Bernd Kramer - Gedenkseite

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Bernd Kramer ist tot

Fotomontage des niederländischen Künstlers und Medientheoretikers Tjebbe van Tijen, der ein guter Freund von Karin und Bernd Kramer gewesen ist: 2014 Nachlass / Remembering Bernd & Karin Kramer: "Unter dem Pflaster liegt der Strand". Quelle: Flickr.com, 2014

Am 5. September 2014 ist in Berlin der anarchistische Verleger Bernd Kramer im Alter von 74 Jahren gestorben.

Bernd Kramer, am 22. Januar 1940 in Remscheid geboren, war acht Jahre Schriftsetzer und Buchdrucker, bevor er in Berlin 1967 Mitherausgeber der ersten anarchistischen Underground-Zeitung linkeck wurde. Zusammen mit seiner (im März 2014 verstorbenen) Frau Karin hatte Bernd Kramer seit Anfang der 1970er Jahre den Karin Kramer Verlag in Berlin-Neukölln betrieben, der für viele seiner Leserinnen und Leser zum Synonym für anarchistische Literatur werden sollte.

Über vier Jahrzehnte haben Bernd und Karin mit ihren Buchveröffentlichungen maßgeblich dazu beigetragen, dass auch im deutschen Sprachraum neu und vermehrt über Anarchie und Anarchismus nachgedacht und diskutiert wurde.

Die Autorinnen und Autoren des DadAWeb sowie des Lexikons der Anarchie trauern um einen lieben Freund und kämpferischen Weggefährten.

Bernd, wir vermissen Dich!


Wer seine Erinnerungen an Bernd Kramer mit uns teilen möchte, kann sie auf der Diskussions-Seite veröffentlichen. Wir übernehmen dann die Texte hier auf die Bernd-Kramer-Gedenkseite.

Falls jemand Probleme mit dem Schreiben auf der Diskussions-Seite haben sollte, der kann uns seinen Text und gerne auch Fotos zur Veröffentlichung auf der Gedenkseite per E-Mail schicken an: redaktion@dadaweb.de.

Jochen Schmück
Redaktion DadAWeb.de



Die Beerdigung von Bernd Kramer

Impressionen von der Beerdigung Bernd Kramers am 19. September 2014 auf dem Neuen St. Thomas Friedhof/Luise Kirchhof in Berlin-Neukölln

Die Beerdigung von Bernd Kramer fand am Freitag, den 19. September 2014 um 11.00 Uhr auf dem Neuen St. Thomas Friedhof/Luise Kirchhof in Berlin-Neukölln statt. Über das Programm der Trauerfeier informiert ein Flyer, der in der Friedhofskapelle an die Trauergäste verteilt wurde.

Es gab keinen Trauerredner im herkömmlichen Sinne, also jemand, der für alle spricht. Vielmehr hatten sich die Freundinnen und Freunde von Bernd, die die Trauerfeier organisiert haben, für ein anarchistisches Modell der Trauerrede entschieden: Jede/r spricht für sich und alle nehmen Anteil. Wer wollte, konnte sich so auf der Beerdigungsfeier durch ein kurzes persönliches Statement von Bernd Kramer verabschieden. Zuvor wurde von Daniel Kramer, dem in Australien lebenden Sohn von Karin und Bernd Kramer, ein Brief mit persönlichen Erinnerungen an seinen Vater vorgelesen.

In der Kapelle und draußen am Grab wurde dem Anlass entsprechende Musik gespielt, sowohl vom Band als auch live ("Oberkreuzberger Nasenflötenorchster" und der Gitarrist Matt Grau).

Im Anschluss an die Beerdigung fanden verschiedene Treffen und Veranstaltungen zum Gedenken an Bernd Kramer statt, so in der nahe am Friedhof gelegenen Thomas-Klause und im SAARBACH (Galerie & Café). Am Nachmittag lasen Autor_innen Texte von Bernd in seiner langjährigen Kreuzberger Stammkneipe "Zum Goldenen Hahn".


Impressionen von der Beerdigung Bernd Kramers

Fotos von der Beerdigung Bernd Kramers. © Nadine Scherer, Trier 2014. Beerdigung Bernd Kramer 19-09-2014 DSC 0007.jpg

Beerdigung Bernd Kramer 19-09-2014 DSC 0044.jpg Beerdigung Bernd Kramer 19-09-2014 DSC 0039.jpg

Beerdigung Bernd Kramer 19-09-2014 DSC 0026.jpg


Reaktionen, Nachrufe und Erinnerungen


Jenseits aller Dogmen. Worte von Daniel Kramer zum Tod seines Vaters

Arndt fragte mich, ob es einen Satz geben würde, den Bernd immer gemocht hat, der ihn beschreiben könnte. Ich habe darüber nachgedacht, und denke, am ehesten zutreffend wäre:

Jenseits aller Dogmen

Die Doppeldeutigkeit des Jenseits-Bezugs in der jetzigen Situation ist mir bewusst, aber ich beziehe ihn natürlich auf die Zeit, die Bernd mit uns verbracht hat.

Jenseits aller Dogmen - in der politischen Sphäre bedeutete dies für Bernd, sich in keine Kategorie einordnen zu lassen. Wohl auch deshalb die immer wiederkehrenden Vorwürfe, er bewege sich am ‚rechten Rand der Anarchie'. Sexismus, Rassismus, Antisemitismus - ihm wurde alles Mögliche vorgeworfen, zum Teil wahrscheinlich von Leuten, die sich auf seine Kosten profilieren wollten. Da ich diese Auseinandersetzungen unmittelbar miterlebte, konnte ich seine Wut auf das linke Spießertum, die Lustfeindlichkeit, die Dogmatiker und Puristen, auf die Anhänger der reinen Lehre sehr gut nachvollziehen. Aber im Endeffekt war es ihm egal, und er genoss sicherlich auch den einen oder anderen Konflikt.

Jenseits aller Dogmen - im persönlichen Bereich erlebte ich dies in seiner Herangehensweise an die Institution ‚Familie'. Einerseits lehnte er eine Überhöhung der ‚Familie' ab - in guter theoretischer Tradition als ‚Keimzelle des Staates' betrachtet, gab es auch dafür nachvollziehbare Gründe. Auf der anderen Seite setzte er sich für seine Familie ein und verbrachte sehr viel Zeit mit mir. Ungezählte Stunden des Bastelns und Malens sind mir in Erinnerung. Nicht weniger Bedeutung hatte das Toben, wir vergaben uns nichts. Bei einer Gelegenheit gelang es mir, ihm eine Rippe anzubrechen. Als es darum ging, alle Kinder aus dem mit Freunden gegründeten Kinderladen gemeinsam einzuschulen, ging er keinem Konflikt mit Ämtern und Sachbearbeitern aus dem Weg. Spätere einschneidende Erinnerungen betreffen die Zeit einiger adoleszenter Albernheiten, die mich während meines Aufwachsens in Neukölln in Konflikt mit der Staatsmacht brachten. Wenn immer ich in Begleitung von Ordnungshütern nach Hause kam, stellte er sich hinter mich und verwies die Staatsdiener der Schwelle. Ihn interessierte erstmal nicht, um was es eigentlich ging - die Herren in Uniform hatten sich zu trollen. Später motivierte er mich und meine Kumpels mit dem Hinweis, dass wir umsonst trinken könnten, an Familienfeiern teilzunehmen. Pädagogisch vielleicht fragwürdig, aber der Neid vieler Freunde war mir sicher. Und als viel später sein erster Enkel Ben geboren wurde, nahm er diesen im Kinderwagen auf ausgedehnte Spaziergänge durch den Volkspark Schöneberg mit. Von einem Zwischenstopp bei dem gut sortierten griechischen Lebensmittelladen in der Badenschen Straße zeugten bei der Rückkehr der beiden immer einige leere Flaschen Mythos, die zwischen Windeln und Nuckelflaschen in der Ablage zu finden waren.

Bernd fand unsere Idee, nach Australien zu gehen, schlichtweg Scheiße. Was wollt ihr da? Als ich ihm in einem Telefonat erzählte, dass das Fernsehen in Australien genauso schlecht sei wie das in Deutschland, meinte er: Na, dann hättet ihr ja auch hierbleiben können. So kam er auch im Februar 2012 nicht mit zu dem Besuch, den uns Karin, Maggi und Klaus abstatteten. Nächstes Mal, war seine Ansage. Dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Dabei hatte ich es schon vor Augen: So, wie er alljährlich ein paar Wochen nach Rhodos fuhr, um in einem Plastikstuhl am Strand sitzend Wein zu trinken, aufs Meer zu schauen und ab und an ein paar Seiten zu lesen, so hätten wir es für ihn auch auf Bribie Island organisiert. Zwischendurch hätten seine Enkel ihn ein bisschen genervt, und Abends hätte er mit uns grillen müssen. Vielleicht hätten wir ihn noch an und ab zu einem Ausflug genötigt. Die Vorstellung war so gut. Vielleicht im nächsten Leben.

Als letztes möchte ich nur noch sagen, dass ‚Solidarität' und ‚gegenseitige Hilfe' Werte waren, die ich in den letzten Monaten und Wochen von Bernds Leben in seinem Freundeskreis unmittelbar erfahren konnte - Dank euch allen!

Daniel Kramer,
Australien im September 2014


Erinnerungen an Karin und Bernd Kramer. Von Peter

Leider habe ich erst kürzlich davon erfahren, dass Karin und Bernd innerhalb kürzester Zeit im vergangenen Jahr 2014 verstorben sind.

"Zu aller erst kommt die Freiheit ........."

Immer ein Buch in der linken Jacketttasche, die gekrümmte Pfeife in der Hand und einen treffenden ironischen Zwischenruf, der plötzlich wieder alle wach machte ....

So habe ich Bernd Kramer im März 1970 kennengelernt.

Das war an einem Samstag Mittag auf dem wöchentlichen Treffen aller libertären Leute West-Berlins im damaligen "Republikanischen Club", ("RC"), Wielandstrasse.

Unterschiedlichste Fraktionen waren dort:

  • Alt-Anarchos aus Friedenau, die noch die Verfolgung durch die SED vor 1961 mitgemacht hatten,
  • Feministische "Panther" Gruppen
  • Haschrebellen um Georg von Rauch, Rex, Hella Maher, Bär, etc.
  • Anarchos aus Spandau
  • Leute um den damaligen Drucker und Verleger Peter Paul Zahl
  • und einige Leute aus Neukölln/Kreuzberg, darunter auch Bernd.

In der folgenden Zeit formierte sich eine "Schwarze Zelle Neukölln", der auch Bernd angehörte.

Oft schaute ich bei ihm zuhause in der Bruno-Bauer-Str. rein und lernte auch seine großartige Frau Karin kennen.

Bernd's Wissen um die Theorie und Geschichte der libertären Bewegung war enorm. Das Besondere an ihm war, dass er ohne Scheuklappen vor den Augen, Fehler auch in den eigenen Reihen aufdecken konnte.

So war z.B. sein Kommentar auf die neu entstehende "RAF" : "das sind Leninisten mit Knarre" (wie wahr!). Für die damals so häufigen "Wortradikalisten" hatte er viel Spott übrig und den sich damals abzeichnenden Sprung vieler Mitstreiter in die Illegalität, hielt er für falsch.

Er stand mit beiden Füßen auf dem Boden der Realität und es mangelte ihn schon damals nicht an Lebensweisheit, die mir später so manches mal geholfen hatte. Auch für persönliche Probleme hatte er immer ein offenes Ohr.

Einfach köstlich war seine Ironie und sein wohl angeborener rheinischer Humor, der ihn so liebenswert machte.

Die französischen Anarcho-Satireblätter "Hara-Kiri" und "Charlie Hebdo" lernte ich auch durch Bernd Anfang der 70er kennen. Wie wohl heute sein Kommentar zu den islam-faschistischen Morden auf die Redakteure ausgefallen wäre?

Vielleicht: "Die Solidarität der hiesigen Autonomen auf die Pariser Opfer beschränkte sich auf das revolutionäre Zukleben der Eingangsschlösser am Tempelhofer Feld mittels Sekundenkleber".

Lange Zeit verloren wir uns aus den Augen. Erst vor einigen Jahren trafen wir uns in seiner Stammkneipe "Zum goldenen Hahn" und lästerten furchtbar über die Grünen, die Inkarnation des Kleinbürgertums, ab. Leider verpasste ich weitere Treffen mit ihm ...

Karin und Bernd, Ihr werdet mir und vielen Leuten fehlen. Danke für Eure Freundschaft!

Peter
Berlin, 12. Januar 2015


Das ungekrönte Anarcho-Königspaar von Berlin-Kreuzberg. Ein Nachruf von H. P. Gansner

'Karin und Bernd Kramer, die beiden anarchistischen Verlegerpersönlichkeiten, starben genau gleich alt, nämlich 74jährig, beide in ihrem Kiez Berlin-Neukölln, den sie kaum einmal verlassen hatten, ausser für die Buchmessen Leipzig und Frankfurt und ihre traditionellen Wallfahrten zum heiligen Berg Athos in Griechenland. Karin starb am 20. März und Bernd am 5. September dieses Jahres, beide an Krebs.

Es gibt ein Leben vor dem Tod!

Bernd Kramers 2012 erschienene biographische Schrift "Vom Goldenen Hahn zum Heiligen Berg Athos".

Karin war zuvor noch einmal nach Australien geflogen, um ihren dort lebenden Sohn und seine Familie zu besuchen – die jungen Kramers hatten den alten Kontinent satt und wollten etwas wirklich Neues beginnen. Einsam paffte Bernd derweil, das abenteuerliche Gemisch aus seiner Stummelpfeife (ich sagte ihm, in Frankreich heisse diese Pfeife „un brûle-gueule“) in Schwaden hinter sich herschleppend zwischen der Braunschweigerstrasse und dem Goldenen Hahn am Heinrichsplatz in Kreuzberg-West hin und her, um nimmermüde seine Underground-Buch- und Zeitschriftenprojekte auszubrüten. Zur Abwechslung lutschte er auch die kurzen konischen Toscani Garibaldi-Zigarren („Sargnägel“) und die langen „Krummen“ aus Brissago, die ich ihm regelmässig auf Wunsch schickte. Immer aber verbunden mit einer Warnung vor diesen Sargnägeln und Tabak-Bazookas. Vor der Treppe des Goldenen Hahns, ein Alt-Kreuzberger Gasthaus, das er ins Weltkulturerbe der UNESCO aufnehmen wollte, hatte er, der Anarchist, einen Privatparkplatz für seinen rostigen Drahtesel! Und nie wäre es jemandem in den Sinn gekommen, dort sein Fahrrad abzustellen, geschweige einem Schupo, ihn deswegen zu büssen. Denn Bernd war der ungekrönte König von Kreuzberg, sein „Privatparkplatz“ Weltkulturerbe, so oder so! Im schummrigen Innern des Goldenen Hahn am Kreuzberger Heinrichplatz, da war Bernds wirkliches Reich: sein Hofstaat klammerte sich bereits an die Theke und erwartete die neusten Ideen zur Weltrevolution, wenn er tagtäglich, ob’s stürmt oder schneit, in seinem dicken weiten Mantel auflief. Und wenn ein Sozialfall mehr als eine Stunde vor seiner 9/10-leeren Molle stand, weil ihm gerade der letzte „Hunni“ von der „Stütze“ (Sozialhilfe) davongeschwommen war, sagte die resolute Wirtin: „So, austrinken, Maxe, sonst wird das Bier schal und dann kannst du es dir um den Hals legen…“ Und Maxe liess sich nicht zweimal bitten: Das hiess nämlich: eine Gratis-Molle aus zarter Wirtinnen-Hand winkte… Das war eben konkret: Anarchie ist machbar, Frau Nachbar! Und dann, wenn ein weit gereister Autor auftauchte, um sich nach dem Stand seiner sich inzwischen zusammen geläpperten Honorar-Knete zu erkundigen, rief Bernd dem Ede an der Bar zu: „Ede, Abtreten zum Bücherzählen!“ Und Bernd reichte Ede den Titel, gekrakelt auf einen Bierdeckel, damit im Verlagsarchiv in der Niemetzstrasse (von „nemetz“, slawisch: „deutsch“), wo Karins Reich war, nachgezählt werden konnte, „wie viel gegangen war seit dem letzten Besuch des seltenen Gastes“. Manchmal reichte es für ein, zwei Mollen, manchmal sogar noch für „Augentropfen“ (Klaren in winzigen Gläschen). Und manchmal wurde eine Partie „Schwarzes Schach“ gespielt, eine Erfindung von Bernd: alle Figuren und Felder waren schwarz, sehr gewöhnungsbedürftig, muss ich gestehen. Aber nach mehreren Dutzend Übungslektionen brachte ich doch auch einmal gegen einen alten, versierten Kreuzberger ein Remis zustande.

Antiautoritäre Jungtürken

Oft wurde von den Berliner Jungtürken (das sind die Jung-Anarchos) Bernds frauenfeindliche Sprüche an den Internet-Pranger gestellt: historisch gesehen hat dieser latent frauenfeindliche Stammtischcharakter bei gewissen Anarchisten seine Wurzeln bei den spanischen Libertarios um Durruti, die zwar mit ihren eigenen Frauen und Genossinnen äusserst respektvoll umgingen, aber noch in dieser hispanischen Tradition verwurzelt waren. Einmal lachten die Genossen Durruti aus, als er während einer politischen Sitzung das Geschirr abtrocknete, worauf dieser sie anfuhr: „Wenn ihr darüber lacht, dann habt ihr nichts von Anarchismus begriffen!“ Aber im Gegensatz zu den Libertarios war Bernd Kramer ein sehr „deutscher“ Individualanarchist (Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum) – die Jungtürken schrieben einmal sogar auf einer Webseite, er bewege sich „am rechten Rand der Anarchie“ – , und auf mein Insistieren, Anarchismus sei doch ohne Sozialismus nicht denkbar, paffte er intensiver dicke Rauchwolken an die Wirtsstubendecke und sagte dann: „Anarchie ist erstmal Freiheit, mein junger Mann aus der schönen Schweiz – ob das auch sozialistisch ist, werden wir dann ja sehen…“

Ein Leben im Schatten der Mauer

Manchmal, wenn wir zu später Stunde noch durch Kreuzberg flanierten, hielt Bernd mich unvermittelt am Arm fest und sagte: „Siehst du das da, auf dem Pflaster?“ Ich sah nichts Besonderes. „Da, wo der helle Betonstreifen verläuft, war die Mauer. Und noch heute gibt es mir einen Zwick, wenn ich den Streifen überschreite…“

Er hat ein Leben lang hart an der Mauer verbracht, das darf man nie vergessen, und immer, wenn die Kramers mal „hinüber“ fuhren – zum Beispiel, um in Polen koscheren Wodka zu kaufen, den er von allen gewürzten Wassern am meisten liebte, hiess es am DDR-Zoll wegen seiner schulterlangen Haare: „Ohr zeigen!“ Na ja, für die Passfotokontrolle halt. Trotz der anarchistischen Devise „Ni dieu, ni maître!“ (wobei „maître“ als Synonym für Staat steht) huldigten Bernd und Karin dem Sonnengott, indem sie jeden Sommer einen Trip nach Griechenland unternahmen, wo sie auf dem heiligen Berg Athos ihre mystischen und mythologischen Batterien meditierend aufluden. Am wütendsten machten ihn – ausser Nationalisten, Faschisten und Kriegshetzer – linke Schwätzer, die von den „Wurzeln“ schwärmten, die ein Mensch haben müsse: „Das wäre aber eine ganz grosse Scheisse“, maulte er, „dann könnte ich mich ja nicht mal in den Goldenen Hahn begeben – geschweige denn zu den Fantasy-Klöstern mit ihren frommen Brüdern auf dem Berg Athos fliegen!“

Ewiges Leben für Karin und Bernd!

In den letzten Jahren hatten sich die beiden, die sehr viel Spass verstanden („Ein Revolutionär muss einmal im Tag herzlich lachen“, sagte Bakunin) vermehrt für die „Immortalisten“ interessiert, eine anarchistische Gruppe, die in der sowjetischen Iswestija nach der Oktoberrevolution ein Manifest publizierte, in dem es heisst: „Wir stellen fest, dass die Frage der Verwirklichung persönlicher Unsterblichkeit jetzt in vollem Umfang auf die Tagesordnung gehört“. Schon anlässlich der Bakunin-Ausstellung in den Hallen der NGBK in der Oranienstrasse Berlin im Jahre 1996 schrieb Bernd einen internationalen „Bakunin-Ähnlichkeitswettbewerb“ aus. Es erübrigt sich wohl zu erwähnen, dass er selbst den Wettbewerb haushoch gewann und beim Abschlussfest der Ausstellung als unbestrittene Wiedergeburt Michail Bakunins, dessen Werk bis heute das Gründungselement und unerschütterbare Fundament des Karin Kramer Verlags bildet, gefeiert wurde – obwohl Bernd einmal nach langem Herumdrucksen gestand, als ich ihn fragte, welche Publikation denn bisher der grösste Verkaufserfolg des Verlags gewesen sei: „Ich darf es dir fast nicht sagen, es ist Das sechste und siebente Buch Mosis…“

Eine seiner Eigenheiten war das „take french leave“, wie „se tirer à l’anglaise“ auf Englisch heisst: man glaubte, Bernd gehe nur mal kurz raus zum Pinkeln, und wenn man Karin fragte: „Wo ist denn der Bernd abjeblieben?“, sagte sie beruhigend: „Mach dir keene Sorgen, das macht er immer so. Plötzlich ist er weg, ohne dass es jemand bemerkt hat…“

Nun, diesmal, am 5. September 2014, ist ihm das gründlich misslungen.

H. P. Gansner, Schweiz
Der Nachruf erschien in der sozialistischen Wochenzeitung der Schweiz VORWÄRTS, im Oktober 2014.

Die Beerdigung von Bernd Kramer fand am Freitag, den 19. September 2014 auf dem Neuen St. Thomas Friedhof/Luise Kirchhof in Neukölln, (Berlin), statt. Alle Bücher des Karin Kramer Verlags sind weiterhin lieferbar. Von H. P. Gansner sind im Karin Kramer Verlag in den letzten Jahren zwei Gedichtbände und drei Pascale-Fontaine-Krimis erschienen. Der Autor führte im Bildungszentrum Salecina ein Anarchismus-Seminar durch, dessen Protokoll dort eingesehen werden kann. In seinem Roman "Die Stunde zwischen Hund und Wolf" (Ammann Verlag, Zürich) ist sowohl das wilde Leben in Ascona in den Zwanzigerjahren und auf Monte Verità (Erich Mühsam, etc.), als auch das der anarchistischen Schweizer Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg dargestellt.


Die gewöhnliche Sense. Erinnerung an Bernd und Karin Kramer. Von Bert Papenfuß

Die ersten anarchistischen Schwarten besorgten mir Anfang der 70er Jahre befreundete Studenten aus den Giftschränken der Universitätsbibliotheken, dazu bedurften sie eines besonderen Formulars, auf dem ihnen ein »wissenschaftlicher Verwendungszweck« attestiert wurde. Mit etwas Glück konnte man in Antiquariaten in der Tschechoslowakei, Polen oder Ungarn noch alte deutsche Ausgaben der anarchistischen Klassiker erstehen. Ab Mitte der 70er Jahre lasen wir in Ostberlin dann die schwarzen Schmöker und illustren Pflasterstrände des Karin Kramer Verlags, die Freunde aus Westberlin reinschmuggelten. Die Finsterlinge unter uns bevorzugten die von Richard Schikowski herausgegebenen Schwarzbücher, die etwas helleren blätterten im Parallelogramm. Kramer-, Schikowski- und Merve-Bücher gehörten im gutsortierten Prenzlauer Berg zur Grundausstatung.

Mein erster Gedichtband [1] erschien 1985 leider nicht im Karin Kramer Verlag und trug als Buchschmuck keinen roten Drudenfuß auf schwarzem Untergrund [2], wie ich es mir gewünscht hatte; diese – zugegeben nicht sehr abgefahrene – Gestaltungsidee mußte ich später selbst realisieren [3], und kassierte dafür eine Goldmedaille [4]. So oder ähnlich hätte jedenfalls mein erstes Buch ausgesehen, wenn es in meinem Lieblingsverlag erschienen wäre – wichtige Sachen ziehen sich hin und dauern ewig. Persönlich getroffen habe ich Bernd und Karin Kramer erst Ende der 80er Jahre, wo genau, weiß ich nicht mehr, erinnere mich aber, daß es ein herzliches, von gegenseitiger Neugier geprägtes, Kennenlernen war.

Die im Karin Kramer Verlag 2012 in einer limitierten Ausgabe im Schuber herausgegebene Ausgabe von "Rumbalotte Continua" von Bert Papenfuß.

Über die Jahre kreuzten sich unsere Wege auf Buchmessen, libertären Jahrmärkten und in anderen Gastwirtschaften. Als Dispatcher des Salons Brückenkopf veranstaltete ich zwischen 1999 und 2008 etliche Präsentationen des Kramer Verlags in der Tanzwirtschaft Kaffee Burger. Für Kramers war der Osten immer noch Neuland, sie wurden mit dem Taxi in die Torstraße eingeflogen und heimgeholt. Karin betreute den Bücherstand, Bernd rauchte, schwadronierte und trank. Freigetränke waren für beide und ihre Gäste für die Dauer ihres Aufenthalts in der Tanzwirtschaft ausbedungen. So natürlich auch für ihre vielköpfige Haus- und Hofkapelle, das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester »Der Grindchor«. Daß anläßlich eines solchen Begängnisses weit mehr als 100 Freigetränke an die Beteiligten verausgabt wurden, traf mich nicht persönlich, wurde von meinen kopfschüttelnden Kompagnons stillschweigend von meinem Schwarzgeld abgezogen. – War mir eine Ehre.

Im Kaffee Burger schrieb ich den Gedichtband Rumbalotte [5], dem ab 2004 sieben krude Lyrik- und Essay-Mixturen als Fortsetzungen folgen sollten. Als meinem Verleger Peter Engstler klar wurde, daß er mein jährliches Output nicht allein stemmen könnte, bot Bernd Kramer an, alle zwei Jahre einen Band von mir zu publizieren. Auf diese ungewöhnliche Art und Weise erschienen zwischen 2005 und 2009 drei der sieben Bändchen Rumbalotte continua [6] im Karin Kramer Verlag. Bernd war hierbei ein sorgfältiger Korrekturleser und Herausgeber, mischte sich nicht in meine Lyrismen, stukte aber einiges in den Essays zurecht. Die Abrechnung der verkauften Exemplare durch Karin erfolgte pünktlich und zuverlässig.

»Drei Elemente oder drei Grundprinzipien bilden die wesentlichen Bedingungen aller gemeinschaftlichen und persönlichen menschlichen Entwicklung in der Geschichte: 1. die menschliche Animalität; 2. das Denken; 3. die Empörung. Dem ersten entspricht die soziale und private Wirtschaft, dem zweiten die Wissenschaft; dem dritten die Freiheit.« [7] – Bernd Kramer hat dem von ihm propagierten Hedonismus das Wasser gereicht; er hat seins gemacht, ohne anderen zu schaden: einzig und eigentümlich. Der Karin Kramer Verlag hat ein Denken gefördert, das die Empörung im sozialen Prozeß motorisierte – drüben in den Zentren der westdeutschen Provinzen, und allhie in ostdeutschen Jackentaschen, Schubladen und klandestinen Zirkeln.

Zusammenrottungen selbsternannter Anarchisten sind Vorhöllen der Uneinigkeit. Unter egoistischen Sozialrevolutionären, selbstgerechten Schlingeln und Systemkriechern in spe behaupten sich Anarchisten reinsten Wassers, seien sie nun Kaffee und Kuchen kiffende Individualanarchisten, Bier trinkende Syndikalisten, Wodka saufende Anarchokommunisten oder vegane Anarchas und Anarchos on Speed. Man kann keine Fahne hissen, ohne jemanden anzupissen. Warum auch? Fahne hissen, meine ich, anpissen kann schon mal passieren – »Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?« pflegte Bernd immer zu sagen.

»Richtig«, sagt mein Stiefsohn Leo, »eure ganze Splittergruppenpropaganda könnt ihr euch in den Arsch stecken«. »Wohlproportioniert würden das einige unter uns mögen«, versuche ich abzulenken. Es käme drauf an, wirft er ein, eine anarchistische »Stimmung« zu erzeugen, keine Laune, keine Grille, sondern eine »Stimmung, die Laune macht auf Grillen«. – War eigentlich die Todessymbolik anarchistischer Parolen und Fahnen witzig? Warum ist der Anarchismus immer noch eine Negation? Müssen wir mit einem Ismus hausieren gehen? Wo ist endlich ein positiver Begriff für Anarchie? Ich habe keine Lust, ständig »Herrschaft« und »Archie« in den Mund zu nehmen.

Die »gewöhnliche Sense« war Kramers humorvolle Peitsche sowohl gegen das Wachstumsdiktat der Hauptströmung der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie als auch gegen den jeweiligen Stand der permanent upzudatenden politischen Korrektheit. Karin Kramer (9.11.1939–20.3.2014) steckte voller volksbildender Ideen; sie starb viel zu früh, und Bernd Kramer (22.1.1940–5.9.2014) ihr folgerichtig viel zu früh hinterher. Ich vermisse beide sehr. Wenn ein Freund stirbt, hat man einen Wunsch frei, ich habe zwei: 1. der Karin Kramer Verlag wird weiterhin bestehen; 2. die »Ausgewählten Schriften« Bakunins werden weiterhin erscheinen; 3. Die Trauerfeier [8] für Bernd wird eine kräftige Demonstration des weltweiten und generationsübergreifenden Herrschaftsunwillens. Wir werden Mittel und Wege finden. Das sind wir Karin und Bernd schuldig. – Es lebe die Sense!

Bert Papenfuß, Berlin
In: junge Welt vom 17.09.2014, S. 13

Anmerkungen

  1. harm. arkdichtung 77. KULTuhr Verlag, Norbert Tefelski, Berlin, 1985
  2. . . . sondern einen weißen auf blauem Fond
  3. TrakTat zum ABER. Gerhard Wolf Janus Press, Berlin, 1996
  4. Auf den schwarzroten Büchern prangte ein goldener Aufkleber »Eines der schönsten Bücher. Prämiert von der Stiftung Buchkunst« – ekelhaft!
  5. Rumbalotte. Gedichte 1998 – 2002. Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein und Wien, 2005
  6. RUMBALOTTE CONTINUA. 1. Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2004; 2. Folge: Karin Kramer Verlag, Berlin, 2005; 3. Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2006; 4. Folge: Karin Kramer Verlag, Berlin, 2007; 5. Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2008; 6. Folge: Karin Kramer Verlag, Berlin, 2009; 7. und letzte Folge: Verlag Peter Engstler, Ostheim/Rhön, 2010
  7. Michael Bakunin. Ausgewählte Schriften 1. Gott und der Staat. Karin Kramer Verlag, Berlin, 2005, S. 36
  8. Die inneranarchistische Debatte um die Modalitäten von Bernds Trauerfeier hätte ihn köstlich amüsiert, er hätte ein Buch daraus gemacht – uns allen zur Mahnung, und wohl auch zum nachträglichen Augenauswischen.


Mögen sie unvergessen bleiben! Von Ruth E. Westerwelle

Mit großer Bestürzung habe ich erfahren, dass Bernd nun auch den Weg allen Irdischen gegangen ist. Auch wenn es mich nicht sehr wundert. Schmerzen tut es dennoch, wie auch der viel zu frühe Tod von Karin. Ich kannte beide seit über vierzig Jahre.

Doch statt vieler Worte die andere schon publizieren, nachfolgend zwei Fotos von den beiden.

Mögen sie unvergessen bleiben!

Ruth E. Westerwelle, Fotografin und Autorin
„Die Frauen der APO – mit Fotos und einem Beitrag über Karin Kramer“


Karin und Bernd Kramer 1992 Ruth E Westerwelle 800px.png


Die Urkunde. Von Knobi

Bernd Kramer war für seine Postkarten, Briefe etc. unter FreundInnen und Bekannten berühmt und berüchtigt. Gerne was kopiertes, geklebtes, mit Kommentaren versehenes usw. als Hinweis, als Kommentar, als Freundschaftsbeweis oder „nur“ als Kunstobjekt. Als habe er im Zeitalter von Internet und e-mail ein Aktienpaket bei der gelben Post, liebte er es an toten Persönlichkeiten, wie an lebenden Menschen Mitteilungen zu verschicken. Er hatte daran einen Heidenspaß, vor allem wenn die Briefe an die Toten irgendwie zurück kamen.

Mit Karin war es einfacher zu telefonieren, oder sie im Laden des Verlages zu besuchen. Was schnell gehen musste, konnte auch per e-mail erledigt werden. Bei Bernd hatte ich oft das Gefühl, wenn ich ihn anrufen würde, könnte ich ihn stören etc. So wurde auf Postkarten/Briefe dann i.d.R. auch schriftlich geantwortet.

Die Anerkennungsurkunde des Karin Kramer Verlages für ihren guten Rezensenten Jochen "Knobi" Knoblauch.

Und so kam es, als ich ihm meine kleine Besprechung zum Bodo Saggel-Buch (Der Antijurist oder die Kriminalität der schwarzen Roben. Karin Kramer Verlag. Berlin 1998) zur Information zuschickte postwendend – wie man so schön zu sagen pflegt – ein „Urkunde“ von Bernd als Dankeschön, erhielt – handkoloriert. Ich befürchte, dass es umsonst war, den „europäischen Buchmarkt [zu] beobachten [um zu sehen] wie die Verkaufszahlen in die Höhe sausen“. Dies konnte ich beim besten Willen nicht ermöglichen. Wenn ich es gekonnt hätte, dann hätte ich es ohne zu zögern gemacht. Aber trotz seines überschäumenden – natürlich etwas ironisch gemeinten Wunsches – habe ich mich über die „Urkunde“ gefreut.

Aber typisch war auch, und manchmal beklemmend, die Geldknappheit des Karin-Kramer-Verlages. Auch ich gehört mal zu jenen, in einer Zeit wo es mir vergönnt war, dem Verlag mit einem kleinen Kredit über 5.000 DM mal aushelfen zu dürfen, der ohne jegliches Nachfragen prompt und regelmäßig zu ihren Bedingungen zurück gezahlt wurde. Und so wurde die Urkunde notgedrungen mit einem finanziellen Hilferuf verbunden, ob ich nicht bei zwei gemeinsame Bekannten mal vorfühlen könnte, ob die nicht ein paar Ressourcen übrig hätten. Die Annahme, dass fast alle mehr Geld hatten als die beiden Kramers war ja nicht ganz so abwegig. Ich glaube nicht, dass Menschen sich an ein andauernden Zustand der Mittellosigkeit gewöhnen können. Und dort, wo die Fantasie grenzenlos ist, sind der Mangel an Mitteln um so schmerzhafter.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich nicht mehr so genau daran erinnere wie die Sache weitergegangen ist. Vermutlich ist nichts daraus geworden. So, wie aus einigen Ankündigungen die der Verlag machte, die dann aber aus den unterschiedlichsten Gründen dann doch nicht zustanden kamen (wie etwa die mehrbändige Jack London-Ausgabe, wo Karin diesen schreibenden Sozialrebellen und Abenteurer doch so liebte). Meinen vor Jahren schon gemachten Vorschlag mal ein Buch zu machen über die Bücher, die im Karin Kramer Verlag zwar angekündigt, aber nicht erschienen sind, fanden beide gut: „Mach mal“, hieß es dann, „die Vorschauen sind alle komplett vorhanden“. Aber leider kam es nicht dazu, weil ich eine faule Sau bin. Ideen entwickeln, und diese dann im Regen stehen zu lassen, gehört fast zu meinem Naturell. Auf der anderen Seite ist dies sicherlich auch gut so, denn ein Bestseller wäre dies sicherlich auch nicht geworden.

Jetzt sind beide nicht mehr. Der Verlag ist Geschichte. Was übrig bleibt ist die Idee – von so manchem, die persönlichen Erinnerung von zahlreichen Menschen, von dem was uns traurig gemacht hat, und dem worüber wir gemeinsam gelacht haben. Was bleibt ist, wie es auf der „Urkunde“ geschrieben steht: „Sei bestens gegrüßt“, aber diesmal von mir: Knobi.

Jochen "Knobi" Knoblauch,
Berlin, 14. September 2014


Der junge Kramer. Von Hansjörg Viesel

Sagen Sie Ihm, daß er für die Träume seiner Jugend
soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird...
(Schiller, Don Carlos)

Die meisten kennen Bernd als Produzent der Zwarte Boeken, wie sie Maria Hunink vom IISG Amsterdam, dem Mekka der Anarchisten, liebevoll genannt hat.

Der Vater von Bernd Kramer, der Maler und Bildhauer Gustav Kramer (1911-1972) in seinem Atelier.

Einige Anmerkungen zum Leben davor.

Bernd stammt aus einem proletarischen Milieu. Sein Großvater war Arbeiter, ging schon 1933 in die SA, 1934 zur NSDAP. Sein Vater Gustav (1911-1972) war ein arbeitsloser Dreher, Mitglied der KPD, 1934 verhaftet, überlebte die KZ Kemna und Börgermoor bis Anfang 1936. Er arbeitete als Bildhauer und Maler mit Ausstellungsverbot. Bernd, Jahrgang 1940, lernte und arbeitete als Schriftsetzer. Im Atelier seines Vaters baute er im Keller eine alte Druckmaschine auf und gab mit Freunden, darunter Rainer Langhans und dessen Schwester "das experiment. unabhängige zeitschrift für die jugend" heraus. Von 1961 bis 1962 erschienen drei Hefte im Handsatz - avantgardistisches Layout, Linolschnitte, Gedichte und Aufsätze; Tendenz antifaschistisch, antimilitaristisch, gegen den Mief der Nachkriegszeit, schon Texte zu Südafrika und Algerien.

Dann Berlin. In einem Fotoband von Michael Ruetz gibt es ein Foto, wo man einen schlanken, wütenden, brüllenden Bernd in einer Gruppe von Demonstranten sieht. 1967. Er war angekommen in der berliner antiautoritären Bewegung. Im selben Jahr Linkeck-Kommune mit Karin, Bernhard Fleischer (Butcher), Hartmut Sander u.a. Dazu dann die Underground-Zeitung Linkeck. Die ersten Bücher erscheinen, als Verlag firmieren sie unter "Sozial-Revolutionäre Schriften, Underground Press L ". Texte zur antiautoritären Erziehung, Psychoanalyse, Faschismus, Anarchie. Im Verlagsalmanach 1978-1980 sind die ersten 124 Titel aufgeführt (alle nicht schwarz!), auch unter dem Verlagsnamen "Infodruck Köln" oder " Editions clandestines Toulouse-Berlin". Der erste Titel war ein Mäppchen mit 4 Postkarten: Enteignet Springer! - Wie es weitergehen kann und soll wird sich zeigen. Ein erstes kollektives Projekt sollte die Fortsetzung der Bibliographie von 1979-2014 sein, damit konkret gezeigt werden kann, was der Karin Kramer Verlag in den 47 Jahren für die libertäre Bewegung geleistet hat.

Hansjörg Viesel
Berlin, im September 2014


Die Bücher des Karin Kramer Verlages werden weiterleben. Von Rengha Rodewill

Mit sehr großem Bedauern erfuhr ich, dass mein Verleger Bernd Kramer am 5. September 2014 in Berlin verstorben ist. Mein Buch EINBLICKE erschien 2012 im Karin Kramer Verlag über die bedeutende Berliner Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, mit den außergewöhnlichen Liebesbriefen Rosa Luxemburgs an ihre Geliebten Leo Jogiches und Kostja Zetkin.

Bernd Kramer, der Mann mit den stahlblauen Augen wie die von Hans Albers, wird mir immer in liebenswerter Erinnerung bleiben, auch seiner Bitte folgend, aus Italien seine geliebten "Toscano Garibaldi" mitzubringen, wie gerne habe ich das für ihn getan und sehe ihn jetzt genüsslich den Qualm in die Luft pusten.

Der ehrwürdige Karin Kramer Verlag verliert mit Karin Kramer, die im März 2014 auch mit 74 Jahren verstarb und Bernd Kramer seine Seele. Zu hoffen ist, dass so ein alter Verlag, der über 40 Jahre nicht nur in Deutschland sehr bekannt und bedeutend war weiterleben wird, dass nicht mit dem Tod von Karin und Bernd Kramer die Verlagstür für immer geschlossen wird.

Die unzähligen Bücher des Karin Kramer Verlages werden weiterleben in Bibliotheken und in ganz vielen Bücherregalen von Menschen. EINBLICKE ist im Getty Research Institute in Los Angeles zu finden, außerdem auch im The Library of Congress in Washington DC.

Rengha Rodewill,
Berlin, 12. September 2014
Rengha Rodewill - ART - Page officielle


Der Tod von Bernd Kramer: Auch eine Erinnerung an die Zukunft. Von Rolf Raasch

Vor kurzem erst Karin und nun auch Bernd: Der Tod der Anderen scheint in der eigenen Wahrnehmung eine Beschleunigung der Lebenszeit hervorzurufen. Auch kommen verschüttete Erinnerungen plötzlich hoch, die ganz weit weg zu sein schienen: Alles wirkt nun so, als sei es erst gestern gewesen.

Eine Zeit lebt wieder in einem auf, in der man jung und voller Hoffnung auf das war, was die Zukunft noch bringen sollte: Die Zeit des Neo-Anarchismus, eine Zeit des Aufbruchs, in der alles Wünschbare möglich schien. Bernd Kramer gilt für mich als ein Urgestein dieser Epoche.

Freunde des Karin-Kramer-Verlages, Mitglieder des Anarchistischen Arbeiter-Bundes (AAB), in Berlin-Neukölln auf der 1.-Mai-Demo 1971.

Ich kannte ihn über 40 Jahre. Für mich und für uns damalige Westberliner Junganarchos war er Anfang der 1970er Jahre die prägende libertäre Persönlichkeit - neben - vielleicht noch - Horst Stowasser. Innerhalb dieses Zeitraums gab es unterschiedlichste Intensitäten des Kontaktes zu Bernd. Angefangen mit den frühen 1970er Jahren, für mich die Zeit des Anarchistischen Arbeiterbundes (AAB), bzw. als Leser der Zeitschrift "linkeck", über die Zeiten des Austausches mit den Kramers während der Gründungszeit des Libertad-Verlages und den Gegenbuchmessen (später der Linken Buchtage).

Als ich das letzte mal intensiver mit Bernd gesprochen hatte, auf einer Veranstaltung zur Veröffentlichung einer CD mit Liedern über B. Traven in der Kreuzberger Kneipe Enzian (wohl 10 Jahre her), wirkte er warmherzig, als wenn man sich erst gestern das letzte mal gesehen hätte. Auch nachdenklich – was seinen eigenen Lebenswandel anbelangte, denn er hatte damals gerade eine schwere Krankheit überwunden.

Bernd Kramer: Der Name war und ist Programm und eng verknüpft mit dem wichtigsten deutschsprachigen Anarchismus-Verlag der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre bildete der Verlag das gesamte und vielseitige gedankliche Spektrum des deutschsprachigen Neo-Anarchismus ab. Die ideelle Spannweite und intellektuelle Qualität des Karin-Kramer-Verlages und des Neo-Anarchismus war aus heutiger Sicht enorm und wurde meiner Meinung nach später auch nie wieder erreicht. Ein Blick auf die Namensliste der Autoren in der vom Kramer-Verlag in den 1970er Jahren herausgegebenen Zeitschrift „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ spiegelt die Offenheit und Toleranz damaligen libertären Denkspektrums wider: Neben Texten anarchistischer Klassiker Autoren, die weit über das anarchistische und libertäre Spektrum hinauswirkten oder in es hineinwirkten: Paul Feyerabend, Hans Peter Duerr, Colin Ward, Pierre Clastres, Murray Bookchin, Daniel Guérin, Noam Chomsky, Paul Goodman, Augustin Souchy, Harry Pross usw. usf. Ohne Karin hätte es den Karin-Kramer-Verlag nicht nur dem Namen nach so nicht gegeben. Nach 45 Jahren Verlagsgeschichte und Bernds Tod scheint die Vorstellung seines Weitebestehens schwierig zu sein. Und irgendwie scheint auch die Zeit damit eine andere geworden zu sein.

Denn der Verlag ist und war ja auch ein Teil der politischen Zeitgeschichte, denn die Renaissance des Anarchismus in der BRD und Berlin/W. setze ab 1968 gerade auch im publizistischen Bereich ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der Weimarer Zeit wurden wieder in einem größeren Ausmaß anarchistische Klassiker einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Vor dem Hintergrund der damaligen Auseinandersetzung mit der Erneuerung des marxistisch-leninistischen Parteitraditionalismus war das wichtigste inhaltliche Herausgabekriterium auch beim Karin-Kramer-Verlag seinerzeit die Bolschewismuskritik des Anarchismus. Entsprechend dieser Ausrichtung diente beispielsweise die Bolschewismus-Kritik Rudolf Rockers und Emma Goldmans: Der Bolschewismus. Verstaatlichung der Revolution (damals noch unter dem Verlagsnamen Underground Press L).

"Die drei glorreichen Halunken". Bernd Kramer und Genossen auf der Frankfurter Buchmesse ca. 1977 am Stand des Karin-Kramer- Verlages, der unter das ironische Motto: "Sympathisanten des Terrors" gestellt war.

Neben diesem zentralen Thema rückte die Kontroverse Marx/Bakunin in den Vordergrund des Interesses. Die beginnende Neuedition der wichtigsten Schriften Bakunins und Kropotkins wurde am Anfang der 1970iger Jahre auch mit der Gründung anderer anarchistischer Verlage intensiviert.

Neben zahlreichen anarchoiden Schüler-, Lehrlings- und Studentenzeitungen entstand seinerzeit auch ein bis dahin unbekanntes publizistisches Genre: Die „Untergrundzeitung“. Lokaler Bezug, kämpferisches Vokabular, satirischer Stil, chaotisch anmutendes Layout, sowie eine politische Ausrichtung am Anarchismus, waren die typischen Merkmale dieses neuen Mediums und eben auch der Zeitschrift „Linkeck“. Ab 1967 erschienen in Westberlin die ersten Nummern des von Bernd und Karin herausgegebenen „ersten antiautoritären“ Blattes, das - heute sensationell anmutende - Auflagehöhen zwischen 4000 und 8500 Exemplaren erreichte.

Hunderte von Titeln sollten beim Karin-Kramer-Verlag bis jetzt und bis zum Schluss noch erscheinen. Viele Titel (und Äußerungen Bernds) kontrovers und quer zur gängigen linksradikalen politischen correctness – also im besten Sinne des Wortes „anarchistisch“. Auch deshalb fehlt er dringend.

Ich stelle mir vor, dass Bernd, der sehr krank war, nach dem Tod seiner Gefährtin Karin keine Lebenslust mehr hatte und wohl auch nicht mehr genug Abwehrkraft.

Angesichts dessen kann sein Tod für ihn nur eine Erlösung gewesen sein. Für die noch lebenden aber ein Verlust.

Rolf Raasch,
Berlin, 11. September 2014


Schwarze Bücher. Von Wolfgang Haug

Der 1980 vom Karin-Kramer-Verlag zum (offiziell) zehnjährigem Bestehen des Verlages herausgegebene Verlagsalmanach.

Bernd und Karin Kramer haben mehr für die Renaissance des Anarchismus in Deutschland getan als Vielen bewusst ist, und sie übertrafen Viele, die dasselbe Interesse verfolgten. Ihre schwarzen Bücher gelangten in die entferntesten Ecken der ehemaligen Bundesrepublik und sicherlich auch in die Schweiz und nach Österreich und erreichten die Provinz genau zu dem Zeitpunkt als den frühen 70ern, die gerade 68 verpasst hatten, die entstandenen K-Gruppen suspekt vorkamen. Gegen deren Reglementierungen, deren sektenhaftes Auftreten, deren politische Rechthabereien und finanzielle Ausbeutung der Mitglieder gab es plötzlich diese Titel aus dem Kramer-Verlag, die damals zumeist noch unbekannte Namen in die Diskussion und wieder ins kollektive Gedächtnis zurück brachten: Erich Mühsams "Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Errico Malatesta, Arschinoff, Kropotkin oder Gustav Landauers "Revolution" inspirierten zahllose durchdiskutierte Nächte und gewannen die Sympathie all derer, denen Freiheit wichtig war, auch und gerade die Freiheit von politischen Dogmen. Der Anarchismus bot den Raum zum Selbstdenken, Selbstentscheiden und Selbstorganisieren und brachte ganz nebenbei etwas zurück, was verfemt und verbrannt worden war. Und nachdem dieser Anarchismus gerade eben verstanden und verdaut worden war, kamen schon die nächsten schwarzen Bände, dieses Mal zur spanischen Revolution u.a. mit Augustin Souchy und man stand vor der neuen Herausforderung, nun den Anarchosyndikalismus verstehen zu wollen. Natürlich war die Hilfe vom "Verband linker Buchhändler" wichtig, ohne die es die Kramer Bücher von Berlin kaum bis in die verschiedensten Kleinstädte geschafft hätten, aber von diesen schwarzen Büchern selbst ging bereits eine Faszination aus, man/frau war gespannt auf das nächste....

Ich habe Bernd und Karin erst Jahre später, im Jahr 1979 auf der Gegenbuchmesse und Buchmesse in Frankfurt persönlich kennengelernt, und von da an Jahr für Jahr wieder dort zu Gesprächen getroffen. Jedes Jahr konnte ich nun ihre neusten Bücher gegen unsere Trotzdem-Verlagsbücher eintauschen und kam beglückt nach Reutlingen zurück, auch wenn die Büchereinbände zumeist nicht mehr schwarz waren, was ich innerlich immer etwas bedauerte. Die Kramer-Bücher wurden ein wesentlicher Teil unseres anarchistischen Büchertischs für Tübingen/Reutlingen und Umgebung und später natürlich auch für den Anares Vertrieb, der möglichst viele verschiedene anarchistische Titel unters Volk bringen wollte. Um so entsetzter war ich, als der Buchvertrieb der Kramers eines Tages meinte, wir dürften keine Kramerbücher mehr verkaufen, weil es in Reutlingen ja einen linken Jacob-Fetzer-Buchladen gäbe. Nun Verbote passten natürlich gar nicht zu einem anarchistischen Selbstverständnis und die wichtigsten anarchistischen Bücher nicht mehr verkaufen zu dürfen, ein Unding, das sofort böse Briefe an den Buchvertrieb auslöste und mit den Kramers direkt geklärt werden musste und natürlich dazu führte, dass wir weiter Bücher anbieten konnten.

Nun bleibt mir das Bild vom Pfeife rauchenden Bernd, der interessiert zuhören konnte und durch sein markantes Profil quasi als Prototyp eines Bakunisten durchgehen konnte. Mir bleibt auch, dass er kein Kostverächter war..., deshalb salud, cheers, prost! Bernd, bleib so lebendig in unserer Erinnerung!

Wolfgang Haug,
Grafenau, 10. September 2014


Persönlicher Nachruf auf einen Verleger. Von Albrecht Götz von Olenhusen

Bernd Kramer und Dieter Kunzelmann auf der 1. Mai-Demo 1992. © Ruth E. Westerwelle, Berlin.

Der Tod von Bernd Kramer löst bei mir und seinen Freunden und Weggefährten große Trauer aus. Bernd gehörte in meiner Wahrnehmung zu den aufrechten unbeugsamen Vertretern einer verlegerischen Haltung und Praxis, die von mir seit Beginn des Verlages und seiner diversen Vorläufer und Ableger sehr geschätzt und hoch geachtet worden ist. Schon die heute rar gewordene Bibliografie seines frühen offiziellen, offiziösen und untergründigen Verlagsprogramms zeugte immer von einem direkten Bezug zu Autoren, Lesern und der politischen Richtung, der er sich zeitlebens verpflichtet gefühlt hat. Viele der in seinem Verlag veröffentlichten Werke haben die Zeitläufte gut überdauert, waren keine Eintagsprodukte und vielmehr wichtige Neuerscheinungen und Nachdrucke, die für die Diskussion und Rezeption unentbehrlich waren und blieben. Auch als Zeugnisse einer unorthodoxen Einstellung, die keiner ephemeren Moderichtung nachlief oder anhing

Schon 1973 und auch in der Folgezeit wurde seine Verlagsproduktion fürs "Handbuch der Raubdrucke" von wesentlicher Bedeutung und das wird auch in den späteren Auflagen von 2002 und 2005 sichtbar, aber erst recht in der erweiterten Auflage, die 2015 erscheinen soll.

Bernd war aber auch ein wichtiger Kenner der politischen Bewegungen und deren Historie, ob nun des 19. und 20. Jahrhunderts oder der unmittelbaren Gegenwart, vor allem auch im Bereich dessen, was gemeinhin unter "oral history" läuft.

Es wird viele geben, die ihn viel besser gekannt und erlebt haben und ihn besser würdigen können. Aus meiner Perspektive bleibt er in seiner Eigenart und als ausgeprägter Charakter und einzigartiger Verleger unvergessen: ein Radikaler im besten Sinne und im nichtöffentlichen Dienste wie für die aufnahmebereite Öffentlichkeit. Für die Verlagsgeschichte vieler Bereiche, vor allem aber des Anarchismus war er unentbehrlich, und ein interessanter, ungemein anregender und kenntnisreicher Gesprächs- und Korrespondenz-Partner.

Albrecht Götz von Olenhusen,
Freiburg, Düsseldorf, im September 2014


Genialer Dilettant. Ein Nachruf auf Bernd Kramer von Klaus Bittermann

Bernd Kramer war einer der liebenswürdigsten Dilettanten, die ich kannte. Und als Anarchist muss man Dilettant sein, sonst wäre man ja kein Anarchist. Wäre er ein hochprofessioneller Anarchist gewesen, hätten wir uns nie kennengelernt. Bernd hat u.a. als Schriftsetzer gearbeitet. Seinen Büchern hat man das nie angesehen. Aber wer achtet schon auf Ästhetik, wenn er ein anarchistisches Buch in der Hand hält? Neben den anarchistischen Klassikern, die in seinem Verlag erschienen sind und die den nicht dogmatischen Teil der Linken über die Jahre hinweg begleitet haben und die in den linken Buchläden ein eigenes Regal einnahmen, wo sie mit der Zeit Staub ansetzten, hat Bernd Kramer Autoren entdeckt, die dann bei anderen Verlagen bekannt wurden, u.a. Funny van Dannen und Thomas Kapielski.

Von dem von Hans Peter Duerr herausgegebenen legendären Periodikum »Unter dem Pflaster liegt der Strand« habe ich alle 14 Nummern. Natürlich folgte diese Zeitschrift auch dem linken Zeitgeist wie z.B. den Hexen, weil die mal eine verfolgte Minderheit waren und weil man auf deren Geheimwissen scharf war. Wenn man z.B. den ganzen Körper mit einer aus bestimmten Kredenzien zusammengerührten Salbe einschmierte, konnte man tatsächlich fliegen. Wurde da jedenfalls behauptet. Gleich in der Nummer 2 kam ein Daniel Giraud zu Wort:

»Es steht fest, daß es Anarchos gibt, die sind so klein, daß sie in die Luft springen müssen, um auf dem Boden spucken zu können. Und was hat die Anarchie damit zu tun? Das heißt, die geniale Unordnung eines Herzens in voller Auflösung? Sie wird im Namen der Hierarchie der pseudolibertären Werte mit Etiketten versehen. Das heißt, daß ich wissen möchte, wie man nach dem gewaltsamen Tode des Anarcho-Pißpotts in den Wänden der sozialen Vernunft, die das Museum der Ideen leitet, die allesamt mit dem Stroh von Opas Anarchismus ausgestopfte alte Ärsche sind, libertär sein kann und dabei sozial(istisch)en Realitätssinn haben.« 

Dieses wirre Zitat gefiel mir so gut, dass ich heute noch genau weiß, wo es zu finden ist. Für all das war Bernd Kramer verantwortlich, dem keine Buchidee zu abseitig war, um sie nicht zu verwirklichen. Sein letztes Buch »Mit dem Flachmann auf Tuchfühlung. Tagebuchnotizen eines Tresenphilosophen« erschien dann bei Tiamat. Absurde und schräge Geschichten, die man nur in Kneipen erleben und sich auch nur dort ausdenken kann. Viel zu schräg, als dass sich viele Leute der Lektüre aussetzen wollten.

Am besten gefielen mir seine Postkarten, die er mir schickte, wenn er sein Kommen ankündigte, um Bücher abzuholen, Postkarten, die mit viel Liebe hergestellte großartige Kunstwerke waren. Zuletzt traf ich ihn im »Goldenen Hahn«, wo ich anlässlich der Premiere und als Beiträger der von ihm herausgegebenen Anthologie »Schwarzbuch Kreuzberg« zwei kurze Stücke vortrug. Er saß an einem Tisch auf der »Bühne« und wunderte sich, wenn Leute das Buch kaufen wollten. Das fand ich so hinreißend, dass ich es eine schreiende Ungerechtigkeit finde, wenn solche liebenswürdigen und schrulligen Leute schon mit 74 abtreten müssen.

Klaus Bittermann, Berlin


Anarchie war machbar, Frau Nachbar. Zum Tod des Verlegers Bernd Kramer. Von Christoph Ludszuweit

Cover der von Karin und Bernd Kramer und anderen Mitgliedern der Berliner Linkeck-Kommune 1968 herausgegebenen liksradikalen Untergrundzeitschrift "linkeck"

Am 5.9.2014 ist in Berlin der Verleger Bernd Kramer im Alter von 74 Jahren an Krebs gestorben. Am 22.1.1940 in Remscheid geboren, erlernte er noch den Beruf des Buchbinders und betrieb seit 1970 zusammen mit seiner Frau Karin den nach ihr benannten Buchverlag in Berlin-Neukölln, der zu den traditionsreichsten Verlagen des Anarchismus im deutschsprachigen Raum zählt. Ein derart breit gestreutes Verlagsangebot des Anarchismus sucht in diesem Land seinesgleichen.

Zu den im Programm versammelten Autoren gehören Michael Bakunin, Peter Kropotkin, Louise Michel, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Emma Goldmann, Rudolf Rocker, Meister Eckhart, von namhaften zeitgenössischen Autoren ganz zu schweigen. Mehrfach mussten die beiden Verleger die Hand zum Offenbarungseid heben oder sich vor Gericht gegen diverse Anklagen verteidigen. Doch irgendwie schafften sie es immer wieder, allen ökonomischen Widrigkeiten, die einem Kleinverlag zusetzen, zu trotzen und fast 45 Jahre lang Bücher, Kataloge, Kalender (Der pech-raben-schwarze Anarchokalender), Zeitschriften (Unter dem Pflaster liegt der Strand) und Tonträger herauszugeben, die mehrere Generationen der antiautoritären, undogmatischen und oft zersplitterten Linken Deutschlands literarisch begleiteten.

1967 wohnten sie in der „Linkeck“-Kommune Berlin und gaben von 1968 an "linkeck" heraus, die „erste antiautoritäre Zeitung“, oft beschlagnahmt, genauso wie das Nachfolgeblatt CharlieKaputt. Karin und Bernd Kramer waren stets ein politisch unkorrektes Verlegerpaar, ohne je ihren Humor zu verlieren: „die Geldstrafen stotterten wir, schon allein um die Staatsdiener zu ärgern, in Fünf-, mal in Zehn-Mark-Raten ab.“ Bernd Kramer war nicht nur Verleger, er schrieb auch gern selbst, so eine Biografie über Max Hoelz. Er beschrieb seine Rolle in einem Prolog zu B. Travens Feuerstuhl einmal so: „Wir sitzen auf dem hohen Roß, zwischen den Stühlen, in der Tinte, auf dem falschen Dampfer, in der Patsche, wie angegossen, im Glashaus, in der Scheiße, in der Klemme, am längeren Hebel, auf glühenden Kohlen.“ Bernd Kramers Thron war in den letzten Jahren kein Feuerstuhl, sondern ein Tisch im „Goldenen Hahn“ am Kreuzberger Heinrichplatz, wo er sich, meist bei Korn und Bier, mit Autoren und Autorinnen traf, um neue Buchprojekteauszuhecken oder alte zu begraben. Er widmete dieser Kneipe einen eigenen Band und beantragte gemeinsam mit dem Schriftsteller Thomas Kapielski bei der UNESCO-Kommission, dass die Gaststätte als Kulturerbe der Welt in die Liste Deutscher Denkmäler aufgenommen wird.

Nicht nur im “Goldenen Hahn”, auch anderswo wird man Bernd Kramer schmerzlich vermissen.

Christoph Ludszuweit, Berlin

Quelle: Berliner Zeitung, von Montag, 8. September 2014, S. 24.



Erinnerungen an Bernd Kramer von Edelbert Hackenberg

Habe Bernd Kramer über seinen Vater Gustav kennengelernt - damals in Remscheid Ende der 1950-ziger Jahre. Habe dann auch in seiner Zeitschrift "Das Experiment" (der Titel war ein Konterpart auf den damaligen Adenauer-CDU-Wahlkampfslogan "Keine Experimente") einen kritischen Artikel über die Zerstörung der Umwelt in Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn-Raststätte Remscheid geschrieben.

Mitte 1960 ging ich freiwillig mit 18 Jahren vorzeitig zur Bundeswehr - dies war die einzigste Möglichkeit (die Volljährigkeit lag damals bei 21 Jahre) der kleinbürgerlichen Enge meiner Familie zu entfliehen - mein Vater war zusammen mit Bernds Grossvater in der SA. Bernd hatte für meinen Schritt Verständnis - alle anderen aus unserem damaligen Dunstkreis nicht. Habe dann später 1967 Bernd in Berlin wieder getroffen - waren zusammen auf ner Party und im Anschluss auf dem Heimweg (zu Fuß) wurden wir von einer Polizeistreife aufgegriffen und einer Alkohol-Blutprobe zugeführt!? Zuletzt habe ich Bernd auf der Buchmesse Mitte der 1980-ziger Jahre getroffen - alle waren ziemlich besoffen. Seit 1989 lebe ich in Portugal und habe in den letzten Jahren mit Bernd ein paar Briefe ausgetauscht.

Hatte gerade eine eMail zum Jahresende an Bernd und Karin schicken wollen - kam als unzustellbar zurück. Über die danach erfolgte Recherche hab ich von seinem Tod erfahren und war gerührt.

Edelbert Hackenberg
Ourique/Portugal
solarrife@clix.pt


Das ist ja wie ein ganz schlechter Traum, dass nun auch Bernd nicht mehr unter uns ist! Von Gerhard Senft

Bernd Kramer und Maurice Schuhmann, einer der Autoren des Karin-Kramer-Verlages auf der Frankfurter Buchmesse 2007.

Vor wenigen Tagen, Anfang September, gab es in Wien eine Gedenkveranstaltung für Michail Bakunin anlässlich seines 200. Geburtstages. Als Einleitung las ich einen im Karin Kramer Verlag erschienenen und von Bernd Kramer herausgegebenen Text, wobei ich auf das Verlegerpaar noch kurz würdigend einging. Zu diesem Zeitpunkt lag aber der Gedanke fern von mir, dass uns Bernd so bald nach Karin verlassen würde. Seine oft vor Witz sprühenden Briefe haben nun für mich einen besonderen Stellenwert erhalten …

Sehr bedrückt

Gerhard Senft,
Wien 9. September 2014


Traurig, traurig... Von Gerald Grüneklee

Erst Karin, nun Bernd. Die Originale sterben aus, übrig bleiben die Erbsenzähler. Kleingeister statt Charakterköpfe. Öde wird die "Szene", trostlos. Die Nachricht erreicht mich 2 Tage nachdem ich Bernd noch eine mail schrieb mit einem Buchprojekt-/ Kooperationsvorschlag, nun mitten auf einem anarchistischen Sommercamp.

War dereinst bei Horst Stowasser kaum anders - der allerdings noch zum antworten kam. Einen Teil der Verlags- und Vertriebsarbeit scheint nun die Nachrufeschreiberei einzunehmen. Was für triste Zeiten. Ich trink´nen Schnaps auf Euch!

Viva la Anarchia!

Gerald Grüneklee / Der Ziegelbrenner (ehem. Anares),

Bremen, 7. September 2014


Wir sind bestürzt. Von Andreas W. Hohmann

Mit Bestürzung haben wir gerade den Tode von Bernd Kramer vernommen. Bernd war für uns nicht nur ein langjähriger Freund und ein verlegerisches Vorbild, sondern mit seinem Werk und seinem Leben ein Teil unserer politischen Sozialisation. So wie wir Karin, werden wir auch Bernd schmerzlich vermissen. Sie reißen eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann.

Wir werden an euch denken.

Verlag Edition AV
Andreas W. Hohmann

Lich, 6. September 2014


Fassungslos. Von Knobi

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen.

Eine schreckliche Mitteilung erreicht mich gerade von den FreundInnen, die sich um Bernd Kramer gekümmert haben.

Gestern, am Freitag, den 5.9.2014 gegen 22 Uhr ist unser Freund und Genosse Bernd Kramer im Krankenhaus, im Beisein einiger FreundInnen, friedlich gestorben.

Die Trauer wiegt schwer. In so kurzer Zeit, zwei so wunderbare Menschen, wie Karin und Bernd Kramer zu verlieren, ist fast unerträglich.

Unsere Gedanken sind im Moment bei Daniel Kramer und seiner Familie.

Fassungslos.

Knobi

Berlin, 6. September 2014


Werke (eine Auswahl)


Weblinks




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