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Selbstverwaltung

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Lexikon der Anarchie: Sachthemen


Selbstverwaltung


Definition I

Ältere Lexika definieren den Begriff der Selbstverwaltung so: „Selbstverwaltung (ist) die Erfüllung von Gemeinschaftsaufgaben durch juristische Personen des öffentlichen Rechts (Gemeinden, Verbände, Körperschaften) unter eigener Verantwortung. Sie erfüllen ihre Aufgaben aufgrund staatlicher Ermächtigung und unter staatlicher Aufsicht...“ Es handelt sich also nicht um Selbstverwaltung im Sinne einer anarchistischen Gesellschaft. Eine Selbstverwaltung, die von den Menschen selbst ausgeht, meint die Verwaltung aller Angelegenheiten einer Person oder eines Kollektivs durch sich selbst.


Definition II

Angestrebt wird die völlige Autonomie von Individuen, Gruppen und Gemeinschaften. Selbstbestimmung der Individuen und damit die höchstmögliche Form der Freiheit Aller ist Ziel und Zweck. Die in kapitalistischen und staatssozialistischen Staaten übliche Form der Fremdbestimmung wird in selbstverwalteten Betrieben und Projekten abgelehnt. Es sollen Strukturen entwickelt werden, in denen Hierarchien nicht entstehen können, konsensuale Entscheidungsfindung in dafür geschaffenen Gremien, Rotation in den verschiedenen Arbeitsbereichen, gleicher Lohn für alle, oft auch Bedürfnisorientierung in der Geldfrage sind die propagierten Mittel hierzu. Weitere Normen sind z.B. die Aufhebung jeglichen Eigentums, der Trennung von Hand- und Kopfarbeit, von Arbeit und Freizeit. Es wird das gleiche Wissen für alle angestrebt und der Abbau des Leistungszwangs eröffnet die Möglichkeit zu neuen moralischen Kategorien. Das Prinzip der Selbstverwaltung fordert von der Sache her, dass die Betriebe, Gruppen oder Kommunen zahlenmäßig beschränkt bleiben, bzw. beim Anwachsen sich in weitere Einheiten wieder aufteilen. Das ergibt sich aus der Erfahrung, dass konsensuale Entscheidungsprozesse nur mit einer begrenzten Anzahl von Menschen möglich sind.


Gesellschaftliche Dimensionen

Das gesellschaftlich daraus abzuleitende Ziel ist Kollektivität, Kooperation und Konföderation. Im Gegensatz zum Genossenschaftswesen, das sich in der Regel auf Konsum- und Produktivgenossenschaften beschränkt, lässt sich die Selbstverwaltung auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausdehnen. Es kann handwerklich orientierte Betriebe, Handelsunternehmen, künstlerische Kommunen, kulturell-soziale oder landwirtschaftliche Projekte in Selbstverwaltung geben. Im politischen Bereich wäre z.B. die Direkte Demokratie Ausdruck der selbstverwalteten Gesellschaft. Hier ist an die Versuche z.B. in der Schweiz zu erinnern, in denen man versucht, mittels Volksentscheid Einfluss auf das politische Geschehen zu erlangen.


Ideengeschichte

Die Idee der Selbstverwaltung, die auch als Grundlage einer anarchistischen Gesellschaft betrachtet werden kann, hat viele Ausgangspunkte. Wesentliche Ansätze können bei einigen anarchistischen Theoretikern ausgemacht werden: Ob es sich dabei um William Godwin (1756-1836) mit seiner Kritik am Eigentum, oder um Francois Marie Charles Fourier (1772-1837) erster Abhandlung über „...haus- und landwirtschaftliche Assoziation“ (1822) handelt (siehe hierzu: „Was ist eigentlich Anarchie“, Berlin 1986), so finden sich darin erste Grundlagen für die Idee der Selbstverwaltung. Auch der 1809 in Besancon geborene und 1864 gestorbene Pierre Joseph Proudhon vertrat erste Ansätze einer Genossenschaftsbewegung, mit der zentralen Aussage: „Eigentum ist Diebstahl“ (ebda.). Eine ganz wichtige Beeinflussung der anarchistisch geprägten Selbstverwaltung ging von Peter Kropotkin (1842-1921) aus. Mit seinem Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ legt er Grundlagen für einen Kommunistischen Anarchismus und in seinen „Memoiren“ (1900) heißt es z.B.,,... daß es völlig unmöglich sei, für die große Masse des Volkes auf dem gewöhnlichen Wege der Verwaltung etwas wirklich heilsames zu schaffen“ (ebda.). In seinem Buch „Eroberung des Brotes“ steht: „Wir brauchen Wohlstand für alle als Ziel – Enteignung als Mittel. Die Produktionsmittel sind faktisch die Kollektivprodukte aller. – Sie müssen darum auch der Kollektivbesitz aller werden. Nicht aber in der Form zentralistisch-bürokratischer Verstaatlichung. Sondern als Gruppen-, d.h. Gemeinde-Eigentum. Bei einer Konzentration der Produktion auf Notwendiges und Sinnvolles, ist nicht nur eine enorme Mehrung des Wohlstandes aller, sondern auch eine erhebliche Reduzierung der allgemeinen Arbeitszeit möglich. Damit wird die Freizeit, die Muße, als Bereich der individuellen Entfaltung immer wichtiger. An Stelle der kapitalistischen Ausbeutung und staatlichen Autoritarismus soll ein System sich selbst organisierender, der Trennung von Stadt und Land aufhebender, durch freie Kooperation miteinander verbundener Kommunen treten ...“ (ebda.). Diese Gedanken finden sich in modernisierter Form bei allen libertären selbstverwalteten Projekten der Jetztzeit wieder.


Die Prägung durch Anarchismus, Marxismus oder Sozialismus

Die Unterscheidung zwischen anarchistischen, marxistischen oder anderen sozialistischen Selbstverwaltungs-Modellen liegt wohl darin, dass sich die anarchistischen Versuche nicht in Parteiprogramme einbinden lassen und jeglicher Institutionalisierung widerstehen wollen. Außerdem werden z.B. bei marxistisch orientierten Kollektivismusversuchen die „Produktionselemente in gemeinschaftlichen Besitz“ (s. hierzu auch S. Loibl: „Kollektiv oder Kooperativ“) überführt, um dann den gesellschaftlichen Reichtum „im Verhältnis“ (ebda.) zu der von den Arbeitern „geleisteten Arbeit“ (ebda.) zu verteilen. Bei libertär inspirierten Kollektivierungsversuchen spielt das individuelle Bedürfnis eine größere Rolle als z.B. die Fähigkeit oder Leistung des Einzelnen. Hierüber geben die Kollektivierungen der Anarchisten in Spanien 1936 Zeugnis (s. hierzu, S. Loibl: „Gemeinschaften und Kollektive in Katalonien“).


Die Experimente

Da die gesamte Genossenschafts- und Kollektivbewegung immer auch maßgebliche Elemente der Selbstverwaltung beinhaltet, ist deren Geschichte partiell identisch. Insofern ist der historische Weg über die 1760 gegründete Mühle der Werftarbeiter von Woolwich und Chatnam über die 1826 verwirklichte Kommune von Orbiston (Schottland) und die Owenschen Siedlungsexperimente gegangen. „Die längerfristige Entwicklung dieser Genossenschaften verlief unterschiedlich in den drei zustandegekommenen Genossenschaftstypen: den Konsumgenossenschaften, (Genossenschaftsläden), den Produktionsgenossenschaften (Handwerker, Landwirte) und den Vollgenossenschaften (Kommunesiedlungen)“. Wobei letztere den längsten Bestand aufwiesen (z.B. die Amana Community in den USA von 1842-1932). Fast immer (Ausnahme: z.B. Owen, aber auch andere) entstanden die Gruppierungen als Gegenentwurf und in Notsituationen. Die Betroffenen (Arbeiter, Bauern, religiös Verfolgte) versuchten aus ihrer Situation durch gegenseitige Hilfe das eigene Glück zu vergrößern. Dies hieß in der Regel: materieller Wohlstand. Ausschlaggebende Schwäche aller Experimente bis heute war und ist die Unterschätzung der kapitalistischen Logik und die Vernachlässigung der Machtfrage. In „Zeiten wirtschaftlicher Depression“ oder Zeiten „politischer Niederlagen“ gab es Gründungswellen von Selbsthilfeprojekten. Dies gilt für die Zeit vor der Jahrhundertwende, wie für die Jahre von 1914-20 oder auch die Nachkriegszeit. Zuletzt ist etwa seit 1975 ein verstärktes Anwachsen der „Betriebe in Selbstverwaltung“ wohl auch im Zuge der sich verstärkenden Arbeitslosigkeit zu beobachten. Für den Osten Deutschlands gibt es ebenfalls nach der sogenannten Einigung (die ja eine Aneignung war) viele Initiativen zur Gründung von Kommunen und Betrieben in Selbstverwaltung. Namen, wie „ASH Krebsmühle“ in Oberursel bei Frankfurt/M., „Schäfereigenossenschaft Finkhof“ in Arnach bei Bad Wurzach, die „UFA-Fabrik“ in Berlin, „Contraste – Zeitung für Selbstverwaltung“ mit Redaktionen in den verschiedensten Orten der BRD u.v.a. sind Aushängeschilder der Selbstverwaltungslandschaft von heute. Auch die Kommunebewegung nahm einen erneuten Anlauf, die Selbstverwaltung in der kapitalistischen Gesellschaft zu realisieren. Zu nennen wären u.a.: die Brauerei-Kommune Uetersen, der Reininghof, die Kommune Niederkaufungen, Lutter auf dem Barrenberge oder das Projekt A, die alle durchaus anarchistisch beeinflusst sind.


Das Scheitern

Als wohl (zumindest in der Anfangszeit des Projektes) am weitesten und konsequentesten durchgeführten Versuch von sozialistischer Selbstverwaltung im Kapitalismus der Nachkriegszeit dürfte wohl die Aktionanalytische Organisation (AAO) Otto Mühls auf dem Friedrichshof (Österreich) gelten. Alle angemerkten Charakteristika von Selbstverwaltung waren dort, (ähnlich wie bei den ersten Kibbuzim) anzutreffen. Gemeinsames Eigentum, Sexualität, Arbeit, Kindererziehung, etc. gehörten zu den Selbstverständlichkeiten. Dennoch hat sich auch bei diesem Versuch eine klare Hierarchisierung entwickelt und zwar bedingt durch die Einbindung in das kapitalistische Gesellschaftssystem, mit seiner ihm eigenen Sozialisation. Es wurde die Arbeitsteilung, Hand- und Kopfarbeit aufrecht erhalten, bis hin zur Einrichtung von Leitungsfunktionen. Heute (1993) kann man wohl sagen, dass gerade die AAO sich in eine totalitäre Sekte verwandelt hat. An dem Niedergang, der mit anarchistischen Ansprüchen angetretenen Kommune lässt sich studieren, wie die Mechanismen eines Systems auch in alternative Lebenszusammenhänge hineinwirken.


Systemabhängigkeit

Oben wurde bereits eine Schwäche der „Selbstverwalteten Betriebe“, der „Firmen ohne Chef“ beschrieben. Diese von vielen AnarchistInnen und Autonomen erkannte Schwäche, nämlich die Integration der „Nischenwirtschaft“ ins herrschende System, der durch die Verhältnisse bestimmte Reformismus der Alternativprojekte bis hin zum „alternativen Ausbeuterkonzern“ hat die Selbstverwaltungs-Bewegung für AnarchistInnen nicht gerade attraktiv gemacht. Sehr schnell wurde in libertären Diskussionsgruppen erkannt, dass es keine systemunabhängige materielle Reproduktion geben kann, dass die Machtprobleme nicht genügend rezipiert sind und von daher sogar die Gefahr besteht, dass es trotz „egalitärer“ Strukturen zu nur noch raffinierteren Machtbeziehungen kommt. Zu lange hat der Mensch eine Sozialisation durch hierarchische und kapitalistische Systeme erfahren und man kann vielleicht sogar sagen, dass er mittlerweile Hierarchist oder Kapitalist ist. Um dies (wieder) zu überwinden, könn(t)en allerdings Selbstverwaltungs-Betriebe, Projekte oder Kommunen ein gutes Stück beitragen: Sie können Menschen den ganz anderen Umgang miteinander lernen lassen, können zu einem anti-kapitalistischen, ökologischen Bewusstsein beitragen und eine nachrevolutionäre Zukunft vorbereiten. Dies ist auch der Stellenwert der Selbstverwaltung innerhalb einer libertären Bewegung heute. Eine Selbstverwaltungs-Bewegung, die ihre Beschränktheit durch das bestehende System realistisch einschätzt, hat potentiell eine emanzipatorische Rolle im Sinne des Anarchismus und sollte auch von den Kritikern als unterstützungswürdig erkannt sein.


Perspektiven

Für die gesellschaftliche Situation in der BRD spielt die Selbstverwaltungsbewegung immer mehr die Rolle des Lückenbüßers. Die prekäre Arbeitsmarktsituation wird teilweise entlastet und potentielle StörerInnen (arbeitslose Jugendliche, Randgruppen) befrieden die „soziale Frage“ selbst. Durch „Staatsknete“ werden viele alternative Projekte abhängig und kritikunfähig gemacht. Sie verlieren so ihren gesellschaftsverändernden Ansatz. Bei relevanten Projekten, wie z.B. bei der ASH-Krebsmühle oder der Ökobank nehmen sehr schnell Parteien Einfluss. Im Falle der Berliner Hausbesetzer-Szene wurde die (damals) regierende CDU rührig und entwickelte für beide Seiten „akzeptable“ Verträge. Ein ähnlicher Vorgang ist jetzt auch beim linken Identifikationsprojekt, der Hafenstraße in Hamburg, zu erleben. „Rechtsfreie Räume“ werden vom Staat nicht geduldet und da Selbstverwaltung immer auch im Widerspruch zu den Intentionen des Staates steht, wird dieser darauf achten, dass es nicht zuviel Selbstverwaltung ist.


Fazit

So kann wohl mit Michael Crozier und Erhard Friedberg geschlossen werden: „Selbstverwaltung ist (in der kapitalistischen Gesellschaft, d.A.) ein Problem und keine Lösung.“ Wer die Selbstverwaltung zu enthusiastisch propagiert ohne auch ihre Grenzen deutlich zu machen, schadet unter Umständen der anarchistischen Bewegung mehr als er ihr dient.


Autor: Gerhard Kern

Literatur

  • B. Flieger (Hg.): Produktiv-Genossenschaften, München 1984
  • S. Loibl: Kollektiv oder Kooperativ?, Berlin 1988
  • D. A. de Santillan / S. Peiró: Ökonomie und Revolution, Wien 1986
  • Selbstverwaltung – Die Basis einer befreiten Gesellschaft, Grafenau 1981
  • R. Schwendter: Zur Alternativen Ökonomie, 3 Bde., München 1977
  • R. Schwendter: Theorie der Subkultur, Köln 1973
  • Was ist eigentlich Anarchie?, Berlin 1982


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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