Arthur Lehning

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Lexikon der Anarchie: Personen


Paul Arthur Lehning – bis zum Ende des II. Weltkrieges Arthur Müller-Lehning – geb.: 23. Oktober 1899 in Utrecht, Niederlande, gest. am 1. Januar 2000 in Lys St. Georges, Frankreich.



Inhaltsverzeichnis

Leben und politische Bedeutung

Lehning verbrachte die ersten fünf Lebensjahre in Elberfeld und zog mit seiner Familie 1905 in die niederländische Stadt Zeist.

Nach Abitur und Militärdienst studiert Lehning ab 1919 Wirtschaftswissenschaften in Rotterdam, arbeitet als Redakteur verschiedener Studentenzeitungen und kommt im gleichen Jahr in Kontakt mit den Schriften des russischen Anarchisten Michail Bakunin. Ein Jahr später wird er Vorstandsmitglied im Bund Revolutionär-Sozialistischer Intellektueller und lernt Bart de Ligt (1883-1938) kennen, einen der einflussreichsten Persönlichkeiten des revolutionären Antimilitarismus in Holland, der mit seinem 1917 geprägten Begriff der „geistigen Streitbarkeit“ – gemeint ist die auf Veränderung dringende Macht des menschlichen Geistes – die gewaltfreie Aktion vom Geruch der Passivität befreit hat.

Während der Fortsetzung seines Studiums in Berlin hört Lehning Vorlesungen des Ökonomen Werner Sombart und des ersten Lehrstuhlinhabers für Sozialgeschichte in Deutschland, Gustav Mayer. In Berlin trifft er den deutschen Anarchosyndikalisten Rudolf Rocker sowie die aus den Moskauer Gefängnissen entlassenen und nach Berlin emigrierten russischen Anarchisten, u.a. Alexander Berkman und Emma Goldman.

Seit Herbst 1922 arbeitet Lehning in Berlin als Vertreter und Korrespondent des Internationalen Antimilitaristischen Büros (IAMB), einer 1921 in Den Haag gegründeten und im wesentlichen auf Holland beschränkten Organisation zur Bekämpfung von Militarismus und Krieg, und im Komitee für die Verteidigung von in der Sowjetunion verfolgten Anarchisten und Sozialrevolutionären mit. Er ist sowohl auf dem Ende 1921 auf Initiative der [[Föderation Kommunistischer Anarchisten | Föderation Kommunistischer Anarchisten (FKAD) einberufenen internationalen Kongress wie auf dem ein Jahr später in Berlin stattfindenden Gründungskongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) anwesend.

In dieser Zeit beginnt Lehnings intensive theoretische und praktische Beschäftigung mit dem Militarismus und den Möglichkeiten, den nächsten Weltkrieg zu verhindern. 1924 erscheint seine Broschüre „Die Sozialdemokratie und der Krieg“, in der er in einem historischen Rückblick die sozialdemokratische Rechtfertigung von Verteidigungskriegen bis zu – Karl Marx' Haltung zum deutsch-französischen Krieg 1870/71 nachzeichnet. Demgegenüber arbeitet Lehning die anarchistische Tradition des Generalstreiks als Reaktion auf den Kriegsausbruch heraus, wie es schon die 1. Internationale in einer Resolution des Brüsseler Kongresses 1868 gefordert hatte.

1923 korrespondiert Lehning mit den auf der Festung Niederschönenfeld wegen ihrer Teilnahme an der Münchener Räterepublik inhaftierten Schriftstellern Erich Mühsam und Ernst Toller und hört Ende Juli Adolf Hitler in München.

1925 zieht er nach Paris, wo er u.a. Piet Mondrian und Georges van Tongerloo kennenlernt. 1926 besucht Lehning Ernst Bloch in Südfrankreich, trifft Walter Benjamin in Paris und plant mit dem Architekten J. J. P. Oud und dem Künstler Lászlò Moholy-Nagy die Gründung der internationalen Kulturzeitschrift „i 10“, in der alle neuen revolutionären Strömungen in Kunst und Politik zu Wort kommen. Der viersprachigen (Niederländisch, Deutsch, Englisch und Französisch) Zeitschrift ist nur eine kurze Dauer beschieden – von Januar 1927 bis Juni 1929 –, da sie aus Geldmangel ihr Erscheinen einstellen muss.

In „i 10“ schreiben die Dadaisten Hans Arp und Kurt Schwitters ebenso Artikel wie die Marxisten E. Bloch und W. Benjamin, die Architekten Le Corbusier und Gerrit Rietveld, die Anarchisten Max Nettlau, R. Rocker und Bart de Ligt, die Maler Wassily Kandinsky, P. Mondrian und El Lissitzky, der Schriftsteller Upton Sinclair, die Frauenrechtlerin und Sexualreformerin Helene Stöcker und v.a.m.

Durch den Abdruck offizieller Dokumente bzw. von Zeitungsartikeln – nach dem Vorbild Franz Pfemferts in der „Aktion“ z.Zt. des l. Weltkrieges – entlarvt Lehning die Widersprüche und Lügen der herrschenden Meinung. Die Zeitschrift „i 10“ bot sowohl den Anhängern der Verhältnisse in der Sowjetunion wie deren schärften Kritikern Raum, ohne dass die einzelnen Autoren – den Marxisten Emil Gumbel und Jan Romein standen die Anarchisten A. Berkman und Alexander Schapiro gegenüber – in ihren Beiträgen auf die der jeweiligen Gegenseite eingingen.

Anfang August 1926 wird Lehning in das Sekretariat der Internationalen Kommission (IAK) gewählt, die aus dem IAMB und der IAA gebildet wurde und in dem u.a. auch Albert de Jong und Augustin Souchy sitzen. Mit de Jong übernimmt Lehning die Redaktion des Pressedienstes der IAK, die Informationsmaterialien über die antimilitaristische Bewegung sammelt und an ca. 800 Zeitungen und Zeitschriften weitergibt. Der Pressedienst dient zudem der Aufdeckung der Kriegsursachen und -ziele bzw. der Täuschungsmanöver der sog. Abrüstungsverhandlungen. Im Februar 1927 vertreten Lehning und de Jong die IAK auf dem Gründungskongress der von Kommunisten – u. a. Willy Münzenberg – organisierten „Liga gegen den Imperialismus“ in Brüssel.

Daneben engagiert Lehning sich in der holländischen anarchosyndikalistischen Bewegung. Er ist Ende 1926 unter den Gründungsmitgliedern der„Gemengde Syndicalistische Vereniging“ (GSV), einer anarchosyndikalistischen Fraktion des „Nederlands Syndicalistisch Vakverbond" (NSV), der eher syndikalistisch ausgerichtet ist und seine politische Neutralität betont. Mit de Jong schreibt er im März 1928 einen „Offenen Brief an die Arbeiter der NSV“, in dem beide zur Gründung einer wirklich revolutionären syndikalistischen Gewerkschaft aufrufen. Diese wird am l. April 1928 als „Syndicalistisch Verbond van Bdrijfsorganisaties“ (SVB) mit der Zeitschrift „De Arbijd vrij“ unter der Redaktion von Lehning und de Jong ins Leben gerufen. Nachdem sich der SVB dem NSV Ende 1928 angeschlossen hatte, übernahmen Lehning und de Jong von 1933 bis 1936 die Redaktion der Wochenzeitung der NSV, „De Syndicalist“. Von 1932 bis 1936 leitet Lehning als Chefredakteur auch das theoretische Organ des NSV, „Grondslagen“.

Im November 1929 erscheint in der „Internationale", dem theoretischen Organ der „Freien Arbeiter Union Deutschlands" (FAUD), die erste Folge seiner Artikelserie „Marxismus und Anarchismus in der russischen Revolution“, in der sich Lehning mit der Geschichte der Russischen Revolution von 1917 und den theoretischen Grundlagen der Leninschen Staatstheorie auseinandersetzt. Dabei erinnert Lehning an die Mahnung Bakunins, dass jeder nach der Revolution errichtete Staat zu neuer Unterdrückung und Diktatur führe.

1932 wird Lehning in das Sekretariat der IAA gewählt, in dem außerdem Eusebio Carbö, R. Rocker, A. Schapiro und A. Souchy vertreten sind. Zwischen 1932 und 1936 ist er nicht nur als Vertreter der IAA auf den Kongressen der spanischen anarchosyndikalistischen Gewerkschaft CNT (Confederación Nacional del Trabajo) anzutreffen, sondern diskutiert in Vorträgen und Artikeln die Möglichkeiten einer Revolution in Spanien. Im Sommer 1935 besucht er die bekannten spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti und Aurelio Fernández im Gefängnis.

Gleichzeitig engagiert sich Lehning gegen die drohende Kriegsgefahr und den Faschismus. Ende August 1932 wird er auf einem von W. Münzenberg organisierten Kongress gegen den imperialistischen Krieg in Amsterdam von Anhängern der Komintern beim Verteilen eines von IAA und IAMB verfassten Manifestes tätlich angegriffen. Im Februar 1933 kann er bei seiner Flucht vor den Nazis die Bibliothek des Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in Sicherheit bringen.

Mitte der 30er Jahre kommt es zu einem Bruch in Lehnings praktischem Engagement für den [[Anarchosyndikalismus | Anarchosyndikalismus. Gezwungenermaßen – als Ausländer darf er sich in Holland nicht politisch betätigen – legt er 1934 und 1935 seine Ämter bei der IAK und der IAA nieder. Anfang 1936 gibt er seine Funktionen in der holländischen anarchosyndikalistischen Bewegung auf. Sein letztes praktisches Eingreifen führt ihn im Oktober 1936 nach Spanien, wo er als inoffizieller Vertreter der IAA vergeblich versucht, in Gesprächen mit führenden spanischen Anarchisten – u. a. Federica Montseny und Diego Abad de Santillán – die Bürokratisierung bzw. Zerschlagung der Sozialen Revolution zu verhindern.

Die weitere Entwicklung in Spanien – Wiedereinsetzung der alten Behörden, das Ende der Sozialen Revolution, der Eintritt der vier anarchistischen Minister in die Volksfrontregierung am 4. November 1936 – und der Sieg des Faschismus in Italien und Deutschland dürften Lehnings Abschied vom praktischen anarchosyndikalistischen Engagement erleichtert haben. Fortan widmet er sich der Sozialgeschichte, u.a. den diversen Vorläuferorganisationen der I. Internationale und dem „größten Konspirator seiner Zeit“ (so M. Bakunin) – Filippo Buonarroti. Dieser war nicht nur an der gescheiterten Verschwörung François-Noël Babeufs 1796 beteiligt bzw. initiierte zwischen 1797 und 1837 mehrere europaweit tätige geheime Gruppen, sondern begründete mit der Theorie der revolutionären Übergangsdiktatur die jakobinisch-sozialistische Tradition von A. Blanqui über K. Marx bis Wladimir I. Lenin.

Um die Jahreswende 1935/36 wird er Mitarbeiter des von ihm mitgegründeten „Internationalen Instituts für soziale Geschichte“ (IISG) in Amsterdam. Durch seine Vermittlung erwirbt das IISG die Sammlung des anarchistischen Historikers M. Nettlau, darunter die von James Guillaume – Weggenosse M. Bakunins – begonnene Ausgabe der Werke M. Bakunins.

Im Auftrag der IISG zieht Lehning im April 1939 nach Oxford, um dort eine englische Filiale des IISG aufzubauen. Nach dem Ende seiner Internierung im Juni 1941 ist er abwechselnd in der niederländischen Abteilung der BBC, im britischen Außenministerium und für das US-Kriegsinformationsministerium in London tätig. 1947 erhält er die britische Staatsangehörigkeit, besucht in Neapel die Tochter M. Bakunins und geht im Oktober zum IISG nach Amsterdam zurück.

Im Februar 1952 fährt er nach Indonesien, um in Jarkarta eine Bibliothek für Soziale Geschichte aufzubauen, deren ca. 15.000 Titel Lehning in Reisen durch ganz Europa zusammengekauft hat. Von 1954 bis 1957 lehrt er an der Universität Jarkarta.

Nach den 1957 begonnen Vorarbeiten erscheint 1961 der 1. Teil des „Archives Bakounine“, einer bis 1981 auf sieben Bände angewachsenen Sammlung der Schriften M. Bakunins, die Lehning auf seinen Reisen nach Italien, Frankreich, USA und Moskau (1968!) zusammentrug. Die im „Archives Bakounine“ wiedergegebenen Texte sind nach Themen geordnet und von Lehning mit ausführlichen Anmerkungen versehen.

1972 publizierte er in „La Grande Encyclopédie“ (Paris, Librairie Larousse) den Beitrag „Mikhail Aleksandrovitch Bakounine“. In den 1960er und 70er Jahren hält Lehning in der ganzen Welt Vorträge über Bakunin und Anarchosyndikalismus und nimmt an Colloquien teil, so 1964 in Paris über die I. Internationale und 1971 in der gleichen Stadt über die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiernde Pariser Kommune. Er hält Vorlesungen – u.a. 1961 an der Universität Leiden über „Der Marxismus in der Entwicklung der sozialen Ideen des 19. Jahrhunderts und des Sozialismus im 20. Jahrhundert“ – und besucht internationale historische Kongresse.

1976 wird ihm von der Universität Amsterdam der Titel eines Ehrendoktors für soziale Wissenschaften verliehen.

Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten schreibt er in der niederländischen Presse über tagespolitische Ereignisse – wie den Ungarnaufstand 1956 – und unterstützt 1966 einen Aufruf für einen stummen Protestmarsch gegen den Vietnamkrieg. Außerdem verfasst Lehning Aufsätze zur Malerei, Architektur und Literatur, Buchrezensionen und Nachrufe auf verstorbene Persönlichkeiten der anarchistischen Bewegung, wie 1950 auf M. Nettlau.

Obwohl Lehnings öffentliche Stellungnahmen eher pessimistisch gestimmt sind – „Ich habe den Eindruck, als ob die ganze Bevölkerung gedopt ist“ (in einem Interview 1969) – hält er an der Möglichkeit einer von Staat und Kapital befreiten Gesellschaft fest. Als ein Mittel auf dem Weg zu dieser libertären Gesellschaft sieht er den Zivilen Ungehorsam, der an die Stelle des früher von Anarchosyndikalisten propagierten Generalstreiks getreten sei.

Eigene Theoriebildung

Der Hauptakzent von Lehnings anarchosyndikalistischer Praxis zwischen den beiden Weltkriegen lag bei der Bekämpfung der drohenden Kriegsgefahr. In Artikeln für u.a. „De Syndicalist“, „Der Syndikalist“, „De Wapens Neder“ („Die Waffen nieder“; Organ der Internationalen Antimilitaristischen Vereinigung in Holland, IAMV) und im Pressedienst der IAK beschäftigte er sich mit der Analyse der Kriegsursachen, dem Stand der Kriegstechnik, dem Militarismus und den Möglichkeiten der Arbeiter, den Krieg zu verhindern.

Die Weltwirtschaftskrise 1929 ff. sah Lehning als „Vorspiel“ des Krieges, der für die Herrschenden auch die Funktion einer Lösung dieser bis dahin schwersten Krise des Kapitalismus hätte. Die Militarisierung des Krieges, die Rolle des Öls als Treibstoff für Panzer und Flugzeuge, die Entwicklung der chemischen Industrie, insbesondere der chemischen Waffen (Giftgas) ginge einher mit der Heranziehung der gesamten Produktion eines Landes zur Kriegsvorbereitung. Diese Industrialisierung des Krieges hätte einerseits eine Veränderung der Kriegsziele zur Folge. Nicht mehr der Kampf Armee gegen Armee stünde im Vordergrund, sondern das Ausschalten der ökonomischen Zentren des Feindes durch mit Giftgas und Brandbomben ausgerüstete Flugzeuge, die zudem die gegnerische Bevölkerung in Panik versetzen sollten.

Andererseits erleichterte die Umstellung der Industrie auf Kriegsproduktion die Gegenwehr der Arbeiterklasse. Durch „industrielle Dienstverweigerung“ – eine Ausdehnung der individuellen militärischen Dienstverweigerung auf den Bereich der Industrieproduktion – sollten die ökonomischen Zentren der Kriegsproduktion lahmgelegt werden. Lehning forderte die Bildung von Fabrikkomitees, die schon in Friedenszeiten die Umstellung der Produktion für die Erfordernisse des Krieges untersuchen und Maßnahmen dagegen vorbereiten sollten. In bestimmten Industriezweigen – wie der Flugzeug- oder der Gasmasken produzierenden Metallindustrie – sollten die Arbeiter aus Protest gegen die Kriegsproduktion streiken und somit ihre Entschlossenheit demonstrieren, bei Kriegsausbruch in den Generalstreik zu treten.

Der von Lehning zur Verhinderung des Krieges vorgeschlagene Generalstreik des Proletariats aller kriegführenden Nationen erforderte die Überwindung des „passiven Militarismus“ – von Lehning definiert als die tatenlose Hinnahme der Aufrüstung durch die Bevölkerung – und sollte die Soziale Revolution einleiten, die mit der Vernichtung von Kapital und Staat auch den Militarismus und die Kriegsursachen beseitigen würde. Die selbständig – ohne Anweisungen irgendwelcher Führer oder Parteien – handelnden Arbeiter hätten mit der Durchführung des Generalstreiks nicht nur den durch blinde Unterwerfung gekennzeichneten Geist des Militarismus überwunden, sondern gleichzeitig jene ethisch-moralische Gesinnung an den Tag gelegt, die für Lehning ein unentbehrlicher Bestandteil der neuen libertären Gesellschaft ist. „Nur eine Revolutionierung des gesamten Lebens, eine Umwertung aller menschlicher Werte, nur eine revolutionäre Krise, die die Menschheit auf eine höhere Stufe der Kultur bringt, kann den sonst sicheren Untergang vermeiden“ (Lehning: Dienstverweigering en Oorlogsverhindering, in: De Wapens Neder, Februar 1927).

Die mit dem weitgehend gewaltfreien Mittel des Generalstreiks erreichte anarchistische Gesellschaft stellt für Lehning durch den Verzicht auf militärische Mittel seitens der Arbeiter das Erklimmen einer höheren Stufe der menschlichen Natur dar, da sich das Proletariat nicht auf dieselbe Ebene brutaler Menschenvernichtung eingelassen hätte wie die kriegführenden Parteien. Lehning war kein dogmatischer Verfechter der Gewaltlosigkeit – er schloss, wie die Prinzipienerklärung der IAA, Gewalt bei einer Revolution nicht aus –, sondern argumentierte pragmatisch – in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Anarchosyndikalismus – für die Anwesenheit des Ziels in den Mitteln.

Einerseits stand er mit dieser Konzeption des Zusammenfallens der Kriegsverhinderung mit der Revolution in der anarchistischen Tradition eines Siegfried Nacht (Pseudonym: Arnold Roller), der die Ideen des revolutionären Syndikalismus um die Jahrhundertwende in Deutschland verbreitet hatte. Andererseits konnte er auf einen spezifischen holländischen Antimilitarismus zurückgreifen, der unabhängig von Mahatma Gandhi eine eigene Theorie der gewaltfreien Aktion entwickelt hat. Schon gegen Ende des I. Weltkrieges propagierten die Anarchisten Clara Meijer-Wichmann und Bart de Ligt die Gewaltfreiheit als aktive Form sozialen Handelns.

Konsequenterweise traten Lehning und sein Mitstreiter A. de Jong in der nach dem 3. Kongress der IAA 1928 in Lüttich geführten Debatte (s. Anti-Militarismus) über die Art und Weise der Verteidigung einer siegreichen Revolution für gewaltfreie Aktionen ein. Während der Franzose Lucien Huart von der Confédération Générale du Travail Socialiste-Révolutionnaire (CGTSR) im IAK-Pressedienst für den Aufbau revolutionärer Milizen plädierte, argumentierten Lehning und de Jong gegen die mit dem Aufbau einer militärischen Verteidigung einhergehende politische Zentralisierung, die unweigerlich zu einer neuen Diktatur führen würde.

Das Ziel der Übernahme der Ökonomie durch die Arbeiterklasse werde am wirkungsvollsten durch die weitgehend gewaltfreien ökonomischen Kampfformen der Arbeiter erreicht. Des weiteren lehnten die beiden Niederländer den Einsatz bürgerlicher Kriegsmittel wie Maschinengewehre, Panzer, Flugzeuge und Giftgas aus menschlich-moralischen Gründen ab. Bei einer militärischen Intervention nach der siegreichen Revolution müsse das Proletariat die militärische Besetzung des Landes durch ökonomische Mittel und passiven Widerstand ( Streik, Steuerverweigerung, Boykott, Non-Kooperation) bekämpfen.

Auf dem 5. Kongress der IAA 1935 in Madrid wurde, nicht zuletzt angesichts des Faschismus in Deutschland und Italien, die Möglichkeit der Bewaffnung des Proletariats erwogen, während ein holländischer Antrag über die gewaltfreie Verteidigung der Revolution nicht einmal zur Abstimmung kam. Damit blieben Lehning und de Jong mit ihren theoretischen Auffassungen über die Verteidigung der Revolution in der Minderheit, aber ihre Ausführungen schlössen nicht nur eine Lücke in der revolutionären Theorie – wie soll sich die Revolution verteidigen? –, sondern „leisteten einen innovativen Beitrag zur Theorie der gewaltlosen Konfliktaustragung überhaupt“ (Gernot Jochheim: Arthur Lehnings Beitrag zur Theorie einer gewaltlosen Verteidigung von revolutionären Gesellschaftsprozessen, S. 29-44, 30, in; Anarchismus in Kunst und Politik).


Stellenwert Lehnings innerhalb des libertären Spektrums

Lehnings Bedeutung für die anarchistische Bewegung besteht in seinem konsequenten Festhalten an der Vorwegnahme des Ziels einer libertären Gesellschaft in den Mitteln. Mit weitgehend gewaltlosen Mitteln sollen die in direkten Aktionen gegen das Kapital und den Staat erfahrenen Arbeiter die Leitung der Ökonomie in der libertären Gesellschaft übernehmen. Die gewaltlose Verteidigung der libertären Gesellschaft stellt die eigentliche Leistung Lehnings nicht nur für die anarchistische Bewegung dar.

Mit der Herausgabe der internationalen Kulturzeitschrift „i 10“ verfolgte Lehning nicht zuletzt – neben der Zusammenführung aller Avantgardeströmungen Ende der 20er Jahre – das Ziel, jene innere Revolutionierung des Menschen einzuleiten, seine moralische und kulturelle Weiterentwicklung, die für den Aufbau einer libertären Gesellschaft unverzichtbar ist.

Die von Lehning nach dem Ende seiner aktiven anarchosyndikalistischen Phase herausgegebenen sieben Bände des „Archives Bakounine“ – er gab die Herausgebertätigkeit in den 90er Jahren auf – sind für die libertäre Bewegung und jeden historisch interessierten Menschen von unschätzbarem Wert.

Autor: Johannes Hilmer

Literatur und Quellen: Werke

Eine von Maria Hunink zusammengestellte Bibliographie der Texte Lehnings findet sich in: A. Lehning, Amsterdam, 8. Januari 1976, Amsterdam 1976, S. 33-84; diese Bibliographie wird fortgesetzt und ergänzt in: Over Buonarroti, internationale avant-gardes, Max Nettlau en het verzamelen van bocken, anarchistische ministers, de algebra van de revolutie, schilders en schrijvers, Redaktion: Maria Hunink, Jaap Kloosterman u. Jan Rogier, Baam 1979, S.503-514.

Texte Lehnings gegen Militarismus und Kriege:

  • A. Lehning: Die Sozialdemokratie und der Krieg, der revolutionäre Antimilitarismus in der Arbeiterbewegung, Berlin 1924
  • A. Lehning: Die IAA und der Kampf gegen Militarismus und Krieg, in: Die IAA – Geschichte der Internationalen Arbeiter-Assoziation, Berlin 1980, S. 23-29.
  • Texte Lehnings zur gewaltlosen Verteidigung der Revolution finden sich im Internationalen Antimilitaristischen Pressedienst, hg. von der IAK, Den Haag u. Haarlem. Nr. 27, 61 u. 77.
  • Weitere Schriften: A. Lehning: Marxismus und Anarchismus in der russischen Revolution, 2. Aufl., Berlin 1971 (ursprünglich 1929/30 in der "Intemationale", Organ der FAUD)
  • A. Lehning: Deux lettres inédits de Proudhon, Amsterdam 1950
  • A. Lehning (Hg.): Archives Bakounine, Vol. I-VII (s. M. Bakunin)
  • A. Lehning: De draad van Ariadne, Essays en Commentaren, Bd. I, Amsterdam 1966
  • A. Lehning: From Buonarroti to Bakunin, studies in international socialism, Leiden 1970
  • A. Lehning (zus.gest. u. eingel.): Michael Bakoenin over anarchisrne, Staat en diktatuur. Den Haag 1970
  • A. Lehning (ed. and introduced): Michail Bakunin, Selected writings, London 1973
  • A. Lehning: Anarchismus – Prinzip des gesellschaftlichen Lebens, in: A. Lehning /R. d. Jong /Y. Bourdet: Marxismus und Anarchismus, Bd. 2: Ich will weder befehlen noch gehorchen, Berlin 1975, S. 9-30
  • A. Lehning (eingel.): Michael Bakoenin's biecht uit de Peter en Pauls Vesting te St. Petersburg aan tsaar Nikolaas I., Amsterdam 1976
  • A. Lehning: Michail Bakunins Sozialpolitischer Briefwechsel, v. Lehning eingel, u. mit dem Essay „Michael Bakunin und die Geschichtsschreibung“ (S. 7-48) versehen, Berlin 1977
  • A. Lehning: lthaka, Essays en Commentaren II, Baarn 1979
  • A. Lehning: Prometheusen het recht van opstand, Essays en Commentaren III, Baarn 1987
  • A Lehning (ges. u. eingel.): Unterhaltungen mit Bakunin, Nördlingen 1987
  • A. Lehning: i 10, Kraus Reprint, Paperbackedition 1979.
  • A. Lehning; Spanisches Tagebuch & Anmerkungen zur Revolution in Spanien. Berlin 2007

Quellen

Texte über Lehning:

  • H. Baumann / F. Bulhof / G. Mergner (Hg.): Anarchismus in Kunst und Politik, zum 85. Geburtstag von Arthur Lehning, Oldenburg 1985
  • T. v. Helmond / J. J. Oversteegen (Red.): Vor Arthur Lehning, Over Anarchisme, Anarchosyndikalisrne en Architectuur, Bakoenin, Brenan, Benjamin en Bloch, Debrot, Duiker en De Ligt, Engeland en het Eiland Man, Malevich, Mondriaan en Monet, Spanje, Schuitema en Zwart, Maastricht 1989
  • T. v. Helmond: i 10, Sporen van de avand-garde, Heerlen 1994
  • J. Hilmer: Arthur Lehning – ein Anarchist wird 90, in: taz v. 23.Okt. 1989
  • G. Jochheim: Arthur Lehnings Beitrag zur Theorie einer gewaltlosen Verteidigung von revolutionären Gesellschaftsprozessen, in: H. Baumann / F. Bulhof / G. Mergner (Hg.): Anarchismus in Kunst und Politik, Arthur Lehning zum 85. Geburtstag, Oldenburg 1985, S. 29-44


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

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