Wir empfehlen:


Leo Nikolajewitsch Tolstoi

Aus DadAWeb
(Weitergeleitet von Tolstoi, Leo N.)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Lexikon der Anarchie: Personen


Leo N. Tolstoi (1828-1910)

Leo Nikolajewitsch Tolstoi (russ.: Лев Николаевич Толстой) , geb.: 28. August 1828 auf dem Bauerngut und Landsitz „Jasnaja Poljana“ (Lichte Wiese), Gouvernement Tula (südlich von Moskau) als viertes von fünf Kindern des Grafen Nikolai I. Tolstoi und seiner Frau, der Fürstin Maria N. Tolstaja, geb. Wolkonskaja; gest.: 7. November 1910 (20. November neuen Stils), Bahnstation Astapowo.


Äußere Daten, Publizistik und politische Entwicklung

Der russische Graf Tolstoi ist in erster Linie als einer der großen Schriftsteller mit Weltrang aus dem 19. Jahrhundert bekannt. Mit seinen Romanen wie „Krieg und Frieden“ (1865-1869), „Anna Karenina“ (1875-1878) oder „Auferstehung“ (1889-1899) sowie Erzählungen wie die „Kreuzersonate“ (1888-1890) schuf er sich einen unvergessenen Platz in der Weltliteratur.

Auf dem Höhepunkt seines literarischen Ruhmes, Ende der 1870er Jahre, kommt es zur „Umkehr“ und einer folgenreichen religiösen Krise in seinem Leben.

Tolstoi der aus einer alten russischen Adelsfamilie stammt, hätte bereits in jungen Jahren eine glänzende Karriere am Hofe des Zaren wählen können, entschied sich aber bereits als Student für einen ungewöhnlichen und eigenwilligen Lebensweg.

Beseelt von den Ideen Jean-Jacques Rousseaus, versucht er als Zwanzigjähriger soziale Reformen für die leibeigenen Bauern auf seinem Landsitz „Jasnaja Poljana“ zu realisieren, den er von seinen früh verstorbenen Eltern erbt, und gründete 1849 eine Schule für Bauernkinder.

Auch während seiner Militärzeit, die er als Freiwilliger bei einer einfachen Einheit – und keinem Garderegiment, wie für einen Adligen seines Ranges üblich – im Kaukasus und später auf der Krim 1851 bis 1855 verbringt, zeigt sich seine ungewöhnliche Persönlichkeit: Es entstehen seine ersten literarischen Werke, die ihn sofort bekannt machen. Die früheste Veröffentlichung, der erste Teil seiner autobiographischen Trilogie „Kindheit, Knabenalter, Jugendzeit“, erscheint 1852 in der Literaturzeitschrift „Sowremennik“. Es folgen u. a. die Erzählungen „Der Überfall“ (1852) sowie drei „Sewastopoler Erzählungen“ (1855), die Motive aus seiner Armeezeit verarbeiten.

Als Tolstoi im September 1862 Sofia Andrejewna Bers, Tochter eines Hofarztes im Moskauer Kreml, heiratet, kann er bereits auf den Beginn einer Karriere als erfolgreicher Schriftsteller zurückblicken und – was in unserem Zusammenhang von Interesse ist – ebenfalls auf ein erfolgreiches gesellschaftliches Experiment: 1859 gründet er zum zweiten Mal eine Alternativschule in „Jasnaja Poljana“, unternimmt 1860 eine ausgedehnte Europareise, auf der er intensiv das westliche Bildungssystem studiert und kehrt 1861 mit neuen Impulsen aus den erlebten negativen Beispielen und Eindrücken zurück. Er gründet eine eigene pädagogische Zeitschrift (dt. 1980, 1985) und kann weitere „Tolstoi-Schulen“ initiieren. Schließlich „muss“ er jedoch – nicht zuletzt auf äußeren Druck hin – 1862 seinen Reformversuch beenden. Dieses dreijährige Schulexperiment zählt zu einem Klassiker freiheitlicher Reformpädagogik, das bis heute seine Wirkung hinterlassen hat und u. a. Pate für die New Yorker „First Street School“ von George Dennsion von 1964/65 stand, die zum Ausgangspunkt einer neuen Alternativschulbewegung wurde.

Nach diesen äußerst intensiven Jahren einer pädagogischen Beschäftigung zieht er sich ab Mitte der 1860er Jahre – u. a. auf Drängen seiner Frau – aus dieser öffentlichen Arbeit zurück und widmet sich wieder verstärkt seinem literarischen Schaffen. Im Mittelpunkt steht die Arbeit an seinem Geschichtsroman „Krieg und Frieden“. Bevor er ab 1873 an die Arbeit seines großen Familienromans „Anna Karenina“ geht, deren erste Teile 1875 in einer Zeitschrift erscheinen, bringt er 1872 eine Grundschulfibel (dt. 1968) heraus, die in den kommenden Jahren zu einem weit verbreiteten Schulbuch avanciert.

Gegen Ende der 70er Jahre beginnt jene religiöse und biographische Krise, die Tolstoi s Leben grundlegend verändern wird.

Er stellt von nun an seine ganze Kraft in den Dienst der Menschheit, ist ergriffen von der Idee einer urchristlichen Revolution und kämpft gegen die Dogmen und Hierarchien von Kirche und Staat.

Die Bergpredigt wird für ihn zum Manifest und Ausgangspunkt seiner Gesellschafts- und Kirchenkritik. Er stellt das Gebot vom „Nichtwiderstreben dem Bösen mit Gewalt“ in der Vordergrund und macht das Individuum zum Verantwortlichen für die eigene und gesellschaftliche Entwicklung. Publizistisch äußert sich dieser biographische Bruch erstmals in seinen Schriften „Meine Beichte“ (russisch: 1882, erstmals publiziert in deutscher Sprache 1885, hier 1990).

1881 zieht Tolstoi nach Moskau, kauft dort ein Haus und nimmt 1882 in einem Armenviertel Moskaus an der Volkszählung teil, die seine Kritik an der weltlichen Ordnung verstärkt und zu einer Reihe von politischen Traktaten führt.

1884 gründet er den Verlag „Posrednik“ (Der Mittler), um in billigen Massenauflagen seine und andere Werke russischer Autoren einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Tolstoi wird mehr und mehr zum Anwalt des Volkes und vor allem der Bauern, vertieft sich in deren Kultur und vollendet eine Reihe von Volkserzählungen (z. B. „Der Leinwandmesser“, 1885; „Der Tod des Iwan Illich“, 1886; vgl. hierzu auch Tolstoi 1976).

Sein bekanntestes Volksdrama, „Die Macht der Finsternis“, wird 1888 in Paris uraufgeführt (deutsche Uraufführung 1890 in Berlin). Außerdem entsteht seine berühmteste Erzählung, „Die Kreuzersonate“ (1890). Innerfamiliäre Konflikte, vor allem mit seiner Frau verstärken sich; Tolstoi fasst erstmals den Plan, seine Familie und Jasnaja Po1jana zu verlassen und verzichtet öffentlich auf sein Eigentum.

Diese 1880er Jahre werden für Tolstoi zu einer äußerst arbeitsintensiven, ereignisreichen und belastenden Zeit, die ihm weltweit ein neues Profil geben: Er wird zum Staatsgegner erklärt, wird von der Polizei verstärkt bespitzelt, kann jedoch andererseits aufgrund seiner Popularität keinen offenen Sanktionen ausgesetzt werden – sieht man von Zensurmaßnahmen ab, die in vielen Fällen von ihm unterlaufen werden können. Sein Landsitz „Jasnaja Poljana“ wird zum Mekka der entstehenden Tolstoibewegung.

Tolstoi hat Ende der 1880er Jahre sein neues Bewusstsein gefestigt und popularisiert gefunden. Sein Weg und sein Ziel für die Zukunft sind definiert.

In diesem Sinne weist sein Leben und sein Werk in den folgenden 20 Jahren bis zu seinem Tod 1910 eine hohe Kontinuität auf. Als der „Weise von Jasnaja Poljana“ und das „Gewissen Rußlands“ findet Tolstoi eine neue Identität und wird zum Verkünder und Prophet einer gewaltfreien Revolution.

1891 leitet er die Hilfsaktionen gegen die Hungersnot im Gouvernement Tula. Im selben Jahr überträgt er die Rechte auf seine verschiedenen Werke bis 1881 auf seine Familie und gibt alle anderten Veröffentlichungen von ihm frei.

In den 1890er Jahren, beschäftigt er sich intensiv mit der Kunsttheorie und veröffentlicht eine Reihe von Schriften zur Ästhetik (L. N. Tolstoi 1980).

Sein erster Biograph, der deutsche Raphael Löwenfeld, veröffentlicht 1892 die erste Biographie über Tolstoi und bringt von 1901-1911 die bislang umfangreichste deutsche Gesamtausgabe der Werke Tolstois im Verlag Eugen Diederichs (Jena) heraus.

1901 wird er vom Heiligen Synod exkommuniziert.

Zahlreiche weitere Erzählungen und auch seine sozialpolitischen und religionskritischen Schriften finden eine immer größere Verbreitung (Auswahlbibliographie vgl. L. N. Tolstoi 1983, S. 190-196). Tolstoi wird Ende des 19. Jahrhunderts weltweit zu einem der populärsten Schriftsteller und Sozialkritiker und erreicht mit seinen politischen und religiösen Traktaten ein Millionenpublikum. Zu seinen wichtigsten sozialpolitischen Schriften der letzten Jahre gehören u. a. „Du sollst nicht töten“ (1900), „Patriotismus und Regierung“ (1900), „Eines tut not. Über die Staatsmacht“ (1905) und vor allem „Die Sklaverei unserer Zeit“ (1900) (vgl. hierzu auch den Sammelband, herausgegeben von P. Urban: L. N. Tolstoi, 1983).

Zum literarischen Meisterwerk seiner späten Jahre wird sein Roman „Auferstehung“ (1899), in dem er die Zerrissenheit und Sinnfrage des Menschen charakterisiert. 1909 verfasst er seine legendäre „Rede gegen den Krieg“, die er auf dem Friedenskongress in Stockholm hätte halten sollen, jedoch abgesagt werden musste.

Gleichsam auf der „Flucht“ vor der Gesellschaft stirbt er an den Folgen einer Lungenentzündung in der Wohnung des Bahnhofsvorstandes von Astapowo, einem kleinen Dorf im mittelrussischen Gouvernement Tambow und wird am 22. November 1910 im Park von Jasnaja Poljana unter großer öffentlicher Anteilnahme begraben.


Der Anarchismus der Bergpredigt

Wenn er zum Kern seiner Erkenntnis- und Gesellschaftskritik ab Ende der 1870er Jahre die Bergpredigt (Matthäus, Kap. 5-7) macht, dann geschieht dies nicht aus dem Bewusstsein der Einmaligkeit und Originalität dieser Gedanken heraus. Es geht ihm nicht primär um das Christentum, sondern, wie er auch später immer wieder betont, um die Universalität des Gesetzes der Liebe. Für ihn bedeutet die Bergpredigt lediglich der persönliche Zugang zu dieser universellsten menschlichen Wahrheit.

Tolstoi wehrt sich in diesem Sinne auch gegen die Messianität der Gestalt Christi und der ihm zugeschriebenen Erlöserfunktion. Erlösung ist kein Vorgang des Glaubens. Nur die Erkenntnis, das Streben danach, d. h. das Einswerden des persönlichen Ich mit dem Göttlichen, führt zum Ziel, dem Weg der Liebe.

Aus diesem Blickwinkel arbeitet Tolstoi eine neue Sicht der Bergpredigt heraus, die bewusst gegen die Vorstellungen der christlichen Kirchengerichtet ist. Christus ist weder der Erlöser der Menschheit, noch Gottes Sohn, noch ist Gott als ein persönlicher zu verstehen. So ist Tolstois Vision eines Gottesreiches auf Erden auch nichts Jenseitiges. Es bedeutet vielmehr die irdische Teilhabe am göttlichen Wesen – an der Liebe.

Tolstoi propagiert statt politischer Ziele die individuelle Vervollkommnung, propagiert statt Gewalt die Verweigerung und versteht seine Revolutionsidee nicht als eine proletarische und klassengebundene, sondern als eine Menschheitsbewegung. Diese Elemente seiner Gesellschaftskritik basieren auf der Interpretation der Bergpredigt, die sich für ihn in fünf zentralen Geboten kristallisieren: „- Du sollst nicht mit deinem Bruder zürnen; - du sollst dich unter keinem Vorwande von deinem Weibe scheiden; - du sollst niemanden einen Eid leisten; - du sollst nicht widerstreben dem Uebel; - du sollst auch deine Feinde lieben; d. h. diejenigen, die nicht deine Volksgenossen sind“ (L. Tolstoi 1885, S. 79-124). Vier religiös-politische Grundsätze, die sich daraus ableiten lassen, bestimmen seine gewaltfreie Gesellschaftskritik und -vision: - Religion ist keine Angelegenheit des Glaubens, sondern der Vernunft; - zum anthropologischen Grundgesetz der Menschheit wird das Gesetz der Liebe; - im Vordergrund der revolutionären Strategie steht die Verweigerung und Gewaltfreiheit; abgelehnt wird jegliche Gewaltanwendung; - statt einer politisch-gesellschaftlichen Revolution muss das Ziel die individuelle Vervollkommnung sein.


Tolstois Revolutionsbegriff

Den Begriff der politischen Revolution ersetzt er durch 1) Aufklärung, d. h. die Veränderung der öffentlichen Meinung über das Bewusstsein 2) Verweigerung, d. h. den gewaltfreien Widerstand gegen Herrschafts- und Gewaltansprüche sowie 3) Selbstvervollkommnung, was für Tolstoi soviel bedeutet wie die Veränderung der Lebensauffassung im Sinne der Gebote der Bergpredigt.


Tolstois Gesellschaftskritik

Wenn wir auf der Grundlage dieser Analyse Tolstoi s Weltbild nach der Bedeutung gesellschaftlicher Institutionen wie Recht, Eigentum und Staat befragen, dann ergibt sich nach Paul Eltzbacher (1900) folgendes Bild: - Ein staatliches Rechtssystem ist Ausdruck von Gewalt und widerspricht dem Gesetz der Liebe. Tolstoi. verwirft alle Normen und Werte, die auf dem Willen von Menschen beruhen und durch Gewalt (z. B. Gefängnis, Bußgelder, etc.) aufrechterhalten werden. Statt einem Rechtssystem, das, abgesehen von seinem Gewalt- und Herrschaftscharakter, auch niemals Ausbeutung, Sklaverei und Herrschaftsmissbrauch dauerhaft verhindern kann, ist es vielmehr nötig, das Gebot Christi vom Gesetz der Liebe als Rechtsnorm zu verwirklichen. - Ähnlich verhält es sich beim Eigentum, das ebenfalls nach Tolstoi gegen das Gesetz der Liebe verstößt und Gewalt sowie Herrschaftsverhältnisse zur Folge hat und fördert. Tolstois Ziele sind die Güterverteilung sowie die Schaffung von Besitzverhältnissen entsprechend individuellen Bedürfnissen. - Auch der Staat, der ausbeuterische Rechts- und Eigentumsverhältnisse legitimiert – und dazu gehören alle bekannten Formen, einschließlich republikanische – ist für Tolstoi Ziel seiner Kritik. Das ursprüngliche Christentum selbst ist für ihn antistaatlich. Staatsgewalt, gleichgültig von wem sie ausgeht, ist eine Form gesellschaftlicher Entartung und Sittenlosigkeit. Der Staat wird zum Götzen, der sich nur durch sein Monopol von Macht und Herrschaft aufrechterhalten kann.


Tolstois Stellenwert innerhalb des libertären Spektrums

Tolstoi als einen Anarchisten zu beschreiben, fällt einerseits nach der Analyse seiner Veröffentlichungen nicht schwer, andererseits verwendete er für sich selbst diese Bezeichnung nie. Im Gegenteil: Er stand der anarchistischen Bewegung, so wie er sie Ende des 19. Jahrhunderts auf Grund einer Welle terroristischer Aktionen, die mit Anarchisten in Zusammenhang gebracht wurden, wahrnahm, ablehnend gegenüber.

In sein Tagebuch notiert er am 13. Juni 1910: „Die Lehre der ich lebe, ist nicht Anarchismus. Sondern Erfüllung des ewigen Gesetzes, das Gewalt und Beteiligung an Gewalt verbietet“ (L. Tolstoi 1978, 3. Bd., S. 287).

Tolstoi sucht andererseits aber auch das Gespräch mit Anarchisten. So etwa während seiner zweiten Europareise 1860/61, als er Alexander Herzen und Pierre-Joseph Proudhon in London und Brüssel besucht. 1881 nimmt er außerdem Kontakt zu der in Russland lebenden Familie von Michael Bakunin auf.

Tolstoi kennt die Schriften von Peter Kropotkin und Bakunin und für den 22. August 1907 lesen wir in seinem Tagebuch: „Kropotkin über Kommunismus gelesen. Gut geschrieben und gute Motivation, aber von verblüffender innerer Widersprüchlichkeit: Um die Gewaltherrschaft der einen über die anderen zu beenden, soll Gewalt angewendet werden. Die Aufgabe lautet, wie läßt sich dies bewirken, daß die Menschen nicht zu Egoisten und Gewalttätern werden. Nach ihrem Programm bedarf es zur Erreichung dieses Zieles neuer Gewalttaten“ (L. Tolstoi 1978, 3. Bd., 148).

Sein Verhältnis zur anarchistischen Bewegung und zu Anarchisten ist gespalten und hängt in erster Linie damit zusammen, dass sich Anarchisten in vielen Fällen bewusst nicht von revolutionärer Gewalt distanzieren und dies Tolstois Überzeugung einer nur gewaltfreien Verweigerung als Strategie widerspricht.


Historische und aktuelle Bedeutung

Es kann festgehalten werden, dass Tolstoi ab etwa 1880 mit seiner religiös motivierten Gesellschaftskritik wesentlich zur Begründung einer neuen Richtung innerhalb der anarchistischen Bewegung beigetragen hat. Sein christlicher Anarchismus, der sich einerseits durch eine religiöse Motivation definiert und andererseits eine radikal-pazifistische und antimilitaristische Haltung zeigt, gehört seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der Erscheinungsformen der anarchistischen Bewegung.

Gleichwohl muss für die Gegenwart festgestellt werden, dass die libertäre Theorie- und Praxisdiskussion von Tolstois Sozialethik und christlichem Anarchismus nur am Rande Notiz nimmt.

Überprüfen wir den Bedeutungsgehalt seiner Gesellschaftskritik für die Gegenwart, dann lassen sich verschiedene Elemente herauskristallisieren, die nicht unerheblich sind und eine Anschlussfähigkeit an aktuelle Diskussionen aufweisen: - Tolstois Ansatz der Gewaltfreiheit ist nach wie vor aktuell. Sein kritischer und rationaler Moralismus gibt Orientierungen für ein Leben ohne Gewalt und animiert zu zivilem Ungehorsam. - Tolstois Kritik an Staat und Kirche ist keineswegs veraltet. Seine Institutionen- und Herrschaftskritik ist anschlussfähig an soziologische Herrschaftstheorien der Gegenwart. - Tolstois Kritik am Christentum und seine Orientierung an der Bergpredigt ist bis heute aktuell geblieben und findet Nachfolger bei religiösen Sozialisten oder auch in der Befreiungstheologie. - Tolstois Pädagogik und Schulkritik hat heute implizit und explizit Eingang in die Alternativschulbewegung gefunden und steht Pate für selbstbestimmtes Leben und Lernen. - Tolstois gewaltfreies Verständnis von Anarchie und Anarchismus kann heute als ein Beitrag zur Frage nach revolutionärer Gewalt verstanden werden und Impulse zur Neuformulierung libertärer Theorie und Praxis geben.


Ulrich Klemm


Literatur und Quellen: Werkausgaben

  • L. N. Tolstoj: Sämtliche Werke. 33 Bände. in drei Serien, Ausgewählt von R. Löwenfeld, Jena 1901-1911 (Neuausgabe mit Neu-Einteilung in 35 Bände, Jena 1910-1912)
  • L. Tolstoi: Gesammelte Werke in 20 Bände, hg, v. E. Dieckmann u. G. Dudek, Berlin (Ost) 1964-1978
  • L. N. Tolstoi: Religions- und gesellschaftskritische Schriften, 14 Bände, Neuausgabe der Serie I (Sozialethische Schriften) und Serie 11 (Theologische Schriften) der Edition von R. Löwenfeld (1910-1911), durchgesehen, herausgegeben und kommentiert von E. Schmidt und P. Dörr, München 1990 ff.


Ausgewählte politische, pädagogische, religiöse und literarische Veröffentlichungen

  • L. N. Tolstoj: Rede gegen den Krieg, hg. v. P. Urban, Frankfurt/M. 1983
  • L. Tolstoj: Ein Lesebuch für unsere Zeit, hg. v. E. Dieckmann, Berlin 1992
  • L. N. Tolstoi: Über Literatur und Kunst, Frankfurt/M. 1980
  • L. Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch. Späte Erzählungen, Bd. 12 der Ausgabe von E. Dieckmann und G. Dudek, Berlin (Ost) 1976
  • L. N. Tolstoj: Die Schule von Jasnaja Poljana, hg. von S. Blankertz, Wetzlar 2. Auflage 1980
  • L. Tolstoi: Über Volksbildung, hg. von U. Klemm, Berlin 1985
  • L. Tolstoi: Das Neue Alphabet & Russische Lesebücher, Bd. 8 der Ausg. v. E. Dieckmann und G. Dudek, Berlin (Ost) 1968
  • L. N. Tolstoi: Meine Beichte, Bd. 1 der Neuausgabe von E. Schmidt und P. Dörr, München 1990
  • L. N. Tolstoi: Mein Glaube, Bd. 2 der Neuausgabe von E. Schmidt und P. Dörr, München 1990
  • L. Tolstoi: Worin besteht mein Glaube? Eine Studie, Leipzig 1885
  • L. Tolstoi: Tagebücher 3 Bände, Bd. 18-20 der Ausgabe von E. Dieckmann und G. Dudek, Berlin (Ost) 1978


Biographien

  • P. Birukoff (Hg.): L. N. Toistoj: Biographie und Memoiren, 2 Bände, Wien / Leipzig 1906 / 1909
  • U. Klemm: Leo Tolstoi – Dichter, Christ, Anarchist. Hilterfingen 2008
  • R. Löwenfeld: Leo N. Toistoj – Sein Leben, seine Werke, seine Weltanschauung, 1. Teil, Berlin 1892
  • W. Morosow: Erinnerungen eines Jasnapoljaner Schülers an Leo Toistoj, Basel 1919
  • V. Schklowski: Leo Tolstoi, Wien 1981
  • T. Tolstoi: Ein Leben mit meinem Vater. Erinnerungen an Leo Tolstoi, Köln 1978
  • H. Troyat: Tolstoi. Widerspruch eines Lebens, Düsseldorf 1966.


Systematische Studien

  • P. Birukoff: Toistoj und der Orient, Leipzig/Zürich 1925
  • E. Blum: Leo Toistoi, Schlüchtem-Habetshof 1922
  • P. Eltzbacher: Der Anarchismus, Berlin 1900 (Reprint: Berlin 1977)
  • U. Klemm: Die libertäre Reformpädagogik Toistois und ihre Rezeption in der deutschen Pädagogik, Reutlingen 1984
  • W. I. Lenin: Über Leo Tolstoi. Acht Abhandlungen und Aufsätze, Berlin (Ost) 1953
  • E. Oberländer: Toistoj und die revolutionäre Bewegung, München / Salzburg 1965
  • H. E. Wittig / U. Klemm (Hg.): Studien zur Pädagogik Tolstojs, München 1988


Quelle: Dieser Artikel erschien erstmals in: Lexikon der Anarchie: Encyclopaedia of Anarchy. Lexique de l'anarchie. - Hrsg. von Hans Jürgen Degen. - Bösdorf: Verlag Schwarzer Nachtschatten, 1993-1996 (5 Lieferungen). - Loseblattsammlung in 2 Ringbuchordnern (alph. sortiert, jeder Beitrag mit separater Paginierung). Für die vorliegende Ausgabe wurde er überarbeitet.

© Alle Rechte am hier veröffentlichten Text liegen beim Autor. Sofern nicht anders angegeben, liegen die Rechte der auf dieser Seite verwendeten Illustrationen beim DadAWeb. Es kann gerne auf diese Seite ein Link gesetzt werden. Aber von den Urhebern der Texte und Illustrationen nicht autorisierte Separat- oder Teil-Veröffentlichungen sind nicht gestattet, das gilt auch für die Verlinkung und Einbindung dieser Seite oder einzelner Seiteninhalte im Frame.


Lexikon der Anarchie: Personen