, entwickelten sich auch die Aktionen und Happenings der Provos stets spontan aus den jeweiligen Situationen. In anarchistischer Pluralität entwickelten die verschiedenen kleinen Provo-Gruppen jeweils eigene Strategien für eine Aktion, die dann meist (ohne Absprache) in eine aus dem Augenblick geborene Gesamtstrategie aller Gruppen einmündete.

Einweihung des ersten "weißen Fahrrads" im Rahmen des Weißen Fahrradplans der Amsterdamer Provos am 10. März 1966

Schon auf dem Höhepunkt ihrer Popularität begannen die Provos sich an der Frage der zukünftig einzuschlagenden politischen Strategie zu spalten. Gegen den Widerstand des radikalen, auf dem anarchistischen Antiparlamentarismus beharrenden Flügels, konnten sich schließlich die "Revisionisten" zugunsten der Beteiligung an den Wahlen zum Amsterdamer Stadtparlament durchsetzen. Im Wahlkampf traten sie mit einer Reihe "Weißer Pläne" an die Öffentlichkeit. Anknüpfend an die schon seit längerem in Provo-Kreisen geführte Ökologiediskussion sollten diese nicht nur praktische Lösungen für konkrete kommunalpolitische Probleme und soziale Bedürfnisse anbieten, sondern auch Möglichkeiten einer ökologischen und basisdemokratischen Stadtpolitik aufzeigen: Der von den Provos auch praktisch umgesetzte "Weiße Fahrradplan" sollte dem Verkehrschaos in Amsterdam durch die kostenlose Bereitstellung weiß angestrichener Fahrräder ein Ende machen und den Auftakt zur Ersetzung des privaten Autoverkehrs in der Innenstadt durch einen groß angelegten und unentgeltlichen öffentlichen Verkehrsbetrieb bilden. "Der Weiße Schornsteinplan" sollte die Industrie zu Maßnahmen gegen die Luftverschmutzung zwingen. Während "Der Weiße Hühnchenplan" die Entwaffnung der Polizisten und ihre Umschulung zu Sozialarbeitern vorsah, sollte der Wohnungsnot über den "Weißen Wohnungsplan" mit Besetzungen und Ingebrauchnahme leer stehenden Wohnraumes begegnet werden. "Der Weiße Frauenplan" schließlich forderte die Eröffnung von Büros für sexuelle Aufklärung und Beratung.

Am 1. Juni 1966 stimmten 13.000 oder 2,5 % der Amsterdamer Bürger für dieses konstruktive Programm, was den Provos einen Sitz in der Gemeindevertretung einbrachte. Trotz oder vielmehr gerade wegen dieses Achtungserfolges schritt der interne Spaltungsprozess der Amsterdamer Provos während der nächsten Monate jedoch rapide voran. Die sich immer weiter zuspitzenden Differenzen zwischen dem reformistischen und dem radikalen Flügel führten schließlich dazu, dass sich die Bewegung ab Frühjahr 1967 allmählich wieder in die einzelnen voneinander isolierten Strömungen auflöste, aus denen sie zwei Jahre zuvor entstanden war. "Offiziell" dokumentiert wurde diese Entwicklung schließlich im Herbst 1967, als auf einer großen Provo-Versammlung in Amsterdam die Bewegung sich selbst zu Grabe trug:

"Das Provotariat geht; die Jugend bleibt. Hinter dieser Formulierung verbarg sich die Intention, den Namen und das Etikett `Provo´ aufzugeben, um Neues zu suchen und zu versuchen." (Hollstein 1982) Entsprechend betrieb der politisch engagierteste Teil der ehemaligen Amsterdamer Provos um Roel van Duyn — einem zeitgenössischen Pressebericht zufolge — auch weiterhin "anarchistische Untergrundaktivitäten" (zit. bei J. Schmück, Nachwort zu: Van Duyn, 1983) und hatte starken Einfluss auf die 1970 entstehende Kabouter- und Kraaker-Bewegung.

Internationale Verbreitung

Aber nicht allein in Amsterdam oder im übrigen Holland waren die Provos angetreten, um die bürgerliche Ordnung zu durchbrechen. In den Jahren 1966 / 67 griff die Provo-Bewegung auch auf fast alle europäischen Länder, ja selbst auf die USA, über und trat in Wechselbeziehung zur dortigen Subkultur und Protestbewegung.

Im deutschen Sprachraum hatten die Mitglieder der Berliner "Kommune 1" als erste eine breitere Öffentlichkeit mit der Provo-Strategie bekannt gemacht. Zur eigentlichen Provo-Zentrale für die BRD und Westberlin wurde jedoch Frankfurt am Main. Hier waren die ersten Provos im Herbst 1966 aus der Gammler-Bewegung gekommen. Bis Frühjahr 1967 war die Gruppe auf ca. 30 Personen angewachsen. Bald hatten sich auch Lehrlinge, Schüler und Studenten angeschlossen und damit begonnen, "Peng - Zeitung für Provos und Linkssexuelle" herauszugeben. Aus der Gegnerschaft gegen alle Autoritäten ergab sich die Wahlverwandtschaft mit anderen sich als antiautoritär deklarierenden Organisationen innerhalb der "Außerparlamentarischen Opposition" (APO), die im Frühjahr 1967 auch zu verschiedenen gemeinsamen Demonstrationen und Aktionen der Frankfurter Provos mit der "Kampagne für Demokratie und Abrüstung" und dem "Sozialistischen Deutschen Studentenbund" (SDS) führte.

Stellenwert der Provos innerhalb des libertären Spektrums und kritische Gesamteinschätzung

Was der politischen Aufklärungsarbeit oppositioneller Gruppen in den Niederlanden während Jahrzehnten nicht gelungen war, brachten die Ideen und Aktionen der Amsterdamer Provos innerhalb weniger Monate fertig: Ihre permanenten Provokationen demaskierten lang kaschierte Fehlentwicklungen und Missstände, bewirkten, dass die Grundlagen von Staat und Gesellschaft in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses rückten und Tabus plötzlich diskutiert wurden. Dieser emanzipatorische Einfluss überdauerte ihr Ende als Bewegung und blieb in der weiteren Entwicklung der holländischen Alternativkultur deutlich spürbar: Die Provos legten den Grundstein für das Entstehen eines ökologischen Bewusstseins und entschieden feministischer Positionen, für einen neuen Umgang mit Problemen der Sexualität und für ein wirkliches Interesse an Fragen der Stadtentwicklung. Alle diese vorwärtsweisenden Konzepte waren eingebettet in den Versuch einer zeitgemäßen Neuschöpfung des Anarchismus aus dem Geiste jugendlicher Subkultur heraus.

Zwar waren ältere Anarchisten, die Kontakt mit den Amsterdamer Provos suchten, oft geradezu verzweifelt über deren Mangel an theoretischem Interesse und theoretischer Kenntnis. Dennoch brachte die Provo-Bewegung anarchistische Ideen erstmalig für die Nachkriegszeit wieder in Verbindung mit einer vitalen sozialen Bewegung und verhalf dem Anarchismus damit zu einer gesellschaftspolitisch relevanten Resonanz, wie sie es in Holland seit den 1930er Jahren nicht mehr gegeben hatte. Daher ist J. Schmücks These zuzustimmen, daß "Provo (...) den Beginn einer neuen anarchistischen Bewegung in Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg (markierte)." (Nachwort zu Van Duyn 1983)

Auch in Deutschland hinterließen die Aktionen und Proklamationen der dortigen Provos, ebenso wie die international verbreiteten Manifeste ihrer holländischen Gesinnungsgenossen nachhaltige Spuren: Das von den Provos entwickelte Ausmaß an Phantasie, Witz und neuem Strategiearsenal, und nicht zuletzt ihre anarchismusfreundlichen Positionen gaben der APO und Studentenbewegung, damit aber auch dem Neo-Anarchismus in der BRD und Westberlin wichtige Impulse.

Ein Artikel aus der deutschen Provo-Zeitschrift "Peng" (Nr. 2 / 1967) macht jedoch die Grenzen deutlich, die von vornherein in der Provo-Taktik angelegt waren und an die früher oder später auch die von den Provos stimulierten Protestformen von APO und Studentenbewegung stoßen mussten: "Und der Provo muß demonstrieren (...), damit seine Weltanschauung groß und bekannt wird. Eine Weltanschauung groß und bekannt machen — das können nur ihre Gegner. Auf nichts ist der Provo daher so angewiesen, wie auf die Polizei und die gegnerische Presse (...)." (zit. bei: Kosel)

Diese einseitige Fixierung auf die Reaktionen des Gegners musste sich in Deutschland langfristig um so fataler auswirken, als ihr hier eine konstruktive Entsprechung — etwa in der Art, wie sie die Amsterdamer Provos in ihrem Programm versucht hatten — fehlte: Sobald Staat, Massenmedien und das breite Publikum sich an Happenings und Manifestationen gewöhnt hatten, zunehmend unempfindlich für die Schocktherapie der Bewegung geworden waren, und diese daher nicht mehr die Titelseiten der Presse und die Fernsehnachrichten dominierte, musste sich die Provokationsstrategie mehr und mehr totlaufen. Der zum reinen Selbstzweck gewordene "Provozismus" war dann letztlich nichts mehr als ein in das Repertoire des Systems integriertes und beliebig kommerzialisierbares "buntes" Beiwerk. Unter dem Eindruck dieser Entwicklung zog H.-P. Ernst, der Vordenker der deutschen Provos, im März 1968 folgende abschließende Bilanz:

"Die Provos sind tot, weil ihr bewußtester Teil Provo als die abgeschlossene Phase einer revolutionären Entwicklung begreift. Heute (...) haben spektakuläre Aktionen der Provos keine politische Funktion mehr." (Ernst)

Literatur und Quellen

  • D. Cohn-Bendit: Wir haben sie so geliebt, die Revolution, Frankfurt / M. 1987
  • R. de Jong: Provos und Kabouter, in: Unter dem Pflaster liegt der Strand, Bd. 2 (hg. v. H.-P. Duerr), 2. Aufl., Berlin 1980
  • H.-P. Ernst: Die Provos sind tot. Es lebe die Revolution! in: Strategie und Organisationsfrage in der antiautoritären Bewegung. Eine Dokumentation. Materialsammlung Nr. 1, (hg. v. H. Martin) Darmstadt 1970
  • W. Essbach / J. Gutmann / B. u. U. Jany / U. Kreuzer: Yippies und Provos: Anarchistische Momente in der hedonistischen Linken, in: D. Kerbs (Hg.), Die hedonistische Linke. Beiträge zur Subkultur-Debatte, Wien 1974
  • J. Harn: Brief an einen Berliner Freund, v. 1. 9. 1966; M. Henning / R. Raasch: Neoanarchismus in Deutschland. Eine Untersuchung seiner Entstehungsgeschichte. Diplomarbeit an der FU Berlin, Juli 1990
  • W. Hollstein: Der Untergrund. Zur Soziologie jugendlicher Protestbewegungen, Neuwied u. Berlin 1969
  • W. Hollstein: Die Gegengesellschaft. Alternative Lebensformen, 2. Aufl., Reinbek b. Hamburg 1982
  • G. Kaubisch: Provos. Interview mit Rob Stolk, in: J. Gehret (Hg.), Gegenkultur Heute. Die Alternativbewegung von Woodstock bis Tunix, Amsterdam 1979
  • M. Kosel: Gammler Beatniks Provos. Die schleichende Revolution, Frankfurt / M. 1967
  • "Provos. Knüppel aus dem Sack", in: Der Spiegel, Nr. 13, Hamburg, 20. März 1967
  • H. Tuynman: Ich bin ein Provo. Das permanente Happening, Darmstadt 1967
  • R. Van Duyn: Die Botschaft eines weisen Heinzelmännchens. Das politische Konzept der Kabouter. Eine Betrachtung über das philosophische Werk von Peter Kropotkin in Verbindung mit der heutigen Wahl zwischen Katastrophe und Heinzelmännchenstadt, Wuppertal 1971
  • R. Van Duyn: Provo. Einleitung ins provozierende Denken, anarchistische texte 30, Berlin 1983

Autor: Markus Henning

Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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