Karin Kramer - Gedenkseite

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Bernd Kramer ist gestorben

Am 5. September 2014 ist in Berlin der anarchistische Verleger Bernd Kramer gestorben, ein knappes halbes Jahr nach dem Tod seiner Frau Karin, der diese Seite hier gewidmet ist. (... mehr)



Karin Kramer ist tot

Karin Kramer 2013. © Ruth E. Westerwelle, Berlin.

Am 20. März 2014 ist in Berlin die anarchistische Verlegerin Karin Kramer (geb. Höpfner, 09.11.1939) im Alter von 74 Jahren gestorben. Karin Kramer hatte seit Anfang der 1970er Jahre zusammen mit ihrem Mann Bernd Kramer den nach ihr benannten Buchverlag in Berlin-Neukölln betrieben, der für viele seiner Leserinnen und Leser zum Synonym für anarchistische Literatur werden sollte. Über vier Jahrzehnte haben Karin und Bernd mit ihren Buchveröffentlichungen maßgeblich dazu beigetragen, dass auch im deutschen Sprachraum neu und vermehrt über Anarchie und Anarchismus nachgedacht und diskutiert wurde. Niemals zuvor war das Angebot an deutschsprachiger anarchistischer Literatur so groß und thematisch vielfältig wie heute, und das verdanken wir nicht zuletzt auch Karin Kramer und dem nach ihr benannten Verlag.

Die Autorinnen und Autoren des DadAWeb sowie des Lexikons der Anarchie trauern um eine liebe Freundin und kämpferische Weggefährtin. Karin, wir vermissen Dich schmerzlich! Und Dir, Bernd, wünschen wir viel Kraft in dieser schweren Zeit, in der Du auf unsere Solidarität zählen kannst.

Wer seine Erinnerungen an Karin Kramer mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Karin-Kramer-Gedenkseite.

Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de


Die Beerdigung

Die Beerdigung von Karin Kramer fand am Donnerstag, dem 3. April 2014 auf dem Neuen Luisenstadt-Friedhof in Berlin-Neukölln unter Anteilnahme zahlreicher Freund_innen, Autor_innen und politischen Weggefährt_innen statt. Die Trauerrede hielt der als Dr. Seltsam bekannte Berliner Kabarettist Wolfgang Kröske.


Die Trauerrede von Wolfgang Kröske/Dr. Seltsam

Lieber Bernd, liebe Anverwandte, liebe Trauergemeinde!

Bevor ich beginne, teile ich euch eine E-mail mit von H. J. Viesel mit, der darauf hinweisen möchte, dass zur Zeit bis zum 6. April eine Fotoausstellung von Ruth Westerwelle stattfindet, darunter zwei schöne Porträtbilder von Karin, und zwar ausgerechnet in der SPD-Zentrale in der Wilhelmstraße.

Karin hatte vor Jahren in einem Interview mit der Zeitung Graswurzelrevolution gesagt: "Manches treibt einen zum Nonkonformismus. In unserer Familie gab es übrigens ein ganz frühes Berufsverbot. Mein Großvater, der in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts illegal SPD-Flugblätter in Hausbriefkästen verteilte, wurde denunziert und verlor seine Arbeit als Gärtner bei der Stadt Berlin."

Die Beerdigung von Karin Kramer am 3. April 2004 auf dem Neuen Luisenstadt-Friedhof in Berlin-Neukölln. Der aufgebahrte Sarg mit dem Leichnam Karins in der Friedhofskapelle. (c) Bernd Drücke 2014 / graswurzelrevolution

Karin Kramer - jeder von uns hier hat wohl ein oder mehrere Bücher aus dem Karin-Kramer-Verlag in seiner Bibliothek oder hat früher etwas aus dem Verlag gelesen, was unser Leben tiefgründig beeinflusst hat. Ich selber erinnere mich, als ich 1975 zum ersten Mal die linken Büchertische vor der TU sah, dass mir sofort die reptilienschwarzglänzend gebundenen Werke aufgefallen sind von Autoren, die durch die Hitlerei in Deutschland fast vergessen waren wie Bakunin, Malatesta, Kropotkin und Erich Mühsam. Ich las die Namen und die Titel und das allein ersetzte schon ein mehrsemestriges alternatives Studium, zum Beispiel Mühsam: "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat". Ist nicht jede rebellische linke Bewegung letztlich darauf gerichtet, die Gesellschaft vom Staat zu befreien?

Karin Kramers Verlag gehörte zu den großen linken Verlagen, die das literarische Weltbild der Nach-68er geprägt haben, aber der Karin- Kramer-Verlag hat länger als alle anderen durchgehalten, zum Beispiel der "Rote Stern" ist verschwunden, ebenso der "März-Verlag" oder "Trikont". Dass der KKV durch alle Fährnisse von Steuern und politischer Bedrohung durchgehalten hat, ist vor allem das Verdienst der ökonomischen Leitung Karins. Sie hat mit ihrem Körper und ihrer Gesundheit für die Sorgen und ihren Durchhaltewillen bezahlt, damit wir linke Literatur lesen können. Der Name Karin-Kramer-Verlag war gut gewählt, er klingt gut, hat inneren Swing und ist ein Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins. Er kommt auch in der ersten frühen Enzyklopädie der 68er-Helden vor, bei Peter Mosler "Was wir wollten, was wir wurden." (Rowohlt 1977) Hier haben Bernd und Karin Kramer ein ganzes eigenes Kapitel, sie geben in ihrem Interview Aufschlüsse über ihre Anfänge und die tiefen Beweggründe ihres Lebens und, soweit wir selber Unverbogene sind, könnten es auch die unseren sein.

„Seit 1967 wohnte Bernd mit seiner Frau Karin in der „Linkeck“-Kommune Berlin. Es gab damals viele linke Szene-Blätter, so die „Oberbaum-Blätter“, doch die waren vielen zu brav. So kam s zu der Idee, eine Zeitung der Berliner Subkultur zu machen. In einer Eckkneipe rätselten die Genossen über den Namen des Blattes: Wenn es ein Rechteck gibt, muss es auch ein Linkeck geben! Damit war der Name für die Zeitung gefunden. Linkeck erscheint monatlich, Jahresabo 9,50 DM. Schüler, Jungarbeiter, Gammler bekommen Sonderrabatt. Linkeck ist Mitglied im European Underground Press Syndicate. Die erste Zeitung erschien mit BZ-Titel, aus einem nackten Arsch stiegen Furzwölkchen auf: „Dreigeteilt niemals!“ So wurde die reaktionäre Parole der Springerpresse verhöhnt.

Nach dem 2. Juni 1967 gingen sie immer zu Demonstrationen, fast jede Woche. Es war einfach notwendig hinzugehen, es gab keine Diskussionen darüber. Es ging nicht nur um Vietnam, Griechenland, Spanien oder Springer, sondern es gab einen Aufruhr im eigenen Körper, der sich Bahn brechen wollte. Dann standen sie in der Nacht im Strom Hunderter auf dem Kudamm, sahen Polizisten vor den Demonstranten davonlaufen, hörten Fensterscheiden klirren, Bauwagen quer über die Straße geschoben, irgendwo brannte es, dazwischen wie die Seele des Untergrunds ein kleiner drahtiger Genosse mit Bürstenschnitt, der die Fertigkeit besaß, mit einem faustgroßen Stein über dreißig Meter eine Straßenlaterne zu treffen. Alle hatten das Gefühl: Wir werden siegen, wir werden viele sein, die Straßen gehören uns, die Stadt gehört uns. Nirgends Angst, nirgends Furcht oder Beklemmung, es gab keine Bremse in diesen explosiven Zügen von Gewalttätigkeit und Siegesrausch. Wir dachten im Vorwärtsstürmen: Das muss die Freiheit sein, das Chaos! Das war es, diese ungeahnte Kraft und Energie, auch eine Blindheit vor der Polizei. Ein Genosse erzählte von dem Traum einer Demonstration, dreitausend Demonstranten und an der Spitze zwei Reiter auf schweren schwarzen Rossen mit einer schwarzen und einer roten Fahne. Sie fühlten damals, dass dort auf der Straße ein Teil der eigenen Lebensgeschichte abgehandelt wurde.

Ich denke diese Lebensgefühl hat auch Karin ein Leben lang getragen und die Hoffnung, solche Zeiten wieder zu erleben. 1968 gab es einen Aufsehen erregenden Beleidigungsprozess, der CDU-Abgeordnete Wohlrabe hatte sie verklagt. Das Gericht fand, „selbst einem besonders unbegabten und ungebildeten Leser ist beim Studium des Artikels klar, dass er nicht auf Tatsachen beruht, sondern eine satirische Arbeit darstellt...“ Insgesamt kostete der Prozess 7000 DM Strafe, aber das Verdikt Trockenpisser Wohlrabe blieb zeitlebens mit seinem Namen verbunden.

Die Linkeck-Kommune wurde immer mehr zur Wärmehalle und Drogenstation. Bernd und Karin hatten angefangen, Reprints zu drucken, Bücher die im normalen Buchladen zu teuer waren oder gar nicht mehr erhältlich. Irgendwie wurde aus dem Reprint-Unternehmen einVerlag, zunächst als Hobbyverein angemeldet, aber dann rutschten sie doch in die Professionalität und waren nun der stolze Karin Kramer Verlag und der Stolz der Berliner Linken. Sie hatten ihr knappes Auskommen, Reichtümer konnten sie mit dem Verlag nie erwerben, in den ersten Jahren gab es 718 DM Lohn für mehr als 45 Arbeitsstunden, aber Rückkehr und Unterwerfung unter das Fabrikregime und abhängige Beschäftigung kam für beide nicht mehr in Frage.

Der Karin Kramer Verlag hielt die Erinnerung wach an Freiheit und Revolte und machte sich alle zu Freunden, die ebenso fühlten. Das war die öffentliche Seite von Karins Leben, wofür wir ihr großen Dank schulden. Aber es gab ja auch noch die private Seite, den Sohn Daniel, der heute Soziologe in Australien ist, seine Frau Esther und die Enkel Daan und Ben, alles jüdische Namen, aber das hat keine religiöse Bedeutung, klingt halt gut. Gemeinsam mit ihrer Schwester Margit hat sich Karin immer auch der Familie gewidmet. Von Daniel habe ich einen Brief bekommen, worin er sich an die schönsten Zeiten mit Karin erinnert, den möchte ich jetzt zum Abschluss vortragen:

Karin und Bernd hatten in den 1970er Jahren gemeinsam mit Freunden einen Kinderladen gegründet, um ihren Kindern selbst etwas zu vermitteln, und dies nicht dem Staat zu überlassen. In großen Gruppen unternahmen wir mehrere Reisen nach Italien.

Karin sprach Esperanto - hierin spiegelt sich ihr Interesse, ihre Neugierde und ihr Wunsch, andere Menschen aus anderen Kulturen kennen- und verstehen zu lernen.

Karin hielt mir - als ihrem Sohn - immer den Rücken frei und unterstützte mich in all meinen Wünschen, etwa den zahlreichen Reisen und meinem umfassenden Studium.

So stand sie mir auch zur Seite, als klar wurde, dass ich nach Australien auswandern werde. Obwohl sie dies natürlich bedauerte, und auch grade ihre beiden Enkelsöhne (meine Söhne - Ben und Daan) vermissen würde, wollte sie unseren Plänen auf keinen Fall entgegenstehen.

Und schließlich war sie mich im Januar 2013 in Australien besuchen, gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Schwager. Es war ein tolles Zusammentreffen auf dem Fünften Kontinent und wir hatten eine wunderbare Zeit.

Ein großes Glück, denke ich, dass Karin vor ihrer Krankheit alle noch mal in Australien besuchen konnte. Nicht nur ihr Mann und ihre Familie werden sie in lieber Erinnerung behalten, auch wir linken Weggefährten werden sie nicht vergessen.

Quelle: (c) und mt freundlicher Genehmigung von Dr. Seltsam / Wolfgang Kröske, Berlin 2014



Nachrufe und Erinnerungen


"Aus der Anarchie kommen wir - der Anarchie gehen wir entgegen". Von Jochen Schmück

I.

Der 3. April 2014 war ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, die Vögel flippten aus vor Lebenslust. Ein Tag, der einen heiter anlachte. Aber mir war nicht nach Lachen zumute, denn ich war auf dem Weg zur Beerdigung der Anarchistin und Verlegerin Karin Kramer, die auf dem Neuen Luisenstadt-Friedhof an der Hermannstraße in Berlin-Neukölln stattfinden sollte.

Vor der im Schatten alter Laubbäume liegenden Friedhofskapelle des Neuen Luisenstadt-Friedhofs warteten in kleinen Gruppen zahlreiche Trauergäste, die meisten in Schwarz gekleidet, sei es um ihre Trauer zu bekunden oder um sich als Teil des anarchistischen "Schwarzen Blocks" zu outen. Obwohl es in der ersten Mitteilung zum Tod von Karin Kramer geheißen hatte, dass die Beerdigung im kleinen Kreis stattfinden sollte, waren weit mehr als hundert Menschen erschienen. Angehörige, Freundinnen und Freunde, Autorinnen und Autoren des Verlages, Nachbarn und politische Weggefährten. Die Mehrzahl von ihnen bereits im vorgerückten Alter.

Pünktlich um 11 Uhr erfolgte der Einlass in die kleine Friedhofskapelle, deren Bänke sich schnell füllten, so dass einige Trauergäste stehen mussten. Vorne auf einem Podest war der helle buchenholzfarbige Sarg mit Karins Leichnam aufgebahrt. Er war mit einem sommerlichen Blumengesteck geschmückt, und einige der Trauergäste legten vor dem Sarg ihre mitgebrachten weißen Rosen oder roten Nelken ab. Getragene Musik setzte ein. Die Gespräche ebbten ab. Es wurde ruhig in der Kapelle. Der Trauerredner trat an das Pult, und mein Nachbar flüsterte mir als Antwort auf meinen fragenden Blick zu: "Das ist Dr. Seltsam", also der in der linken Szene unter diesem Künstlernamen bekannte Kabarettist Wolfgang Kröske aus Berlin.

In seiner Trauerrede ging der Redner auf Leben und Werk der anarchistischen Verlegerin Karin Kramer ein, die gemeinsam mit ihrem Mann Bernd seit 1968 maßgeblichen Anteil daran hatte, dass im deutschen Sprachraum die anarchistischen Ideen wiederentdeckt, diskutiert und neu formuliert wurden. An den Beginn seiner Rede stellte Dr. Seltsam eine Aussage, die ich bestätigen kann:

"Karin Kramer - jeder von uns hier hat wohl ein oder mehrere Bücher aus dem Karin-Kramer-Verlag in seiner Bibliothek oder hat früher etwas aus dem Verlag gelesen, was unser Leben tiefgründig beeinflusst hat."

Ja, das hat es, worüber ich im Folgenden berichten will:


II.

So wie die Kramers bin auch ich in West-Berlin von der 1968er Revolte erfasst worden, und sie sollte mein weiteres Leben nachhaltig prägen. Noch bevor ich Karin und Bernd Kramer persönlich kennenlernte, war ich mit ihren frühen Publikationen - wie z.B. ihrer Untergrundzeitschrift "Linkeck" - in Kontakt gekommen.

Als Schüler, der in Berlin-Lichtenrade die Theodor-Haubach-Hauptschule besuchte, war ich 1968 der maoistischen "Roten Garde" beigetreten, weil mir die Militanz der Rotgardisten auf den Demos in der West-Berliner Innenstadt imponiert hatte. Aber allzu lange habe ich es bei den Maoisten nicht ausgehalten. Der paramilitärische Drill, die Uniformen (so wie in der VR China zur Zeit der Kulturrevolution trugen auch die deutschen Rotgardisten einheitlich blaue Werkanzüge), die streng hierarchische Organisationsstruktur und die autoritäre Anmaßung der Kader, die in der Roten Garde das "Sagen" hatten, die lächerlichen und entwürdigenden Rituale, wie das der politischen Selbstkritik, all dies stieß mich ab und war mit meiner Sehnsucht nach Freiheit und Gleichheit nicht vereinbar. Ich bin dann auch nach einigen Monaten recht unsanft aus diesem maoistischen Verein rausgeflogen, weil ich ohne Absprache mit der "Roten Garde" an meiner Schule einen wilden Schulstreik angezettelt hatte.

Bei meiner politischen Neuorientierung und schließlichen Hinwendung zum Anarchismus haben mir die von den Kramers und anderen Mitgliedern der antiautoritären Linkeck-Kommune herausgegebenen Schriften, die sich kritisch mit dem Marxismus-Leninismus beschäftigten, wertvolle Hilfestellungen gegeben.

Persönlich habe ich die Kramers Anfang der 1970er Jahre kennengelernt. Ich hatte inzwischen eine Lehre als Kupferdrucker beendet und war ebenso wie meine beiden Brüder und mein Freund Rolf Raasch Mitglied im Anarchistischen Arbeiter-Bund geworden, der mit dem inzwischen gegründeten Karin-Kramer-Verlag in regem Kontakt stand. Nach meiner Lehre habe ich bei der unter DDR-Verwaltung stehenden Deutschen Reichsbahn einen Job als Rangierarbeiter angenommen. Auch andere Genossen vom AAB arbeiteten bei der Reichsbahn, in der wir eine oppositionelle "Schwarze Zelle" aufgebaut hatten, deren basisgewerkschaftlichen Aktivitäten der Partei- und Betriebsleitung sowie der Stasi der DDR durchaus einigen Stress bereiteten. Ich wohnte damals im gleichen Kiez wie die Kramers, dem alten Neuköllner Rollberg-Viertel. Die Mieten dort waren billig, weil das ganze Viertel, Haus um Haus und Straßenzug um Straßenzug abgerissen bzw. weggesprengt wurde (und als Anarchisten waren wir an Detonationen gewöhnt). Ich habe die Kramers häufiger besucht, um zu hören, was los ist, um über unsere Aktivitäten zu berichten und auch um Bücher für den AAB zu kaufen.

Nachdem ich eine Weile im Ausland, erst in England, dann in Kanada und in Mexiko, gelebt hatte, bin ich um 1976 wieder zurück nach Berlin-Neukölln gezogen, diesmal in die Sonnenallee, nicht weit entfernt vom jetzigen Wohnsitz der Kramers. Der Anarchistische Arbeiter-Bund hatte sich inzwischen aufgelöst. Zusammen mit Rolf, meinem Freund, sowie meinen beiden Brüdern Christian und Thomas und zwei anderen ehemaligen AAB'lern gründete ich Ende 1976 den Libertad Verlag. Da wir keine Ahnung hatten, wie man einen Verlag betreibt, waren die Kramers mit ihrem Verlag unsere erste Anlaufstelle, um das nötige Wissen für die Gründung und den Betrieb des Verlages zu bekommen. Damals und auch später haben uns Karin und Bernd immer wieder viele hilfreiche Tipps gegeben, die uns die Gründung und den fortlaufenden Betrieb des Libertad Verlages erleichtert haben. Während uns Karin vor allem das verlagskaufmännische Grundwissen vermittelt und uns Empfehlungen für den Vertrieb gegeben hat, haben wir von Bernd das verlegerische know-how für die Bereiche Lektorat und Redaktion sowie zur Buchherstellung bekommen.

Der 1980 vom Karin-Kramer-Verlag zum (offiziell) zehnjährigem Bestehen des Verlages herausgegebene Verlagsalmanach.

In den folgenden Jahren habe ich die Kramers dann vor allem auf Veranstaltungen des Berliner Libertären Forums und auf der Frankfurter Buchmesse bzw. der Gegenbuchmesse gesehen. Im Rahmen der Gegenbuchmessen, von denen ich zwei miterlebt habe, haben sich die damaligen deutschsprachigen anarchistischen Verlage (als da waren: der Karin Kramer Verlag, der Verlag Freie Gesellschaft, Libertad Verlag, Impuls Verlag und Verlag Büchse der Pandora) getroffen, um über Möglichkeiten zur Kooperation zu reden. Dabei ist nicht viel mehr rausgekommen als ein Gemeinschaftskatalog der anarchistischen Verlage, der im Herbst 1977 erschienen ist. Aber es waren gute Gespräche, die wir geführt haben, Gespräche, die vom Geist der Solidarität getragen waren.

Ende der 1970er Jahre hatte ich in der Volkshochschule Charlottenburg mein Abi nachgeholt und habe in dieser Zeit und auch in meinem späteren Studium an der Freien Universität Berlin die Publikationen des Karin Kramer Verlages sehr geschätzt. Die persönlichen Begegnungen mit den Kramers wurden seltener, waren aber immer herzlich. Gelegentlich bin ich Karin oder Bernd auf der Alten Post in der Karl-Marx-Straße begegnet, wenn sie und ich die Büchersendungen unserer Verlage in den Versand brachten und wir unsere Postfächer leerten. 1988 war unser gemeinsamer Freund Fritz Scherer im Alter von 86 Jahren gestorben. Fritz, der zu den wenigen deutschen Anarchisten gehörte, die das Dritte Reich überlebt hatten, hatte ebenfalls in Neukölln gelebt und sowohl den Karin Kramer Verlag als auch den Libertad Verlag nach Kräften unterstützt. Seine Beerdigung war die erste anarchistische Beerdigung, die ich miterlebt hatte, und einige der Trauergäste von damals habe ich nun auch bei der Beerdigung von Karin Kramer wiedergesehen.

Ich bin 1996 von Neukölln nach Potsdam gezogen und war in dieser Zeit beruflich in der Internetbranche aktiv. Um den Libertad Verlag konnte ich mich in dieser Zeit kaum noch kümmern, und da ich aus beruflichen Gründen für einige Zeit erst in Düsseldorf und danach in Den Haag lebte, wurden die Begegnungen mit den Kramers noch seltener. Wir haben uns in diesen Jahren ein, zwei Mal auf der Buchmesse und auf Veranstaltungen getroffen. 2006 war unser gemeinsamer Freund Arno Giegerich gestorben, mit dem ich Ende der 1970er Jahre an der Volkshochschule Charlottenburg das Abi nachgeholt und in der Zeit der "Häuserkämpfe" in den Nächten manche fantasievolle illegale Aktion durchgeführt hatte. Arno, der an einer seltenen genetisch bedingten Krankheit gestorben war und den Tod langsam hatte auf sich zukommen sehen, hatte für seine Freundinnen und Freunde eine grandiose "Abschiedsparty" ausrichten lassen, die in den Räumlichkeiten der von ihm mit aufgebauten Metallbaufirma Zyklus in Berlin-Kreuzberg stattfand. Und da, an diesem warmen Sommerabend im Juni 2006, saßen wir uns auf Arnos letzter Fete an einem Biertisch gegenüber, die beiden Kramers und ich, und schauten uns nachdenklich an und dachten unausgesprochen das Gleiche: Die nächste Abschiedsfete könnte unsere eigene sein. Für unsere Generation war die Zeit des Abschiednehmens gekommen. Das war uns klar. Und in der Tat ist seitdem kaum ein Jahr vergangen, in dem nicht gute Freundinnen und Freunde von uns gegangen sind.

Noch ein Treffen mit den beiden Kramers ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben, bei dem mir Karins besonnene und kluge Haltung imponiert hat. Im Frühjahr 2006 hatte die Münchner Ortsgruppe der FAU-IAA von dem im Libertad Verlag erschienenen Buch "Freiheit und Brot" eine Raubveröffentlichung herausgebracht, gegen die sich Hartmut Rübner, der Autor des Buches, sowie ich für den Verlag, unter Androhung juristischer Konsequenzen mit einer privaten Unterlassungserklärung, zur Wehr gesetzt hatten. Das wiederum führte zu einem extrem eskalierenden Konflikt mit den Betreibern des Internetportals Anarchopedia, die sich im Konflikt zwischen der FAU-IAA und dem Libertad Verlag auf die Seite der Raubdrucker geschlagen hatten. Nicht nur der Libertad Verlag und der Autor des Buches wurde fortan von den Anarchopeden auf das Gehässigste bekämpft, sondern auch alle, die sich in dem Konflikt mit dem Libertad Verlag solidarisiert hatten. Der Konflikt, der von Seiten der Anarchopeden anonym geführt wurde, gipfelte schließlich in einer Generalattacke gegen die älteren anarchistischen Verlage, darunter neben dem Libertad Verlag auch der Karin Kramer Verlag, der OPPO Verlag sowie die Zeitschrift Espero. Diese wurden einer anarchokapitalistischen Verschwörung gegen die libertäre Bewegung beschuldigt. Die Verschwörung, der man den griffigen Namen "Schwarze Spinne" gegeben hatte, stand (so der O-Ton auf der Anarchopedia) "für das geheime Netzwerk derjenigen Personen, die die anarchistische Bewegung als Verleger (Libertad Verlag, Kramer Verlag, OPPO-Verlag) ökonomisch ausbeuten und sie politisch mit ihren antisemitischen, chauvinistischen und nationalistischen Ideen zu indoktrinieren versuchen." Das war starker Tobak, aber irgendwie noch witzig.

Da jedoch die Angriffe der Anarchopeden gegen die Personen, die der Verschwörung der "Schwarzen Spinne" zugerechnet wurden, immer widerwärtiger wurden (dem einen wurden antisemitische Entgleisungen vorgeworfen, ein anderer wurde beschuldigt ein Kinderschänder zu sein und gegen mich wurde sogar ein Mordaufruf lanciert), haben wir uns getroffen, um zu beraten, wie wir uns am besten gegen diese infame Kampagne zur Wehr setzen könnten. Das Treffen der Berliner Ortsgruppe der "Schwarzen Spinne" fand in der Wohnung der Kramers in Neukölln statt, und an ihm nahmen teil: Karin und Bernd Kramer, Rolf Raasch für den OPPO-Verlag, Jochen Knoblauch für die Zeitschrift "Espero" und ich für den Libertad Verlag. Von der Anarchopeden-Kampagne, die vor allem im Internet ausgetragen wurde, hatten die Kramers bisher nur am Rande erfahren. Wir tauschten unsere Erfahrungen aus und diskutierten hin und her, wie wir uns am besten gegen die Angriffe der Anarchopeden zur Wehr setzen könnten. Karin hörte sich die Diskussion ruhig an und als sich unsere Argumente für und wider die unterschiedlichen Vorschläge zur Reaktion erschöpft hatten, lautete ihr Vorschlag: "Am besten ist es, überhaupt nicht darauf zu reagieren! Denn solange wir noch auf die reagieren, geben wir dem Affen weiter Zucker!" Ihr Argument war einleuchtend, und wir haben uns dann auch darauf geeinigt. Nachdem der Autor und ich für den Libertad Verlag auf der Anarchopedia noch ein letztes Statement in der Sache abgegeben hatten, verlief sich die irrsinnige Anarchopeden-Kampagne, wie von Karin vorausgesagt, allmählich im Sande.

In den letzten Jahren habe ich dann wieder häufiger Kontakt mit den Kramers gehabt, vor allem mit Karin. Zum einen habe ich gelegentlich Neuerscheinungen ihres Verlages als Buchempfehlung im DadAWeb- Internetportal vorgestellt und mir von Karin Informationen zu den Büchern und ihren Autorinnen und Autoren geben lassen. Zum anderen habe ich auch immer wieder die Bücher des Karin Kramer Verlages, auch die älteren Titel, direkt beim Verlag für das Sortiment des 2009 von mir gegründeten aLibro Buchversands gekauft. Bei meinen Besuchen bei den Kramers war nicht zu übersehen, dass es ihnen mit ihrem Verlag ökonomisch nicht sonderlich gut ging. Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, dass sie über ihr Leben oder ihr Alter verbittert waren. Immer wieder im Frühling haben wir ausgemacht, dass wir dieses Jahr nun endlich mal gemeinsam zum Baumblütenfest in Werder an der Havel fahren. Und jedes Jahr kam immer wieder etwas dazwischen.


III.

Diese Begegnungen und Erlebnisse mit Karin kommen mir in den Sinn, während Dr. Seltsam in seiner Trauerrede das Leben und Wirken von Karin Kramer skizziert. Nachdem er seine Gedenkrede auf Karin beendet hat, ergreift Bernd Kramer kurz das Wort und dankt mit leiser Stimme den Trauergästen für ihr Kommen. Jemand hat eine Spendenbüchse organisiert, mit der für den Karin Kramer Verlag gesammelt wird, der ohne Karin schweren Zeiten entgegengeht. Die Türen der Trauerkapelle öffnen sich, und die Trauernden folgen dem Sarg hinaus auf den Friedhof ans Grab.

Die zahlreichen Trauergäste haben sich in kleinen Gruppen um Karins Grab versammelt, hinter dem zwei Birken aufragen. Ich stehe in einer Gruppe zusammen mit Ralf Landmesser, Jochen Knoblauch, Hartmut Rübner und Bernd Drücke. Auch am Grab ergreift Dr. Seltsam das Wort und versucht Trost zu spenden. Ich stehe zu weit entfernt, um alles zu verstehen. Mich erreichen Worte wie "Schmetterling" und "Raupe". Aber ich will auch nichts mehr hören. Ich sehe Bernd Kramer, eingerahmt von Freunden und Verwandten, wie er niedergeschlagen in das offene Grab blickt, und auch mich versteinert in diesem Moment die Trauer.

Ich überwinde mich, trete an das Grab und werfe Karin als letzten Gruß drei Handvoll Erde und die mitgebrachte weiße Rose auf den Sarg. Ich möchte "Lebe wohl!" sagen, aber es ist ein Abschied für immer, ein Abschied vom Leben, für den ich keine Worte habe.

Karin Kramer ist tot, und mit ihr geht ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des deutschsprachigen Anarchismus zu Ende. Es ist ihr Verdienst und des nach ihr benannten Verlages, dass das libertäre Denken hierzulande nach Faschismus und Krieg wieder neu belebt wurde und inzwischen feste Wurzeln in der Kultur unserer Gesellschaft geschlagen hat. Aus der Anarchie kommen wir und der Anarchie gehen wir entgegen. Und das dem so ist, dieses Wissen verdanken wir nicht zuletzt Karin Kramer und den Büchern, die in ihrem Verlag erschienen sind. Es ist ein Wissen, das Hoffnung macht.

Karin und Bernd Kramer (rechts) mit Freunden 1997 auf einer Schiffahrt nach Hiddensee. Eines der Fotos, das von Karins Freundinnen nach der Beerdigung herumgereicht wurde.