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Vernet, Madeleine

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Lexikon der Anarchie: Personen



Madeleine Vernet (geb.: 3. September 1878, Houlme (Departement Seine-Inférieure); gest.: 7. Oktober 1949). Libertäre Pädagogin und Schrifstellerin.


Äußere Daten

Vernet, deren Eltern in Barentin (Seine-Inférieure) seit 1888 Kleinhandel betrieben hatten, zieht mit ihrer inzwischen verwitweten Mutter nach Pissy-Povilie im selben Departement um. Die Tätigkeit ihrer Mutter als Armenerzieherin motiviert die Zweiundzwanzigjährige, Volksschullehrerin und Erzieherin zu werden. In den „Pages libres“ berichtet sie von der Not der sozial nur mangelhaft unterstützten, verwahrlosten Kinder. Sie klagt die Nachlässigkeit der öffentlichen Fürsorge an. Darauf werden die ihrer Mutter anvertrauten Kinder von ihr entfernt. Dieser Sachverhalt veranlaßt Vernet die Gründung eines Waisenhauses zu planen, das von den in der Umgebung Rouens ansässigen Gewerkschaften hätte getragen werden sollen. Weil das Projekt mißlingt, zieht Vernet nach Paris, wo sie als Buchhaltungsgehilfin arbeitet. Zugleich versucht sie Kooperativen und Gewerkschaften, Journalisten und Politiker für ihre sozialpädagogischen Ideen einzunehmen.

Politischer Werdegang

Am l. Mai 1906 gründet sie schließlich in einem kleinen Haus in Neuilly-Plaisance (Departement Seine-et-Oise) das Waisenhaus „L’Avenir social“. Ein Jahr später leben dort dreißig Kinder, siebzehn Knaben und dreizehn Mädchen. Dank verschiedener Spenden kann die Institution weitergeführt werden. Vernet, seit 1909 mit Louis Tribier verheiratet, sucht den Kontakt zu libertären Kreisen. 1906 war ihre Broschüre über die freie Liebe erschienen. Ihr erster Roman lag vor (La Torine). Sie arbeitet beim „Libertaire“ und den „Temps Nouveaux“ mit, wo sie sich der ins Absolute gewendeten neomalthusianischen Doktrin entgegenstellt. Am 14. April 1908 zieht das Waisenhaus nach Epône (Departement Seine-et-Oise) um. Dort verfolgt Vernet ihr Werk, gegen ihr feindlich gesinnte Klerikale und eine skeptische Schulinspektion kämpfend. Während des Ersten Weltkrieges wirkt Vernet als pazifistische Propagandistin: Sie publiziert Gedichte und Broschüren und engagiert sich für die Lehrerin Madeleine Brion, die seitens der Schulverwaltung abberufen war. Vernet arbeitet an Sébastian Faures Revue „C.Q.F.D.“ mit. 1917 erscheint die erste Nummer der Zeitschrift „Mère educatrice“. 1918 publiziert sie „L’Ecole laique menacée“, eine Streitschrift für die laizistische Schule. Nach einer Vortragsreise wird Vernet bei ihrer Heimkehr wegen defaitistischer Propaganda suspendiert. Erst der Waffenstillstand beendet die Verfolgungen. Weil die kommunistische Fraktion im Stiftungsrat des Waisenhauses die Oberhand gewonnen hatte, stellt Vernet 1923 die Leiterinnenstelle zur Verfügung. Das „Arbeiterwaisenhaus“ wird schließlich, umgezogen nach La Villette-aux-Aulnes (Seine-et-Oise), bis 1938 bestehen. Vernet gründet eine pazifistische Zeitung, „LaVolonté de Paix“, die zwischen 1927 und 1936 erscheint. Ihr Erscheinen muß nach einem Gerichtsverfahren gegen den Geschäftsführer Louis Tribier, der Soldaten zum Ungehorsam angestiftet hatte, eingestellt werden. 1935 wird Vernet ins Leitungsgremium der „Ligue internationale des combattants de la Paix" gewählt. Vernet ist in Barentin (Seine-Inférieure) beigesetzt worden.

Stellenwert Vernets innerhalb des libertären Spektrums

Vernet ist militante Pazifistin, Kritikerin staatlicher Sozialpädagogik, Erzieherin und Gründerin eines „Orphelinats“, eines (privaten) Waisenhauses. Sie setzt sich, pädagogisch und politisch handelnd, für eine weltliche und koedukative Schule ein. Der pädagogische Aspekt der Arbeit Vernets ist in Zusammenhang mit Louise Michels, Paul Robins, Francisco Ferrers und S. Faures Werk zu sehen. Vernet gehört zur libertär-pädagogischen Bewegung einer „rationalen Schule“. Was den Aspekt zur Waisenerziehung angeht, ist ihr Engagement unmittelbar P. Robins „Cempuis“ („éducation integrale“) verpflichtet. Zu den Pädagogischen Maximen: Ein Jahr nach dem Tod L. Michels (1905) gründet Vernet die „Société philanthropique d’Education mixte“. Diese Vereinigung, deren Patronatskomitee auch P. Robin angehört, will den Statuten zufolge ein Heim für benachteiligte Kinder initiieren. Dies, weil es im Kind bereits „den Menschen vorzubereiten gelte“ und weil „die Erziehung der wichtigste Faktor der Evolution ist“ (Vernet 1906, S. l). Um „starke und weise Menschen zu schaffen“, bedürfe es einer „starken und weisen Erziehung“, schreibt die Gründerin der „Société“: Man muß die „Erziehung aus der alten Routine befreien, worin sie gefangen liegt, und man muß sie von den Vorurteilen und Lügen erlösen, die ihr zugeschrieben werden“ (ebda., S. l). Eine nicht-religiöse, koedukative Waisenerziehung, für uneheliche, verwahrloste, arme und behinderte Kinder fehle in Frankreich jedoch. P. Robins Experiment (1880-1894) und Vernets erste Versuche gehören der Vergangenheit an. Darum seien umfangreichere Projekte anzugehen. Die „Société“ soll laut Statuten eine Institution sein, wo Kinder zwischen drei und acht Jahren aufgenommen und bis zum fünfzehnten Altersjahr betreut werden. Indem persönliche Initiative gefördert wird, soll die Berufswahl erleichtert werden. Vernets Erziehungsziel ist ein bewußt unabhängig denkender Arbeiter, eine überlegte Arbeiterin, die Lust an ihrem Beruf empfinden und eine „integrale Erziehung“ genossen haben. Von L. Michel übernimmt Vernet die Idee, die „Enterbten der Gesellschaft“ zu erziehen sowie die Forderung, dieser Prozeß müsse weltlich verlaufen. Anders als L. Michel beurteilt Vernet aber die Frage der Koedukation: Sie betont ausdrücklich die „éducation mixte“, hier ausdrücklich P. Robin („Cempuis“) und S. Faure („La Ruche“) verpflichtet.


Literatur u. Quellen:

Werke Vernets

  • La nouvelle équipe, o.D., o.O.
  • L’Avenir social. Société philanthropique d’Education mixte et laique, (Konzept für das Waisenhaus), Paris 1906
  • L’Avenir social: cinq années d’expérience éducative (1906-1911), Paris 1911
  • La question éducative et l’orphelinat ouvrier, Epône 1916
  • Une belle conscience et une sombre affaire (Über die „Affäre Brion“), Paris 1917
  • Paroles de combat et d’espoir, Epône 1919
  • Die freie Liebe, Wien 1920 (Original: L’amour libre, 1906)
  • Pages contre la guerre, Paris 1921
  • Artikel „Mère“, und „Orpelinat“ in der „Encyclopédie anarchiste“
  • L’arc en ciel, o.O., 1933
  • Maître Calvet, o.O. 1937
  • Célestin Planchut, Paris 1947
  • La Torine (Roman)
  • Résistance individuelle, in: Hem Day, Antologie de l’objection de conscience, Paris et Bruxelles 1951
  • Los dos hacendados, in: Dinamita cerebral: antologia de los cuentos anarquistas mas famosos, Barcelona 1977

Quellen

  • Beiträge von René Bianco in: „Le Monde libertaire“ (Januar 1967) und in „Le Monde“, 26. Februar 1976
  • Hinweise in J. Maitrons „Histoire du Mouvement anarchiste“.



Autor: Hans Ulrich Grunder

Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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