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Robin, Paul

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Lexikon der Anarchie: Personen



Paul Robin (geb.: 3. April 1837 in Toulon; gest.: 1912 durch Suizid). Libertärer Pädagoge.


Äußere Daten

Robin besucht in Bordeaux und Brest die Schulen, wird 1858 ins Lehrerseminar aufgenommen, absolviert dort die zweijährige Ausbildung zum Lehrer und unterrichtet ab 1861 Physik und Naturkunde an den Lyceen von Brest und La Roche-sur-Yon. Zu dieser Zeit formiert sich eine Idee, die für sein weiteres Leben wegweisend sein wird: Er will für jeden, „wie auch immer die Umstände auch seien, ... das Recht, daß er so vollständig wie möglich alle seine körperlichen und intellektuellen Fähigkeiten entwickle.“ (Robin 1869) Seine Versuche am Brester Lyceum – u. a. führt er die Schulexkursion in den Unterricht ein – werden von den Schulbehörden als verderblich taxiert und unterbunden. Darauf verlangt Robin einen zeitlich unbeschränkten Urlaub, erhält ihn und zieht nach Brüssel, wo er von Privatstunden lebt. Nebenbei arbeitet er an der „Liberté“, einer anarchistischen Zeitung. Inzwischen ist er Mitglied der „Ligue d’Enseignement de Bruxelles“ und des belgischen Generalrates der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) geworden. Am Brüsseler Kongreß setzt er 1868 die Frage der Education intégrale auf die Tagesordnung. Im selben Jahr gründet er die Erzieherzeitschrift „Le Soir“. 1868 heiratet er die Tochter eines stadtbekannten Brüsseler Freidenkers und Demokraten. Nachdem während Streikaktionen Arbeiter in Lüttich umgekommen waren, protestiert er seitens des Rates der Internationalen Arbeiterassoziation gegen das harte Vorgehen der Behörden. Als französischer Staatsbürger wird Robin sofort des Landes verwiesen, verläßt Belgien und reist mit seiner Familie nach Genf, wo er Michael Bakunin kennenlernt. 1869 nimmt der Franzose am Kongreß der Internationale in Basel teil. Nach einem kurzen Aufenthalt in Paris geht er nach London, wo er bis 1879 bleibt. Von Karl Marx, zu dem sich ein gespanntes Verhältnis entwickelt, erhält er Griechischunterricht. Im englischen Exil verdient Robin seinen Lebensunterhalt als Französischprofessor an der königlichen Militärschule von Woolwich und als Mathematikprofessor am College der Londoner Universität. In diese Zeit fällt auch sein steigendes Interesse an der neomalthusianischen Bewegung, das sich letztlich ganz konkret sowohl im Konzept einer Education intégrale als auch in seiner pädagogischen Praxis ab 1880 niederschlägt. 1879 von Ferdinand Buisson nach Frankreich zurückgeholt, wird er zum Schulinspektor von Blois ernannt. Seine neuartigen didaktisch-methodischen Ideen bringen ihn aber sofort in Opposition zu den Autoritäten, weswegen Robin seine Versetzung an ein Lehrerseminar verlangt. Am 16. Dezember 1880 wird er schließlich zum Direktor des neuzuschaffenden, finanziell auf dem Legat eines st.-simonistisch gesinnten, reichen Kaufmann beruhenden Waisenhauses in Cempuis, 112 Kilometer nördlich von Paris, berufen. Robin kämpft während vierzehn Jahren als Leiter von Cempuis gegen die kirchlichen Kräfte in der Region sowie gegen eine sperrige Schuladministration und mit unfähigen Mitarbeitern. 1894, nachdem er zum Rücktritt gezwungen worden ist und Cempuis verlassen hat, wird er Professor für Pädagogik an der neuen Universität in Brüssel, gründet die Zeitschrift „L’Education Intégrale“ und verbreitet neomalthusianisches Gedankengut in Vorträgen und Diskussionen. Im Zentrum stehen für ihn letztlich drei Ideen: „Bonne naissance, bonne éducation, bonne organisation sociale.“ (Robin o. J.) 1912 setzt er seinem Leben gewaltsam ein Ende.

Politischer Werdegang

Die Gründung und Leitung des Waisenhauses in Cempuis darf als Lebenswerk Robins bezeichnet werden. Er vertritt in Theorie und Praxis eine konsequente. Koedukation. Obschon im Jahr 1880 kein Gesetz in Frankreich koedukativen Unterricht erlaubt, nimmt Robin Knaben und Mädchen in sein Waisenhaus auf, was im damaligen Frankreich auf Widerstand stößt. Im Zentrum der Erziehung in Cempuis steht aber die Education intégrale: „Das Wort ‚intégral’ bezogen auf die Erziehung vereinigt die Begriffe körperlich, intellektuell und moralisch und bezeichnet darüberhinaus kontinuierliche Zusammenhänge zwischen diesen drei Bereichen.“ (Robin o. J.) Francisco Ferrer sollte seine eigene Idee von Erziehung knapp zwanzig Jahre später in Anlehnung an Robin „rationelle Erziehung“ nennen (Ferrer 1911); Sébastian Faure in „La Ruche“ (1904-1917) und Jean Wintsch in der „Ecole Ferrer“ in Lausanne (1910-1919) werden ähnlich argumentieren (vgl. zu beiden: Grunder 1986).

Stellenwert Robins innerhalb des libertären Spektrums

Rapider industrieller Aufstieg, Anwachsen der städtischen Bevölkerung und der Ernst der Lage der meisten Arbeiter haben im 19, Jahrh. das Entstehen der Arbeiterbewegung und des sozialistisch-libertären Denkens befördert. Der Erziehung wird nicht unbegründet während der Kämpfe um die Idee einer neuen Gesellschaft, eminente Bedeutung zugesprochen. Unter den Erziehungskonzepten sticht die Education intégrale heraus. Als Faktor sozialer Gleichheit, die Solidarität der Arbeiter favorisierend, weiß letztere sich der Vorbereitung des Individuums auf die vielfältigen Aufgaben in einer sich im Aufschwung befindenden Gesellschaft und einer prosperierenden Industrie verpflichtet. Robin steht mit den Lehrwerkstätten, der Schnupperlehre, seiner szientistischen Konzeption der Moral in der Tradition Charles Fouriers (1772-1837), der die Education intégrale als erster entwickelt und damit nebenbei eine Aufwertung der Künste, der körperlichen Erziehung, des Sports und der Handarbeit initiiert. Wesentlich beeinflußt das Erziehungskonzept des Leiters von Cempuis auch seine Tätigkeit in Arbeiterorganisationen und seine Abspaltung von K. Marx. Robins Waisenhaus stellt darum mehr dar als eine Folgerung aus den Strömungen der Zeit: Ein grundlegend neues Konzept der Waisenerziehung ist entstanden. Es sticht von der gängigen Praxis der Asyle in Frankreich dadurch ab, daß es die Waisenkinder als ganze Menschen anspricht und nicht Mitleid herausfordernde gesellschaftliche Außenseiter betreut. Vor dem ausgeleuchteten Hintergrund ist Robin ein libertär-sozialistischer Erzieher des ausgehenden 19. Jahrh.: Er versucht, in humanerer Art und Weise als es damals üblich war, Waisen auf ein Arbeiterleben in der industriellen Gesellschaft vorzubereiten, indem er sie allseitig schult und für eine immer mehr Mobilität fordernde Industrie beruflich qualifiziert. Das Elend der arbeitenden Bevölkerung und sozial-utopische Ideen sind letztlich die Ursprünge seiner Institution in Cempuis. In seinem Waisenhaus nimmt Robin gleichzeitig Desiderata der einsetzenden Reformpädagogik vorweg (etwa die 1898 vollzogene Gründung des Landerziehungsheims in Les Roches durch A. Demolins oder diejenige des Landwaisenheims in Veckenstedt durch H. Lietz, 1913). Wie später die meisten Reformpädagogen des frühen 20. Jahrh. stellt er das Kind ins Zentrum des Unterrichts, fordert Selbsttätigkeit des Schülers, arbeitsunterrichtliches Vorgehen, eine kindgemäße Umgebung, harmonische Ausbildung von Geist, Körper und Hand, Interesse als Motiv der Arbeit und das Studium der kindlichen Entwicklung durch den Unterrichtenden. Von seiner Ideenwelt her gehört Robin zur sozialistisch-libertären Seite der „Neuen Schule“, der „éducation nouvelle“, wie die Versuche in reformpädagogischer Zeit später genannt werden. Über Ferriére hat der Franzose sicher Freinet beeinflußt. Hingegen ist sein Einwirken auf die deutsche reformpädagogische Bewegung nicht spürbar, geschweige denn direkt nachzuweisen. Sein Experiment in Cempuis hat aber – mit den Escuelas Modernas Ferrers in Spanien – der Lausanner Ecole Ferrer (vgl. auch: Grunder, 1986c) sowie den Scuole Moderne in Italien und „La Ruche“ Faures in Frankreich Pate gestanden.



Literatur und Quellen:

Die wichtigsten Werke

  • De l’enseignement intégral, in: La Philosophie positive, Sept./Okt. 1869
  • L’éducation integrale, in: L’Eucation libertaire, o.V, o.J.
  • Fêtes Pédagogiqes à l’Orphelinat de Cempuis 1890-1894, 2 vol., Cempuis o. J.
  • L’éducation libertaire, Paris 1902
  • Notes sur l’éducation, in: L’école rénoveé, Nr. 1, 1. Jg., Bruxelles 1908
  • Libre amour, libre maternité, Paris 1916
  • Je de nombres, 1892-1910, in: Bulletin de l’Ecole Ferrer, Lausanne 1918

Deutsche Übersetzungen:

  • Kann man ein Programm der „Education intégrale“ aufstellen? in: L’éducation libertaire, Paris o. J.

Quellen

  • M. Dommanget: Les grands socialistes et l’éducation, Paris 1970
  • F. Ferrer: L’Ecole Moderne, Paris 1911
  • G. Giroud: Cempuis, Paris 1900
  • E. Goldman: La Ruche, in: Mother Earth, New York 1907
  • H. U. Grunder: Lehrerfortbildung – (K)eine Notwendigkeit vor hundert Jahren. Die „Fêtes Pédagogiques in Cempuis“, in: Reader Pädagogik, Frankfurt/M. 1986 a
  • H. U. Grunder: Von der Kritik zu den Konzepten. Aspekte einer „Geschichte der Pädagogik der französischsprachigen Schweiz“, Frankfurt/M. 1986 b
  • H. U. Grunder: Anarchistische Erziehung. Geschichte – Modelle – Beispiele, Baltmannsweiler 2007
  • J. Humbert: Une grande figure: Paul Robin, o.O. 1967
  • Manifest der Partisanen der Education intégrale, o.V., Gand 1893
  • G. Nissen: L’Orphelinat de Prévost, Bruxelles o.J.
  • R. Sluys: L’instruction intégrale à l’Orphelinat Prévost, Bruxelles 1890

Autor: Hans Ulrich Grunder


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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